Weltraumidylle, Literatur als Droge, Sinnlöcher: drei GdG-Buchempfehlungen zu Weihnachten 2024.

  • Christine Lötscher

    Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.
  • Caspar Battegay ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er leitet die Fachgruppe Kultur und Kommunikation an der Hochschule für Technik der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zudem unterrichtet er Neuere deutsche Literatur an der Universität Basel. Seine Habilitation ist 2018 unter dem Titel „Geschichte der Möglichkeit. Utopie, Diaspora und die ‚jüdische Frage‘“ im Wallstein Verlag erschienen.
  • Sandro Zanetti

    Sandro Zanetti lehrt Allge­meine und Ver­gleichende Literatur­wissen­schaft an der Univer­sität Zürich. Er ist Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK) sowie Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart.

Alle Jahre wieder – fragen wir uns: Was kann man zu Weih­nachten schenken? Diesmal schenken wir Ihnen vom GdG-Team 3 Buchtipps!

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Samantha Harvey, Umlauf­bahnen (engl.: Orbital), aus dem Engli­schen von Julia Wolf, München: dtv 2024.

Samantha Harvey, Orbital (Buch­cover)

„A space pastoral“, eine Welt­raum­idylle, nannte Samantha Harvey, Booker-Preisträgerin 2024, ihren Roman Umlauf­bahnen in einem Inter­view auf der Website des Preises. Wer den schlanken Roman – im engli­schen Original umfasst Orbital nur 136 Seiten und ist damit das dünnste Buch, das jemals mit dem Booker Prize ausge­zeichnet wurde – gelesen hat, versteht genau, was sie meint, insbe­son­dere dann, wenn man Idylle mit der Zürcher Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Sabine Schneider als prekär begreift, als Räume, in denen Tod und Gewalt immer schon latent vorhanden sind. Harveys Protagonist:innen sind in einer Raum­sta­tion einge­kap­selt, ihre Tage wieder­holen sich in endlos-zyklischer Routine. Man liest den Text langsam, fast medi­tativ, wie ein Gedicht, um sich die Schön­heit der Sprache nicht entgehen zu lassen. Gleich der erste Satz macht süchtig: „Rota­ting about the earth in their space­craft they are so toge­ther, and so alone, that even their thoughts, their internal mytho­lo­gies, at times convene. Some­times they dream the same dreams – of frac­tals and blue spheres and fami­liar faces engulfed in dark, and of the bright ener­getic black of space that slams their senses. Raw space is a panther, feral and primal; they dream it stal­king through their quarters.“

Gleich­zeitig ringt die Leserin nach Atem und rutscht unruhig auf ihrem Sessel hin und her, denn Harvey beschreibt das Verhältnis zwischen der eingezwängt-schwerelosen Körper­lich­keit der sechs Astronaut:innen und Kosmonaut:innen in der inter­na­tio­nalen Raum­sta­tion und den spek­ta­ku­lären Aussichten auf Glet­scher und Wüsten und Nord­lichter mit einer buch­stäb­lich unge­heu­er­li­chen Präzi­sion. Die kollek­tive Perspek­tive, die Tatsache, dass die Körper ganz und gar von reibungs­loser Zusam­men­ar­beit sowie von der Tech­no­logie, mit der sie verka­belt sind, abhängen, vor allem aber die Erfah­rung des Erha­benen im Welt­raum lässt Euphorie und Horror verschmelzen; alles ist seltsam, unheim­lich, verdreht.  Damit macht der Roman die Verstö­rung im Anthro­pozän auf eine neue, träu­me­ri­sche Weise greifbar.

Chris­tine Lötscher

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Fleur Jaeggy, Ich bin der Bruder von XX. Erzäh­lungen, aus dem Italie­ni­schen von Barbara Schaden, Berlin: Suhr­kamp 2024.

Fleur Jaeggy, Ich bin der Bruder von XX (Buch­cover)

Es gibt Leser*innen, die von Lite­ratur Entspan­nung, Unter­hal­tung oder Zerstreuung erwarten – und es gibt solche, für die das Lesen eine harte Droge darstellt. Fleur Jaeggys Erzäh­lungen sind für die zweite Art von Leser*innen. Ihre Texte sind Hallu­zi­no­gene, die in diffuse Zwischen- und Traum­welten führen. Oft vermag man nicht zu entscheiden, ob die Geschichten von Todes­angst oder Todes­sehn­sucht, von Glück oder Grauen handeln. Die Figuren leiden denn auch oft an Abwe­sen­heiten und Leer­stellen. Ein Erzähler ist etwa „schmerz­un­emp­find­lich geworden“ und fühlt sich daher nur noch „zum Verschwinden geeignet“. Von einer Figur heißt es: „Tränen zog er nicht in Erwä­gung.“ Ein junger Mann leidet unter Schlaf­lo­sig­keit, bis er sich – zum Ärger seiner domi­nanten Mutter – in die Via Mala stürzt und von den Felsen zerfetzt wird. Doch der Horror hat seinen eigenen Humor: „Das Fahrrad hatte er abge­sperrt zurückgelassen.“

