Der Vollkontakt-Sport Mixed Martial Arts (MMA), der Schlag-, Tritt-, Bodenkampf- und Ringtechniken anderer Disziplinen kombiniert, hat im letzten Vierteljahrhundert einen rasanten Aufschwung erlebt. 2025 wurde er in The Smashing Machine cineastisch verarbeitet. MMA wird beispielsweise auch vom Akademischen Sportverband Zürich angeboten – gemäss dessen Webseite „ideologiefrei“. Die Präzisierung ist nicht zufällig: MMA ist zu einer transnationalen Echokammer reaktionärer Fantasien geworden mit einem Kult der „strong men“, von Schlägen statt Argumenten, „rudeness“ statt „wokeness“ und der Orientierung an vermeintlich traditionellen Geschlechtermustern, die durch die Präsenz von MMA-Kämpferinnen nicht wirklich in Frage gestellt werden. Damit zieht MMA nicht nur von toxischer Männlichkeit faszinierte Jugendliche an, sondern auch Autokraten, Tech-Oligarchen, Neonazis oder Islamisten.
Trumps MMAgarchy
MMA entwickelte sich im späten 20. Jahrhundert aus Vorläufern in Japan, Brasilien und den USA. Die dominante „Ultimate Fighting Championship“ (UFC) entstand 1993. In den späten 1990ern führte eine Kampagne des republikanischen Senators John McCain und der American Medical Association zu MMA-Verboten in 36 Bundesstaaten und der Verbannung aus TV-Programmen. Die Marginalisierung endete 2001, als Trump seine Casinos für MMA öffnete und mit UFC eine ähnliche Symbiose einging wie seit den 80ern mit „World Wrestling Entertainment“ (WWE). 2005 startete die UFC-Reality-TV-Serie „The Ultimate Fighter“. 2011 ging UFC eine Partnerschaft mit Fox News ein, 2023 kam sie mit WWE zur TKO Group. 2024 machte UFC 1,4 Mia. Dollar Umsatz und erreichte im TV fast eine Milliarde Haushalte in über 200 Ländern.
Mit Trumps Einstieg in die Politik erhielt MMA eine ähnliche Funktion wie Fussball in Silvio Berlusconis „Calciocracia“: UFC-Chef Dana White, der 2022 vor laufender Kamera seine Ehefrau ohrfeigte, spielte in den Wahlkampagnen 2016, 2020 und 2024 eine zentrale Rolle. Im Wahlkampf 2024 bediente Trump mit Fantasien über ein Format, in dem MMA-Profis Migrant:innen verprügeln sollten, die feuchten Träume der MAGA-Basis. UFC-Podcaster Joe Rogan bot Trump eine vielbeachtete Medienplattform. Durch die UFC erreichte er das wichtige Wählersegment junger, auch hispanischer und afroamerikanischer Männer mit sozialkonservativen Ansichten. 2025 war White Redner bei Trumps Inauguration, der mehrere MMA-Profis beiwohnten. Im Gegenzug geniesst das wettbewerbsrechtlich umstrittene UFC-Monopol Trumps Protektion.
Whites Loyalität war freilich flexibel: Im Februar 2021, kurz nach dem Sturm auf das Kapitol durch einen MAGA-Mob (darunter Ex-MMA-Profi Scott Fairlamb an der Spitze und Ex-UFC-Champion Pat Miletich im Hintergrund mit „Proud Boys“-Milizionären), würdigte UFC im „Black History Month“ erstmals seit 2014 afroamerikanische Kämpfer. In jüngerer Zeit betonte White bei antisemitischen, rassistischen, homo- oder transphoben Sprüchen von UFC-Kämpfern deren Recht auf „Meinungsäusserung“. Whites Aufnahme in den «Board of Directors» von Meta Anfang 2025 wurde als Zeichen von Mark Zuckerbergs Annäherung an Trump gesehen. Zuckerberg trainiert seit 2022 MMA, ein 2023 in Aussicht gestellter Kampf gegen Elon Musk fand indessen nicht statt. Im April 2025 besuchte Trump mit Musk, Aussenminister Marco Rubio, Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard, Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., Senator Ted Cruz und FBI-Boss Kash Patel ein UFC-Event. Patel kündigte eine mögliche Zusammenarbeit mit UFC beim Training von FBI-Agenten an, geriet aber wegen der Zweckentfremdung eines Dienstflugzeugs zum Besuch von UFC-Events in die Kritik.
