Mit einem emotionalen Brief hat sich die belarussische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch an die Öffentlichkeit und an ihre russischen Kolleg:innen gewandt und gefragt, warum sie zu den Vorfällen in Belarus schweigen? Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten…

20. September 2020Lesezeit ca. 7 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern

Auf der Inter­net­seite des bela­rus­si­schen Pen-Zentrums wandte sich Swet­lana Alexi­je­witsch, Schrift­stel­lerin und Nobel­preis­trä­gerin, Anfang September an die Öffent­lich­keit und an ihre russi­schen Kolleg:innen. Zu dem Zeit­punkt war sie die einzige, die vom Koor­di­nie­rungsrat der Demo­kra­tie­be­we­gung noch übrig­ge­blieben war: „Alle anderen sind entweder im Gefängnis oder werden ins Ausland verschleppt. Heute haben sie den letzten fest­ge­nommen, Maksim Znak.“ In ihrem Brief schrieb sie auch, dass bereits Unbe­kannte an ihrer Tür läuteten. Kurze Zeit später klin­gelten dann mehrere EU-Botschafter:innen an ihrer Tür, sie kamen, um ihre mögliche Fest­nahme zu verhindern.

Alexi­je­witsch wandte sich am Schluss des Briefes an ihre russi­schen Kolleg:innen: „Ich möchte auch an die russi­sche Intel­li­gen­zija appel­lieren, nennen wir es einen alten Brauch. Warum sagt Ihr nichts? Wir hören nur selten Stimmen der Unter­stüt­zung. Warum schweigt Ihr, wenn Ihr seht, wie ein kleines, stolzes Volk nieder­ge­tram­pelt wird?“

Svet­lana Alexi­je­witsch, Quelle: gordunua.com

 

Auch wenn sich Alexi­je­witschs Frage an die russi­schen Kolleg:innen richtet, ist sie doch viel mehr als nur eine Ange­le­gen­heit zwischen zwei benach­barten Staaten, die von skru­pel­losen Auto­kraten regiert werden. Sie berührt nicht nur die Frage von Soli­da­rität mit dem Wider­stand von anderen. „Warum schweigt Ihr?“ – verweist subtil auch auf das Schweigen der russi­schen Kolleg:innen gegen­über ihrer eigenen Regie­rung. Auch wenn Alexi­je­witsch das nicht explizit formu­liert, wird es in Russ­land genau so verstanden. Das zumin­dest zeigen die Antworten, die schon nach kurzer Zeit auf Face­book und in Zeitungen kursierten. Sie kommen von bedeu­tenden russi­schen Autor:innen, Journalist:innen, Wissenschaftler:innen, Übersetzer:innen, – u.a. von Olga Seda­kowa, Lew Rubin­stein und Ljud­mila Ulitskaja.

Die fatale Immunität

Es ist Ljud­mila Ulitskaja, die einen unan­ge­nehmen Grund des Schwei­gens in ihrem Brief anspricht. Der Wider­stand der anderen macht die eigene Kapi­tu­la­tion sichtbar. Sie schreibt, dass es zu den Erfah­rungen sowje­ti­scher Menschen, die den größten Teil inmitten „scham­loser Propa­ganda“ verbracht haben, gehöre, sich eine „gute Immu­nität“ zuge­legt zu haben. Sie schreibt:

Über­ra­schen­der­weise reagierten die bela­rus­si­schen Bürger sensi­bler auf die Unmoral und Scham­lo­sig­keit der Regie­rung, und das Gefühl der Selbst­ach­tung überwog die Träg­heit, Angst und soziale Lähmung, in der der gesamte post­so­wje­ti­sche Raum zumeist lebt.

 

Ljud­mila Ulitskaja, Quelle: moskvichmag.ru

Ulitskajas Bemer­kung erlaubt eine inter­es­sante Unter­schei­dung zwischen einem Wider­stand durch Selbst­ach­tung und einer Wider­stands­fä­hig­keit, die sie Immu­nität nennt. Diese Immu­nität unter­gräbt die Selbst­ach­tung, weil sie es ermög­licht, die stän­dige Ernied­ri­gung und Repres­sion auszu­halten. Wenn sich die Wider­stands­kraft gegen den Wider­stand richtet, wird sie zu einer Komplizin des repres­siven Regimes. Ulitskaja schreibt: „Im Mittel­punkt dieses Protests, so scheint mir, steht das Selbst­wert­ge­fühl von Menschen, die die Macht eines zügel­losen, unge­bil­deten Mannes nicht länger hinnehmen wollen.“

Was Ulitskaja hier anspricht, ist mitnichten nur eine Frage für Russen oder Weiß­russen. Viel­mehr kann man die Frage auch sehr allge­mein stellen: Welche Folgen hat es für die Achtung vor sich selbst, wenn man sich von noto­ri­schen Lügnern, von unfä­higen, gefähr­li­chen Poli­ti­kern regieren lässt? Versucht man, damit zurecht­zu­kommen? Es zu leugnen? Geht man auf die Strasse? Wartet man ab? Um welchen Preis?

