Im Osten Deutschlands finden dieses Jahr drei Landtagswahlen statt – und die AfD führt in den Umfragen. Ist der Osten also besonders „braun“? Ein Gespräch der beiden Rechtsextremismus-Forscherinnen Heike Radvan und Birgit Sauer über die Notwendigkeit differenzierter Analysen.

  • Heike Radvan

    Heike Radvan ist Erziehungswissenschaftlerin und Sozialpädagogin, seit 2017 Professorin am Institut Sozialer Arbeit an der BTU Cottbus mit den Schwerpunkten Rechtsextremismusprävention und Gemeinwesenarbeit. Sie forscht und lehrt zur extremen Rechten, geschlechterreflektierender Rechtsextremismusprävention und Antisemitismus in der DDR; 2010 publizierte sie ihre Dissertation mit dem Titel „Pädagogisches Handeln und Antisemitismus. Eine empirische Studie zu Beobachtungs- und Interventionsformen in der offenen Jugendarbeit“.
  • Birgit Sauer

    Birgit Sauer war bis zu ihrem Ruhestand im Oktober 2022 Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Ihre Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen in den Bereichen feministische Staats- und Demokratietheorie, Rechtspopulismus und Geschlecht sowie Emotionen, Staat und Politik. Ihre letzte Buchveröffentlichung: Birgit Sauer und Otto Penz: „Konjunktur der Männlichkeit. Affektive Strategien der autoritären Rechten“, Frankfurt/M./New York: Campus, 2023.

Birgit Sauer: Im Früh­jahr letzten Jahres machte ein Vorfall aus dem südli­chen Bran­den­burg bundes­weit Schlag­zeilen: Zwei Lehrer_innen haben in einem Brand­brief rechts­extreme Vorfälle an ihrer Schule öffent­lich gemacht. Sie erfuhren in Reak­tion darauf Vorwürfe und Bedro­hungen; Unter­stüt­zung und Soli­da­rität blieben vor Ort weit­ge­hend aus. Beide Lehrer_innen verließen zum neuen Schul­jahr die Schule und die Klein­stadt Burg. Gegen­wärtig bestimmen nun vor allem Demons­tra­tionen gegen Rechts die Nach­richten, bei denen gerade die Proteste in Ostdeutsch­land viel­fach als beson­ders ermu­ti­gend heraus­ge­stellt werden. Wir wollen das zum Anlass nehmen, um noch einmal neu über das Bild vom „Braunen Osten“ zu spre­chen. Heike, wie ist denn jetzt die Lage in Ostdeutsch­land? Ist das über­haupt noch sinn­voll, sich ganz beson­ders mit „dem Osten“ zu beschäftigen?

Heike Radvan: Es braucht meines Erach­tens eine kriti­sche Aufmerk­sam­keit und Analyse von Spezi­fika extrem rechter Erschei­nungs­formen, die in Ost- (und auch West)deutschland zu beob­achten sind. Insbe­son­dere braucht es hierbei eine Berück­sich­ti­gung der (lokal)historischen Genese dieser Phäno­mene. Rechts­extre­mis­mus­for­schung kann – gerade durch den Vergleich – dazu beitragen, den Spezi­fika bestimmter Regionen auf verschie­denen Ebenen nach­zu­gehen, nicht zuletzt um Ansatz­punkte für demo­kra­ti­sche Gegen­wehr aufzu­de­cken. Der Fall aus Burg in Bran­den­burg ist ja keines­wegs passé: Wir haben es weiterhin in vielen ostdeut­schen Gemein­wesen mit extrem rechten Domi­nanz­be­stre­bungen zu tun, die nicht nur durch die AfD beför­dert werden.

