In Berlin wird die Umbenennung von Straßennamen diskutiert. Dabei geht es um altbekannte Antisemiten wie Martin Luther und Richard Wagner, aber auch um Denker wie Karl Marx. Wie sinnvoll sind diese Bemühungen, die Geschichtsschreibung durch Straßenumbenennungen zu beeinflussen?

  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Berliner Anti­se­mi­tis­mus­streit 2.0? Cancel und Context auf Straßen und Plätzen
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Wie oft in Krisen­zeiten blühte in den 1870er Jahren im Deut­schen Kaiser­reich der Juden­hass. Während damals die angeb­lich unlau­teren Geschäfts­prak­tiken und Börsen­spe­ku­la­tionen von Juden für die wirt­schaft­liche Depres­sion verant­wort­lich gemacht wurden, klagt man Juden heute als „globa­lis­ti­sche“ Verschwörer und Antreiber einer Klima- und Impf­dik­tatur an.  Im November 1879 unter­stellte der Histo­riker und Reichs­tags­ab­ge­ord­nete Hein­rich von Treit­schke in den konser­va­tiven Preu­ßi­schen Jahr­bü­chern den deut­schen Juden, eine „natio­nale Sonder­exis­tenz“ anzu­streben. Sein Fazit „Die Juden sind unser Unglück!“ ist ein Beweis, wie tief der Anti­se­mi­tismus in den intel­lek­tu­ellen und akade­mi­schen Eliten verbreitet war. Treit­schkes von völkisch-antisemitischen Parteien begierig aufge­grif­fenes und als Motto des natio­nal­so­zia­list­schen Stürmer verwen­dete Verdikt löste eine Debatte aus, die als „Berliner Anti­se­mi­tis­mus­streit“ in die Geschichte einging; nament­lich der renom­mierte Althis­to­riker Theodor Mommsen stellte sich Treit­schke entgegen.

Treit­schke ist erneut Gegen­stand eines Anti­se­mi­tis­mus­streits in Berlin. Im dortigen Rhein­gau­viertel ist eine Straße nach dem borrus­si­schen Reak­tionär benannt, dessen Beiträge zur Geschichts­wis­sen­schaft trotz schnei­dender Kritik immer noch als Klas­siker gewür­digt werden. Auch in Städten wie München wohnt man noch in der Treitschke-Straße, dort haben sich mitt­ler­weile Bürger­initia­tiven für eine Umbe­nen­nung gebildet, und zwar zugunsten des von Treit­schke persön­lich atta­ckierten jüdi­schen Theo­logen Hein­rich Graetz, Verfasser einer mehr­bän­digen „Geschichte der Juden“. Im Stutt­garter Vorort Sillen­buch billigte 2010 der Verwal­tungs­aus­schuss einstimmig die Umwid­mung in Fritz-Bauer-Straße, benannt nach dem in Stutt­gart gebo­renen Gene­ral­staats­an­walt und Ankla­ge­ver­treter im Auschwitz-Prozess 1963 bis 1965. In Berlin war eine ähnliche Initia­tive 2013 am Wider­stand der Bezirks­ver­wal­tung Steglitz geschei­tert – und am Unwillen der Bewohner und Geschäfts­leute, die mit preu­ßi­schen Profes­soren nicht viel anfangen können, aber Ausweis­pa­piere, Brief­köpfe und Visi­ten­karten nicht ändern wollten.

290 Namen

Der Streit könnte in Berlin jetzt wieder aufflammen und dann auch deut­sche Größen wie Martin Luther und Richard Wagner betreffen. Der Berliner Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragte Samuel Salz­born hat den Leip­ziger Poli­to­logen Felix Sass­manns­hausen mit einer Studie beauf­tragt, die im Anschluss an die Debatte um kolo­nia­lis­ti­sche Relikte weitere Straßen und Plätze iden­ti­fi­zieren soll, deren Namen „nach heutigem Demo­kra­tie­ver­ständnis negativ belastet sind und die Beibe­hal­tung nach­haltig dem Ansehen Berlins schaden würde“. Auf der Liste finden sich 290 Namen von Straßen und Plätzen in Berlin (von insge­samt 10 500), über­wie­gend benannt nach Ange­hö­rigen des Hauses Hohen­zol­lern, weiteren Theo­logen (wie der anfäng­liche Anti­semit und spätere Wider­ständler Martin Niem­öller) und Künst­lern wie unter anderen Richard Strauss. Sass­manns­hausen empfiehlt drei Kate­go­rien: sofor­tige Umbe­nen­nung, (digi­tale) Kontex­tua­li­sie­rung, weitere Prüfung.

