Black-Facing und Exotisierung. Struktureller Rassismus ist Alltag

Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand, sondern auch ein subtiles Alltagsphänomen. Es ist notwendig, dass weisse Entscheidungsträger_innen ihre Verantwortung wahrnehmen. Zum Beispiel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.



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Vor einigen Wochen spielte Guido Cantz, Moderator der ARD-Sendung Verstehen Sie Spass, seinem Schweizer Kollegen Röbi Koller einen Streich. Er betrat in voller Black-Facing Montur dessen SRF-Sendung Happy Day. Die deutsche und die Schweizer Presse kritisierte die Aktion scharf, worauf sich Cantz wenige Wochen später in Verstehen Sie Spass entschuldigte und festhielt, seine Aktion sei „in keinster Weise rassistisch angelegt“ gewesen.

Struktureller Rassismus

Die Episode gibt Einblick in die Problematik des Rassismus im 21. Jahrhunderts. Es lohnt sich dabei, grob zwei Spielarten des Rassismus zu unterscheiden. Die eine ist der offensichtliche und mit voller Absicht ausgeübte Brachialrassismus, der lange nur am rechten gesellschaftlichen Rand gedieh, seit der Jahrtausendwende durch populistische Agitation jedoch vermehrt in die gesellschaftliche Mitte rückt. Daneben gibt es aber noch den subtileren Rassismus, der weniger in den individuellen Vorurteilen von Menschen, sondern vielmehr in den gesellschaftlichen Strukturen und der Kultur des Zusammenlebens zum Ausdruck kommt.

Diese Form des nicht-intendierten, strukturellen Rassismus durchzieht europäische Gesellschaften als Ganzes und manifestiert sich nicht zuletzt in öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten wie der ARD oder bei SRF. So repräsentiert deren ‚Prime-Time‘ am Samstagabend weder einen realistischen Querschnitt der Gesellschaft, noch adressiert sie einen solchen: Sowohl in Verstehen Sie Spass als auch in Happy Day waren das Studiopublikum und die eingeladenen Gäste praktisch ausschliesslich weiss. Dies, obschon Deutschland und die Schweiz beides postkoloniale oder postmigrantische Gesellschaften sind, ein Ausdruck aus den Sozialwissenschaften. Gesellschaften also, die auch durch Jahrhunderte der europäischen Expansion nach Übersee geformt wurden und in denen seit mindestens drei Generationen Menschen mit Vorfahren aus den ehemaligen Kolonien zuhause sind und nicht zuletzt auch Fernsehgebühren zahlen.

Black-Facing

Die historisch entstandenen, mehr oder weniger subtilen Diskriminierungen dieser Menschen sind nicht nur in der Zusammensetzung des Studiopublikums und der Redaktionen wirksam, sie zeigen sich auch in anderen Aspekten der deutschsprachigen TV-Kultur. So verfolgten Cantz und sein Team zwar vielleicht keine rassistischen Absichten, sie zeigten aber einen bemerkenswerten Mangel an Wissen über die Geschichte ihres Berufs. So spielte Cantz seine Figur des schwarzen Mannes wie unzählige weisse Entertainer seit dem 19. Jahrhunderts als dummen „Bimbo“ mit komischem Akzent und beharrte in der Sendung darauf, Vater einer weissen Tochter zu sein, was nach landläufigem Verständnis unmöglich ist. Daneben bediente der Gag aber auch Ressentiments auf einer weiteren Ebene. Er lebte von der Hemmung, Fragen rund um Hautfarbe und kulturelle Differenz öffentlich anzusprechen. Während im Englischen ‚race‘ zur Bezeichnung kultureller Identität weiterhin Verwendung findet, wird das Wort im Deutschen und Französischen vermieden und stattdessen mit ‚Ethnizität‘ oder ‚Kultur‘ ersetzt.

So sah der ins Rotieren geratene Schweizer Moderator Röbi Koller zwar sofort, dass es sich höchstwahrscheinlich um keinen ‚echten‘ schwarzen Mann handelte, wie er nach Auflösung des Gags sagte. Er habe extrem komisch ausgeschaut. So ganz sicher war sich Koller aber doch nicht, weshalb er sich entschied, nichts zu sagen („Das chasch amene Schwarze jo ned is Gsicht säge.“). Das ‚Lustige‘ für das weisse Publikum war also, Röbi Koller dabei zu beobachten, wie er aufgrund der Tabuisierung der Rassenproblematik nicht aussprechen konnte, was alle sahen und dachten. Damit lässt sich der Gag auch als Kritik an der ‚Political Correctness‘ lesen. Viele Wortführer_innen der weissen Mehrheitsgesellschaft sehen in der Verbannung des Rassismus keinen Schutz der Würde und der Rechte von diskriminierten Minderheiten. Sie sehen darin vielmehr eine angebliche Beschränkung ihrer eigenen Rede- und Meinungsfreiheit, die sie – wie der Koller-Witz demonstrierte – in Bedrängnis bringt.