Proble­ma­tisch ist darüber hinaus eine Haltung, die auch von vielen demo­kra­ti­schen Akteur_innen vertreten wird und mit der ein posi­tives Image der Stadt im Vorder­grund steht. Um dieses aufrecht zu erhalten, werden dann Menschen, die Verant­wor­tung über­nehmen und Betrof­fene schützen, zum Problem oder als dessen Ursache erklärt. Der Verlauf dieser Situa­tion – Margi­na­li­sie­rung, Schuld­zu­wei­sung, Andro­hung von Diszi­pli­nar­ver­fahren und Verset­zung an andere Schulen – lässt sich als Prozess der Eska­la­tion beschreiben, der einher­geht mit einer Nicht­be­nen­nung und Norma­li­sie­rung von Rechts­extre­mismus. Er hätte meiner Erfah­rung nach in dieser Form gegen­wärtig nicht in einem west­deut­schen Gemein­wesen statt­finden können. Es braucht hierzu eine kriti­sche Aufar­bei­tung, die etwa in Burg bis heute sowohl an der Schule als auch im Gemein­wesen aussteht.

Birgit Sauer: Das leuchtet ein. Aber bestärkt man mit solchen Forde­rungen nicht immer auch die alten, west­deut­schen Klischees vom Rechts­extre­mismus als „Ostpro­blem“?

Heike Radvan: Es geht mir dabei nicht um „Ossi­fi­zie­rung“ im Sinne von Kath­leen Heft, indem ein „brauner Osten“ vom „Westen“ abge­son­dert und stig­ma­ti­siert wird, der dann per se als unpro­ble­ma­tisch oder demo­kra­ti­scher gilt. Wir brau­chen viel­mehr eine „Doppel­spur der Kritik“: Es braucht eine diffe­ren­zierte, auch lokal­his­to­ri­sche Aspekte berück­sich­ti­gende Analyse des Rechts­extre­mismus in Ostdeutsch­land und West­deutsch­land. Spezi­fika zu verschweigen oder zu beschö­nigen, verstellt hier eine notwendig kriti­sche Analyse. Erst damit lassen sich möglichst pass­ge­naue Antworten für die Präven­tion und Inter­ven­tion entwi­ckeln und gleich­zeitig die stereo­typen Zuschrei­bungen in beide Rich­tungen auflösen.

Birgit Sauer: Dann lass uns genauer über die Lage in Ostdeutsch­land spre­chen. Wenn man nach den Gründen für den Erfolg rechter Domi­nanz­be­stre­bungen fragt, scheinen vor dem Hinter­grund meiner Forschungen insbe­son­dere Geschlech­ter­vor­stel­lungen eine wich­tige Erklä­rung zu liefern. In unserem Buch Konjunktur der Männ­lich­keit, das ich gemeinsam mit Otto Penz geschrieben habe, haben wir beob­achten könnten, dass nicht nur in Ostdeutsch­land extrem rechte Orga­ni­sa­tionen unter dem Label „Gender-Gaga“ stra­te­gisch eine Geschlechter- und Sexua­li­täts­panik provo­zieren, um auf dieser Basis erfolg­reich zu sein. Aber die Ostdeut­schen waren nach der Wende in beson­derer Weise von preka­ri­sie­renden Entwick­lungen betroffen, die zu Gefühlen der Verun­si­che­rung sowie Angst vor Kontroll­ver­lust über das eigene Leben führten. Das Narrativ einer „Krise der weißen Männ­lich­keit“ verfängt deshalb hier beson­ders gut.

Heike Radvan: Was für Entwick­lungen sind das genau?

Birgit Sauer: In Deutsch­land, aber auch in Öster­reich, waren dies vor allem wider­sprüch­liche neoli­be­rale Entwick­lungen, zu denen Sozi­al­staats­abbau, Jobun­si­cher­heit, Preka­ri­sie­rung, aber auch Inte­gra­tion von Frauen in die Erwerbs­ar­beit, Frau­en­för­de­rung und Gleich­stel­lung in der Arbeits­welt sowie die Aner­ken­nung von sexu­eller und geschlecht­li­cher Diver­sität gehören.