Während Trump 2025 bei mehreren Sportanlässen ausgebuht wurde, hat er dies bei der UFC, wo sein Eintreffen mit Rock-Fanfaren und «USA!»-Sprechchören inszeniert wird, nicht zu befürchten. Allerdings widerspiegeln sich auch hier die wachsenden Widersprüche zwischen verschwörungsaffinen MAGA-Milieus und der oligarchischen Politik des Trump’schen Machtzirkels: UFC-Kämpfer Bryce Mitchell, ein Evangelikaler, „flat earther“, Holocaustleugner und Anhänger verschiedener Verschwörungstheorien, titulierte schon 2024 Musk als Antichrist. Hatte er bei den Wahlen 2024 noch behauptet, er würde für Trump sterben, bezeichnete er diesen Ende 2025 als den Drachen der Johannesapokalypse. Sean Strickland, in seiner jugendlichen Neonazi-Phase wegen Hasskriminalität von der Schule gewiesen, dann MAGA-Anhänger und mehrfach wegen sexistischer, homo- und transphober Sprüche in der Kritik, tadelte Trumps Israel-Nähe und den Umgang mit den Epstein-Files und lehnte eine Teilnahme an „UFC White House“ ab, bejubelte dann aber die Erschiessung von Renée Nicole Good durch einen ICE-Agenten in Minneapolis.
Putinistische „Martial Arts“
MMA etablierte sich früh auch in Russland. Zunächst dominierten im innen- und geopolitisch instrumentalisierten putinistischen Sportsystem andere Kampfdisziplinen, so im Personenkult um den „sportlichen Putin“: Unter Putins Namen erschienen Judo-Bücher und -DVDs, 2005 bis 2009 war er Präsident des Internationalen Sambo-Verbandes, bis 2022 Ehren-Schwarzgürtelträger im Taekwondo und 2008 bis 2022 Ehrenpräsident der Internationalen Judo-Föderation, deren Exekutive 2013 bis 2022 sein Jugendfreund, der Oligarch Arkadij Rotenberg, angehörte. 2020 wurde der Putin-Vertraute Umar Kremlëv, ein Ex-Mitglied des nationalistischen Motorradklubs „Nachtwölfe“, Präsident des Internationalen Boxverbandes, machte Gazprom zum Hauptsponsor und suspendierte 2022 den ukrainischen Verband. Darüber hinaus entstand im Westen (darunter der Schweiz) in den 2010er Jahren ein mit den „Nachtwölfen“ sowie rechtsextremen Szenen verflochtenes Netz dutzender von Schulen der „Russian Martial Arts“-Disziplin Systema mit Trainern aus Armee und Geheimdiensten. Westliche Sicherheitskreise sehen darin ein staatlich gesteuertes Mittel zur Ausbildung potenzieller Saboteure und ideologischer Beeinflussung.
Bereits 2007 wohnte Putin mit Berlusconi einem MMA-Kampf in St. Petersburg bei. Obwohl Putin 2011 bei einem MMA-Event in Moskau ausgebuht wurde, initiierte er im folgenden Jahr einen russischen Verband. Präsident wurde Fëdor Emel’janenko, ein Sambo-, Judo- und MMA-Kämpfer mit USA-Erfahrung und Abgeordneter der Regimepartei Edinaja Rossija in Belgorod, der dann 2014 die Ukraine des Faschismus bezichtigte und auf der Krym für MMA warb. 2016 gab es an der Fussball-EM in Frankreich massive Ausschreitungen MMA-trainierter russischer Hooligans. Seitens der politischen Elite kam dazu teils Lob für die Manifestation russischer Maskulinität (so von Duma-Vizepräsident Igor’ Lebedev), teils wurden die Ausschreitungen geleugnet. Aussenminister Sergej Lavrov unterstellte den französischen Behörden „Russophobie“. Westliche Medien diskutierten die Gewalttaten als möglichen Akt „hybrider Kriegführung“. Der mutmassliche Anführer Denis Kapustin alias Nikitin hatte 2008 das Neonazi-Kleider- und MMA-Label „White Rex“ gegründet und 2011 bis 2015 in Russland mehrere rechtsextreme MMA-Events organisiert.
