Wie gefährlich es ist, wenn Inklusion und Teilhabe mit dem Versprechen auf „Bereicherung“ propagiert werden, führt die US-amerikanische Schriftstellerin Flannery O’Connor in ihren brillanten Erzählungen aus den 1950er Jahren vor. Ihre Analyse ist hochaktuell.

  • Martina Süess ist Literaturwissenschaftlerin und beschäftigt sich mit der Darstellung von Behinderung in Literatur und Medien. In ihrem aktuellen Projekt untersucht sie, mit welchen narrativen und stilistischen Mitteln Eltern schwerbehinderter Kinder ihre Erfahrungen und ihr Wissen literarisch verarbeiten und zugänglich machen. Soeben ist dazu ihr Podcast „Kapitel B. Eltern behinderter Kinder erzählen vom Leben und Schreiben“ erschienen.

Gemein­same Schulen für Kinder mit und ohne Behin­de­rungen sind eine Voraus­set­zung für eine Gesell­schaft, in der Menschen mit Behin­de­rungen gleich­be­rech­tigt mit Nicht­be­hin­derten leben. Unab­hängig davon, wie der Unter­richt in diesen gemein­samen Schulen im Detail gestaltet wird, muss die Schule ein Ort sein, an dem das Zusam­men­leben erlernt wird und Berüh­rungs­ängste und Vorur­teile durch konkrete Erfah­rungen und persön­liche Bezie­hungen aufge­löst werden. Trotz bedeu­tender Fort­schritte gibt es in den deutsch­spra­chigen Ländern nach wie vor grosse Wider­stände gegen die Umset­zung einer wirk­lich inklu­siven Schule (die zum Beispiel auch Kinder mit schweren geis­tigen Behin­de­rungen oder Mehr­fach­be­hin­de­rungen mitein­be­zieht). Gegner:innen führen vor allem eine zu grosse Belas­tung für die Lehr­per­sonen und Nach­teile für die nicht­be­hin­derten Kinder ins Feld. Auch von betrof­fenen Eltern gibt es Wider­stand: Da sie wissen, wie anspruchs­voll die Betreuung ihrer Kinder ist, fürchten sie, dass deren Bedürf­nissen nicht genug Rech­nung getragen werden kann, und sie letzt­lich sitzen­ge­lassen oder auf dem Pausen­platz ruhig­ge­stellt werden, um die anderen nicht zu stören.

Befürworter:innen der Inklu­sion hingegen argu­men­tieren häufig damit, dass die Teil­habe von Menschen mit Behin­de­rungen eine „Berei­che­rung für alle“ sei. Vor dem Hinter­grund der heftigen Abwehr und des unver­hoh­lenen Ableismus’, der Betrof­fenen oft entge­gen­schlägt, klingt das freund­lich und aufge­schlossen, und ist in der Regel auch so gemeint. Doch die Aussage ist nicht nur falsch, sondern hoch­pro­ble­ma­tisch. Sie gründet nämlich eben­falls auf einem im Kern ableis­ti­schen Denken, bei dem Menschen mit Behin­de­rungen nur in Bezug auf die Vorteile für die Nicht­be­hin­derten und nicht in Bezug auf ihre eigenen Rechte und Ansprüche betrachtet werden.

Wird das Verspre­chen nicht einge­löst, lässt sich das Argu­ment leicht umkehren

Falsch ist die Aussage schon deshalb, weil es sehr indi­vi­duell und ebenso unbe­re­chenbar ist, wer was als „Berei­che­rung“ erlebt. Auch Betrof­fene und ihre Fami­lien bewerten ihre Behin­de­rungen sehr unter­schied­lich. Für manche mag der „disa­bi­lity gain“ im Vorder­grund stehen, für andere sind die Alltags­pro­bleme so belas­tend, dass es ihnen unmög­lich ist, von „Gewinn“ zu spre­chen. Manche Behin­de­rungen fordern allen Betei­ligten viel ab, und es kann durchaus sein, dass auch das Umfeld gewisse Nach­teile in Kauf nehmen muss. Das Ausmass dieser Nach­teile hängt natür­lich immer auch von den struk­tu­rellen Bedin­gungen ab. Doch unter schwie­rigen Bedin­gungen kann das falsche Verspre­chen für Betrof­fene sogar gefähr­lich werden: Wenn sich nämlich heraus­stellt, dass sich für das nicht­be­hin­derte Kind keine Vorteile ergeben, dass es viel­leicht sogar unter der Anwe­sen­heit eines Kindes mit Behin­de­rung leidet, dass es im Kampf um knappe Förder­stunden zu kurz kommt oder die Klasse als Ganze bestimmte Akti­vi­täten nicht machen kann, lässt sich das Argu­ment leicht umkehren: Wenn Menschen mit Behin­de­rungen nicht „berei­chern“, sondern als Belas­tung empfunden werden, sind sie nicht länger willkommen.