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Fremde Revo­lu­tion als eigene Zukunft

Dass sich Alexi­je­witsch an ihre russi­schen Kolleg:innen wendet, lässt sich nicht nur als Appell oder als Auffor­de­rung lesen, sondern auch als Empower­ment: Denn die bela­rus­si­sche Revo­lu­tion könnte zum Vorbild für die russi­sche Zukunft werden. Ulitskaja schreibt: „Für uns alle sind die Ereig­nisse der letzten Wochen in Belarus ein Modell für unsere nahe Zukunft. Und das Modell ist gut.“ Anders formu­liert es die Lyri­kerin und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Olga Seda­kowa: „In Russ­land sehen wir das nicht. Wir können nur hoffen, dass wir es noch nicht sehen.“

Olga Seda­kowa, Quelle: pravmir.ru

Und genau das ist es, wovor die russi­sche Regie­rung selbst wohl am meisten Angst hat. Deshalb versucht sie – wie bekannt – die Protes­tie­renden entweder als „Verrückte“ oder „bezahlte auslän­di­sche Agenten“ zu diskre­di­tieren, wie es die Über­set­zerin Natalia Mavle­vich in ihrem Brief an Alexi­je­witsch ausdrückt.

Auf der anderen Seite aber steht auch die Angst der Antwor­tenden, dass es genau umge­kehrt kommen könnte: dass die russi­sche Gegen­wart zur Zukunft von Belarus wird, dass der Wider­stand auch mit russi­scher Hilfe gewaltsam beendet werden könnte. Seda­kowa teilt diese Furcht mit, wenn sie schreibt:

Der Gedanke, dass sich unsere Macht mit diesem Regime für ein Bündnis entscheidet, macht mir Angst. Es wird nur die Form der Unter­stüt­zung disku­tiert: direkt mili­tä­risch oder gewohn­heits­mäßig hybrid, ohne Erken­nungs­merk­male. Diese Entschei­dungen werden im Geheimen getroffen. Niemand wird sich unsere Meinung zu diesem Thema anhören.

Die Revo­lu­tion hat ein weib­li­ches Gesicht

In Anspie­lung auf „Der Krieg hat kein weib­li­ches Gesicht“, ein Buch, für das Alexi­je­witsch zwischen 1978 und 1985 Solda­tinnen der Roten Armee inter­viewte, die in der Sowjet­union nicht Teil der staat­li­chen Erin­ne­rung geworden waren, schreibt der russi­sche konzep­tua­lis­ti­sche Dichter Lew Rubin­stein, die Revo­lu­tion in Belarus habe ein „weib­li­ches Gesicht“.

Lew Rubin­stein, Quelle: facebook

Damit ist nicht nur gemeint, dass die Frauen der Revo­lu­tion ihr Gesicht geben, indem sie sichtbar für alle auf die Straße gehen, viel­mehr sei es auch das Wie ihres Demons­trie­rens, das diese Revo­lu­tion ausmache: „Hunderte und Tausende von beein­dru­ckenden, unglaub­lich schönen, freien und dennoch zornigen Frauen- und Mädchen­ge­sich­tern […] zeugen von „Frei­heit, Würde, krea­tiver Freude und entschlos­sener Zärt­lich­keit“. Und auch Seda­kowa schreibt an Alexijewitsch:

Dies ist eine Bewe­gung von unglaub­li­cher geis­tiger Schön­heit. Es ist, als wären die Menschen verzau­bert und sagen ,Nein!‘ zu Gemein­heit, Grau­sam­keit, Lügen, gewohn­heits­mä­ßiger Ernied­ri­gung und sind bereit für dieses mensch­liche ,Nein‘.