Seit 2014 fördert der tschetschenische Machthaber Ramzan Kadyrov MMA massiv. Sein Kampfklub «Akhmat» wurde Ausbildungsstätte für Boxen und MMA wie auch für Kadyrovtsy-Krieger. Kadyrovs Söhne gewannen zahlreiche abgekartete Jugendkämpfe. Auch die Gruppe Wagner nutzte Kampfsportklubs zur Rekrutierung und veranstaltete MMA-Turniere. Social-Media-Aushängeschild des 2022 bis 2025 im Ukrainekrieg aktiven und mit Edinaja Rossija verbundenen Hooligan-Bataillons „Española“ war der mit Neonazi-Symbolen tätowierte Ex-MMA-Profi Michail Turkanov. Kapustin dagegen setzte Putins auf Kontrolle und Vergrösserung des multiethnischen russländischen Gebildes abzielenden eurasianischem Imperialismus die „ethnopluralistische“ Ideologie eines „ethnisch reinen“ russischen Nationalstaats ohne nichtrussische Bevölkerungsgruppen entgegen – ohne punkto Regierungsform ersichtliche Kontrapunkte zum Putinismus zu setzen. 2023/24 führte er als Befehlshaber des anti-putinistischen „Russischen Freiwilligenkorps“ Operationen im russisch-ukrainischen Grenzgebiet durch, 2025 attackierte er in Kyiv einen Trauerzug mit ukrainischen, anarchistischen und LGBT-Flaggen, wenige Monate darauf fakte der ukrainische Geheimdienst seinen Tod.
Globale Verflechtungen
Die reaktionär codierten MMA sind komplex verflochten und zeigen, wie eine transnationale reaktionäre Politik (mit nationalen und ideologischen Spezifika) auf kultureller Ebene Verbindungen herstellt. 2018 ging die UFC eine Partnerschaft mit der russischen „M-1 Global“ ein. Beim ersten UFC-Event in Moskau sass Kadyrov, der auch mehrfach UFC-Kämpfen in den VAE beiwohnte, in der vordersten Reihe. Bereits 2011 war MMA-Profi Jeff Monson nach Russland übersiedelt. Galt er in den USA als Anarchist, stand er nun in Russland zunächst der Kommunistischen Partei nahe, bevor er ganz ins Putin-Lager einschwenkte: Er nahm 2016 den Pass der Marionetten-„Volksrepublik“ Luhansk an, 2018 den der Russischen Föderation, wurde Regionalpolitiker von Edinaja Rossija in Krasnogorsk und Baschkortostan, arbeitete für den Propagandasender RT und trägt seit 2022 ein Hals-Tattoo mit dem Kriegssymbol „Z“. 2024 konvertierte er zum Islam. Umgekehrt hatte in den späten 1990ern Igor’ Zinov’ev, Ex-Angehöriger einer sowjetischen Spezialeinheit, bei der UFC gekämpft, bevor er Jeffrey Epsteins Bodyguard wurde.
Ab 2014 richtete die „Absolute Championship Akhmat“ von Kadyrov Events auf mehreren Kontinenten aus. Beziehungen zu Akhmat hatte auch Murad Dadaev, der ab 2015 in Deutschland bei MMA-Events sowie im Umfeld mutmasslich Kadyrov-naher Tschetschenenvereine auftrat und 2025 unter dem Namen Noah Krieger AfD-Influencer wurde. Ebenso entstand in Westeuropa ein Netz tschetschenischer MMA-Klubs mit Kontakten zu Kadyrov sowie vermutlich zur Unterwelt und russischen Geheimdiensten. Mehrere nordkaukasische Kämpfer mit enger Beziehung zu Kadyrov machten in den USA Karriere: Chabib Nurmagomedov, Akhmat-Trainer mit 42 Mio. Instagram-Followern, ultrakonservativen und misogynen Ansichten, war 2018 bis 2021 UFC-Leichtgewicht-Champion. 2018 traf er Putin, 2019 verfluchte er den „Islamfeind“ Macron, 2024 soll er gemäss Aussage Trumps diesen zur Beendigung des Ukrainekriegs ermuntert haben. Leicht- und Weltergewicht-Champion Islam Machačev posierte 2022 mit Kadyrov und goldenem UFC-Gürtel für ein Foto. Chamzat Čimaev, Sparringpartner Kadyrovs, der ihm einen Mercedes schenkte und an seiner Hochzeit anwesend war, und Trainer von Kadyrovs Söhnen, setzte am 7. Oktober 2023 einen pro-Hamas-Post ab, unterstützte 2024 Trumps Wahlkampagne und wurde 2025 UFC-Mittelgewicht-Champion. 2025 outete sich der Akhmat-Kämpfer und frischgebackene UFC-Leichtgewicht-Champion Magomed Ankalaev als Trump-Anhänger. Abdul-Kerim Edilov war nach kurzer UFC-Karriere Erzieher und Trainer von Kadyrovs Söhnen, dann Vize-Premierminister Tschetscheniens, bevor er 2022 in Ungnade fiel und unter mysteriösen Umständen starb.
