Lesen sei dank Social Media wieder zum Lifestyle geworden, und Liebesromane stürmen unter dem Label New Adult die Beststellerlisten. Was hat es mit dieser plötzlichen Bücherliebe auf sich? Wie viel Feminismus, wie viel Kitsch und wie viel Ironie transportiert diese Welle? Und – ist das Phänomen wirklich so neu?

  • Christine Lötscher

    Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.

Nora weiss alles über das Geschich­ten­er­zählen. Sie ist eine erfolg­reiche New Yorker Lite­ra­tur­agentin, und da sie im Bereich Unter­hal­tung tätig ist, haut sie auch der wildeste Plot-Twist nicht aus den Socken – pardon, aus ihren Manolos: „The details may change from book to book, but there’s nothing truly new under the sun“, sinniert sie abge­brüht. Solange die soge­nannten Romance Tropes, die übli­chen Liebes­nar­ra­tive, origi­nell vari­iert werden, dabei aber wieder­erkennbar bleiben, läuft das Geschäft. Genau wie im rich­tigen Leben, wo sich der gesamte Lite­ra­tur­be­trieb die Augen reibt über die Verkaufs­zahlen von Liebes­ro­manen, die mit pastell­far­benen Covers, mit Glitzer und Farb­schnitten unter dem Label New Adult figurieren.

Im Mittel­punkt stehen junge Frauen, die noch studieren oder am Beginn ihrer Karriere stehen und die, um es etwas verkürzt auszu­drü­cken, absolut autonom sein wollen, ohne die roman­ti­schen Träume, die sich um Märchen­prin­zes­sinnen und ihre Prinzen ranken, ganz aufzu­geben. Was für die Prot­ago­nis­tinnen mit Kompli­ka­tionen verbunden ist, lässt sich für die Leser:innen in der ganzen Wider­sprüch­lich­keit genießen, die Genre­li­te­ratur als Amalgam aus Aktua­li­täts­bezug und kollek­tiven Fanta­sien bieten kann.

Quelle: penguin.com

Doch zurück zur Lite­ra­tur­agentin Nora, der Prot­ago­nistin von Emily Henrys herr­lich ironi­schem Meta-Liebesroman Book Lovers (2022; Deutsch: Book Lovers – Die Liebe steckt zwischen den Zeilen. Über­setzt von Katha­rina Naumann). Während sie sich einbildet, dass ihr Wissen über Liebes­nar­ra­tive sie vor Dumm­heiten bewahren würde, wartet ihr Schicksal bereits in einem Szene­re­stau­rant auf sie, in Gestalt eines arro­ganten, in schwarze Desi­gner­kla­motten verpackten Verle­gers mit sexy Zornes­falten. Das mag an sich nicht beson­ders aufre­gend sein. Doch ange­sichts der Verkaufs­zahlen von New Adult, aber auch der Reso­nanz, die Liebes­ro­mane von Emily Henry und vielen anderen Autor:innen auf Social Media, insbe­son­dere auf TikTok unter dem Hashtag BookTok geniessen, lohnt es sich genauer hinzuschauen.