Quelle: ab-berlin-immobilien.de

Daraus ergibt sich ein inter­es­santes Problem der Praxis­re­le­vanz histo­ri­scher Forschung für das Leben. Soll Martin Luther weiterhin als der protes­tan­ti­sche Kirchen­re­former gewür­digt, dürfen Wagner-Opern noch aufge­führt, Verdienste eines Pastor Niem­öller für die Frie­dens­be­we­gung gewür­digt und der Atten­täter des 20. Juli, Schenk Graf von Stauf­fen­berg jähr­lich gefeiert werden, aber keine Straßen nach ihnen benannt bleiben, weil sie unbe­streitbar Juden abwer­tende Äuße­rungen getan haben? Gibt es auch eine Berüh­rungs­schuld bei Konrad Adenauer, dem Vorge­setzten von Hans Globke, der ein maßgeb­li­cher Kommen­tator der Nürn­berger NS-Rassegesetze war? Ist die Umwid­mung einer Straße Vorspiel einer umfas­sen­deren Rela­ti­vie­rung ihrer Werke, also einer Enteh­rung, die nicht mehr zwischen Person und Werk unter­scheidet, sondern die Person fürs Werk nimmt? Sass­manns­hausen empfahl auch die Strei­chung von Straßen, die nach Wagner-Opern (Rienzi, Tann­häuser, Walküre) benannt sind.

Dazu gehen die Meinungen erwar­tungs­gemäß weit ausein­ander. Für den Histo­riker Hubertus Knabe wäre Umbe­nennen ein „tota­li­tärer“ Akt, der ihn an einschlä­gige Dikta­tur­prak­tiken in Deutsch­land erin­nert; Remko Leem­huis hingegen, der Direktor des American Jewish Committee in Berlin sähe darin „eine Möglich­keit, über den Umgang mit der Geschichte neu und auf Höhe der Zeit nach­zu­denken. Das Reflek­tieren über Vergan­genes gibt es seit Menschen­ge­denken und sollte doch gerade in einer libe­ralen Demo­kratie eine Selbst­ver­ständ­lich­keit sein.“ Er schlägt vor, in Zwei­fels­fällen darüber zu streiten, ob die Namens­ta­feln hängen bleiben und einen erläu­ternden Zusatz erhalten, der die jewei­lige anti­se­mi­ti­sche Verstri­ckung hervor­hebt. Man könnte der Straße auch einen zweiten Namen anfügen, der Opfer anti­se­mi­ti­scher Diskri­mi­nie­rung und Gewalt würdigt.

Nützen Umbe­nen­nungen?

Der unge­wollte Effekt einer unkom­men­tierten Umwid­mung könnte nicht etwa ein größeres Geschichts­be­wusst­sein sein, sondern eher eine damnatio memo­riae unter­stützen, die mit dem symbo­li­schen Akt der Strei­chung unge­wollt einen Schluss­strich unter eine Vergan­gen­heit zieht – die vom Namen her vergehen soll, aber eben nicht dadurch vergeht, dass ihre Akteure in zwei, drei Genera­tionen keiner mehr kennt, wenn sie even­tuell auch in Schul­bü­chern und Biblio­theken zur Vermei­dung unguter Gefühle aussor­tiert worden sind. Passanten würde der histo­ri­sche Juden­hass eines Martin Luther und der Anti­se­mi­tismus eines Richard Wagner mit Zusätzen stets besser gegen­wärtig bleiben, wenn sie die Bibel aufschlagen und „Rhein­gold“ anschauen.