Die Ex-UFC-Kämpfer Adam Jandiev und Aleksej Olejnik posteten ab 2022 putinistische Kriegspropaganda. Brasilianische Kampfsportler unterstützten den Brazilian-Jiu-Jitsu-Ehren-Schwarzgürtelträger Jair Bolsonaro. Nach dessen Wahlniederlage 2022 rief Ex-UFC-Champion Deiveson Figueiredo zum Militärputsch auf und als sich Bolsonaro nach Florida absetzte, kam er dort bei UFC-Kämpfer José Aldo unter. UFC-Kämpfer Alistair Overeem kandidierte 2023 für eine rechtspopulistische Splittergruppe erfolglos fürs niederländische Parlament. Conor McGregor, 18mal vorbestrafter UFC-Champion mit 46 Mio. Instagram-Followern, wiederholt sexueller Übergriffe bezichtigt und 2024 in einem Zivilprozess wegen Vergewaltigung verurteilt, bekundete mehrfach seine Bewunderung für Trump und Putin. Zum St. Patrick’s Day 2025 luden ihn Trump ins Weisse Haus und Kriegsminister Pete Hegseth ins Pentagon ein. Kurz darauf kündigte er mit Musks Segen eine chancenlose rechtspopulistische Kandidatur für die Präsidentschaft Irlands an. Anfang 2026 wurden Investitionen der Trump-Familie von 23 Mio. Dollar in McGregors Kampfsportfirma MMA Inc. bekannt.
Neben den durch die UFC und weitere kommerzialisierte Organisationen repräsentierten Mainstream-MMA haben die transnationalen Verflechtungen des reaktionär codierten Kampfsports weitere Komponenten: Jihadistische Gruppen wie der IS benutzen MMA-Klubs im Kaukasus, aber auch in Deutschland oder der Schweiz, zur Rekrutierung. Auch vernetzen sich über MMA Neonazi-Szenen, die die „multiethnische“ UFC ablehnen. Kapustins Events in Russland lockten viele Ausländer an. 2013 bis zum Verbot 2019 war der jährliche „Kampf der Nibelungen“ in Deutschland ein europaweites Neonazi-Treffen – 2018 mit „White Rex“ als Sponsor. „White Rex“, das gemäss Kapustin einen Lifestyle von „Weissheit“, „Ehre“ und „Stärke“ propagiert, sponserte auch Turniere in Griechenland, Frankreich, Ungarn, Italien, Polen und der Ukraine, vertrieb 2017 bis 2023 Kleider via die Schweizer Firma „Fighttex“ und trug wesentlich zur Professionalisierung rechtsextremer MMA-Events bei. Auch erteilte Kapustin bis zum Schengen-Einreiseverbot 2019 MMA-Kurse in mehreren Ländern, darunter für die „Partei National Orientierter Schweizer“. Ab 2018 arbeitete er mit US-Neonazi Robert Rundo zusammen, der im Vorjahr das „Rise Above Movement“ als Strassenkampf-MMA-Organisation von Alt-Right begründet hatte. 2021 mündete es ins „Active Club“-Netzwerk mit über 180 Klubs in zwei Dutzend Ländern (darunter der Schweiz) zur Vorbereitung auf einen „Rassenkrieg“.
Die MMA sind damit zu einem reaktionären Code geworden, dessen Anhänger bei aller Verschiedenheit den Hass auf die emanzipatorischen Potenziale der Moderne teilen. Sie sind Element eines antiliberalen Kulturkampfes, der nicht primär entlang staatlicher Grenzen oder zwischen geopolitischen Regionen geführt wird, sondern innerhalb der einzelnen Gesellschaften durch ideologisch keineswegs homogene oder eine einheitliche politische Agenda verfolgende, aber transnational vernetzte, von toxischer Maskulinität geprägte Gruppen, die das Recht des Stärkeren betonen. Jedoch: Keine Regel ohne Ausnahme. Die Taliban haben 2024 MMA als „unislamische“ Praxis verboten.