Rassenloser Rassismus

Black-Facing einerseits, Sprachlosigkeit andererseits – mit dieser Kombination zeigte die Szene ziemlich präzise die zwei Kernmerkmale des heutigen westeuropäischen Rassismus. In der Kulturwissenschaft spricht man mit Noémi Michel häufig von einem ‚rassenlosen Rassismus‘, der vor ungefähr sechzig  Jahren entstand, als nach dem Ende des NS-Regimes die Beschreibung der Gesellschaft in biologischen Rassenkategorien moralisch, wissenschaftlich und politisch zurecht diskreditiert wurde. Während Rassismus offiziell abgelehnt wird, leben gleichzeitig jedoch Strukturen, Bilder und Ausschlussmechanismen aus der Kolonialzeit weiter.

Die meisten Länder, so auch die Schweiz, verstehen sich zwar selbstverständlich als antirassistisch und beauftragen Kommissionen oder Behörden mit der Bekämpfung von Rassismus. Das Problem dieses behördlichen Antirassismus besteht jedoch darin, dass er auf einem sehr engen Rassismusbegriff beruht. Die Schweizer Rassismusstrafnorm (Art 261 bis StGB) zum Beispiel versteht unter ‚Rassendiskriminierung‘ nur Handlungen, die üblicherweise von einer kleinen Minderheit am rechtsradikalen Rand der Gesellschaft ausgeübt werden: öffentliche Aufrufe zu Hass oder die Leugnung von Völkermord etwa. Diese enge Definition taugt zwar, um offensichtlichen Brachialrassismus zu bekämpfen. Sie ist jedoch blind für den strukturellen und häufig gedankenlosen Alltagsrassismus in der gesellschaftlichen Mitte.

In der Schweiz äussert sich dieser ‚rassenlose Rassismus‘ etwa in gehäuften Polizeikontrollen bei Menschen mit dunkler Hautfarbe (Racial Profiling), in der klischierten Gegenüberstellung von afrikanischer Hilfsbedürftigkeit und schweizerischer Hilfsbereitschaft bei Hilfswerkkampagnen (Poverty Porn), in Diskriminierungen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, aber auch in Symbolen wie dem ‚Mohrenkopf‘, dem Mohr als Wappenzeichen etlicher Schweizer Gemeinden sowie dem Wappen der Berner ‚Mohrenzunft‘. Oder eben im wiederkehrenden ‚Black-Facing‘-Humor des Schweizer Fernsehens. Tatsächlich ist der eingangs beschriebene Gag kein isolierter Einzelfall. Das SRF wurde in den vergangenen Jahren wiederholt für Black-Facing kritisiert, zum Beispiel für Victor Giaccobos Figur ‚Rajiv‘ sowie Birgit Steineggers Darstellung des US-amerikanischen TV-Stars Oprah Winfrey Ende 2013.

Strategien der Exotisierung

Solche Darstellungen sind, wie etwa Rea Brändle oder Patrick Minder gezeigt haben, ein kulturelles Erbe aus den Anfangszeiten der schweizerischen Populärkultur und der Medienbranche während der Kolonialzeit. Ein Erbe, das in der variierten, aber im Kern gleichbleibenden Erzählung fortlebt und die Ursache für Gegenwartsprobleme primär in einer vermeintlich rückständigen, exotischen oder bedrohlichen Kultur der ‚Anderen‘ verortet, während die Lösungen von Problemen in der technologischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Überlegenheit der Weissen gesehen wird. Migrantinnen oder nicht-weisse Menschen kommen in diesen Erzählungen, wenn man sich nicht grad über sie lustig macht, meist nur als Opfer oder zu Belehrende vor. Ausgeblendet bleibt die jahrhundertealte Geschichte europäisch-überseeischer Herrschaftsbeziehungen und folglich die historische Mitverantwortung Europas für die Probleme der Gegenwart. Wie wirkmächtig dieses koloniale Erzählmuster im Schweizer Fernsehen ist, zeigt sich besonders deutlich in Sendungen, die eigentlich wohlwollend über das Leben der ‚Fremden‘ in der Schweiz berichten oder sogar Rassismus kritisieren wollen.

