Biologisierter Antirassismus. Wie DNA-Ethnizitätstests ein falsches Verständnis des modernen Rassismus (re)produzieren

Gentests, die Einblicke in die ethnische Abstammung versprechen, sind nicht nur ein erfolgreiches Geschäftsmodell geworden. Sie gelten zunehmend auch als argumentatives Rüstzeug gegen Rassismus. Anstatt jedoch Vorstellungen natürlicher Unterarten des Menschen aus der Welt zu schaffen, schreiben Ethnizitätstests diese fest.



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Im Jahr 2016 ging ein Video viral, in dem Menschen anhand von DNA-Tests ihre „ethnische Abstammung“ erfuhren. Die Ergebnisse waren überraschend. Einem herkunftsstolzen Engländer etwa wurde offenbart, dass er nur zu 30 Prozent britisch sei. Und auch das: „five percent German“ – jene nationality, die er so hasste. Der Clip war ein mit Schauspielern produzierter Werbegag einer Online-Reisesuchmaschine und sollte (neben dem Verkauf von Reisen) Vorurteile abbauen: Lässt sich erweisen, dass niemand eine reine Abstammung vorweisen kann, wird Rassismus zum Fehlschluss – so die Idee.

Sicher ist, dass sich mit Ethnizitätstests erfolgreich Geld verdienen lässt. Die Anzahl der Anbieter ist in den letzten Jahren stetig gewachsen, sie heißen etwa MyHeritage, iGENEA oder ancestry. Das Produkt ist recht ähnlich: Eine Speichelprobe wird an den Anbieter verschickt, dieser lässt sie im Labor analysieren, nach einiger Zeit kann das Ergebnis abgerufen werden. Zur Basisausstattung gehört die prozentuale Aufschlüsselung des Erbguts nach verschiedenen Ethnizitäten. Bei dem Schweizer Anbieter iGENEA kann gegen Aufpreis gar die Abstammung von einem „Urvolk“ attestiert werden: „Sind Sie Jude?“

Gentests als antirassistische Praxis?

Von ihren Anhängern werden die Tests nicht selten als ultimative Waffe im Kampf gegen Rassismus ausgewiesen. Sowohl bei den Anbietern als auch in der Rezeption der Gentests kann dasselbe Narrativ ausgemacht werden: Stete Migration hätte zur ethnischen Vermischung geführt, die sich im menschlichen Erbgut wiederspiegele. Wenn dies nun Menschen bewusst würde, wären sie gegen Rassismus immun.

So hat MyHeritage eine Kampagne auf den Weg gebracht, die unter dem Slogan „we are all blended“ oder auch „wir sind alle eine bunte Mischung“ Fußballprofis mittels Speicheltests in der hauseigenen Herkunftsmatrix platziert. Aber auch iGENEA versuchte sich mit der Studie „Die Zusammensetzung der Bevölkerung Deutschlands hinsichtlich der genetischen Abstammung“ bereits vor längerer Zeit als Vorkämpfer in Sachen Antirassismus zu positionieren. Ein Ergebnis war die niedrige Quote von Menschen „germanischen Ursprungs“. Eine Mitarbeiterin verleitete das zur Aussage, dass „die moderne Genetik […] den Rassismus ad absurdum“ führe. Denn: „In jedem Menschen steckt ein Mischmasch.“

Ähnliches zeigt sich in der künstlerischen Rezeption der Ethnizitätstests: So bewies die DNA-Herkunftsanalyse der Schriftstellerin Emma Braslavsky, dass ihre Familie „vor 300 Jahren noch rein afrikanisch und schwarzhäutig“ gewesen sei. An dieser zwar fiktiven, aber auf Grundlage der Testergebnisse geschriebenen „Ahnengeschichte“ könne sie ablesen, dass die „Angst vor Überfremdung […] eigentlich eine Illusion“ sei. Braslavsky denkt entsprechend darüber nach, „Antirassismusfonds“ einzurichten, die flächendeckend Herkunftsanalysen ermöglichen sollen. Bei dem von Braslavsky und anderen kultivierten Antirassismus handelt es sich um einen biologisierten Antirassismus, der Gefahr läuft, ein Begehren nach Abstammung und Differenz eher zu festigen als aus der Welt zu schaffen. Kam Rassismuskritik jahrelang ohne die Annahme tatsächlich existierender Rassen aus, fällt der biologisierte Antirassismus dahinter zurück: Er schreibt das kulturelle Artefakt der Ethnizität als natürliches Programm in die menschliche DNA ein.