Olga Šparaga, Philo­so­phin am Euro­pean College of Liberal Arts und eben­falls Mitglied des Koor­di­na­ti­ons­rats, weist in ihren State­ments noch auf ein anderes „Nein“ hin. Von Beginn der Proteste an habe man darauf geachtet, sich den Diskurs nicht stehlen und verdrehen zu lassen. „Das ist keine natio­nale Revo­lu­tion“, sagt sie, viel­mehr geht es „um die Ablö­sung eines dikta­to­ri­schen Regimes. […] Es ist eine post­na­tio­nale Revolution.“

Wie in den Bürger­rechts­be­we­gungen Osteu­ropas vor 1989 sind die Schlüs­sel­be­griffe der Proteste „Verfas­sung“ und „Recht“. Dieser affir­ma­tive Bezug zum Recht wird im Westen oft miss­ver­standen, denn dort hat gerade die Kritik an der Gesetz­ge­bung eine lange bürger­recht­liche Tradi­tion. Während z.B. in den USA die Afro­ame­ri­kaner gegen die gesetz­lich vorge­schrie­bene Rassen­dis­kri­mi­nie­rung, also gegen das Gesetz, oppo­nierten, gingen die osteu­ro­päi­schen Bürger­rechts­be­we­gungen seit den 1960er Jahren für die Einhal­tung der Gesetze auf die Straße. Sie wollten zeigen, dass es der Staat selbst ist, der krimi­nell ist, der gegen die eigenen Gesetze verstößt. Ihre Affir­ma­tion war eine subver­sive Geste und gerade nicht das Ja des Esels, der die Zustände einfach abnickt.

Dem bela­rus­si­schen Koor­di­na­ti­onsrat geht es eben­falls um Rechts­staat­lich­keit und Protest in diesem Sinne. Šparaga betont dies, weil sie weiß, dass von Seiten der bela­rus­si­schen und der russi­schen Regie­rung nicht nur behauptet wird, der Wider­stand werde vom Westen bezahlt und gesteuert, sondern auch dass es sich dabei um natio­na­lis­ti­sche bzw. faschis­ti­sche Grup­pie­rungen handle. Oder wie es der Jour­na­list der Novaya gazetaKirill Martynow in seinem Antwort­brief formu­liert: „2014 gelang es Russ­land, die Ukrainer zu täuschen und zu verwirren, indem es sie als Komplizen des Faschismus hinstellte.“ 

Auch gegen Alexi­je­witschs Brief wurde sofort im Sinne der russi­schen Regie­rung ange­schrieben, u.a. vom Poli­to­logen Sergej Markow: „Wir glauben nicht, dass Alexi­je­witsch selbst für die Frei­heit und gegen die Diktatur ist. Wir glauben, dass Alexi­je­witsch eine Diktatur unter­stützt, wenn diese Diktatur gegen Russ­land ist. Ein Beispiel dafür sehen wir in Alexi­je­witschs Posi­tion gegen­über den Prozessen in der Ukraine.“ 

Dieser Antwort­brief könnte aus einem Lehr­buch für Desin­for­ma­tion stammen: Zuerst wird Kritik und Wider­stand gegen eine auto­kra­ti­sche Politik natio­na­li­siert und als „Russo­phobie“ gekenn­zeichnet, dabei wird Kritik an der bela­rus­si­schen Führung mit einer Kritik an Russ­land gleich­ge­setzt, zusätz­lich wird Wider­stand gegen die Diktatur als Unter­stüt­zung von Diktatur umge­deutet, hier die „ukrai­ni­sche Diktatur“, und schließ­lich wird die Autorin selbst – im Namen der gesamten russi­schen Nation – diskre­di­tiert: „Wir halten Alexi­je­witsch nicht für eine bedeu­tende Schrift­stel­lerin. Wir betrachten die Verlei­hung des Lite­ra­tur­no­bel­preises an sie als reine Politik. Wir glauben, dass sie diesen und andere Preise vor allem für ihre Russo­phobie erhalten hat.“ 

Diese Art von Propa­ganda, so Jour­na­list Martynov, erweise sich in Belarus jedoch inzwi­schen als wirkungslos. Oder anders gedacht, die Demonstrant:innen tragen ihre Immu­nität gegen­über Propa­ganda und Desin­for­ma­tion offen auf die Strasse. Das ist nicht mehr die fatale Resi­lienz gegen­über der Gewalt des Regimes, die Wider­stand verhin­dert, sondern Wider­stands­kraft für Widerstand.

Das letzte Wort möchte ich noch einmal Ljud­mila Ulitskaja über­lassen, die an Swet­lana Alexi­je­witsch am Schluss ihres Briefes schreibt:

Ich sende Ihnen meine herz­li­chen Grüße, ich wünsche Ihnen Gesund­heit und Kraft, ich wünsche Ihnen, dass Sie in einem Land leben, das frei von dummer und ekel­er­re­gender Macht ist. Und mir selbst, meine Liebe, wünsche ich dasselbe.

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