Autoritäre Unordnung

Die Antiutopien des 20. Jahrhunderts stellten das Leben in Autokratien in der Regel als vorhersehbar, streng geregelt, mechanisch, gleichgeschaltet und starr vor. Sie irrten sich. Denn es waren und sind gerade die Provokationen von Unvorhersehbarkeit, die autokratische Regime kennzeichnen.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/autoritaere-unordnung/

Als sich Dostoevskijs Kellerlochmensch Mitte des 19. Jahrhunderts für sein literarisches Manifest der Irrationalität, einer „Sauce aus Widerspruch und Leiden“, in Rage redete, richtete er sich gegen eine Zukunft, in der der Mensch nur noch eine Klaviertaste oder ein Drehorgelstift sein werde: ein mathematisch berechenbares Wesen in einer durchgeplanten Gesellschaft, die versucht, alles Unvorhersehbare zu verhindern. Er glaubte, dass dann nur noch die Logik des 2×2=4 herrschen würde.

Auch die drei großen antiutopischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, Evgenij Zamjatin, George Orwell und Aldous Huxley, waren von dieser aus dem 19. Jahrhundert stammenden Angst geprägt. In ihren Romanen entwarfen sie totalitäre Staaten, die auf Ordnung, Rationalität, Gleichschaltung, Berechenbarkeit und totaler Transparenz beruhen. Das Wilde, Unzähmbare, Irrationale, Chaotische, Anarchische und Opake stellten sie in der Regel auf die andere Seite, die Seite der Subversion, des Widerstands und der Phantasie. So leben in Zamjatins Wir (1920) die Menschen als Bewohner des „Einzigen Staates“ in einer völlig gläsernen Stadt und tragen anstelle von Namen nur noch Nummern. Das ‚Andere‘ und Wilde wird durch eine „Grüne Mauer“ vom Staat abgeschirmt. In Huxleys Brave New World (1932) wird der Einzelne bereits kontrolliert mithilfe künstlicher Fortpflanzung erzeugt; Konditionierung und Indoktrination machen ihn dann zu einem gesellschaftlich nützlichen Wesen für eine perfekt funktionierende und dabei völlig vorhersehbare Gesellschaft. In Orwells 1984 (1948) schaltet der totale Überwachungsstaat Kritiker durch Gehirnwäsche aus: Gedankenpolizei, Sprachregulierung (Neusprech) und Geschichtsfälschung sind Alltag.

Der Irrtum der Antiutopisten

Das in den Antiutopien arbeitende politisch Imaginäre, das auf Kontrolle, totale Reglementierung des Alltags und Entindividualisierung durch genetische und erzieherische Manipulation zielt, hat sich in den totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts nur teilweise bewahrheitet. Man könnte sogar sagen, Zamjatin, Huxley und Orwell haben in zweierlei Hinsicht geirrt. Erstens: Überwachung findet nicht mehr nur durch den Staat statt, vielmehr ist es die freie Wirtschaft, die die Überwachung des Konsumenten vorantreibt. Das alte Phantasma des Glashauses wird durch die Realität des intelligenten Hauses, das alle Verhaltensdaten abspeichert, ersetzt. Ebenso wurde Gleichschaltung als Markt entdeckt: Die Modeindustrie programmiert Kleinkinder auf zwei Farben, hellblau und rosa, die Spielzeugindustrie die Geschlechter auf Care oder Kampf; die Schönheitsindustrie verkauft Einheitsbrüste und Standardnasen. Dass die erzeugte Uniformität des Konsumenten ausgerechnet das Ergebnis liberaler Politik ist, mutiert zum Joke des Jahrhunderts. Die Vermutung liegt nahe, dass Gleichschaltung einfach das bessere Geschäft ist.

Zweitens hat sich in der Realität der Diktaturen und der autokratischen Regime gezeigt, dass Irrationalität und Chaos und damit das Hervorrufen von Unvorhersehbarkeit äußerst wirksame Instrumente von Macht sind. Das lässt sich sowohl für die Diktaturen des 20. Jahrhunderts feststellen als auch für die Gegenwart, also für jene Staaten, in denen seit einiger Zeit oder ganz aktuell autokratische Strukturen errichtet werden.