Einschreibung der Ethnizität in die menschliche Natur

Rassismus als genuin moderner Exklusionsmechanismus ist ein Kind der Aufklärung: Der Glaube an eine gottgewollte Ordnung wurde von der Autorität des Naturgesetzes verdrängt. Die Natur und mit ihr der Mensch wurden zu Erkenntnisgegenständen, denen objektives Wissen abgerungen werden konnte. Innerhalb dieses Prozesses entstand auch die Einteilung von Menschen in natürlich gedachte rassischen Gruppen. Wissenschaftler schufen Klassifikationssysteme, die rassistische Exklusion mit einem Rationalitätsanspruch versahen. Gentests, die versprechen die ethnische Herkunft aufzuschlüsseln, schreiben diesen wissenschaftlichen Rassismus durchaus fort.

Im Zuge einer kritischen Bestandsaufnahme rassistischen Denkens und Handelns, die besonders in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzte, gilt es als anerkannt, dass wie auch immer definierte Abstammungsgemeinschaften kulturelle Artefakte sind – vorgestellte Gemeinschaften, so Benedict Andersons populärer Begriff. Hat die Idee biologisch begründeter Ethnien, Nationen oder auch Rassen zwar sehr reale und gewaltvolle Auswirkungen, so sind sie in ihrem Kern vor allem eines: eine Fiktion. Lässt sich somit die Existenz von Rassen oder auch Ethnien nicht in der Natur selbst belegen, ist ihre Negation ebenso wenig dort zu finden. Rassismus verschwindet nicht als gesellschaftliche Realität, indem man sich auf seine Logik einlässt, sondern indem man die Praktiken identifiziert und kritisiert, über die Rassismen wirkmächtig werden.

Durch Gentests wird die Fiktion biologisch begründeter Unterarten des Menschen am Leben erhalten. MyHeritage etwa bestimmt als Grundlage der Herkunftsanalyse 42 „Ethnizitäten“, auch „Gründerpopulationen“ benannt. Dafür wurden Menschen anhand genealogischer Daten ausgewählt, die „über viele Generationen konsistente[ ] Abstammung aus derselben Region oder Ethnizität“ aufwiesen. Es könne somit auf die „einzigartigen DNA Sequenzen“ geschlossen werden. Zusätzlich wurde mittels einer statistischen Methode die Reinheit dieser Gruppen garantiert: Es wurden „Ausreißer und Menschen, die sich bezüglich ihrer Herkunft geirrt hatten, […] ausgesondert.“ Entwickelt wurde diese Methode, die Hauptkomponentenanalyse, im Übrigen vom Mathematiker und Rassentheoretiker Karl Pearson und leistete schon vor 100 Jahren ihre Dienste in der anthropologischen Forschung.

Diese 42 identifizierten Ethnizitäten sind keine Dinge in der Welt, sondern müssen in einem aufwendigen und komplexen Verfahren hergestellt werden. Zudem beruht dieses Verfahren auf einem Blick auf die Natur, der von vornherein durch die Annahme der Existenz ethnischer Gruppen geprägt ist. Gentests schreiben Vorstellungen, nach denen Ethnizität eine natürliche Qualität des Menschen sei, fest und lösen diese nicht auf.

Moderne Rassentheorien

Das oben nachgezeichnete Narrativ, dass der Beweis einer vermischten Herkunft Rassismus verhindern könne, basiert auch auf dem Wissen, das durch Gentests produziert wurde. Was dabei übersehen wird: Vermischung, das zeigt ein kursorischer Blick auf moderne Rassentheorien, war durchaus konstitutiver Bestandteil letzterer und definierte nicht selten, was rassistisches Handeln war.

Arthur de Gobineau etwa, dessen vierbändiges Essai sur l’inégalité des races humaines als eine der wichtigsten rassentheoretischen Schriften des 19. Jahrhunderts gilt, ging von der Existenz dreier Rassen aus – schwarz, weiß und gelb. Ihre Vermischung war ein notwendiger Vorgang und zentraler Bestandteil von Gobineaus Theorie. Demnach war die gelbe Rasse ursprünglich in Europa und wurde erst durch Einwanderung und Vermischung mit der weißen Rasse verdrängt. Wobei Vermischung als durchaus ambivalent begriffen wurde: Sie war Movens aller Geschichtlichkeit, und das sowohl in einer generativen als auch degenerativen Perspektive. Sie war also kein Argument gegen Rassismus, sondern deren Erkenntnis vielmehr Bedingung, überhaupt erst rassistisch handeln zu können.

Ähnliches offeriert der Blick auf die insbesondere im Nationalsozialismus wirkmächtige nordische Rassenlehre. Populär wurde sie durch Hans F. K. Günther, dessen Bestseller Rassenkunde des deutschen Volkes sich ab den 1920er Jahren hunderttausendfach verkaufte. Grundannahme war die Existenz von sechs hierarchisch gewerteten europäischen und weiteren außereuropäischen Rassen. Ein Volk war in dieser Vorstellung nie unvermischt, sondern bestand aus Mischungsverhältnissen. In der Praxis funktionierte diese Theorie aus einer Kombination von physischer Anthropologie, also der Vermessung des Ist-Zustandes etwa durch Schädelindizes, und Eugenik, also der Forderung per bewusster sexual selection dem Volk zu einem besseren Mischungsverhältnis zu verhelfen. Auch hier ist also Vermischung nicht Argument gegen rassistische Praktiken und Politiken, sondern brachte sie erst hervor.