Denn in den letzten 25 Jahren hat sich parallel zum offi­zi­ellen Lite­ra­tur­be­trieb eine globale digi­tale, weib­lich kodierte Lese­kultur heraus­kris­tal­li­siert. Auch wenn sich Influencer:innen unter den Buchblogger:innen, auf Insta­gram, YouTube oder unter den Booktoker:innen auf TikTok etabliert haben, gehört es zur Lese­kultur auf Social Media, dass alle mitreden dürfen. Anders als in den Feuil­le­tons gibt es keine jour­na­lis­tisch oder lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich legi­ti­mierten Gatekeeper:innen, die unter sich die Krite­rien aushan­deln und urteilen. Auf Social Media muss Lesen Spaß machen, die Romane sollen mitrei­ßend und emotional ergrei­fend sein. Und es ist klar, dass Texte unter­schied­liche Lektü­re­an­ge­bote machen. Book Lovers von Emily Henry zum Beispiel bewegt sich so schlau auf der Grenze zwischen Kitsch und Ironie, dass man den Roman ebenso gut als roman­ti­sche Schnulze wie als meta­fik­tio­nales Spiel betrachten kann. Gleich­zeitig sind die Kritiker:innen auf BookTok streng, wenn ein Plot nicht aufgeht, eine Figur nicht glaub­haft ist oder der Erzähl­rhythmus holpert. Die Romane von Colleen Hoover, der Autorin, mit der der Erfolg des neuen Genres einsetzte, werden wegen stereo­typer bis toxi­scher Bezie­hungs­kon­stel­la­tionen kontro­vers disku­tiert – mit ausge­prägtem Expert:innenwissen und analy­ti­schen Argu­menten. Wenn Autor:innen und Leser:innen von Liebes­ro­manen betonen, dass Lesen und Schreiben doch in erster Linie Spaß machen sollen, steckt da immer auch eine Spitze gegen den offi­zi­ellen Lite­ra­tur­be­trieb drin; ebenso in der Art, wie auf Social Media über unter­schied­liche Modi des Lesens, zu denen nicht nur der intel­lek­tu­elle, sondern auch der emotio­nale Modus gehört, disku­tiert wird.

Photo: CL

Diese neue Lese­lust wäre ohne die online Fanfiction-Seiten, auf denen Erzähl­stränge aus Harry Potter und der Twilight-Saga, aber auch aus Romanen von Jane Austen und den Brontë-Schwestern weiter­ge­sponnen, gegen den Strich geschrieben und mitein­ander verbunden wurden, nicht denkbar, denn Lesen und Schreiben spielen in dieser Welt viel enger zusammen als im offi­zi­ellen Lite­ra­tur­be­trieb. Inso­fern lässt sich die neue Lese- und Schreib­kultur auf Social Media auch als Aneig­nung des Redens und Nach­den­kens über Lite­ratur jenseits des elitären Kritiker:innendiskurses verstehen.

Wider­sprüche aushalten

Aber auch ohne die femi­nis­ti­sche Bewe­gung der letzten Jahre, die sich unter anderem auch Gleich­stel­lungs­fragen im Lite­ra­tur­be­trieb zuwandte, wäre das Phänomen nicht denkbar. Die einzelnen Romane machen zwar ganz unter­schied­liche Lektü­re­an­ge­bote; manche repro­du­zieren konser­va­tive Rollen­muster, andere erzählen von queeren Bezie­hungen; die Romane antworten und wider­spre­chen einander, suchen nach der rich­tigen Mischung zwischen roman­ti­schen Traum­welten und weib­li­chen bzw. queeren Lebens­ent­würfen, die auch Vorbild­funk­tion für junge Leser:innen haben könnten. Inter­es­sant sind die Texte deshalb als seri­elles Phänomen und im Kontext der Aushand­lungen von Geschlecht und Iden­tität auf Social Media. Auf dem Best­sel­ler­markt macht sich nämlich ein paradox erschei­nendes Phänomen bemerkbar. Die popu­lären queer­fe­mi­nis­ti­schen Sach­bü­cher, die die Ehe und die hete­ro­nor­ma­tive Paar­be­zie­hung als soziale Ausdrucks­formen des Patri­ar­chats dekon­stru­ieren, teilen sich die Regale mit New Adult-Romanen, die sich zwar durchaus auf das ironi­sche Spiel mit den Klischees des Genres verstehen, aber doch weit entfernt sind von den Vorstel­lungen eines inklu­siven, nonbi­nären Zusam­men­le­bens jenseits des hete­ro­se­xu­ellen Paar­mo­dells und der Ehe als „wich­tigster Säule der patri­ar­chalen Ordnung“ (Emilia Roig).

