Miljenko Jergović fährt nach Kriegsbeginn von Zagreb nach Belgrad und findet sich zwischen den mentalen Fronten und den Nachtwölfen wieder, dem 1989 gegründeten ultranationalistischen, ultraorthodoxen Bikerclub, der seit Jahren vom Kreml finanziert gegen die russische Opposition, gegen den Euromaidan, für die Annexion der Krym und jetzt für den Krieg demonstriert.

  • Miljenko Jergović ist Schriftsteller, Dichter und Essayist. Er lebt in Zagreb. Für seine Bücher hat er viele internationale Preise erhalten. Auf Deutsch erschienen: Sarajevo Marlboro (1996), Mama Leone (1999), Buick Rivera (2002), Freelander (2007) und Wolga, Wolga (2009), zuletzt: Der rote Jaguar (2021.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Belgrader Reise­be­richt: Nacht­wölfe, Vladimir Putin und die rote Fahne des Kommunismus
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Ich kam am siebten Tag des Krieges in Belgrad an und wurde von einem Angst­ge­fühl erfasst, das ich mir nicht einge­stehen wollte. Mich quälte nicht so sehr, dass ich mich im Moment der Ankün­di­gung des Katak­lysmus – während die Kroat:innen die Apotheken bela­gerten, um an Jod zu gelangen, und die Bosnier:innen Mehl­säcke nach Hause schleppten – so weit von zu Hause entferne, sondern mich beun­ru­higte, dass ich dieje­nigen verlasse, die sich, natür­lich voll­kommen beden­kenlos, auf die Seite der Ukrainer:innen schlagen, und zu denen gehe, die, genauso beden­kenlos, auf der Seite der Russ:innen sind. Das war, als über­querte ich die Front­linie in einem sehr blut­rüns­tigen und mani­schen, wenn­gleich nur imagi­nären und symbo­li­schen Krieg, es war, als hetzte ich vom Opfer zum Aggressor. Aber auf der anderen Seite der Angst wühlte ein Teufel in mir, zwang mich zu sehen und zu erfahren, wie es ist, für Putin zu sein, wie sein Russe zu denken, zu unter­stützen, was sich der Logik des Dramas wider­setzt; denn dem Menschen ist es einfach nicht gegeben, denje­nigen anzu­feuern, der angreift, und gegen den zu sein, der ange­griffen wird.

Die Reise hätte ich viel­leicht verschoben, wenn sie nicht vor langer Zeit verein­bart worden wäre. Ich reise nach Novi Sad, das in diesem Jahr Kultur­haupt­stadt Europas ist, um dort am Lite­ra­tur­pro­gramm teil­zu­nehmen. Das ist mir schon an sich wichtig. Und es ist mir noch dazu wegen einer kleinen eich­hörn­chen­ar­tigen Verletzt­heit wichtig: in dem Jahr, in dem, wenn auch formal, Rijeka als Kultur­haupt­stadt Europas figu­rierte, gab es für mich im Rije­kaer Lite­ra­tur­pro­gramm keinen Platz. Und natür­lich würde ich über alle realen und imagi­nären Linien hinweg nach Novi Sad reisen. Zudem war verab­redet, und zwar seit Langem, dass ich in Belgrad die frisch gedruckte serbi­sche Ausgabe meines Buches Trojica za Kartal (Die drei für Kartal) vorstelle. Das also ist der formale Rahmen der Reise. Und der Witzema­cher Zufall kümmerte sich um das Wesent­liche, indem er Putins Aggres­sion gegen die Ukraine und die mora­li­schen und poli­ti­schen Rahmen­be­din­gungen des Dritten Welt­kriegs in all das einfügte.

Denn obwohl dieser Krieg (noch) nicht an Fronten geführt wird, es keinen Schlag­ab­tausch von Waffen und Nukle­ar­spreng­köpfen gibt, ist das mensch­liche Bewusst­sein unifor­miert, sind ethi­sche Poten­tio­meter einge­schaltet, und all jene, die den Aggressor nicht scharf genug verur­teilen und dabei unglück­li­cher­weise auch noch im Besitz russi­scher Namen und russi­scher Pässe sind, werden aus unserer Welt ausge­schlossen. Das ist schon in den ersten vier oder fünf Tagen von Putins Massaker in der Ukraine passiert. Der Feind wurde gekenn­zeichnet, markiert, gecan­celt, abge­schrieben, so dass es nicht über­trieben ist zu sagen, dass noch vor dem Ende der ersten Woche des Blut­ver­gie­ßens in der Ukraine die Lage in der Welt erschien, als befänden wir uns Ende 1942. Die mora­li­sche Rigo­ro­sität ist, so vermute ich, die Folge der allge­meinen Virtua­li­sie­rung der Wirk­lich­keit. Den Leuten scheint, dass sie den Ukrainer:innen tatsäch­lich helfen, wenn sie Anna Netrebko das Singen und Gergiev das Diri­gieren verbieten. Zwei geniale Schurken. (Schreibe ich viel­leicht selbst diesen Satz, weil ich Angst habe, ‚gecan­celt‘ zu werden, wenn ich den Aggressor nicht laut genug verur­teile und meine Posi­tion nicht bestimme? Mag sein.)