Ethnizität als Ware

Es gibt (neben vielen anderen) einen Unterschied zwischen Rassentheoretikern und Ethnizitätstestern: Letztere zielen nicht darauf ab, ihre Ergebnisse in staatliche Biopolitiken umzumünzen. Wie lässt sich dann das neue Begehren nach Abstammung erklären?

In der Ahnenforschung ist die DNA-Genealogie mittlerweile ein beliebtes Tool geworden, das bei der Suche nach Vorfahren helfen soll. Zudem bieten die Firmen ein Genmatching an, das Verwandte, sofern sie ebenfalls einen Test gemacht haben, identifiziert. Doch ist diese Zielgruppe wohl zu klein, um die hohen Umsätze der Branche zu erklären.

Ein häufig zitierter Satz des Molekularbiologen und Mitinitiatoren des Humangenomprojektes, James Watson, führt auf eine andere Spur: „We used to think our fate was in our stars. Now we know, in large measure, our fate is in our genes.“ Als Zeitdiagnostik gewendet, lässt er eine andere Interpretation zu, die von Watson nicht intendiert war. Diese verweist auf den okkulten Charakter der Gentests für den Hausgebrauch. Letztere ermöglichen ähnlich des aus den Sternen gelesenen Horoskopes einen vermeintlichen Blick in das, was als Schicksal verstanden wird und schließen damit an eine bereits länger eingeübte Kulturtechnik an – die Astrologie. Über die getestete Ethnizität werden Eigenschaften oder auch Wunschvorstellungen des Ichs auf die Abstammung projiziert.

Wer sich durch einige Blogs und Vlogs klickt, in denen Erfahrungen mit den Gentests geschildert werden, wird schnell fündig. Eine Reisebloggerin fragt sich etwa, ob ihre nun bewiesene nichtdeutsche Herkunft ihre Wurzel- und Rastlosigkeit erklären könnte. Ein ehemaliger Fußballprofi versteht dank Ethnizitätstests seine Liebe zum Fischfang – er hat skandinavische Gene. Häufig zeigt sich auch der Wunsch, körperliche Merkmale wie Haar- oder Augenfarbe auf die Abstammung zurückführen zu können. Wie der Blick in die Sterne ein kosmisches Programm offeriert, entschlüsselt Abstammung die Persönlichkeit. Diese Privatisierung der Ethnizität bei gleichzeitiger Ethnisierung des Privaten erweckt jedoch – gestützt durch Werbekampagnen – das Begehren nach Abstammung und Differenz.

Gentests und Identität

Ein Ethnizitätstest kann zudem auch ein Ticket sein, das den Erwerb einer anderen Identität ermöglicht. Prominente Beispiele häufen sich insbesondere in den USA. Bekannt wurde unter anderen der Fall eines Mannes, der 50 Jahre lang als Weißer lebte. Nach absolviertem Test (90 Prozent European, 6 Native American, 4 Black) wollte er nun auch die Vorteile dieser neuen Identität genießen und ins sogenannte minority business owner-Porgramm aufgenommen werden. Das hätte ihm gegenüber weißen Geschäftsinhabern Vorteile bei der Vergabe staatlicher Aufträge verschafft. Während dieser Antrag nach langem Rechtsstreit scheiterte, wurde seine Geburtsurkunde jedoch bereits geändert.

Auch der Fall Elizabeth Warrens, die in der Vorwahl der Demokraten für die Präsidentschaftskandidatur 2020 antritt, sorgte für Furore. Sie wollte per DNA-Test ihre schon vor längerer Zeit behauptete, aber umstrittene indigene Abstammung beweisen. Obwohl der Test mehr oder weniger im Sinne Warrens positiv ausfiel, erntete sie Kritik – im Besonderen auch von indigenen Interessensgruppen. Ein Vorwurf: Sie bestärke mit ihrem Test den Glauben, dass race eine Sache des Blutes sei.

Gentests führen also weniger Rassismus ad absurdum als vielmehr Antirassismus selbst. Letztlich offenbart sich hier die Kehrseite der sozialkonstruktivistischen Erkenntnis: Gerade weil Ethnos und Rasse nie tatsächlich über eine biologische Fundierung wirkten, sondern diese nur annahmen, können sie auch wiederhergestellt und als wirkmächtige gesellschaftliche Selbst- wie Fremdbeschreibungen aktiviert werden. Biologisch definierte Vorstellungen von Rasse und Ethnizität müssen als solche dechiffriert und kritisiert werden. Das beinhaltet auch, die Praktiken zu analysieren, die diese Vorstellungen hervorbringen. Dazu gehören die Ethnizitätstests, die – den Abstammungsgedanken (wieder) in die Natur des Menschen einschreiben.