Wie kann es sein, fragt man sich, dass dieselben Leser:innen, die bell hooks’ Liebes­es­says – Alles über Liebe, Selbst­liebe und Lieben lernen – verschlingen, Emilia Roigs Das Ende der Ehe, Şeyda Kurts Radi­kale Zärt­lich­keit lesen, gleich­zeitig so viel Genuss aus Liebes­kli­schees ziehen können?

Milena Schmid, eine Studentin der Empi­ri­schen Kultur­wis­sen­schaft an der UZH, die ein Seminar zu New Adult besuchte, fand eine über­zeu­gende Erklä­rung: „Viel­leicht müssen wir Emilia Roig lesen, um New-Adult-Romane richtig geniessen zu können.“ Tatsäch­lich: Wenn man sich etwas einge­hender mit dem Phänomen befasst und es in einem histo­ri­schen Kontext der Abwer­tung von als zugleich ,weib­lich‘ und ,trivial‘ stig­ma­ti­sierter popu­lärer Genres betrachtet, erkennt man bald einmal, dass da nicht etwa eine Pola­ri­sie­rung oder gar ,Spal­tung‘ unter jungen Leser:innen am Werk ist. Auch wenn medial und poli­tisch teil­weise ein Graben konstru­iert wird zwischen jungen linken Femi­nis­tinnen, die „keine Lust auf rechte Männer haben“ auf der einen Seite und konser­va­tiven Frauen, die „lieber einen erfolg­rei­chen Mann heiraten wollen“, als selber Karriere zu machen – der Lektü­re­alltag hingegen, gespie­gelt auf Social Media, zeigt ein anderes Bild. Die aktu­ellen Liebes­ro­mane sind ein Aushand­lungs­raum für diese Fragen; ein Raum, der mit dem Echo­raum auf Social Media dazu dient, die Wider­sprüche und Verwir­rungen rund um Geschlech­ter­rollen und Bezie­hungen auszu­halten. Das zeigt sich in der – natür­lich nicht in jedem Roman gleich ausge­prägten – Selbst­re­fle­xi­vität des New-Adult-Genres. Die deut­sche Autorin Kathinka Engel lässt die Protagonist:innen ihrer aktu­ellen Reihe Holly­wood Dreams (Piper 2023) bei einem Dreh für eine Netflix-Serie aufein­ander los. Während sie ein Liebes­paar spielen und die Klischees aus dem Dreh­buch performen, verlieben sie sich wirk­lich inein­ander. Liebe ist aus Erzäh­lungen gemacht – das wissen die aktu­ellen Liebes­ro­mane sehr genau.

Fetisch Buch

Die zweite These, mit der sich der aktu­elle Liebesroman-Hype erklären lässt, hat mit dieser Erkenntnis zu tun. Die Art, wie die New Adult-Bücher ihre eigene Mate­ria­lität feiern mit aufwän­digen Covers und Farb­schnitten verweist darauf, dass es nicht nur um die Ausein­an­der­set­zung mit Geschlech­ter­rollen und der Suche nach einem kultu­rellen Ort für roman­ti­sche Liebes­träume geht, sondern um die Liebe zum Buch selbst. Was hier zele­briert wird, wiederum in einer Geste der Aneig­nung, ist die seit dem 18. Jahr­hun­dert vor allem von besorgten Lese­päd­agogen herauf­be­schwo­rene Sorge um die über­bor­dende Erotik zwischen Leser:innen und Romanen. Die Tagträume, in die Frauen beim Lesen roman­ti­scher Liebes­ge­schichten eintau­chen, galten als gefähr­lich – wie sich unter anderem in Flau­berts Madame Bovary (1856) oder Lev Tols­tojs Anna Kare­nina (1878) nach­lesen lässt. Die Liebe der Leser:innen gilt dem Buch als ästhe­ti­schem Objekt, vor allem aber als dem Medium, das die roman­ti­sche Liebe über­haupt erst erfunden hat. „Wenn sich die für die bürger­liche Gesell­schaft grund­le­genden Affekt­mo­del­lie­rungen zu einem großen Teil auf dem Weg über Texte voll­ziehen, so wird der Modus der Textua­lität selbst zu einer opera­tiven Größe in diesem Prozess“, schreibt der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Albrecht Koschorke in Körper­ströme und Schrift­ver­kehr. Medio­logie des 18. Jahr­hun­derts (1999) über die Symbiose von bürger­li­cher Gefühls- und Schrift­kultur. Kurz gesagt: roman­ti­sche Gefühle und Liebes­ro­mane bedingen sich gegen­seitig. Das Verhältnis von Menschen und Medien, so Koschorke, sei seit dem 18. Jahr­hun­dert eins der „tiefen­ge­henden wech­sel­sei­tigen Durchdrungenheit.“