Am ersten Abend in Belgrad blieb meine Frau in der Wohnung, weil sie online arbeitet, und ich lief durch das verlas­sene Dorćol. Und so gehe ich, um Hunde­scheiße herum, auf dem Trot­toir jener Straße, die vormals den Namen Đuro Đako­vićs trug und heute nach dem grie­chi­schen Staats­mann Elef­te­rios Veni­zelos benannt ist, und mein Blick bleibt an einer Figur auf einem chro­mierten ameri­ka­ni­schen Motorrad hängen. In einer Leder­jacke, mit Hand­schuhen und einem welt­raum­ar­tigen Helm mit verdun­keltem Visier, betrachtet mich eine Kreatur, deren Alter ich nicht bestimmen kann, weil sie kein Gesicht hat. Und ich weiß, dass er mich beob­achtet, weil auch ich ihn anschaue. Es ist etwas Selt­sames in seiner Erschei­nung – wie vermut­lich auch meine Erschei­nung für ihn seltsam ist. Ich trage einen schwarzen Mantel und einen grauen Bart wie ein russi­scher Mystiker; für den Biker bin ich, vermute ich, etwas anderes als das, was ich in Wirk­lich­keit bin.

Und so laufe ich an ihm vorbei, der Bürger­steig ist schmal, an einer Stelle trennte uns kaum ein halber Meter, als ich den Motor höre und gleich danach Stimmen aus einem unheim­lich starken Laut­spre­cher, der auf dem Motorrad montiert ist. Ist das ein Chor von Rotar­misten, oder sind das irgend­welche moder­neren Nach­ahmer? Wie auch immer, es sind Dutzende, deut­lich vonein­ander zu unter­schei­dende männ­liche Stimmen, solis­tisch geführt von einem selbst­ge­rechten, reinen heroi­schen Tenor. Augen­blick­lich bekomme ich vom erschre­ckend unbe­hag­li­chen Behagen eine Gänse­haut – zum ersten Mal höre ich den sowje­ti­schen Chor mit einem Ohr, das mit ähnlich unbe­hag­li­chem Behagen die melan­cho­li­schen SS-Lieder aus jugo­sla­wi­schen und auslän­di­schen Filmen gehört hatte – und dann von der rechten Seite, nur drei, vier Meter entfernt, sehe ich, wie das Motorrad mit dem Motor­rad­fahrer bedroh­lich langsam an mir vorbei­zieht, mit unsicht­baren Laut­spre­chern, dem Chor der Rotar­misten mit dem Solisten, und auf der wehenden roten Fahne mit Hammer und Sichel ist mit goldenen Buch­staben die Losung unserer Kind­heit geschrieben: Prole­ta­rier aller Länder, verei­nigt Euch!

Es dauerte lange, die Figur fuhr langsam, so dass alle ihr Lied hören konnten, obwohl außer mir niemand auf der Straße war und irgendwo weiter vorne war ein Jumbo­plakat von Vučićs Partei mit einer riesigen Foto­grafie des Schau­spie­lers Lazar Ristovski zu sehen. Und dann verschwanden Motorrad und rote Fahne aus dem Blick­feld, aber die Stimmen des Rotar­mis­ten­chors drangen noch weiter aus den Neben­straßen, in denen das Motorrad herumfuhr.

Das sind also diese Nacht­wölfe, Putins Biker, eine para­zi­vile masku­li­nis­ti­sche Gruppe, die Glauben und Angst verbreitet. Ein selt­samer Glaube, versteht sich, ist das, obwohl er mir seit dreißig Jahren bekannt ist. Klero­na­tio­na­lismus unter einer Maske, die die rote Fahne des kommu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­lismus hervor­ge­bracht hat. Vladimir Putin, Zögling von Alek­sandr Dugin und Anhänger der äußerst trüben Ideo­logie von Ivan Il’in, einem anti­kom­mu­nis­ti­schen Märtyrer aus der ersten Hälfte des letzten Jahr­hun­derts, einem verwünschten Verehrer des Faschismus, einem groß­rus­si­schen Rassisten, Chau­vi­nisten und harten Anti­se­miten, führt Krieg gegen das Erbe Lenins, aber auch gegen das kommu­nis­ti­sche Verständnis der Natio­na­li­tä­ten­frage und gegen die Rechte kleiner Völker, die rote kommu­nis­ti­sche Fahne schwen­kend. Genauso, wie im Herbst 1991 Milošević und Ratko Mladić Krieg gegen Tito, gegen den jugo­sla­wi­schen Föde­ra­lismus und gegen das Recht der Repu­bliken auf „Selbst­be­stim­mung bis hin zu Abspal­tung“ unter der glei­chen roten Fahne des kommu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­lismus begonnen haben.