Männer waren von diesen Verän­de­rungen stärker betroffen als Frauen, denn letz­tere waren bzw. sind in Ostdeutsch­land viel mobiler. Die Vorstel­lung einer „Krise der weißen Männ­lich­keit“ ist dabei eigent­lich ein alter Topos, der sich bis ins 19. Jahr­hun­dert zurück­ver­folgen lässt und um die Wende zum 20. Jahr­hun­dert mit anti­se­mi­ti­schen Vorstel­lungen verknüpft wurde. Aber er entfaltet in den heutigen emotio­nalen Lagen neue Dimen­sionen und mobi­li­sie­rende Kraft, nicht zuletzt dann, wenn er mit der Ableh­nung von Migrant_innen verknüpft wird – dem anderen zentralen Narrativ der auto­ri­tären Rechten. Männer der Mehr­heits­ge­sell­schaft werden als Opfer darge­stellt – als Opfer von Gleich­stel­lungs­po­litik, von Migra­tion und von gesell­schaft­li­chem Wandel über­haupt. Damit werden zugleich soziale Schäden, die durch die neoli­be­rale Fokus­sie­rung auf den Markt und eine neoliberal-unternehmerische Subjek­ti­vie­rung entstanden sind, umge­deutet bzw. geleugnet.

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Doch was inter­es­siert dich an rechten Bewe­gungen in Ostdeutsch­land? Gibt es da spezi­fi­sche Entwick­lungen? Gibt es Ambi­va­lenzen, die es nahe­legen, sich mit einem „spezi­fi­schen“ ostdeut­schen Rechts­extre­mismus wissen­schaft­lich zu beschäftigen?

Heike Radvan: Ich schaue auf diese Entwick­lungen mit der Frage nach mögli­chen Antworten in der (Sozial-)Pädagogik und der demo­kra­ti­schen Zivil­ge­sell­schaft. Um bei der beschrie­benen Situa­tion zu bleiben: Die Frage, warum Lehr­kräfte NS-verherrlichende Aussagen und Hand­lungen von Schüler_innen nicht als solche erkennen oder sich entscheiden, nicht zu inter­ve­nieren, kann mit verschie­denen Faktoren im Zusam­men­hang stehen. Manche benennen ein „sich Heraus­halten, ein neutral Sein“ als persön­liche Lehre nach den Verän­de­rungen infolge der fried­li­chen Revo­lu­tion 1989.

Birgit Sauer: Gibt es auch weiter zurück­lie­gende Ursachen?

Heike Radvan: Ja, Gründe mögen im Kontext einer post­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gesell­schaft liegen, die sowohl die DDR als auch die BRD waren. Beide Staaten haben ähnliche, aber auch sehr unter­schied­liche Antworten auf diese Heraus­for­de­rungen gegeben. Inso­fern braucht es meiner Ansicht nach immer auch eine rekon­struk­tive lokal­his­to­ri­sche Perspek­tive, um sich dem gesell­schaft­li­chen Gewor­den­sein der Gegen­wart zu nähern. So lässt sich lokal­his­to­risch nach­voll­ziehen, dass heutige rechte Grup­pie­rungen aber auch die vergleichs­weise hohe Zustim­mung für die AfD keine allei­nige Folge der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse der 1990er Jahre oder gar eine Art „West­im­port“ sind, wie häufig behauptet wird. Es braucht eine Analyse auf verschie­denen Ebenen, um diese Spezifik zu verstehen. Die Zumu­tungen der Trans­for­ma­tion sind inso­fern keine hinrei­chende Erklä­rung, schon gar nicht für rechte Gewalt. Es hat immer eine Mehr­heit von Menschen gegeben, die sich trotz der Heraus­for­de­rungen gegen rassis­ti­sche und anti­se­mi­ti­sche Posi­tionen entschieden haben. Meines Erach­tens liefern viel­mehr die struk­tu­rellen und indi­vi­du­ellen Bedin­gungen der post­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gesell­schaft, insbe­son­dere die Tradie­rungen von Einstel­lungen, eine Antwort, die uns hier weiterführt.