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Wie die US-amerikanische Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Jessica Pressman in ihrer Studie, die 2020 unter dem Titel Booki­sh­ness. Loving Books in a Digital Age erschienen ist, aufzeigt, ist Booki­sh­ness – Bücher­lust oder Bücherwut – als Phänomen des 21. Jahr­hun­derts omni­prä­sent: „Once you reco­gnize it, you see it ever­y­where.“ Nur weil wir die Bücher heute nicht mehr brau­chen, um zu lesen, bedeutet das nicht, dass wir sie nicht wollen, stellt sie fest, ganz im Gegenteil:

Twenty-first-century culture is obsessed with books. In a time when many voices have joined to predict the death of print, books continue to resur­face in new and unex­pected ways. From the proli­fe­ra­tion of ,shel­fies‘ to Jane Austen–themed leggings and from deco­ra­tive pillows printed with beloved book covers to book­work sculp­tures exhi­bited in pres­ti­gious coll­ec­tions, books are ever­y­where and are not just for reading. Writers have caught up with this trend: many contem­po­rary novels depict books as central charac­ters or fetis­hize paper and print thema­ti­cally and formally.

Bereits in den Nuller­jahren gab es eine ganze Reihe von popu­lären Romanen und Roman­se­rien, die, damals im Modus der Fantasy, von der magi­schen Kraft des Buches erzählten; am erfolg­reichsten war Cornelia Funkes Tinten­herz-Trilogie, doch es gab auch weniger bekannte Serien wie Lev Gross­mans The Magi­cians, die das Verhältnis von Büchern als Objekten, den imagi­nären Welten, die sie entwerfen und dem Ort ihrer Leser:innen auf viel­schich­tige Weise verhan­delten. Dass es heute popu­läre Liebes­ro­mane sind, die als das profi­ta­belste popu­läre Genre den kultur­kri­ti­schen Narra­tiven vom Tod des Buches wider­spre­chen, ist inso­fern konse­quent, als es sich dabei um eine selbst­be­wusste Fort­set­zung und Sicht­bar­ma­chung einer Lese­kultur handelt, die seit dem 18. Jahr­hun­dert als trivial stig­ma­ti­siert und als ,weib­lich‘ verge­schlecht­licht wurde. Wobei Frauen als Käufe­rinnen von Büchern immer gern gesehen waren – nur teil­haben am kriti­schen Diskurs sollten sie nicht. Um sie aus dem Schatten des offi­zi­ellen Lite­ra­tur­be­triebs heraus­zu­holen, brauchte es zwei Entwick­lungen: zum einen die digi­talen Platt­formen, die es allen erlauben, ihre Lese­er­fah­rungen mit anderen zu teilen, und zum anderen das neuge­won­nene Selbst­be­wusst­sein der Leser:innen, die ihre Lektü­re­modi als empowernde Praxis nicht mehr verbergen wollen. Frauen treten nun als Leser:innen auch öffent­lich in Erschei­nung und bestimmen den Markt wesent­lich mit.