Meister der Unvorhersehbarkeit – Operativität

Es wäre jedoch vorschnell, die Meister der Unvorhersehbarkeit alle in einen Topf zu werfen. Im Stalinismus war das Erzeugen von Unvorhersehbarkeit Mittel des Terrors gegen die Bevölkerung und Garant des eigenen Machterhalts. Nicht zu wissen, was morgen passiert, hielt die Bevölkerung und vor allem die Widersacher auf Trab. Während die ideologische Oberfläche suggerierte, die Geschichte entwickle sich von ganz allein in Richtung Kommunismus, und der Staat die ökonomische Planbarkeit (5-Jahresplan) verordnete, war die Realpolitik voll von Willkür und kontrollierter Unordnung. Das Unberechenbare sollte den Einzelnen beherrschbar machen, der, wie Hannah Arendt schrieb, durch die permanente Ungewissheit zu einem Bündel voraussagbarer Reaktionen mutiert. Die Überwindung von Spontaneität galt geradezu als Masterplot jedes sozialistisch-realistischen Romans.

In der aktuellen russischen Politik ist die Unberechenbarkeit ebenfalls Prinzip. Sie dient Putin vor allem zum eigenen Machterhalt und zur Ausschaltung von Opposition. Der russische Philosoph Michail Ryklin hat diese politische Praxis als eine „operative Macht“ beschrieben. Mit „operativ“ spielt er auf Geheimdienstpraktiken an, die nun politische Normalität seien. Dazu gehört das aktive Kriminalisieren von Gegnern (Zersetzung) wie auch das Schaffen von rechtlichen Voraussetzungen für die eigene Herrschaft. Um dies zu tun, müsse die Verfassung nicht einfach nur souverän übertreten oder ignoriert werden, wie dies zur Zeit Stalins der Fall war; vielmehr müsse zusätzlich der Anschein erweckt werden, die faktische Willkür sei „gesetzlich“ legitimiert. So werde versucht, die Verfassung „auf gesetzlicher Grundlage“ zu brechen. „Das Gesetz“, so Ryklin, „erweist sich nach näherer Prüfung als eine Oberfläche der Sonderoperation.“ So widerspricht zum Beispiel das jüngst eingeführte Demonstrationsgesetz der Verfassung, ebenso das Gesetz zum Extremismus und das Gesetz über die Agententätigkeit von NGOs.

Meister der Unvorhersehbarkeit – Disruption

Während Putins Strategien sich im Nachhinein bereits erschlossen haben, ist das Rätsel um das politische Chaos, das der neue amerikanische Präsident hervorruft, Anlass für fortdauernde Spekulationen. Handelt es sich schlicht um politische Unfähigkeit, oder steckt hinter der Unordnung System? Ist etwa Bannons Chaosaffinität der Grund? Soll alles Alte zerstört werden, sollen das alte politische ‚Establishment‘ und die alten Strukturen schlicht weg? Aber durch was sollen sie ersetzt werden? Durch das regierende Geldestablishment? Oder ist der Mann bloß ein Psychopath, der sein Umfeld und die Bevölkerung durch seine unberechenbaren Handlungen tyrannisiert?

Neben der Pathologisierung und der Suche nach verborgenen Chaostheorien wird aber noch ein anderes Narrativ erkennbar, jenes, das Unberechenbarkeit als „Offenheit“ zu interpretieren versucht. Es ist vielleicht kein Wunder, dass dieses Narrativ vor allem in der Wirtschaft, nicht zuletzt aber auch in der Philosophie und Kulturtheorie  verbreitet wird. So konnte man in Managermagazinen durchaus erwartungsvoll und anerkennend lesen, dass man bei Trump eine Übertragung der Idee der ökonomischen ‚Disruption‘ auf das politische Feld erkenne. Und auch bekannte Philosophen und Politikwissenschaftler reden von einer Stunde Null, von einer tabula rasa, die es ermögliche, noch einmal alles neu zu denken, noch einmal von vorne zu beginnen. Von ‚Disruption‘, einer kreativen Zerstörung, ist in der Makroökonomie eigentlich die Rede, wenn ein Produkt oder Produktionsmechanismen das bisherige Produkt bzw. die bis dato übliche Produktionsweise ablösen und durch etwas, das sich durchzusetzen vermag, vollständig ersetzen. Die Zerstörung des Alten nimmt man dabei in Kauf, ja sie ist sogar gewollt und nach dieser Theorie Bedingung für die Entstehung von etwas Neuem.