Birgit Sauer: Die ostdeut­schen Bundes­länder sind für unsere Heran­ge­hens­weise im Buch beson­ders inter­es­sant – auch wenn wir sie nicht direkt unter­sucht haben. Wir haben vor allem die „Ange­bots­seite“ unter­sucht. Also: Was bieten rechts-autoritäre Parteien und Orga­ni­sa­tionen weißen Männern einer bestimmten Klasse oder Schicht, damit sie von diesen in so hohem Ausmaß gewählt werden? Auch wenn wir nicht die Frage nach dem „Warum“ der Wahl­ent­schei­dung beant­worten können, können wir indi­rekt auf mögliche Spezi­fika der neuen Bundes­länder schließen. Denn wir müssen bestimmte soziale und ökono­mi­sche Entwick­lungen in Betracht ziehen, die den Hinter­grund für die Mobi­li­sie­rung der mora­li­schen Sexualitäts- und Geschlech­ter­panik und den Versuch, eine neue Konjunktur zusam­men­zu­fügen, bilden. Die Stra­tegie der autoritär-rechten Akteur_innen ist es ja gerade, die oben darge­legten, in der Regel recht wider­sprüch­li­chen Entwick­lungen der vergan­genen Dekaden in ein konsis­tentes Narrativ einzu­fügen – das der Bedro­hung –, um so gesell­schaft­liche und poli­ti­sche Verän­de­rungen anzu­stoßen, die ihnen poli­ti­sche Macht sichern. Das meinen wir mit dem Begriff der Konjunktur.

Du beschäf­tigst dich explizit mit Anti­se­mi­tismus in Ostdeutsch­land. Was sind deine Ergebnisse?

Heike Radvan: Während in den Geschichts­wis­sen­schaften bereits in den 1990er Jahren Forschung zu verschie­denen Anti­se­mi­tismen in der DDR vorlagen, gab es im öffent­li­chen Diskurs und unter der nicht­jü­di­schen Bevöl­ke­rung kaum Wissen hierzu. Ich habe 2005 in der Amadeu Antonio Stif­tung mit Anetta Kahane und der Kura­torin Dr. Bettina Leder eine Ausstel­lung erar­beitet, der wir den Titel gaben: „Das hats bei uns nicht gegeben!“ Anti­se­mi­tismus in der DDR. Das Zitat im Titel war die häufigste Antwort, die ich in Gesprä­chen im Zuge der Recher­chen hörte. Mit der Wander­schaft der Ausstel­lung begannen wir eine leben­dige und durchaus auch kontro­verse Debatte um die verschie­denen Formen von Anti­se­mi­tismus, die es in der DDR gegeben hatte. Gerade die isra­el­feind­liche Propa­ganda in der DDR operierte häufig mit NS-relativierenden Verglei­chen; eine Figur, die auch in aktu­ellen Debatten seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 benutzt wird. Um pass­ge­naue Antworten für die Projekt- und Bildungs­ar­beit geben zu können, braucht es dezi­dierte Analysen und einen histo­risch rekon­struk­tiven Blick. Bleibt dies aus, können sich Anschluss­flä­chen eröffnen und altbe­kannte Feind­bilder modi­fi­zieren und erhärten.

Geschlech­ter­di­men­sionen gibt es auch im Anti­se­mi­tismus. Ihr habt diese in Bezug auf Männ­lich­keiten im Rechts­extre­mismus unter­sucht. Zu welchen Ergeb­nissen kommt ihr?