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Als Geschenk eignet sich Ich bin der Bruder von XX denn auch nur für Uner­schro­ckene. Die Gewalt­fan­ta­sien sind scho­ckie­rend genau: Ein Schädel wird an einem Stie­fel­ab­treter gespalten, ein Mann hält seine Ehefrau als Sexsklavin in einem an der Decke aufge­hängten Vogel­käfig. Solche Szenen sind Ausdruck von trau­ma­ti­schen Verwer­fungen, die aller­dings nebulös bleiben. Wie in der schwarzen Romantik üblich, sind Jaeggys Fami­li­en­ge­schichten voller rätsel­hafter Skan­dale und Verflu­chungen. In der Geschichte „Der letzte seines Stamms“ zum Beispiel schil­dert die Autorin die Agonie eines Greises im grau­bün­di­schen Rhäzüns, der inmitten eines eiskalten Alpen­win­ters von seinen verstor­benen Brüdern heim­ge­sucht wird.

Die 1940 in Zürich gebo­rene Fleur Jaeggy schreibt auf Italie­nisch. Der Suhrkamp-Verlag hat die deut­schen Über­set­zungen, teil­weise bereits bei anderen Verlagen erschienen, dieses Jahr heraus­ge­bracht. Die Robert-Walsersche Lakonie und das Under­state­ment der Gefühle müssen Schweizer Leser*innen unheim­lich vertraut vorkommen, es sind Beschrei­bungen einer kalten Heimat, zur Kennt­lich­keit entstellt. Es wäre zum Verzwei­feln, gäbe es nicht Jaeggys bizarre Witze. So schreibt sie über Nymphen, die aus einem Gemälde entsteigen und lebendig werden, dies jedoch bereuen: „Als Melan­cho­li­ke­rinnen und Hypo­chon­de­rinnen ist Aufer­ste­hung nichts für sie.“

Caspar Battegay

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Oswald Egger, nihilum album, Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2007.

Oswald Egger, nihilum album (Buch­cover)

Es wurden schon viele Versuche unter­nommen, das poeti­sche Werk Oswald Eggers, des dies­jäh­rigen Büchner-Preis-Trägers, irgendwie zu fassen zu bekommen. Kaum einen Text gibt es zu Egger, der nicht die Unver­ständ­lich­keit seiner Texte eigens thema­ti­sieren würde. Für die Lese­rinnen und Leser seiner Bücher ist es ein großes Glück, dass diese Bücher ein Lesen moti­vieren, das mehr einem Auflesen (wie im Wald, von Pilzen) ähnelt als einem Vorgang der Entschlüs­se­lung (ohnehin, bei Egger, von nichts). Als Einstieg in den Vorgang des Aufle­sens empfehle ich das einzige in Quadrat­form (20cm x 20cm) erschie­nene Egger-Buch nihilum album, erschienen bereits 2007, zusammen mit einer Begleit-CD.

Der Titel des Buches, nihilum album, bedeutet wört­lich: „weißes Nichts“. Die Alche­misten verwandten denselben Namen zur Beschrei­bung der weißen Ausflo­ckungen von Zink­oxid (Zink­blumen). Bei Egger ist das Album aber schlicht (auch) ein Buch. Dessen Seiten sind mit genü­gend Weiß­raum versehen. Jede der Doppel­seiten ist mit einund­fünfzig kurzen Vier­zei­lern und fünf vier­glied­rigen Strich­fi­guren bestückt. Zwischen diesen Vier­zei­lern und ihren grafi­schen Entspre­chungen gibt es – im Fort­gang der Lektüre im Buch – keinerlei Entwick­lung, keine umfas­sende Dramatik, keinen wirk­li­chen Anfang noch ein moti­viertes Ende. Oder wie es in folgendem Vier­zeiler gesagt wird: „Ich habe zwischen Kiesel / und Straßen wenig Ziel, / weder Anfang und kein / Ende jäh gefunden.“

Immer wieder reißt einen das spre­chende Ich in eine Welt aus lauter Nega­tionen (lauter!) – aus Klängen und Nicht­klängen: „Nur, ich konnte die / Lärm-Klänge von / nichts im Himmel / gar nicht hören.“ Dabei kann man das Buch wie ein Kalen­der­buch lesen: Es sind insge­samt 3650 Vier­zeiler, für jeden Tag ergibt das zehn. Nimmt man sich vor, tatsäch­lich jeden Tag im Jahr zehn der Vier­zeiler zu lesen, wird man die Erfah­rung machen können, dass die Wahr­neh­mung der Zeit und Umge­bung sich ändert: Jeder Vier­zeiler löchert gewis­ser­maßen die Welt aus Sinn, die einen ständig umgibt. Gele­gent­lich liest sich das so, als hörte man Volks­lieder – zersun­gene Volks­lieder, auskris­tal­li­siert in Worten. Oder als bewege man sich durch eine halb­schat­tige Märchen­welt. Als ginge man mit Hänsel und Gretel durch einen Wald und hörte verschie­dene Stimmen aus unbe­kannten Grenz­zonen – nur ohne Hänsel, und ohne Gretel, und ohne Wald …

Sandro Zanetti