Der Sechsteiler „Bonn – Alte Freunde, neue Feinde“ hat die Frühgeschichte der BRD als Agententhriller erzählt, bei dem allerdings das Bundesamt für Verfassungsschutz viel zu gut wegkommt. Dabei wäre gerade eine Blick auf dessen Skandalgeschichte wichtig.

  • Claus Leggewie

    Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2017 das Buch „Europa zuerst. Eine Unabhängigkeitserklärung“ bei Ullstein/Berlin veröffentlicht.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
„Bonn – Alte Freunde, neue Feinde“. Glanz und Elend des Geschichtsfernsehens
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Drei bis vier Millionen Deut­sche haben im Januar 2023 bei der sechs­tei­ligen ARD-Serie „Bonn – Alte Freunde, neue Feinde“ einen schau­er­li­chen Rück­blick auf die bundes­deut­sche Früh­ge­schichte werfen können. Ältere wurden an das Klima lastenden Schwei­gens über die NS-Vergangenheit erin­nert, mit deren Reprä­sen­tanten in Gestalt von Lehrern, Rich­tern, Pfar­rern, Profes­soren und Poli­zisten auch Nach­ge­bo­rene noch konfron­tiert waren. Jüngere entdeckten eine fremde Repu­blik, in der eine satte Minder­heit, nämlich vier von zehn West­deut­schen, unge­rührt einen Einparteien- und Führer­staat bevor­zugte, den Zweiten Welt­krieg durch Verrat verloren wähnte und Jüd:innen als selt­same bis gefähr­liche Krea­turen ansah, während das auto­ri­täre Erbe flugs mit einem Drops Wirt­schafts­wunder versüßte wurde.

Nazi-Jagden, Geheimdienst-Komplotts, Familien-Schmonzetten

Schau­er­lich war die exzel­lent besetzte Mini­serie nicht allein ihres Inhaltes wegen, sondern auch, weil sie als Agen­ten­thriller insze­niert war: Um einen wahren Kern herum wurden über­sti­li­sierte Nazi-Jagden, Geheimdienst-Komplotts und Familien-Schmonzetten gestrickt. Histo­risch standen die Antago­nisten Otto John, 1950 bis 1954 Chef des Bundes­amtes für Verfas­sungs­schutz (BfV), und Rein­hard Gehlen, Chef der nach ihm benannten Orga­ni­sa­tion und des daraus hervor­ge­gan­genen Bundes­nach­rich­ten­dienstes (BND) im Mittel­punkt. Fiktiv drehte sich die Serie um das Drama der Familie Schmitt und um den indi­vi­du­ellen Abrech­nungs­ver­such eines Verfas­sungs­schüt­zers mit dem unter­ge­tauchten Alois Brunner, der wiederum als realer SS-Hauptsturmführer und rechte Hand Adolf Eich­manns den Holo­caust orga­ni­siert hatte und mit Hilfe brauner Seil­schaften das Land unbe­straft gen Damaskus verlassen konnte – wohl­ge­merkt unter der schüt­zenden Hand Rein­hard Gehlens.

Die zur Serie gehö­rende 45-Minuten-Doku­men­ta­tion „Alte Freunde, neue Feinde“ verdeut­lichte den histo­ri­schen Gehalt der Ausein­an­der­set­zung zwischen Gehlen und John. Die beiden Dienste und ihre Prot­ago­nisten standen für eine zentrale Weichen­stel­lung der Bonner Repu­blik: John, der zum Wider­stand des 20. Juli gehört hatte und nach London geflohen war, wollte den Einfluss ehema­liger Natio­nal­so­zia­listen in den Insti­tu­tionen der jungen, unge­fes­tigten Repu­blik eindämmen und hielt an der Wieder­ver­ei­ni­gung fest, während Gehlen Nazi-Personal in seine Orga­ni­sa­tion schleuste und sie unter US-amerikanischer Protek­tion zu Vorkämp­fern des Kalten Krieges machte, womit die deut­sche Teilung besie­gelt war. Was in diesem Film noch einmal schmerz­haft klar wird: Wider­ständler wie John (und Aufklärer wie Fritz Bauer) waren in diesem unglei­chen Kampf uner­wünschte Fremd­körper und poten­zi­elle Verräter.

