Die Netflix-Serie Adolescence wird als Warnstück gelesen, obwohl ihre Bildsprache eine vielschichtige Gegenwartsanalyse anbietet: eine subtile Kritik an der populären Interpretationspraxis, die hinter allem, was man sieht, eine verborgene Wahrheit finden will.

  • Christine Lötscher

    Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Bilder, para­noid gelesen. Die Netflix-Serie Adolescence
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Die briti­sche Netflix-Serie Adole­s­cence (2025) gehört zu den meist­dis­ku­tierten Streaming-Formaten der vergan­genen Jahre. Im Mittel­punkt steht der Mord an einem 13jährigen Mädchen, verübt von einem gleich­alt­rigen Jungen, und die Suche nach einem Motiv, welches das Umfeld des Täters über vier inten­sive Episoden zu ergründen versucht. Jamie Miller (Owen Cooper) streitet die Tat zunächst ab, obwohl eine Über­wa­chungs­ka­mera ihn eindeutig dabei zeigt, wie er wieder­holt mit einem Küchen­messer auf Katie Leonard (Emilia Holliday) einsticht. Dann schweigt er auf Anraten seines Anwalts und gesteht erst in Unter­su­chungs­haft, im Gespräch mit einer Psycho­login (Briony Ariston), die Tat. Das Motiv aber bleibt weiterhin Gegen­stand von Speku­la­tionen. Und um diese Speku­la­tionen geht es in der Serie. Wie kann es dazu kommen, dass ein 13jähriger eine solche Tat begeht? Wer trägt die Verantwortung?

Obwohl die Heran­ge­hens­weise der Crea­tors Stephen Graham und Jack Thorne sowie des Regis­seurs Philip Baran­tini mehr Fragen aufwerfen, denn Antworten liefern, setzte sich im öffent­li­chen Diskurs bald die Deutung durch, Adole­s­cence sei als eindring­liche Warnung vor dem schäd­li­chen Einfluss sozialer Medien auf Jugend­liche zu verstehen. Der Guar­dian lobt sie als „a vital call to action for parents and their teens“ und lässt keinen Zweifel daran, dass wir es mit einer Warn­ge­schichte im Stil der Kinder­li­te­ratur des 18. und 19. Jahr­hun­derts zu tun haben:

„It’s a cautio­nary tale about getting teen­agers off screens and enga­ging with real life again. A reminder that human contact and family time might help save them. A plea to support, talk and listen, not let them fall through the cracks and disap­pear down the digital rabbit hole. It will open conver­sa­tions that despera­tely need to be had.“

Wenn die Serie dazu führt, dass Maßnahmen zugunsten von Jugend­li­chen egal welchen Geschlechts ergriffen werden, um Miso­gynie im Internet und die Radi­ka­li­sie­rung in der Manno­sphäre zu bekämpfen, ist das sehr zu begrüssen. Dennoch handelt es sich beim „call to action“ um eine eindi­men­sio­nale Inter­pre­ta­tion der komplexen Bild­sprache, mit der die Serie operiert, und ist selbst Ausdruck eben jener Erzähl­muster, die die Serie kriti­siert: der Neigung, komplexe soziale Dyna­miken auf einfache Ursa­chen zu redu­zieren. Mit ihrer dichten Bild­sprache, die durchaus para­noide Züge trägt, entfaltet Adole­s­cence viel­mehr ein Kalei­do­skop zirku­lie­render und teils wider­sprüch­li­cher Erklä­rungs­muster für Gewalt: von Smart­phone­sucht über Cyber­bul­lying, Andrew Tate und die Manno­sphäre bis zur fehlenden elter­li­chen Zuwen­dung und trans­ge­ne­ra­tio­neller Gewalt­er­fah­rung – ohne sich dabei auf eine eindeu­tige Diagnose fest­zu­legen. Gerade darin liegt ihr kriti­sches Potenzial.

Paranoia-Modus

Die Serie etabliert gleich zu Beginn ein Gefühl von Para­noia bei der Zuschauerin, das mit der ästhe­ti­schen Form zu tun hat. Die Kame­ra­ar­beit ist bemer­kens­wert – jede der vier Episoden besteht aus einer einzigen unge­schnit­tenen Plan­se­quenz. Ober­fläch­lich mag dies die Illu­sion von Unmit­tel­bar­keit, Authen­ti­zität, eines doku­men­ta­ri­schen Erzäh­lens wecken, doch die One-Take-Folgen sind genauso konstru­iert, wie geschnit­tene Sequenzen es wären. Der Unter­schied besteht, wie der Film­wis­sen­schaftler Matthias Brütsch kürz­lich im Film­bul­letin aufzeigte, in der starken Beto­nung der Erzähl­per­spek­tive. Adole­s­cence wirkt dadurch weniger wie eine objek­tive Ermitt­lung, eben nicht wie die Enthül­lung einer „nackten Wahr­heit“, sondern wie ein Kalei­do­skop subjek­tiver Sichtweisen.

