Alle Jahre wieder – fragen wir uns: Was kann man zu Weihnachten schenken? Diesmal schenken wir Ihnen vom GdG-Team 3 Buchtipps!
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Samantha Harvey, Umlaufbahnen (engl.: Orbital), aus dem Englischen von Julia Wolf, München: dtv 2024.

Samantha Harvey, Orbital (Buchcover)
„A space pastoral“, eine Weltraumidylle, nannte Samantha Harvey, Booker-Preisträgerin 2024, ihren Roman Umlaufbahnen in einem Interview auf der Website des Preises. Wer den schlanken Roman – im englischen Original umfasst Orbital nur 136 Seiten und ist damit das dünnste Buch, das jemals mit dem Booker Prize ausgezeichnet wurde – gelesen hat, versteht genau, was sie meint, insbesondere dann, wenn man Idylle mit der Zürcher Literaturwissenschaftlerin Sabine Schneider als prekär begreift, als Räume, in denen Tod und Gewalt immer schon latent vorhanden sind. Harveys Protagonist:innen sind in einer Raumstation eingekapselt, ihre Tage wiederholen sich in endlos-zyklischer Routine. Man liest den Text langsam, fast meditativ, wie ein Gedicht, um sich die Schönheit der Sprache nicht entgehen zu lassen. Gleich der erste Satz macht süchtig: „Rotating about the earth in their spacecraft they are so together, and so alone, that even their thoughts, their internal mythologies, at times convene. Sometimes they dream the same dreams – of fractals and blue spheres and familiar faces engulfed in dark, and of the bright energetic black of space that slams their senses. Raw space is a panther, feral and primal; they dream it stalking through their quarters.“
Gleichzeitig ringt die Leserin nach Atem und rutscht unruhig auf ihrem Sessel hin und her, denn Harvey beschreibt das Verhältnis zwischen der eingezwängt-schwerelosen Körperlichkeit der sechs Astronaut:innen und Kosmonaut:innen in der internationalen Raumstation und den spektakulären Aussichten auf Gletscher und Wüsten und Nordlichter mit einer buchstäblich ungeheuerlichen Präzision. Die kollektive Perspektive, die Tatsache, dass die Körper ganz und gar von reibungsloser Zusammenarbeit sowie von der Technologie, mit der sie verkabelt sind, abhängen, vor allem aber die Erfahrung des Erhabenen im Weltraum lässt Euphorie und Horror verschmelzen; alles ist seltsam, unheimlich, verdreht. Damit macht der Roman die Verstörung im Anthropozän auf eine neue, träumerische Weise greifbar.
Christine Lötscher
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Fleur Jaeggy, Ich bin der Bruder von XX. Erzählungen, aus dem Italienischen von Barbara Schaden, Berlin: Suhrkamp 2024.

Fleur Jaeggy, Ich bin der Bruder von XX (Buchcover)
Es gibt Leser*innen, die von Literatur Entspannung, Unterhaltung oder Zerstreuung erwarten – und es gibt solche, für die das Lesen eine harte Droge darstellt. Fleur Jaeggys Erzählungen sind für die zweite Art von Leser*innen. Ihre Texte sind Halluzinogene, die in diffuse Zwischen- und Traumwelten führen. Oft vermag man nicht zu entscheiden, ob die Geschichten von Todesangst oder Todessehnsucht, von Glück oder Grauen handeln. Die Figuren leiden denn auch oft an Abwesenheiten und Leerstellen. Ein Erzähler ist etwa „schmerzunempfindlich geworden“ und fühlt sich daher nur noch „zum Verschwinden geeignet“. Von einer Figur heißt es: „Tränen zog er nicht in Erwägung.“ Ein junger Mann leidet unter Schlaflosigkeit, bis er sich – zum Ärger seiner dominanten Mutter – in die Via Mala stürzt und von den Felsen zerfetzt wird. Doch der Horror hat seinen eigenen Humor: „Das Fahrrad hatte er abgesperrt zurückgelassen.“
Als Geschenk eignet sich Ich bin der Bruder von XX denn auch nur für Unerschrockene. Die Gewaltfantasien sind schockierend genau: Ein Schädel wird an einem Stiefelabtreter gespalten, ein Mann hält seine Ehefrau als Sexsklavin in einem an der Decke aufgehängten Vogelkäfig. Solche Szenen sind Ausdruck von traumatischen Verwerfungen, die allerdings nebulös bleiben. Wie in der schwarzen Romantik üblich, sind Jaeggys Familiengeschichten voller rätselhafter Skandale und Verfluchungen. In der Geschichte „Der letzte seines Stamms“ zum Beispiel schildert die Autorin die Agonie eines Greises im graubündischen Rhäzüns, der inmitten eines eiskalten Alpenwinters von seinen verstorbenen Brüdern heimgesucht wird.
Die 1940 in Zürich geborene Fleur Jaeggy schreibt auf Italienisch. Der Suhrkamp-Verlag hat die deutschen Übersetzungen, teilweise bereits bei anderen Verlagen erschienen, dieses Jahr herausgebracht. Die Robert-Walsersche Lakonie und das Understatement der Gefühle müssen Schweizer Leser*innen unheimlich vertraut vorkommen, es sind Beschreibungen einer kalten Heimat, zur Kenntlichkeit entstellt. Es wäre zum Verzweifeln, gäbe es nicht Jaeggys bizarre Witze. So schreibt sie über Nymphen, die aus einem Gemälde entsteigen und lebendig werden, dies jedoch bereuen: „Als Melancholikerinnen und Hypochonderinnen ist Auferstehung nichts für sie.“
Caspar Battegay
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Oswald Egger, nihilum album, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007.