Nazi-Schmierereien auf jüdi­schem Friedhof; Quelle: tagesspiegel.de

Namens­strei­tig­keiten und Denk­mals­stürze können eine para­doxe Nutz­lo­sig­keit produ­zieren, wenn der interne, vornehm­lich im links-liberalen Milieu ausge­tra­gene Streit, der leicht unver­söhn­liche Züge annimmt, den aktu­ellen Anti­se­mi­tismus (und Rassismus) gar nicht erreicht. Der Berliner Senat bilan­zierte für 2021, dass die Zahl anti­se­mi­ti­scher Vorfälle in Berlin noch einmal deut­lich ange­stiegen ist – mit Körper­ver­let­zungen und Bedro­hungen, Sach­be­schä­di­gungen und Hass­kom­men­taren, zuletzt animiert durch soge­nannte Quer­denker und einen unre­flek­tierten Anti­zio­nismus. In Deutsch­land und Europa greift eine anti­se­mi­ti­sche Deutung der Corona-Pandemie um sich und dekla­rieren Souve­rä­nisten Juden als Treiber des Programms der angeb­li­chen „Umvol­kung“. „Jews will not replace us“ lautet der aus den USA impor­tierte Slogan. In Deutsch­land wurden 2020 rund 2300 anti­jü­di­sche Straf­taten verzeichnet, im folgenden Jahr gab es noch einmal eine Stei­ge­rung um 30 Prozent. Jede Maßnahme gegen heutige aktive Juden­feind­lich­keit hat Prio­rität und eine entschei­dende Frage ist, ob und wie Betrof­fene anti­se­mi­ti­scher Parolen und Hand­lungen durch eines der genannten Stra­ßen­schilder „großer Deut­scher“ beein­träch­tigt werden.

Kommt dabei ein ange­messen kontex­tua­li­sierter Stra­ßen­name ihrem Wunsch nach dem Wach­halten einer verbre­che­ri­schen Vergan­gen­heit nicht eher entgegen? Hubertus Knabe, lang­jäh­riger Leiter der Gedenk­stätte Hohen­schön­hausen, ist im aktu­ellen Zusam­men­hang pole­misch geworden: „Es sagt eine Menge aus über die poli­ti­sche Kultur der Bundes­re­pu­blik, wenn 30 Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch massen­haft die Epigonen der kommu­nis­ti­schen Diktatur gewür­digt, die Opfer und der Wider­stand hingegen vergessen werden – und sich niemand daran stört.“ Was also: Soll man die Namen Ernst Thäl­mann und Clara Zetkin abschrauben, die von Martin Luther und Richard Wagner aber nicht? Das wäre zwei­erlei Maß. Es muss wohl beide ertragen, wer die kata­stro­phale Dimen­sion unserer histo­ri­schen Vergan­gen­heit im vollen Umfang gegen­wärtig halten will. Es gibt übri­gens im Berliner Dossier wenigs­tens einen Fall, der doppelt betroffen wäre: Karl Marx. In seiner frühen Schrift „Zur Juden­frage“ schrieb er, selbst jüdi­scher Herkunft, so markante Sätze wie „Welches ist der welt­liche Grund des Juden­tums? Das prak­ti­sche Bedürfnis, der Eigen­nutz. Welches ist der welt­liche Kultus des Juden? Der Scha­cher. Welches ist sein welt­li­cher Gott? Das Geld.“ Sass­manns­hausen hat Marx zu Recht als Zwei­fels­fall dekla­riert, doch in Wien haben 2020 Petenten der Black Lives Matter-Bewegung die unver­züg­liche Umbe­nen­nung des berühmten Karl Marx-Hofes verlangt.