Was die Zuschauer:innen zu sehen bekommen, bleibt stets inter­pre­ta­ti­ons­be­dürftig. Ohne Kontext sind die Bilder ambi­va­lent, manchmal unlesbar. So ist Adole­s­cence auch ein Anti-Krimi, denn der „Fall“ kann und soll nicht „gelöst“ werden. Gerade weil es sich im Grunde um eine Coming-of-Age-Erzählung in einer von multi­plen Krisen verun­si­cherten Gesell­schaft handelt, verwei­gert sich die Serie auch auf der Ebene des Genres einem Inves­ti­ga­tiv­n­ar­rativ. Beson­ders eindrück­lich ist der Umgang mit einem Mecha­nismus, der tief im popu­lären Erzählen veran­kert zu sein scheint: Wenn Mädchen oder Frauen ermordet werden, inter­es­sieren sich alle nur für den Täter. Rebecca Solnit spricht in diesem Zusam­men­hang von einem zutiefst misogyn geprägten Erzähl­muster, das schwer zu durch­bre­chen sei. Das Totschweigen der Opfer sei inte­graler Teil der physi­schen Gewalt gegen Frauen. Auch Adole­s­cence entkommt dieser Logik nicht, macht sie aber immerhin sichtbar und pran­gert sie an.

In der Eröff­nungs­szene greift die Serie jedoch einen klas­si­schen Krimi-Topos auf: die Dinge sind nicht, was sie scheinen. Indem sie die Gewalt des Poli­zei­ein­satzes als Eindringen in den Alltag einer schla­fenden Familie insze­niert, wird die fiktio­nale Realität von Anfang an als brüchig darge­stellt. Jamie, dieser blasse kleine Junge, der in die Hose macht, als er von einem Poli­zisten aus dem Schlaf gerissen wird, kann doch gar nicht der Mörder sein, oder?

Doch der Umgang der Serie mit dem, was anders ist, als es scheint, entpuppt sich im Folgenden als weit komplexer. Auf dem Video ist Jamie klar als Mörder erkennbar, doch weil das Bild des kleinen verschüch­terten Jungen und des rasenden Mörders einfach nicht zusam­men­passen wollen, entsteht bei den erwach­senen Figuren (und bei den Zuschauer:innen) ein schwer zu ertra­gendes Bedürfnis nach Ruhe, nach einem kausalen Narrativ, welches die beiden Bilder verschmelzen lässt. In der Serie führt dies zu fatalen Miss­in­ter­pre­ta­tionen. Die Polizei unter­sucht Jamies Smart­phone und druckt dessen Instagram-Posts auf DIN A4-Größe aus, um sich einen Reim darauf zu machen. Für den Ermittler Detec­tive Inspector Bascombe (Ashley Walters) erzählen die Bilder eine simple Geschichte: Jamie war in Katie verliebt, doch sie hat ihn abge­wiesen. D.I. Bascombe baut seinen Fall auf dem für ihn plau­si­blen, aber irrigen Narrativ auf, bis ihn sein Sohn Adam (Amari Bacchus), fast mit Gewalt zwingt, ihn anzu­hören, um ihn über seine Fehl­lek­türe aufzu­klären: „Dad, it’s not going well because you’re not getting it. “ – „What am I not getting? “ – „You’re not reading what they’re doing.“ Die Emojis bedeuten nämlich, dass Katie Jamie als Incel bezeichnet und dafür wiederum viele Likes von anderen Jugend­li­chen bekommt. Bascombe fragt seinen Sohn eindring­lich, ob Jamie denn von Katie gemobbt worden sei, ob der Mord eine Antwort auf Cyber­bul­lying sein könnte. Adam hat darauf keine Antwort; er hält sich mit einer Inter­pre­ta­tion zurück. Es gibt immer wieder solche Momente, in denen die Serie die Verkeh­rung von Täter und Opfer als einfa­ches Erklä­rungs­muster aufgreift, aber nur, um sie zu verwerfen. Genauso wenig behauptet die Serie, dass alle jungen Männer Opfer des Mainstream-Feminismus seien und sich deshalb Andrew Tate und anderen Hass­pre­di­gern der Manno­sphäre zuwenden würden. Diese Deutungen geschehen im Kopf der Zuschauer, was manche in Youtube-Videos ausführ­lich doku­men­tieren. Ein Beispiel dafür ist ein Inter­view mit Jordan Peterson, der die Serie zwar noch nicht gesehen hat zum Zeit­punkt der Aufnahme, sie aber schon im Zusam­men­hang mit dem „assault on mascu­li­nity“, dem Angriff auf die Männ­lich­keit deutet, vor dem er bereits 2016 gewarnt habe.