Oswald Egger, nihilum album (Buchcover)
Es wurden schon viele Versuche unternommen, das poetische Werk Oswald Eggers, des diesjährigen Büchner-Preis-Trägers, irgendwie zu fassen zu bekommen. Kaum einen Text gibt es zu Egger, der nicht die Unverständlichkeit seiner Texte eigens thematisieren würde. Für die Leserinnen und Leser seiner Bücher ist es ein großes Glück, dass diese Bücher ein Lesen motivieren, das mehr einem Auflesen (wie im Wald, von Pilzen) ähnelt als einem Vorgang der Entschlüsselung (ohnehin, bei Egger, von nichts). Als Einstieg in den Vorgang des Auflesens empfehle ich das einzige in Quadratform (20cm x 20cm) erschienene Egger-Buch nihilum album, erschienen bereits 2007, zusammen mit einer Begleit-CD.
Der Titel des Buches, nihilum album, bedeutet wörtlich: „weißes Nichts“. Die Alchemisten verwandten denselben Namen zur Beschreibung der weißen Ausflockungen von Zinkoxid (Zinkblumen). Bei Egger ist das Album aber schlicht (auch) ein Buch. Dessen Seiten sind mit genügend Weißraum versehen. Jede der Doppelseiten ist mit einundfünfzig kurzen Vierzeilern und fünf viergliedrigen Strichfiguren bestückt. Zwischen diesen Vierzeilern und ihren grafischen Entsprechungen gibt es – im Fortgang der Lektüre im Buch – keinerlei Entwicklung, keine umfassende Dramatik, keinen wirklichen Anfang noch ein motiviertes Ende. Oder wie es in folgendem Vierzeiler gesagt wird: „Ich habe zwischen Kiesel / und Straßen wenig Ziel, / weder Anfang und kein / Ende jäh gefunden.“
Immer wieder reißt einen das sprechende Ich in eine Welt aus lauter Negationen (lauter!) – aus Klängen und Nichtklängen: „Nur, ich konnte die / Lärm-Klänge von / nichts im Himmel / gar nicht hören.“ Dabei kann man das Buch wie ein Kalenderbuch lesen: Es sind insgesamt 3650 Vierzeiler, für jeden Tag ergibt das zehn. Nimmt man sich vor, tatsächlich jeden Tag im Jahr zehn der Vierzeiler zu lesen, wird man die Erfahrung machen können, dass die Wahrnehmung der Zeit und Umgebung sich ändert: Jeder Vierzeiler löchert gewissermaßen die Welt aus Sinn, die einen ständig umgibt. Gelegentlich liest sich das so, als hörte man Volkslieder – zersungene Volkslieder, auskristallisiert in Worten. Oder als bewege man sich durch eine halbschattige Märchenwelt. Als ginge man mit Hänsel und Gretel durch einen Wald und hörte verschiedene Stimmen aus unbekannten Grenzzonen – nur ohne Hänsel, und ohne Gretel, und ohne Wald …
Sandro Zanetti