„Bischöflich-Geistlicher-Rat-Josef-Zinnbauer-Straße“

Karl Marx-Allee, 1960er Jahre; Quelle: museumderdinge.de

„Canceln“ oder Kontex­tua­li­sieren – in Deutsch­land mit seinen zahl­rei­chen Regime­wech­seln im 19. und 20. Jahr­hun­dert muss dies schließ­lich selbst Gegen­stand histo­ri­scher Refle­xion werden. Exem­pla­risch wird der acht­fache Namens­wechsel ein und derselben Straße im Erfurter Orts­teil Ilvers­ge­hofen binnen eines Jahr­hun­derts genannt: Vor der Einge­mein­dung hieß sie Haupt­straße, von 1912 bis 1933 Post­straße; 1933 bis 1945 wurde sie system­be­dingt nach Horst Wessel, 1950 bis 1961 nach Josef Stalin und 1961 bis 1990 nach Karl Marx benannt, in kurzen Inte­rims hieß sie Straße der Guten Hoff­nung, Weißen­seer Allee und seit 1990 Magde­burger Allee. Anders als in den USA, in Japan und in Teilen Mann­heims, wo Straßen numme­riert oder durch­buch­sta­biert sind und dadurch eine Rich­tungs­ori­en­tie­rung möglich wird, herrscht in den meisten Städten Europas eine dem Orien­tie­rungs­sinn nicht unbe­dingt entge­gen­kom­mende Viel­zahl von Straßen- und Platz­namen vor. Die Haupt­straße war einmal die wich­tigste Straße eines Ortes, nach Bahnhof, Post oder Gewer­be­arten wurden physi­sche Markie­rungen ange­boten, „Weißensee“ und „Magde­burg“ weisen Rich­tungen, die „Krumme Straße“ oder „Schöne Aussicht“ verspre­chen Anschau­lich­keit, die sich nicht immer einstellt.

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Die später einset­zende Benen­nung von Straßen und Plätzen nach Personen bildete stabile Dichter-, Künstler-, Musi­ker­viertel und Ingenieurs- und Mana­ger­viertel, während die poli­ti­sche Nomen­klatur variabel blieb und in der NS-Zeit wie in beiden Teilen Deutsch­lands propa­gan­dis­ti­sche Funk­tionen hatte. Was, wie sich jetzt wieder zeigt, zu teil­weise erbit­terten Namens­strei­tig­keiten führt. Im Berliner Stadt­teil Kreuzberg-Friedrichshain, eine Hoch­burg alter­na­tiver Szenen, gilt der Beschluss, mindes­tens die Hälfte der Straßen nach weib­li­chen Personen zu benennen. Der Platz vor dem Jüdi­schen Museum konnte deswegen nur nach Moses Mendels­sohn benannt werden, wenn der Philo­soph gemeinsam mit seiner Ehefrau Fromet geehrt wurde – wohl ein prak­ti­sches Beispiel für Inter­sek­tio­na­lität. Ob solche Band­wurm­namen, extrem im Fall der „Bischöflich-Geistlicher-Rat-Josef-Zinnbauer-Straße“ in Dingol­fing, Anwohner freut, ist eine andere Frage. Der Kampf um nament­liche Würdi­gung (bzw. Enteh­rung) wird dann zum Ärgernis, wenn ihre symbo­li­sche Bedeu­tung die deik­ti­sche Funk­tion von Stra­ßen­namen bei Weitem über­steigt. Im Zeit­alter von Google Maps werden Suchende ohnehin auf die „neutrale“ Geore­fe­ren­zie­rung nach Standort und Post­leit­zahl zurückgreifen.

Fazit: Eine längst sinn­ent­leerte Treit­sch­ke­straße braucht wirk­lich niemand, Verant­wort­liche von Geno­ziden und Kriegs­ver­bre­chen werden zu Recht aus dem Stra­ßen­bild entfernt. Doch Kant, Fichte, Hegel und Marx ob ihrer zeit­be­dingten Vorur­teile (die sie zum Teil selbst zu über­winden beigetragen haben) löschen zu wollen, wäre ahis­to­ri­sche Zensur. Die weiterhin offene Frage ist, ob Umbe­nen­nungen und Denk­mals­stürze einen substan­zi­ellen Beitrag zur Bekämp­fung von Rassismus und Anti­se­mi­tismus leisten können.

  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.