Film­still: „Bonn – Alte Freunde, neue Feinde“

Mehr als rhei­ni­scher Klüngel: rechte Seil­schaften in der frühen BRD

Dass der Kontrast zwischen dem (naiven) Gutmen­schen John und dem (brutal effi­zi­enten) Fins­ter­ling Gehlen in Wahr­heit nicht so stark war, wird in der Serie eher atmo­sphä­risch deut­lich; histo­risch belegt ist, dass auch das BfV von ehema­ligen Nazis durch­setzt war. Gestapo und furcht­bare Beamte konnten also nicht nur in „Pullach“ ihr Unwesen treiben, wo sich der BND eingei­gelt hatte und die Rolle eines ‚tiefen Staates‘ bean­spruchte – in stetiger Konkur­renz zum Inlands­ge­heim­dienst, der dem Namen nach die Verfas­sung vor Radi­kalen schützte. Beide Dienste waren realiter Instru­mente der ideo­lo­gi­schen Aufrüs­tung gegen den Bolsche­wismus und Vektoren der Wieder­be­waff­nung. Die Unter­grund­armee, deren Aufbau in der Serie unter dem Deck­namen „Scipio“ verfolgt wird, ist ein fiktiver Operations-Name realer para­mi­li­tä­ri­scher Stay-behindOrga­ni­sa­tionen, die den 1945 verlo­renen Kampf an der Ostfront gege­be­nen­falls wieder­auf­nehmen sollten.

Die Aufnahme der BRD in die NATO und der Aufbau der Bundes­wehr lenkte solche Akti­vi­täten in legale Kanäle. Damit hatte Otto John seinen Kampf um ein entna­zi­fi­ziertes, demi­li­ta­ri­siertes und wieder­ver­eintes Deutsch­land verloren, das er als den Auftrag des 2o. Juli 1944 ansah. John verstand sich nicht nur als Motor der an Haupt und Glie­dern geschei­terten Entna­zi­fi­zie­rung. Mit Hans Globke und Theodor Ober­länder blieben wich­tige NS-Funktionäre im engen Umfeld von Bundes­kanzler Konrad Adenauer tätig; die Aufrüs­tung beider deut­scher Staaten in ihren „Vertei­di­gungs­bünd­nissen“ ging rasch voran.

In einer drama­ti­schen Über­sprung­re­ak­tion, die im letzten Teil der Serie nur ange­deutet wird, setzte John sich im November 1954 nach Ost-Berlin ab; bis heute ist unge­klärt, ob er frei­willig gegangen oder, wie er selbst behauptet, Opfer einer Entfüh­rung war. Sich im zweiten deut­schen Staat für die Wieder­ver­ei­ni­gung stark zu machen, machte ihn zum nütz­li­chen Diener der SED, die unter dem Deck­mantel des Anti­fa­schismus und Anti­im­pe­ria­lismus ihren eigenen Kampf gegen die West­ori­en­tie­rung führte (und ebenso selbst­ver­ständ­lich Ex-Nazis beschäf­tigte und Jüdinnen und Juden diskri­mi­nierte). Im Westen wurde diese Eska­pade nicht verstanden; John wurde – nach seiner frei­wil­ligen Rück­kehr nach West-Berlin – von eins­tigen NS-Richtern wegen Landes­verrat verur­teilt und einge­sperrt. Rein­hard Gehlen soll den Sturz seines Rivalen mit den sardo­ni­schen Worten „Einmal Verräter – immer Verräter“ kommen­tiert haben – will sagen: Wer ein Attentat auf Adolf Hitler geplant hatte, machte sich auch mit kommu­nis­ti­schen Erzfeinden gemein.

