Die britische Netflix-Serie Adolescence (2025) gehört zu den meistdiskutierten Streaming-Formaten der vergangenen Jahre. Im Mittelpunkt steht der Mord an einem 13jährigen Mädchen, verübt von einem gleichaltrigen Jungen, und die Suche nach einem Motiv, welches das Umfeld des Täters über vier intensive Episoden zu ergründen versucht. Jamie Miller (Owen Cooper) streitet die Tat zunächst ab, obwohl eine Überwachungskamera ihn eindeutig dabei zeigt, wie er wiederholt mit einem Küchenmesser auf Katie Leonard (Emilia Holliday) einsticht. Dann schweigt er auf Anraten seines Anwalts und gesteht erst in Untersuchungshaft, im Gespräch mit einer Psychologin (Briony Ariston), die Tat. Das Motiv aber bleibt weiterhin Gegenstand von Spekulationen. Und um diese Spekulationen geht es in der Serie. Wie kann es dazu kommen, dass ein 13jähriger eine solche Tat begeht? Wer trägt die Verantwortung?
Obwohl die Herangehensweise der Creators Stephen Graham und Jack Thorne sowie des Regisseurs Philip Barantini mehr Fragen aufwerfen, denn Antworten liefern, setzte sich im öffentlichen Diskurs bald die Deutung durch, Adolescence sei als eindringliche Warnung vor dem schädlichen Einfluss sozialer Medien auf Jugendliche zu verstehen. Der Guardian lobt sie als „a vital call to action for parents and their teens“ und lässt keinen Zweifel daran, dass wir es mit einer Warngeschichte im Stil der Kinderliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts zu tun haben:
„It’s a cautionary tale about getting teenagers off screens and engaging with real life again. A reminder that human contact and family time might help save them. A plea to support, talk and listen, not let them fall through the cracks and disappear down the digital rabbit hole. It will open conversations that desperately need to be had.“
Wenn die Serie dazu führt, dass Maßnahmen zugunsten von Jugendlichen egal welchen Geschlechts ergriffen werden, um Misogynie im Internet und die Radikalisierung in der Mannosphäre zu bekämpfen, ist das sehr zu begrüssen. Dennoch handelt es sich beim „call to action“ um eine eindimensionale Interpretation der komplexen Bildsprache, mit der die Serie operiert, und ist selbst Ausdruck eben jener Erzählmuster, die die Serie kritisiert: der Neigung, komplexe soziale Dynamiken auf einfache Ursachen zu reduzieren. Mit ihrer dichten Bildsprache, die durchaus paranoide Züge trägt, entfaltet Adolescence vielmehr ein Kaleidoskop zirkulierender und teils widersprüchlicher Erklärungsmuster für Gewalt: von Smartphonesucht über Cyberbullying, Andrew Tate und die Mannosphäre bis zur fehlenden elterlichen Zuwendung und transgenerationeller Gewalterfahrung – ohne sich dabei auf eine eindeutige Diagnose festzulegen. Gerade darin liegt ihr kritisches Potenzial.
Paranoia-Modus
Die Serie etabliert gleich zu Beginn ein Gefühl von Paranoia bei der Zuschauerin, das mit der ästhetischen Form zu tun hat. Die Kameraarbeit ist bemerkenswert – jede der vier Episoden besteht aus einer einzigen ungeschnittenen Plansequenz. Oberflächlich mag dies die Illusion von Unmittelbarkeit, Authentizität, eines dokumentarischen Erzählens wecken, doch die One-Take-Folgen sind genauso konstruiert, wie geschnittene Sequenzen es wären. Der Unterschied besteht, wie der Filmwissenschaftler Matthias Brütsch kürzlich im Filmbulletin aufzeigte, in der starken Betonung der Erzählperspektive. Adolescence wirkt dadurch weniger wie eine objektive Ermittlung, eben nicht wie die Enthüllung einer „nackten Wahrheit“, sondern wie ein Kaleidoskop subjektiver Sichtweisen.