Überträgt man den Gedanken auf die Politik, dann müsste jedoch zuallererst etwas vorhanden sein oder angestrebt werden, was diese Zerstörung rechtfertigen würde. Vielleicht sogar eine Utopie. Mit ihr ließe sich dann etwa die russische Revolution ganz in Marx Sinne als eine solche Disruption lesen, wobei diese Disruption in einer Disruption der Disruption mündete. Nochmal anders wird Disruption auch als marktwirtschaftliche Utopie von Innovationszwang gelesen. Dann erscheint sie als Versuch, stets das Unwahrscheinliche und Unerwartete, das gänzlich Neue zu entwickeln, das das Alte hinfällig macht und ersetzt. Aber in der Politik? Disruption ohne Utopie und ohne Produkt? Disruption um der Disruption willen?

Explosionen, Revolutionen

Wenn nun also Slavoj Žižek nach der Wahl in den USA Mao Tse-Tung mit dem Satz zitiert „Unter dem Himmel herrscht Chaos. Die Situation ist also exzellent“, und andere, in der Regel linke Philosophen – aber nicht nur – von einer tabula rasa sprechen, davon, dass nun wieder alles offen sei, dass nun endlich wieder politisch gestritten werde, dann bringen sie offensichtlich eine andere Idee von Unvorhersehbarkeit ins Spiel, die auch Zamjatin, Huxley und Orwell im Sinn hatten. Sie beziehen sich auf Kulturtheorien und politische Philosophien, in denen das Unvorhersehbare notwendiger Bestandteil kultureller Dynamik ist.

Besonders prägnant hat diese Unvorhersehbarkeit der russische Kultursemiotiker Jurij Lotman in den 1970er Jahren herausgearbeitet. Er hat zwischen kulturellen Prozessen unterschieden, die auf Kontinuität und Vorhersehbarkeit, auf Stabilität und Zentrierung zielen, und solchen, die Diskontinuität, Unvorhersehbarkeit, Veränderung und Dezentrierung zulassen. Der Unterschied liegt zwischen Zulassen und Erzeugen. Lotman argumentiert, dass es die Versuche der Eindämmung dieser Unvorhersehbarkeit sind, die Gesellschaften stets ins Autoritäre abgleiten lassen. Man kann noch hinzufügen – mit Blick auf den Stalinismus, den Lotman im Rückspiegel hatte –, dass das Erzeugen von Unvorhersehbarkeit gerade den Zweck hatte, kulturelle Dynamik zu unterbinden. Es sollte also ausgerechnet durch Willkür und Chaos Ordnung hergestellt werden. In einem Buch, das Lotman 1990 schrieb, also zu einer Zeit, die „als Beginn einer Phase steht, in der die Optionen für die Zukunft noch nicht feststanden“, wählte er zur Beschreibung dieser Momente den Begriff der Explosion. Explosionen reißen die geschichtliche Entwicklung aus ihrem Zeitverlauf heraus und stellen sie vor eine „ganze Bandbreite gleich wahrscheinlicher Konsequenzen“.

Wie nun lassen sich beide Befunde zusammendenken? Niemand wird bestreiten wollen, dass es einen Unterschied macht, ob man Unvorhersehbarkeit als Moment der Dynamik von Kultur, als notwendige Voraussetzung der Aushandelbarkeit im Feld des Politischen zulässt, oder ob man die gezielte Erzeugung von Unvorhersehbarkeit als Strategie von Herrschaftssicherung permanent herstellt. Deshalb ist es umso erstaunlicher, wenn die Unberechenbarkeit von Trump und das dadurch entstandene Chaos als tabula rasa oder als neue Offenheit gesehen wird, denn: nichts ist offen. Im Gegenteil, jede politische, konkrete Handlung von Trump zeigt, dass seine Unberechenbarkeit ausschließlich zum Ziel hat, neue Eindeutigkeiten zu stiften und das Politische, ja die Aushandelbarkeit selbst, zu unterbinden.