Zeit­ge­schichte im Format der Familientragödie

Zeit­ge­schichte im Fern­sehen ist stets eine eigen­tüm­liche Veran­stal­tung. Die trockene Doku­men­ta­tion einer Geheim­dienstri­va­lität würde kaum Zuschauer:innen anziehen, aber ihre Projek­tion in ein Fami­li­en­drama lenkt von der histo­ri­schen Komple­xität ab. Viele Doku-Fiktionen sind eine Montage aus Spiel­film­hand­lung, Zeitzeugen- und Experten-Statements sowie Archiv­ma­te­rial. Die Serie „Bonn“ verzich­tete auf diese Einbet­tung und näherte sich damit „Babylon Berlin“, dem unter­dessen auch welt­weit attrak­tiven Format, bei dem histo­ri­sche Prozesse höchs­tens noch atmo­sphä­risch vermit­telt und in einen Gene­ral­tenor von Angst, Gefahr und Verschwö­rung einge­taucht sind. Das Seri­en­format verstärkt die Brüche und Anachro­nismen: So in der Spiel­hand­lung, die bei „Bonn“ krimi­na­lis­tisch zuge­spitzt ist (der Ausgang der Geschichte, der zeit­ge­schicht­lich doch voll­kommen klar ist, bleibt im Film „span­nend“), oder bei den Akteuren (die „Guten“, die „Bösen“ und die „Undurch­sich­tigen“), die Sätze ausspre­chen, die zum Zeit­punkt der frühen 1950er Jahre noch unsagbar waren, wie „Ich will keine Gebär­ma­schine sein“. So arti­ku­liert sich die Zentral­figur der „Bonn“-Serie, eine Proto-Feministin, deren tragi­sche Erfah­rungen durch ein Beziehungs-Happyend gemil­dert werden – kaum ein gelun­gener drama­tur­gi­scher Kniff, um eine von Männern geprägte Nach­kriegs­zeit aus Frau­en­sicht zu rekapitulieren.

Das Seri­en­format kann die Bedenken noch verstärken, die schon gegen das „Histo­tain­ment“ älteren Stils, beson­ders im Blick auf Guido Knopps „ZDF-History“ und seine Aufbe­rei­tungen der NS-Geschichte, vorge­bracht worden sind und schon ganze Histo­ri­ker­ta­gungen beschäf­tigt haben. Einer­seits wird histo­ri­sche Wirk­lich­keit stark stili­siert, perso­na­li­siert und zum Teil bana­li­siert bzw. über­dra­ma­ti­siert, ande­rer­seits werden Stoffe einem Publikum nahe­ge­bracht, das man für eher geschichts­fern und bildungs­avers einstuft und das mit bilder- und ereig­nis­armen zeit­ge­schicht­li­chen Darstel­lungen angeb­lich nichts anfangen kann.

Geschichts­klit­te­rung

Aber recht­fer­tigt der mehr oder weniger große Lern­ef­fekt Geschichts­klit­te­rungen? Diese Ambi­va­lenz zeigte sich deut­lich in den gemischten Kritiken der „Bonn“-Serie. NDR Kultur meldete begeis­tert, die Serie führe „gera­de­wegs in die Abgründe der Vorzei­ge­fa­mi­lien, Wohl­stands­fas­saden und braunen Seil­schaften jener Jahre des Netz­wer­kens der Altfa­schisten, das Waschen der Hände in Unschuld und das gegen­sei­tige Ausstellen von Persil­scheinen: Selten ist es fiktional so auf den Punkt gebracht worden wie in diesem Hybrid aus Old-Style und High-End-Serie.“ Ähnlich die Berliner Zeitung: „Die Verbin­dung von Spionage-Thriller und Fami­li­en­drama ist auf elegante Weise gelungen und bleibt so span­nend wie abwechs­lungs­reich. ‚Bonn‘ erzählt viel über das Funda­ment, auf dem die Bundes­re­pu­blik in jenen Jahren errichtet wurde – und längst nicht alles war damals bekannt­lich ‚wunderbar‘“. Die Süddeut­sche Zeitung brachte hingegen einen Total­ver­riss: „Es ist halt Pech, dass nichts davon stimmt, die Zeit­si­gnale (Rock ‚n‘ Roll, James Bond) so wenig wie die Brunner-Geschichte.“ ‚Geschichte im Fern­sehen‘ bleibt ein Misch­wesen, das weder bei der Histo­ri­ker­zunft noch unter Doku­men­tar­fil­mern beliebt und aner­kannt ist und dessen Wirkung oder pädago­gi­scher Nutzen umstritten sind. Ein guter Test wäre die Auswer­tung der Serie durch einen Leis­tungs­kurs Geschichte, der sich gerade mit der Früh­ge­schichte der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land befasst.

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Kritik­würdig ist vor allem, welches Bild Zuschauer:innen vom frühen „Bundesamt für Verfas­sungs­schutz“ mitnehmen dürften. Während der BND und vor allem sein Chef Gehlen ganz und gar dunkel­män­ner­haft erscheint (und das nicht zu Unrecht!), kommt das Amt von Otto John eher gut davon, vor allem dank seines Credos, die (schei­ternde) Entna­zi­fi­zie­rung (und nebenbei die verra­tene Wieder­ver­ei­ni­gung) voran­zu­treiben und die Remi­li­ta­ri­sie­rung Deutsch­lands im Kalten Krieg abzu­wenden. Das klingt in vielen Ohren gut, war aber ganz und gar nicht die dem histo­ri­schen BfV zuge­dachte Aufgabe.