Die US-amerikanische Schrift­stel­lerin Flan­nery O’Connor (1925-1964) hat sich in ihren Erzäh­lungen immer wieder damit beschäf­tigt, was es bedeutet, wenn soziale Inter­ak­tionen ausschliess­lich unter dem Gesichts­punkt der Berei­che­rung statt­finden. O’Connor litt an Lupus erythe­ma­todes, einer Auto­im­mun­krank­heit, die zuerst die Haut und dann die Knochen angreift und zu zuneh­menden körper­li­chen Beein­träch­ti­gungen und meis­tens zu einem frühen Tod führt. Nach ihrer Diagnose im Alter von 26 Jahren zog sie deshalb von der urbanen Ostküste der USA, wo sie ihren ersten Roman geschrieben hatte, zurück zu ihrer verwit­weten Mutter, die in Georgia eine Farm bewirt­schaf­tete und von nun an auch die kranke, von stän­digen Schmerzen geplagte Tochter pflegte und versorgte. Hier erfand sich die Schrift­stel­lerin O’Connor ein zweites Mal: Sie schrieb zahl­reiche Kurz­ge­schichten, die vom Geist der Südstaaten durch­weht sind, und nicht selten von Witwen handeln, die mit ihren schwer vermit­tel­baren Töch­tern irgendwo im stau­bigen Nirgendwo auf einer Farm leben.

„Zeige mir dein Holz­bein“: Behin­de­rung als Fetisch

Eine Auswahl dieser Geschichten wurde 2018 auf Deutsch unter dem Titel „Keiner Menschen­seele kann man noch trauen“ veröf­fent­licht, und die Lektüre des Bandes ist schon deshalb lohnend, weil O’Connor eine bril­lante Erzäh­lerin und eine Meis­terin der kurzen Form ist. Oft wird sie mit Carson McCul­lers und Harper Lee vergli­chen, aber ihre scharf­sich­tigen Beob­ach­tungen zum Umgang mit Behin­de­rung sind eine Klasse für sich. Es gelingt O’Connor nämlich, die Behin­de­rungen ihrer Figuren nicht als emotio­na­li­sie­rende Effekte in Szenen zu setzen, sondern die durch die Behin­de­rung ausge­löste soziale Dynamik als groteske Kari­katur poin­tiert zu erfassen.

„Good Country People“ (1955, dt.: „Anstän­dige Leute vom Land“) heisst eine der Erzäh­lungen, bei der die biogra­fi­schen Bezüge nicht zu über­sehen sind: Mrs. Hope­well lebt mit ihrer Tochter Joy auf einer Farm. Joy ist bereits 32, hat aber gleich mehrere „Mängel“, die es unwahr­schein­lich machen, dass sie je heiraten wird: Erstens hat sie eine Prothese, weil ihr Bein bei einem Jagd­un­fall zerschmet­tert wurde, als sie zehn Jahre alt war. Zwei­tens ist ihre Lebens­er­war­tung stark verkürzt aufgrund eines Herz­feh­lers. Und drit­tens – was ihre Mutter am meisten besorgt – hat sie in Philo­so­phie promo­viert, nicht etwa aus Vergnügen, sondern mit vollem Ernst. Ausserdem ist sie meist schlecht gelaunt und schlecht gekleidet, kurz: Sie ist alles andere als eine Schön­heit des Südens. Doch eines Tages taucht ein junger Mann auf, fast noch ein Junge, der mit Bibeln hausiert. Er ist eine kümmer­liche Erschei­nung, ein Kind armer Leute, der im christ­li­chen Glauben eine Heimat gefunden hat und Missionar werden will. Über­ra­schen­der­weise findet er Gefallen an Joy. Auch sie träumt davon, ihn zu verführen, und so verab­reden sich die beiden zu einem Pick­nick. Die Prothese schreckt den Mann nicht ab, ganz im Gegen­teil: Er stellt Fragen zur Beschaf­fen­heit und Hand­ha­bung und erobert Joys Herz, indem er ihr weis­macht, dass er sie gerade wegen der Prothese so liebe: „Zeige mir, wo dein Holz­bein befes­tigt ist“, flüs­tert er, als es auf dem Heuboden zur Sache geht. Und auf Joys erschreckte Frage, warum, sagt er: „Weil’s das ist, was dich beson­ders macht. Du bist nicht wie alle anderen.“ Joy, die ihre Behin­de­rung bisher nur als Defizit gesehen hat, ist über­wäl­tigt. Sie gibt sich hin – heisst: sie legt ihre Prothese ab – um wenig später ohnmächtig mitan­sehen zu müssen, wie der junge Mann sich mit dem Holz­bein aus dem Staub macht. „Ich hab ne Menge inter­es­santer Sachen“, höhnt er noch, bevor er verschwindet. „Einmal hab ich auf die Tour das Glas­auge von ner Frau gekriegt“.

