Gemeinsame Schulen für Kinder mit und ohne Behinderungen sind eine Voraussetzung für eine Gesellschaft, in der Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit Nichtbehinderten leben. Unabhängig davon, wie der Unterricht in diesen gemeinsamen Schulen im Detail gestaltet wird, muss die Schule ein Ort sein, an dem das Zusammenleben erlernt wird und Berührungsängste und Vorurteile durch konkrete Erfahrungen und persönliche Beziehungen aufgelöst werden. Trotz bedeutender Fortschritte gibt es in den deutschsprachigen Ländern nach wie vor grosse Widerstände gegen die Umsetzung einer wirklich inklusiven Schule (die zum Beispiel auch Kinder mit schweren geistigen Behinderungen oder Mehrfachbehinderungen miteinbezieht). Gegner:innen führen vor allem eine zu grosse Belastung für die Lehrpersonen und Nachteile für die nichtbehinderten Kinder ins Feld. Auch von betroffenen Eltern gibt es Widerstand: Da sie wissen, wie anspruchsvoll die Betreuung ihrer Kinder ist, fürchten sie, dass deren Bedürfnissen nicht genug Rechnung getragen werden kann, und sie letztlich sitzengelassen oder auf dem Pausenplatz ruhiggestellt werden, um die anderen nicht zu stören.
Befürworter:innen der Inklusion hingegen argumentieren häufig damit, dass die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen eine „Bereicherung für alle“ sei. Vor dem Hintergrund der heftigen Abwehr und des unverhohlenen Ableismus’, der Betroffenen oft entgegenschlägt, klingt das freundlich und aufgeschlossen, und ist in der Regel auch so gemeint. Doch die Aussage ist nicht nur falsch, sondern hochproblematisch. Sie gründet nämlich ebenfalls auf einem im Kern ableistischen Denken, bei dem Menschen mit Behinderungen nur in Bezug auf die Vorteile für die Nichtbehinderten und nicht in Bezug auf ihre eigenen Rechte und Ansprüche betrachtet werden.
Wird das Versprechen nicht eingelöst, lässt sich das Argument leicht umkehren
Falsch ist die Aussage schon deshalb, weil es sehr individuell und ebenso unberechenbar ist, wer was als „Bereicherung“ erlebt. Auch Betroffene und ihre Familien bewerten ihre Behinderungen sehr unterschiedlich. Für manche mag der „disability gain“ im Vordergrund stehen, für andere sind die Alltagsprobleme so belastend, dass es ihnen unmöglich ist, von „Gewinn“ zu sprechen. Manche Behinderungen fordern allen Beteiligten viel ab, und es kann durchaus sein, dass auch das Umfeld gewisse Nachteile in Kauf nehmen muss. Das Ausmass dieser Nachteile hängt natürlich immer auch von den strukturellen Bedingungen ab. Doch unter schwierigen Bedingungen kann das falsche Versprechen für Betroffene sogar gefährlich werden: Wenn sich nämlich herausstellt, dass sich für das nichtbehinderte Kind keine Vorteile ergeben, dass es vielleicht sogar unter der Anwesenheit eines Kindes mit Behinderung leidet, dass es im Kampf um knappe Förderstunden zu kurz kommt oder die Klasse als Ganze bestimmte Aktivitäten nicht machen kann, lässt sich das Argument leicht umkehren: Wenn Menschen mit Behinderungen nicht „bereichern“, sondern als Belastung empfunden werden, sind sie nicht länger willkommen.
Die US-amerikanische Schriftstellerin Flannery O’Connor (1925-1964) hat sich in ihren Erzählungen immer wieder damit beschäftigt, was es bedeutet, wenn soziale Interaktionen ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der Bereicherung stattfinden. O’Connor litt an Lupus erythematodes, einer Autoimmunkrankheit, die zuerst die Haut und dann die Knochen angreift und zu zunehmenden körperlichen Beeinträchtigungen und meistens zu einem frühen Tod führt. Nach ihrer Diagnose im Alter von 26 Jahren zog sie deshalb von der urbanen Ostküste der USA, wo sie ihren ersten Roman geschrieben hatte, zurück zu ihrer verwitweten Mutter, die in Georgia eine Farm bewirtschaftete und von nun an auch die kranke, von ständigen Schmerzen geplagte Tochter pflegte und versorgte. Hier erfand sich die Schriftstellerin O’Connor ein zweites Mal: Sie schrieb zahlreiche Kurzgeschichten, die vom Geist der Südstaaten durchweht sind, und nicht selten von Witwen handeln, die mit ihren schwer vermittelbaren Töchtern irgendwo im staubigen Nirgendwo auf einer Farm leben.
„Zeige mir dein Holzbein“: Behinderung als Fetisch
Eine Auswahl dieser Geschichten wurde 2018 auf Deutsch unter dem Titel „Keiner Menschenseele kann man noch trauen“ veröffentlicht, und die Lektüre des Bandes ist schon deshalb lohnend, weil O’Connor eine brillante Erzählerin und eine Meisterin der kurzen Form ist. Oft wird sie mit Carson McCullers und Harper Lee verglichen, aber ihre scharfsichtigen Beobachtungen zum Umgang mit Behinderung sind eine Klasse für sich. Es gelingt O’Connor nämlich, die Behinderungen ihrer Figuren nicht als emotionalisierende Effekte in Szenen zu setzen, sondern die durch die Behinderung ausgelöste soziale Dynamik als groteske Karikatur pointiert zu erfassen.