Paranoia-Marketing

Netflix tut alles, um die Inter­pre­ta­tion der Serie in eine bestimmte Rich­tung zu lenken. Die Streaming-Plattform versteht sich überaus gut darauf, ihre Serien und Filme für ein möglichst breites Publikum zu vermarkten. Dabei orien­tiert sie sich an emotional aufge­la­denen Themen und skan­dal­träch­tigen Figuren, aber vor allem auch an Genres, die garan­tiert für emotio­nale Reak­tionen und Diskus­sionen in den Sozialen Medien sorgen, insbe­son­dere auf YouTube, Face­book, X, Insta­gram und TikTok. Bei True Crime-Formaten wie Fred and Rose West. A British Horror Story (2025), um ein aktu­elles Beispiel zu nennen, geht es nicht darum, die Morde des engli­schen Paars an den eigenen Kindern und anderen jungen Frauen in einem medialen und sozio­po­li­ti­schen Kontext zu analy­sieren, sondern schlicht darum, das Publikum mit möglichst grau­sigen Details in Schock­starre zu versetzen. Das Entsetzen über das Böse im Menschen entlädt sich post­wen­dend in einer Kaskade von Posts und Videos. Auch Dating Shows wie Too Hot to Handle (2000-) leben von der Aufre­gung, die sich auf YouTube, Insta­gram und TikTok ausbreitet. Auf diese Weise hält Netflix die Fäden des digital geprägten medialen Alltags wie eine dicke Spinne zusammen.

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Im Fall von Adole­s­cence stellt sich der Strea­ming­dienst ironi­scher­weise als kriti­sche Bastion gegen die über­mä­ßige Nutzung von Smart­phones und Sozialen Medien durch Jugend­liche dar – während die erwach­senen Zuschauer:innen ihrer­seits drin­gend einge­laden sind, ihrer Empö­rung auf den inkri­mi­nierten Kanälen Ausdruck zu verleihen und auf ihren Smartphone-Apps Handy­ver­bote für Minder­jäh­rige zu fordern. Denn Adole­s­cence wird auf Netflix wie folgt ange­kün­digt: „The online life of teens. The unwa­ve­ring love of parents. The pres­sures of mascu­li­nity. All laid bare in this drama about a boy accused of murder.“

Verletz­liche Gefüge

Doch ein para­no­ides Zuschauer:innengefühl sollte nicht zu einer para­no­iden Inter­pre­ta­tion führen – ganz im Gegen­teil, wie die Forschung zur Geschichte des Paranoia-Modus im Kino zeigt. Viel­mehr verweist es auf eine tiefere kultu­relle Dynamik, die der Sozio­loge Luc Boltanski in seinem Buch Rätsel und Komplotte. Krimi­nal­li­te­ratur, Para­noia, moderne Gesell­schaft (2013) beschrieben hat: Ange­sichts wach­sender Komple­xität nehmen die Zweifel an der „Realität der Realität“ zu. Deshalb wird auf verein­fa­chende Erzähl­formen zurück­ge­griffen – etwa auf Verschwö­rungs­er­zäh­lungen, die sugge­rieren, dass hinter jeder Verun­si­che­rung eine klare Ursache und ein Schul­diger stecken muss; man braucht nur die verbor­gene Erzäh­lung hinter der Ober­fläche zu erkennen. Diese Praxis der Inter­pre­ta­tion ist deshalb para­noid, weil sie, anstatt die Kontin­genz auszu­halten, behauptet zu wissen, welche „Wahr­heit“ hinter einer Erzäh­lung steckt und damit eine diffuse Angst schürt, die wiederum zu Schuld­zu­wei­sungen führt. Auch Adole­s­cence spielt mit dieser Logik, indem sie eine Viel­zahl von Deutungs­an­ge­boten auffä­chert, sie aber nie zur defi­ni­tiven Erklä­rung fixiert. Die Praxis popu­lären Erzäh­lens, ein Rätsel zu konstru­ieren und dafür eine Lösung zu präsen­tieren, wird hinter­fragt, ja dekon­stru­iert. Adole­s­cence lässt die Mecha­nismen der Verein­fa­chung so sichtbar werden, dass sie sich selbst entlarven. Und die Serie verwei­gert den Zuschauer:innen gerade dadurch die Sicher­heit, die sie zunächst zu geben scheint.

Am Ende der zweiten Episode, in deren Zentrum der Ermittler D.I. Bascombe und seine Frage nach dem Motiv der Tat stehen, singt ein Kinder­chor Stings Song Fragile, während die Kamera sich von der Augen­höhe der mensch­li­chen Figuren löst und langsam über die Dächer gleitet. Sie nähert sich dem Tatort, der zu einem Meer aus in Plastik gewi­ckelten Blumen geworden ist, und wir sehen, wie Jamies Vater einen Blumen­strauß nieder­legt. Entschei­dend sind nicht die melan­cho­li­schen Einsichten des Song­textes, „Nothing comes from violence, and nothing ever will. To all those born beneath an angry star. Lest we forget how fragile we are.“ Entschei­dend ist, dass nicht Jamie im Zentrum steht, der Mörder, sondern Katie, und Katies gewalt­samer Tod einge­bettet in die Gemein­schaft der Klein­stadt, in der das Verbre­chen verübt wurde.