„Ein gutes Angebot“ oder scham­lose Ausbeutung?

Etwas komplexer werden Behin­de­rung und Berei­che­rung in der Erzäh­lung „The Live You Safe May Be Your Own“ (1953, dt.: „Das Leben, das du rettest, könnte dein eigenes sein“) mitein­ander verschach­telt. Die Ausgangs­lage ist jedoch ähnlich: Eine allein­ste­hende Frau lebt mit ihrer erwach­senen Tochter, die aufgrund einer Gehör­lo­sig­keit und einer kogni­tiven Beein­träch­ti­gung nur sehr einge­schränkt kommu­ni­zieren kann, auf einer Farm. Auch hier taucht ein junger, mittel­loser Mann auf, diesmal ein Land­strei­cher, der einen Werk­zeug­koffer dabeihat, und anbietet, sich auf dem Hof nütz­lich zu machen. Gegen Kost und Logis repa­riert er dies und das, er erweist sich als tüchtig, und die Mutter erkennt ihre Chance: Sie bietet ihm den Hof an, wenn er die Tochter heiratet. Nicht ohne ihn daran zu erin­nern, dass es für einen „armen, verkrüp­pelten Land­strei­cher“ wie ihn ein gutes Angebot ist. Auch er hat nämlich eine Behin­de­rung: In seinem linken „Rock­ärmel“ steckt nur ein „halber Arm“. Die Mutter erhofft sich aufgrund seiner schwa­chen Posi­tion als armer „Krüppel“ einen vorteil­haften Handel – eine Bereicherung.

Er willigt ein, als er erkennt, dass zur Verhand­lungs­masse auch ein Auto gehört, das er mit grossem Eifer repa­riert und aufpo­liert. Kurz nach der amtli­chen Trauung besteht er darauf, mit seiner Braut eine Nacht in einem Hotel in der Stadt zu verbringen, um die Eheschlies­sung ange­messen zu feiern, wie er sagt. Er macht sich – ohne Mutter – mit seiner Braut auf den Weg, setzt sie unter­wegs in einer Imbiss­bude ab, und fährt dann mit seinem frisch ergau­nerten Auto der unter­ge­henden Sonne entgegen. Berei­chert und dennoch frei von aller Verant­wor­tung, die ihm die Mutter aufladen wollte.

Es geht nicht um Vorteile für alle, sondern um Teil­habe für alle

Zwischen einer fiktio­nalen Erzäh­lung aus den US-amerikanischen Südstaaten der 1950er Jahre und der Realität unserer Gegen­wart liegt natür­lich eine unüber­seh­bare Distanz. Dennoch sind O’Connors Texte aufschluss­reich, um über den Umgang mit Behin­de­rung nach­zu­denken. Sie weisen darauf hin, dass selten wirk­lich „alle“ von einer erhofften Berei­che­rung profi­tieren – und dass gerade das ober­fläch­liche Inter­esse, die Feti­schi­sie­rung, die schein­bare Faszi­na­tion für Menschen mit Behin­de­rungen häufig eine beson­dere Gefahr darstellen: Sei es, weil eine Form von (symbo­li­scher und mate­ri­eller) Ausbeu­tung statt­findet, oder weil die Betrof­fenen als „Inspiration-Porn“ miss­braucht werden. Das Verspre­chen der „Berei­che­rung für alle“ ist deshalb, auch wenn es ernst gemeint ist, keine gute Grund­lage. Bei der Forde­rung nach einer gemein­samen Schule geht es nicht darum, ob Kinder mit Behin­de­rungen für die anderen ein Vorteil sind, sondern dass sie – genau wie alle anderen – ein Anrecht haben, dabei zu sein, mitzu­wirken, und zu lernen, ihren Platz inner­halb der Gesell­schaft zu finden. Unab­hängig davon, ob sie gefallen oder nerven. Es ist eine gesamt­ge­sell­schaft­liche Aufgabe, Struk­turen zu schaffen, die das ermöglichen.

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