Birgit Sauer: Rechts-autoritäre Parteien bieten etwas an, was wir als „masku­li­nis­ti­sche Iden­ti­täts­po­litik“ bezeichnen. In diesem diskur­siven und emotio­nalen Angebot der Iden­ti­täts­po­litik deuten rechts-autoritäre Akteur_innen die Ursa­chen eines gefühlten Kontroll­ver­lusts um und verspre­chen affek­tive Kompen­sa­tion durch die Wieder­her­stel­lung von Männ­lich­keit. Diese Re-Souveränisierung von Männ­lich­keit enthält Dimen­sionen von patri­ar­chaler Männ­lich­keit in tradi­tio­nellen Fami­li­en­ver­hält­nissen, aber auch von aggres­siver – Björn Höcke nannte dies einmal „wehr­hafter“ – Männ­lich­keit. Auch am Institut für Staats­po­litik von Götz Kubit­schek wird auf aggres­sive Männ­lich­keit gesetzt, so z. B. Marc Jongen 2017 in einem Vortrag über „Thymos-Training“ oder Jack Donovan, der in seinen im Antaios-Verlag erschie­nenen Büchern Gewalt für legitim hält. Daran sieht man auch, welch große Bedeu­tung Emotionen und Affekte im Ruck nach rechts spielen – das Verspre­chen der masku­li­nis­ti­schen Iden­tität ist sehr emotional.

Die, die wir unter­suchten, sind extreme und auto­ri­täre Rechte, die die libe­rale Demo­kratie besei­tigen wollen. Dazu gehören auch anti­se­mi­ti­sche Vorur­teile. Seht ihr in Eurer Forschung da auch Verbindungen?

Heike Radvan: Ja, wir haben Rede­bei­träge auf Protest­ver­an­stal­tungen analy­siert, zu denen rechte Akteure in der Covid-19-Pandemie und seit dem russi­schen Angriffs­krieg gegen die Ukraine mobi­li­siert haben. Auch in Cottbus zeigt sich, dass eine Infra­ge­stel­lung der Gesund­heits­ge­fahren des Virus häufig mit anti­se­mi­tisch struk­tu­rierten Verschwö­rungs­theo­rien einher­geht und mit deut­li­chen Aufrufen zu einem gesell­schaft­li­chen Umsturz. Über­ein­stim­mend zu vorlie­gender Forschung zeigt sich eine Retra­di­tio­na­li­sie­rung von Geschlech­ter­rollen: Tradi­tio­nell weib­liche Selbst­prä­sen­ta­tionen des „Kümmerns“ und des „Unpo­li­ti­schen“ von Redne­rinnen ermög­li­chen eine Tarnung von Inhalten männ­li­cher Redner, die verschwö­rungs­theo­re­tisch struk­tu­riert sind, die Pandemie verharm­losen oder leugnen, extrem rechte Ideo­lo­gie­ele­mente enthalten und Umsturz­fan­ta­sien verbreiten.

Die Forschung zu den Mobi­li­sie­rungen aus Anlass des russi­schen Angriffs­krieges gegen die Ukraine zeigt: Ähnlich wie in anderen ostdeut­schen Städten sind auch in Cottbus die Veran­stal­tungen von extrem rechten Akteuren und Gruppen domi­niert und werden unter­stützt von Teilen eines bürger­li­chen Milieus. Sichtbar wird außerdem, dass sich die Akteure aus dem Coro­na­pro­test­mi­lieu weiter radi­ka­li­siert haben. Auf den unter­suchten Veran­stal­tungen domi­nierten verschwörungs- und insbe­son­dere reichs­bür­ge­rideo­lo­gi­sche Inhalte und mischen sich mit prorus­si­schen Posi­tionen und dem Ideo­logem einer „eura­si­schen“ Neuord­nung des europäisch-asiatischen Raums. Unter den hier orga­ni­sierten Personen bildet die Ableh­nung „des Westens“ ein wieder­keh­rendes Meta­nar­rativ. Hiermit verbunden ist die Ableh­nung von Demo­kratie als Gesell­schafts­system und der demo­kra­ti­schen Parteien, die als korrupt und elitär diffa­miert werden. 