Welcher Sinn dahinter steckt, weiß ich nicht! Falls es sich nicht um Marke­ting handelt, und falls sie nicht versu­chen, unter der glei­chen Fahne die Senti­mente dieser senilen Welt zu verein­nahmen, die sich an die Macht, aber auch an die Illu­sion allmen­sch­li­cher Gerech­tig­keit erin­nert, die sich unter dieser Fahne mani­fes­tiert hat. Oder versucht Putin, wie auch diese seine masku­line Figur auf dem Motorrad, den großen sowje­ti­schen Sieg im Zweiten Welt­krieg in seine natio­na­lis­ti­sche und rassis­ti­sche Ideo­logie der russisch-serbischen Supre­ma­tion über alle ukrai­ni­schen Völker dieser Welt einzu­bauen? Anti­fa­schismus lässt sich fantas­tisch für die Zwecke des Faschismus benutzen. Und bereits seit 1991 teilen sich diese Völker in jene, die ihre eigenen Sehn­süchte nach dem Faschismus mit anti­fa­schis­ti­schen Tradi­tionen nähren, und in jene, die ihre eigenen Sehn­süchte aus ihren eigenen faschis­ti­schen Quellen schöpfen. Deshalb konnte es 1991 und auch in späteren Jahren passieren, dass im ehema­ligen Jugo­sla­wien der Aggressor in den Krieg zieht und dabei anti­fa­schis­ti­sche Lieder aus klar faschis­ti­schen Posi­tionen singt, während die vom Faschismus Ange­grif­fenen sich wehren und dabei faschis­ti­sche Parolen rufen und sich mit faschis­ti­schen Insi­gnien schmü­cken. Wir glaubten, das sei unser trau­riges, balka­ni­sches und jugo­sla­wi­sches Spezi­fikum, und haben uns lange Zeit mit unseren Zungen die Schneide- und Eckzähne abge­stumpft beim vergeb­li­chen Versuch, Auslän­dern zu erklären, wie es mit den Emblemen, Symbolen und Über­zeu­gungen der Kriegs­par­teien steht. Es inter­es­siert mich sehr, wie lange diese Ausländer, die emotional und symbo­lisch in den Krieg invol­viert sind, brau­chen werden, um den Sinn der roten kommu­nis­ti­schen Fahne auf den Motor­rä­dern der Nacht­wölfe und Putins propa­gan­dis­ti­sche Paraden zu verstehen. Denn es steht unzwei­fel­haft fest: Der Faschismus unserer Zeit wurde geboren aus dem Hinein­treiben anderer Völker in den Antifaschismus.

Aber trotzdem ist mir ein gespens­ti­sches Gefühl geblieben nach diesem Ereignis in der Elefterios-Venizelos-Straße in Dorćol. Wen sah dieser Motor­rad­fahrer, als er mich durch sein abge­dun­keltes Visier ange­schaut hat? Mich oder jemand anderen in mir? Danach habe ich mich nicht mehr mit den Nacht­wölfen beschäf­tigt, aber Belgrad habe ich sorg­fältig beschnüf­felt und beschaut, denn für mich war es kein Vorkriegs-Belgrad mehr, sondern ein anderes, ein Kriegs-Belgrad. Ich habe die Unter­schiede zwischen uns auf dieser und ihnen auf der anderen Seite der Front gesucht. Auch wenn ich sie gefunden habe, waren diese Unter­schiede eher partei­ischer als essen­ti­eller Art. Die breite Masse und die Regie­rung sind für die Russen. Für Putin. Blind und um jeden Preis. Jene wenigen trau­rigen Menschen, um den Anderen wie um einen Bruder besorgt, sind auf der Seite der Ukrainer. Eine mutige und zutiefst beun­ru­higte Minder­heit. Das ist, scheint mir, wie bei uns. Wenige trau­rige und einsame Menschen, weinend um die anderen. Die übrigen kaufen Jod, genießen wie toll­wü­tige Hunde den Hass und das ferne digi­tale Blut­ver­gießen, und lehren ihre Kinder, sich immer auf die Seite der Stär­keren zu schlagen. Sie bringen ihnen bei, sich pathe­ti­sche Namen aus Groschen­ro­manen und aus dem Imagi­na­rium der Sicher­heits­dienste zu geben, KGB, Gestapo, Udba… Was für ein Unsinn – Nachtwölfe!

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Aus dem Kroa­ti­schen von Davor Beganović
Zuerst erschienen auf: https://www.24sata.hr/news/jergovic-beogradski-putopis-nocni-vuk-vladimir-putin-i-crvena-zastava-komunizma-821722
  • Miljenko Jergović ist Schriftsteller, Dichter und Essayist. Er lebt in Zagreb. Für seine Bücher hat er viele internationale Preise erhalten. Auf Deutsch erschienen: Sarajevo Marlboro (1996), Mama Leone (1999), Buick Rivera (2002), Freelander (2007) und Wolga, Wolga (2009), zuletzt: Der rote Jaguar (2021.