Film­still: „Bonn – Alte Freunde, neue Feinde“

Doch derar­tige Memes erzeugen bei Nach­ge­bo­renen ein freund­li­ches Bild vom Inlands­ge­heim­dienst, dessen Skan­dal­ge­schichte von Beginn an noto­risch ist und dessen Pres­tige erst in den letzten Jahren wieder gestiegen ist. Denn im „Kampf gegen Rechts“, den das BfV erst in den letzten Jahren ins Zentrum gerückt hat (nachdem ihm mit Hans-Georg Maaßen lange ein Jurist vorge­standen hatte, der heute wegen rechts­ra­di­kaler Verlaut­ba­rungen aus der CDU ausge­schlossen werden soll), wird die demo­kra­tie­po­li­ti­sche Proble­matik dieses im inter­na­tio­nalen Vergleich exzep­tio­nellen Dienstes über­sehen, nämlich die in Teilen konspi­ra­tive Über­prü­fung angeb­lich verfassungs-feindlicher Gesin­nungen im Vorfeld even­tu­eller Straf­taten. Diese Konstruk­tion eines „Gesinnungs-TÜVs“ lässt sich aus der Unsi­cher­heit einer jungen Repu­blik erklären, die mit Unter­stüt­zung aus dem BfV zwei extre­mis­ti­sche Parteien, die neona­zis­ti­sche „Sozia­lis­ti­sche Reichs­partei“ (SRP) 1952 und vier Jahre später die stali­nis­ti­sche KPD verbot. Einer gefes­tigten Demo­kratie steht ein solcher Über­wa­chungs­verein hingegen nicht mehr gut zu Gesicht.

Problem­dienst Verfassungsschutz

Der Verfas­sungs­schutz als selbst­er­nanntes „Früh­warn­system“ hat sich später so untaug­lich erwiesen wie zu Beginn der 1950er Jahre. Er hat auch in anderen Fällen mit seinen V-Leuten die rechts­ra­di­kale Szene eher gestärkt als geschwächt. Der Kampf gegen die radi­kale, auch neona­zis­ti­sche Rechte, sugge­riert die Serie „Bonn“, sei heute wieder so aktuell und dring­lich wie seiner­zeit. Das ist gewiss nicht verkehrt, vor allem was das unheil­volle Wirken des „Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds“ (NSU) betrifft, der jedoch ohne die tätige Beihilfe von V(erbindungs)-Leuten des BfV so weder entstanden noch am Leben geblieben wäre. Auch der erhoffte Abschre­ckungs­ef­fekt auf eine konser­va­tive Wähler­schaft durch die Einstu­fung der AfD als Verdachts- oder Prüf­fall ist ausge­blieben. Nicht unter­bunden wurde auch die zuneh­mend dich­tere Vernet­zung mit neofa­schis­ti­schen Kreisen, deren sich, wie im Fall der mili­tanten „Reichs­bürger“, besser die poli­ti­sche Polizei annehmen sollte.

Dass das BfV im April 2021 anläss­lich der Aufmär­sche von Coronaleugner:innen den neuen Phäno­men­be­reich „Verfas­sungs­schutz­re­le­vante Dele­gi­ti­mie­rung des Staates“ einge­richtet hat, war kein April­scherz. Mit dem tatsäch­li­chen Legitimitäts- und Reprä­sen­ta­ti­ons­ver­lust der parla­men­ta­ri­schen Repu­blik kann keine Geheim­dienst­ab­tei­lung zu Rande kommen; die Bestrei­tung des um sich grei­fenden poli­ti­schen Nihi­lismus ist Sache der poli­ti­schen Parteien und der Bürger­ge­sell­schaft – ein Wahr­heits­mi­nis­te­rium wurde 1945 abge­schafft. Wer die „stän­dige Agita­tion gegen und Verächt­lich­ma­chung von demo­kra­tisch legi­ti­mierten Reprä­sen­tan­tinnen und Reprä­sen­tanten“ als Dele­gi­ti­mie­rung des Staates und somit verfas­sungs­feind­lich einstuft, stellt der Demo­kratie ein Armuts­zeugnis aus: Als wüsste sie sich mit Anti­de­mo­kraten nicht mehr argu­men­tativ auseinanderzusetzen.