Birgit Sauer: Das deckt sich mit meinen Forschungen. Ich denke auch, dass es das Ziel der AfD wie auch der FPÖ in Öster­reich oder der Iden­ti­tären Gruppen ist, die libe­rale Demo­kratie abzu­schaffen. Für einen Putsch fehlen ihnen die Mittel, sie müssen daher Macht­po­si­tionen in staat­li­chen Insti­tu­tionen der libe­ralen Demo­kratie einnehmen, um dieses liberal-demokratische Gefüge dann auszu­höhlen. Diese Stra­tegie basiert auf ihrer Idee der „Meta­po­litik“ bzw. kultu­reller Hege­monie, die sie vom italie­ni­schen Kommu­nisten Antonio Gramsci über­nommen haben. Rechte Akteur_innen besitzen nicht die Mittel und Vorstel­lungen, mate­ri­elle Hege­monie herzu­stellen, also ökono­mi­sche Verhält­nisse so zu gestalten, dass sie der Mehr­heit der Menschen zugu­te­kommen, z. B. durch radi­kale Umver­tei­lung. Daher setzen rechte Akteur_innen vor allem auf kultu­relle Hege­monie, also die Veran­ke­rung von rechten und auto­ri­tären Vorstel­lungen im Alltags­leben der Menschen.

Heike Radvan: Welche Rolle spielen in diesen Debatten anti-emanzipatorische Einstel­lungen zu Gender und inwie­fern schließt der anti­de­mo­kra­ti­sche Popu­lismus von Rechts an bestehende neoli­be­rale Narra­tive an?

Birgit Sauer: Sexua­lität und Geschlecht eignen sich beson­ders gut, rechte Über­zeu­gungen zu trans­por­tieren, denn sie sind körper­lich erfahrbar. Jeder Mensch lebt Geschlecht und Sexua­lität. Zwei­ge­schlecht­lich­keit und Hete­ro­se­xua­lität gelten seit dem 19. Jahr­hun­dert als natür­lich, als Garanten einer „normalen“ Ordnung – frei­lich auch einer unglei­chen hier­ar­chi­schen Ordnung, die sich im 20. Jahr­hun­dert zwar verän­dert hat, aller­dings nicht grund­le­gend. Doch das anti­de­mo­kra­ti­sche Projekt der auto­ri­tären Rechten kann an diese Ungleich­heits­ord­nung und die auto­ri­tären Fami­li­en­vor­stel­lungen anknüpfen, um ihr unde­mo­kra­ti­sches Gesellschafts- und Poli­tik­mo­dell plau­sibel zu machen.

Die großen Parteien waren in den vergan­genen 30 Jahren am neoli­be­ralen Umbau und an der Auto­ri­ta­ri­sie­rung von Gesell­schaft und Politik betei­ligt – so die SPD und die Grünen durch die Agenda 2010 und Hartz4, die konser­va­tiven Parteien CDU und ÖVP an der Diszi­pli­nie­rung von jenen Menschen, die im neoli­be­ralen Wett­be­werb vermeint­lich versagt haben, oder auch von Geflüch­teten, die an den EU-Außengrenzen an der Einreise gehin­dert werden. Diese Form der Diszi­pli­nie­rung mündet oft in ein Sterben-Lassen, vor allem im Mittel­meer. Das, was rechts-autoritäre Parteien und Orga­ni­sa­tionen umzu­setzen versu­chen – eine ungleiche und autoritär-führerorientierte Gesell­schafts­or­ga­ni­sa­tion –, ist also in der neoli­be­ralen Ära schon vorbe­reitet worden. Das macht das rechts-autoritäre anti­de­mo­kra­ti­sche Projekt so gefähr­lich – die euro­päi­schen Gesell­schaften haben sich daran gewöhnt und konnten solche auto­ri­tären Verhal­tens­weisen bereits einüben. Autoritär-rechte Parteien und Orga­ni­sa­tionen müssen das nun durch ihre mobi­li­sie­renden Stra­te­gien verstärken und können auf diese Art Wähler­stimmen gewinnen.

Um dem etwas entge­gen­zu­setzen und Demo­kratie zu erhalten bzw. zu re-etablieren, braucht es fundierte Analysen der Entwick­lungen nach rechts in allen Regionen der Bundes­re­pu­blik sowie in allen gesell­schaft­li­chen Feldern.