„Good Country People“ (1955, dt.: „Anständige Leute vom Land“) heisst eine der Erzählungen, bei der die biografischen Bezüge nicht zu übersehen sind: Mrs. Hopewell lebt mit ihrer Tochter Joy auf einer Farm. Joy ist bereits 32, hat aber gleich mehrere „Mängel“, die es unwahrscheinlich machen, dass sie je heiraten wird: Erstens hat sie eine Prothese, weil ihr Bein bei einem Jagdunfall zerschmettert wurde, als sie zehn Jahre alt war. Zweitens ist ihre Lebenserwartung stark verkürzt aufgrund eines Herzfehlers. Und drittens – was ihre Mutter am meisten besorgt – hat sie in Philosophie promoviert, nicht etwa aus Vergnügen, sondern mit vollem Ernst. Ausserdem ist sie meist schlecht gelaunt und schlecht gekleidet, kurz: Sie ist alles andere als eine Schönheit des Südens. Doch eines Tages taucht ein junger Mann auf, fast noch ein Junge, der mit Bibeln hausiert. Er ist eine kümmerliche Erscheinung, ein Kind armer Leute, der im christlichen Glauben eine Heimat gefunden hat und Missionar werden will. Überraschenderweise findet er Gefallen an Joy. Auch sie träumt davon, ihn zu verführen, und so verabreden sich die beiden zu einem Picknick. Die Prothese schreckt den Mann nicht ab, ganz im Gegenteil: Er stellt Fragen zur Beschaffenheit und Handhabung und erobert Joys Herz, indem er ihr weismacht, dass er sie gerade wegen der Prothese so liebe: „Zeige mir, wo dein Holzbein befestigt ist“, flüstert er, als es auf dem Heuboden zur Sache geht. Und auf Joys erschreckte Frage, warum, sagt er: „Weil’s das ist, was dich besonders macht. Du bist nicht wie alle anderen.“ Joy, die ihre Behinderung bisher nur als Defizit gesehen hat, ist überwältigt. Sie gibt sich hin – heisst: sie legt ihre Prothese ab – um wenig später ohnmächtig mitansehen zu müssen, wie der junge Mann sich mit dem Holzbein aus dem Staub macht. „Ich hab ne Menge interessanter Sachen“, höhnt er noch, bevor er verschwindet. „Einmal hab ich auf die Tour das Glasauge von ner Frau gekriegt“.
„Ein gutes Angebot“ oder schamlose Ausbeutung?
Etwas komplexer werden Behinderung und Bereicherung in der Erzählung „The Live You Safe May Be Your Own“ (1953, dt.: „Das Leben, das du rettest, könnte dein eigenes sein“) miteinander verschachtelt. Die Ausgangslage ist jedoch ähnlich: Eine alleinstehende Frau lebt mit ihrer erwachsenen Tochter, die aufgrund einer Gehörlosigkeit und einer kognitiven Beeinträchtigung nur sehr eingeschränkt kommunizieren kann, auf einer Farm. Auch hier taucht ein junger, mittelloser Mann auf, diesmal ein Landstreicher, der einen Werkzeugkoffer dabeihat, und anbietet, sich auf dem Hof nützlich zu machen. Gegen Kost und Logis repariert er dies und das, er erweist sich als tüchtig, und die Mutter erkennt ihre Chance: Sie bietet ihm den Hof an, wenn er die Tochter heiratet. Nicht ohne ihn daran zu erinnern, dass es für einen „armen, verkrüppelten Landstreicher“ wie ihn ein gutes Angebot ist. Auch er hat nämlich eine Behinderung: In seinem linken „Rockärmel“ steckt nur ein „halber Arm“. Die Mutter erhofft sich aufgrund seiner schwachen Position als armer „Krüppel“ einen vorteilhaften Handel – eine Bereicherung.
Er willigt ein, als er erkennt, dass zur Verhandlungsmasse auch ein Auto gehört, das er mit grossem Eifer repariert und aufpoliert. Kurz nach der amtlichen Trauung besteht er darauf, mit seiner Braut eine Nacht in einem Hotel in der Stadt zu verbringen, um die Eheschliessung angemessen zu feiern, wie er sagt. Er macht sich – ohne Mutter – mit seiner Braut auf den Weg, setzt sie unterwegs in einer Imbissbude ab, und fährt dann mit seinem frisch ergaunerten Auto der untergehenden Sonne entgegen. Bereichert und dennoch frei von aller Verantwortung, die ihm die Mutter aufladen wollte.
Es geht nicht um Vorteile für alle, sondern um Teilhabe für alle
Zwischen einer fiktionalen Erzählung aus den US-amerikanischen Südstaaten der 1950er Jahre und der Realität unserer Gegenwart liegt natürlich eine unübersehbare Distanz. Dennoch sind O’Connors Texte aufschlussreich, um über den Umgang mit Behinderung nachzudenken. Sie weisen darauf hin, dass selten wirklich „alle“ von einer erhofften Bereicherung profitieren – und dass gerade das oberflächliche Interesse, die Fetischisierung, die scheinbare Faszination für Menschen mit Behinderungen häufig eine besondere Gefahr darstellen: Sei es, weil eine Form von (symbolischer und materieller) Ausbeutung stattfindet, oder weil die Betroffenen als „Inspiration-Porn“ missbraucht werden. Das Versprechen der „Bereicherung für alle“ ist deshalb, auch wenn es ernst gemeint ist, keine gute Grundlage. Bei der Forderung nach einer gemeinsamen Schule geht es nicht darum, ob Kinder mit Behinderungen für die anderen ein Vorteil sind, sondern dass sie – genau wie alle anderen – ein Anrecht haben, dabei zu sein, mitzuwirken, und zu lernen, ihren Platz innerhalb der Gesellschaft zu finden. Unabhängig davon, ob sie gefallen oder nerven. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Strukturen zu schaffen, die das ermöglichen.