Ein Beispiel ist die Geschichte von Rea Rabin und Babin Surenthiran. Sie wurde Mitte Oktober im Dokumentarfilmformat ‚Reporter‘ erzählt. Das Problem des jungen Sri Lanka-schweizerischen Paares ist die Kirchenzugehörigkeit der Braut. Rea Rabins Familie ist Mitglied einer tamilisch-evangelischen Freikirche, die sich gegen die Hochzeit mit Babin Surenthiran sträubt, da er aus einer Hindu-Familie kommt bzw. aus evangelikaler Sicht ein ‚Heide‘ ist. Entscheidend ist, dass die Probleme des Paares – entgegen der TV-Erzählung – wenig mit einer angeblich ‚traditionellen‘ tamilischen Herkunftskultur zu tun haben, sondern vielmehr mit dem Erbe einer langen kolonialen Beziehung: Die tamilischen Gemeinschaften Sri Lankas wurden ab den 1830er Jahren von europäischen und amerikanischen Missionsgesellschaften christianisiert. Etliche tamilische Flüchtlinge kamen in den 1980er Jahren daher als evangelikale Christen in die Schweiz, wo sie zuweilen ins Visier radikaler evangelikaler Freikirchen gerieten. Die reaktionäre Haltung des Evangelikalismus ist folglich keinesfalls ein typisches tamilisches Phänomen; auch unzählige weisse Schweizer Evangelikale machen dieselben Erfahrungen, wenn sie sich ausserhalb ihrer Freikirche verlieben.

Dessen ungeachtet verknüpft die Doku das Schicksal des Paares immer wieder mit ihrer angeblich ‚fremden‘ Herkunftskultur. Auf der SRF-Website heisst es etwa: „Diese Geschichte spielte sich nicht irgendwo weit weg von uns ab, sondern mitten in der Schweiz.“ Unterstellt wird, dass solche Probleme normalerweise nicht zu ‚uns‘ gehören, sondern durch die Einwanderung importiert werden. Weiter erörtert der Film ausführlich das Thema der ‚arrangierten Ehen‘ in der tamilischen Diaspora, obwohl dies im konkreten Fall völlig irrelevant ist. Die Ehe zwischen Rea Rabin und Babin Surenthiran ist gerade keine arrangierte Ehe. Das Schicksal der beiden wird also nicht nüchtern analysiert, sondern exotisiert. Dies erlaubt es, den für die weisse Schweiz unangenehmen Kern der Problematik – die Folgen christlich-europäischer Missionierung und Intoleranz – zu verschleiern.

White man’s burden

In der Sendung ‚Kulturplatz‘, ein weiteres Beispiel, ging es jüngst um ‚Schwarzen Protest‘. Rassismus in den USA, aber auch in der Schweiz, sollten klar benannt werden, doch selbst hier zeigt sich die Wirkweise des ‚Rassismus ohne Rasse‘. Die Moderatorin Eva Wannenmacher fragt ihre Kollegin Angélique Wälchli, ob sie ihre dunkle Hautfarbe jemals als ‚Handicap‘ erlebe. Umgekehrt fragte Wälchli allerdings nicht, ob Wannenmacher ihre weisse Haut als Privileg erlebe. Wälchli repräsentierte damit die partikulare Erfahrung der Betroffenen, während Wannenmacher für eine vermeintlich neutrale Position ausserhalb von Geschichte und Herrschaftsbeziehungen stand. Dies entspricht dem Selbstverständnis der weissen Mehrheitsgesellschaft, die ihre eigene Lebensweise und Kultur so gut wie nie als ‚imperiale Dividende‘, also als Ausdruck von geerbten Privilegien aus der Kolonialzeit versteht und thematisiert. Das Muster prägte die ganze Sendung: weisse Haut stand für Expertentum und Universalität; dunkle Haut für Betroffenheit und Partikularität.

Kurzum: Rassismus im 21. Jahrhundert sollte nicht mehr länger auf ein marginales Rechtsaussenproblem reduziert werden. Rassismus hat auch eine gesamtgesellschaftliche und strukturelle Dimension im Alltag, die sich einerseits im Ausschluss der nicht-weissen Bevölkerung aus den wirtschaftlichen, politischen und journalistischen Schaltzentralen europäischer Gesellschaften manifestiert (Ausnahmen bestätigen die Regel). Und andererseits auch in einer massenmedial vermittelten Kultur des Schweigens über weisse Mitverantwortung und Komplizenschaft sowie über weisses Profitieren von der Geschichte und Gegenwart strukturell-rassistischer Ausschlussmechanismen. Dies zu ändern liegt nicht in der Macht der betroffenen Minderheiten. Es liegt in der Verantwortung der Institutionen der weissen Mehrheitsgesellschaft – darunter den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten.

Am Montag, den 5. Dezember, sprechen Bernhard Schär, Kijan Espahangizi und Noémi Michel im Cabaret Voltaire (Zürich) über die Geschichte des Rassismus in der Schweiz.