Was die Zuschauer:innen zu sehen bekommen, bleibt stets interpretationsbedürftig. Ohne Kontext sind die Bilder ambivalent, manchmal unlesbar. So ist Adolescence auch ein Anti-Krimi, denn der „Fall“ kann und soll nicht „gelöst“ werden. Gerade weil es sich im Grunde um eine Coming-of-Age-Erzählung in einer von multiplen Krisen verunsicherten Gesellschaft handelt, verweigert sich die Serie auch auf der Ebene des Genres einem Investigativnarrativ. Besonders eindrücklich ist der Umgang mit einem Mechanismus, der tief im populären Erzählen verankert zu sein scheint: Wenn Mädchen oder Frauen ermordet werden, interessieren sich alle nur für den Täter. Rebecca Solnit spricht in diesem Zusammenhang von einem zutiefst misogyn geprägten Erzählmuster, das schwer zu durchbrechen sei. Das Totschweigen der Opfer sei integraler Teil der physischen Gewalt gegen Frauen. Auch Adolescence entkommt dieser Logik nicht, macht sie aber immerhin sichtbar und prangert sie an.
In der Eröffnungsszene greift die Serie jedoch einen klassischen Krimi-Topos auf: die Dinge sind nicht, was sie scheinen. Indem sie die Gewalt des Polizeieinsatzes als Eindringen in den Alltag einer schlafenden Familie inszeniert, wird die fiktionale Realität von Anfang an als brüchig dargestellt. Jamie, dieser blasse kleine Junge, der in die Hose macht, als er von einem Polizisten aus dem Schlaf gerissen wird, kann doch gar nicht der Mörder sein, oder?
Doch der Umgang der Serie mit dem, was anders ist, als es scheint, entpuppt sich im Folgenden als weit komplexer. Auf dem Video ist Jamie klar als Mörder erkennbar, doch weil das Bild des kleinen verschüchterten Jungen und des rasenden Mörders einfach nicht zusammenpassen wollen, entsteht bei den erwachsenen Figuren (und bei den Zuschauer:innen) ein schwer zu ertragendes Bedürfnis nach Ruhe, nach einem kausalen Narrativ, welches die beiden Bilder verschmelzen lässt. In der Serie führt dies zu fatalen Missinterpretationen. Die Polizei untersucht Jamies Smartphone und druckt dessen Instagram-Posts auf DIN A4-Größe aus, um sich einen Reim darauf zu machen. Für den Ermittler Detective Inspector Bascombe (Ashley Walters) erzählen die Bilder eine simple Geschichte: Jamie war in Katie verliebt, doch sie hat ihn abgewiesen. D.I. Bascombe baut seinen Fall auf dem für ihn plausiblen, aber irrigen Narrativ auf, bis ihn sein Sohn Adam (Amari Bacchus), fast mit Gewalt zwingt, ihn anzuhören, um ihn über seine Fehllektüre aufzuklären: „Dad, it’s not going well because you’re not getting it. “ – „What am I not getting? “ – „You’re not reading what they’re doing.“ Die Emojis bedeuten nämlich, dass Katie Jamie als Incel bezeichnet und dafür wiederum viele Likes von anderen Jugendlichen bekommt. Bascombe fragt seinen Sohn eindringlich, ob Jamie denn von Katie gemobbt worden sei, ob der Mord eine Antwort auf Cyberbullying sein könnte. Adam hat darauf keine Antwort; er hält sich mit einer Interpretation zurück. Es gibt immer wieder solche Momente, in denen die Serie die Verkehrung von Täter und Opfer als einfaches Erklärungsmuster aufgreift, aber nur, um sie zu verwerfen. Genauso wenig behauptet die Serie, dass alle jungen Männer Opfer des Mainstream-Feminismus seien und sich deshalb Andrew Tate und anderen Hasspredigern der Mannosphäre zuwenden würden. Diese Deutungen geschehen im Kopf der Zuschauer, was manche in Youtube-Videos ausführlich dokumentieren. Ein Beispiel dafür ist ein Interview mit Jordan Peterson, der die Serie zwar noch nicht gesehen hat zum Zeitpunkt der Aufnahme, sie aber schon im Zusammenhang mit dem „assault on masculinity“, dem Angriff auf die Männlichkeit deutet, vor dem er bereits 2016 gewarnt habe.
Paranoia-Marketing
Netflix tut alles, um die Interpretation der Serie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Streaming-Plattform versteht sich überaus gut darauf, ihre Serien und Filme für ein möglichst breites Publikum zu vermarkten. Dabei orientiert sie sich an emotional aufgeladenen Themen und skandalträchtigen Figuren, aber vor allem auch an Genres, die garantiert für emotionale Reaktionen und Diskussionen in den Sozialen Medien sorgen, insbesondere auf YouTube, Facebook, X, Instagram und TikTok. Bei True Crime-Formaten wie Fred and Rose West. A British Horror Story (2025), um ein aktuelles Beispiel zu nennen, geht es nicht darum, die Morde des englischen Paars an den eigenen Kindern und anderen jungen Frauen in einem medialen und soziopolitischen Kontext zu analysieren, sondern schlicht darum, das Publikum mit möglichst grausigen Details in Schockstarre zu versetzen. Das Entsetzen über das Böse im Menschen entlädt sich postwendend in einer Kaskade von Posts und Videos. Auch Dating Shows wie Too Hot to Handle (2000-) leben von der Aufregung, die sich auf YouTube, Instagram und TikTok ausbreitet. Auf diese Weise hält Netflix die Fäden des digital geprägten medialen Alltags wie eine dicke Spinne zusammen.
Im Fall von Adolescence stellt sich der Streamingdienst ironischerweise als kritische Bastion gegen die übermäßige Nutzung von Smartphones und Sozialen Medien durch Jugendliche dar – während die erwachsenen Zuschauer:innen ihrerseits dringend eingeladen sind, ihrer Empörung auf den inkriminierten Kanälen Ausdruck zu verleihen und auf ihren Smartphone-Apps Handyverbote für Minderjährige zu fordern. Denn Adolescence wird auf Netflix wie folgt angekündigt: „The online life of teens. The unwavering love of parents. The pressures of masculinity. All laid bare in this drama about a boy accused of murder.“
Verletzliche Gefüge
Doch ein paranoides Zuschauer:innengefühl sollte nicht zu einer paranoiden Interpretation führen – ganz im Gegenteil, wie die Forschung zur Geschichte des Paranoia-Modus im Kino zeigt. Vielmehr verweist es auf eine tiefere kulturelle Dynamik, die der Soziologe Luc Boltanski in seinem Buch Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft (2013) beschrieben hat: Angesichts wachsender Komplexität nehmen die Zweifel an der „Realität der Realität“ zu. Deshalb wird auf vereinfachende Erzählformen zurückgegriffen – etwa auf Verschwörungserzählungen, die suggerieren, dass hinter jeder Verunsicherung eine klare Ursache und ein Schuldiger stecken muss; man braucht nur die verborgene Erzählung hinter der Oberfläche zu erkennen. Diese Praxis der Interpretation ist deshalb paranoid, weil sie, anstatt die Kontingenz auszuhalten, behauptet zu wissen, welche „Wahrheit“ hinter einer Erzählung steckt und damit eine diffuse Angst schürt, die wiederum zu Schuldzuweisungen führt. Auch Adolescence spielt mit dieser Logik, indem sie eine Vielzahl von Deutungsangeboten auffächert, sie aber nie zur definitiven Erklärung fixiert. Die Praxis populären Erzählens, ein Rätsel zu konstruieren und dafür eine Lösung zu präsentieren, wird hinterfragt, ja dekonstruiert. Adolescence lässt die Mechanismen der Vereinfachung so sichtbar werden, dass sie sich selbst entlarven. Und die Serie verweigert den Zuschauer:innen gerade dadurch die Sicherheit, die sie zunächst zu geben scheint.
Am Ende der zweiten Episode, in deren Zentrum der Ermittler D.I. Bascombe und seine Frage nach dem Motiv der Tat stehen, singt ein Kinderchor Stings Song Fragile, während die Kamera sich von der Augenhöhe der menschlichen Figuren löst und langsam über die Dächer gleitet. Sie nähert sich dem Tatort, der zu einem Meer aus in Plastik gewickelten Blumen geworden ist, und wir sehen, wie Jamies Vater einen Blumenstrauß niederlegt. Entscheidend sind nicht die melancholischen Einsichten des Songtextes, „Nothing comes from violence, and nothing ever will. To all those born beneath an angry star. Lest we forget how fragile we are.“ Entscheidend ist, dass nicht Jamie im Zentrum steht, der Mörder, sondern Katie, und Katies gewaltsamer Tod eingebettet in die Gemeinschaft der Kleinstadt, in der das Verbrechen verübt wurde.