Taylor Swift gilt als der erfolgreichste Popstar überhaupt. Kulturwissenschaftlich lässt sich das Phänomen damit erklären, dass die Widersprüche der Gegenwart im 'Taylorverse' verschmelzen - und dabei genügend Raum für die Fans und ihre Praktiken offen lassen.

  • Jesper Rusterholz

    Jesper Rusterholz studiert empirische Kulturwissenschaft und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Er ist am ISEK - Populäre Kulturen als wissenschaftliche Hilfskraft tätig und arbeitet ausserdem beim Filmbulletin in Zürich. Ihn interessieren Stadt- und Waldräume, Taylor Swift, öffentliche Toiletten und Themen zu Ästhetik, Queering, Gender und Resilienz.
  • Christine Lötscher

    Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.

„Taylor, Taylor, Taylor – führt an Taylor Swift momentan über­haupt ein Weg vorbei?“ Diese Frage warf ein Artikel im Feuil­leton der FAZ Anfang Mai dieses Jahres auf, im Chor mit vielen anderen Publi­ka­tionen. Die Antwort ist klar; man müsste Einsiedler:in sein, um dem Super­star zu entkommen. Doch wie kam es, dass die 34jährige US-Amerikanerin zum erfolg­reichsten Pop-Star „aller Zeiten“ werden konnte und an Madonna, Lady Gaga, Beyoncé und sogar an den Beatles vorbei­zieht? Zwar schien ihr Ruhm bereits 2023 einen Höhe­punkt erreicht zu haben: Time ernannte Swift zur Person des Jahres, USA Today stellte einen Reporter ein, der ausschliess­lich Geschichten über Swif­ties, wie sich die Fans nennen, schreibt. Doch während der aktu­ellen Tour scheint sich die popkul­tu­relle Fixie­rung auf Taylor Swift noch einmal gestei­gert zu haben. Ganz egal, was sich sonst noch so abspielt, Swift domi­niert Schlag­zeilen ebenso wie Social Media. Das Country-Album von Beyoncé? Kann man disku­tieren. Das neue Album von Billie Eilish? Gar nicht übel. Der Beef zwischen Drake und Kendrick Lamar? Sorgt durchaus für Aufre­gung. Doch das blonde, weiße ,All American Girl‘ glit­zert in ihren Pail­let­ten­bodys immer heller als alle anderen. Swifts Biografie – wie sie von der Country-Sängerin zum Teenie-Popstar und schließ­lich zur selbst­be­stimmten Künst­lerin und Unter­neh­merin wurde – ist zwar überaus eindrück­lich, liefert aber keine Erklä­rung. Hier ist die Perspek­tive der Popu­lär­kul­tur­for­schung gefragt.

Harry Potter der 2020er-Jahre

Taylor Swift ist viel mehr als ein Star; sie steht für ein Transmedia-Phänomen, das aus sämt­li­chen medialen und perfor­ma­tiven Ausdrucks­formen, die in der post­di­gi­talen Welt vorhanden sind, ein eigenes Universum schafft. Dafür zirku­liert bereits ein Begriff: Taylor­verse, in Analogie zu Potter­verse. Tatsäch­lich ist Swift eine Art Harry Potter der 2020er-Jahre. Es gelingt ihr, eine riesige und in jeder Hinsicht diverse Ziel­gruppe abzu­holen und vielen das Gefühl zu geben, mitreden zu können. Dazu kommt die innere Struktur des Taylor­verse: ihre Songs, insbe­son­dere die Song­texte, sind wie ein großes, mehr­di­men­sio­nales Spin­nen­netz mitein­ander, aber auch mit der Literatur- und mit der Popge­schichte, verbunden. Dabei versteht sich Swift darauf, den Alltag ihrer Fans mit einer gut austa­rierten Mischung von Grübelei, Selbst­sorge und Spaß zu durch­wirken und sie zu einem breiten Spek­trum von Prak­tiken zu animieren; von der Mitge­stal­tung der Perfor­mance bei den Konzerten bis zur Inter­pre­ta­tion der Leer­stellen in ihren Songs und dem Weiter­spinnen von Erzäh­lungen, die darin ange­deutet sind. Dabei stellt das Taylor­verse Aushand­lungs­räume für die Wider­sprüche der Gegen­wart bereit.

Zwischen Social Media, Feuil­leton und Wissen­schaft zirku­lieren unter­dessen diverse Theo­rien zum Phänomen Taylor Swift, die sich teil­weise wider­spre­chen; zusam­men­ge­nommen aber die Transmedia-These bestä­tigen. Swift mache vieles richtig, im kommer­zi­ellen aber auch im poli­ti­schen Sinn, weil sie sich deut­lich gegen rechts­po­pu­lis­ti­sche Verein­nah­mungen abgrenze, meinte Pop-Kritiker Tobi Müller unlängst auf Deutsch­land­funk Kultur. Das entschei­dende Element seien die Streaming-Dienste mit ihren Algo­rithmen. Olivia El Sayed argu­men­tierte in der NZZ, dass Swift mühelos Brücken zwischen Indie und Main­stream sowie zwischen Live-Gigs und Online-Präsenz bauen könne. Sie habe dabei, als die Erzäh­lerin unter den Singer-Songwriter:innen, die Fäden ihres eigenen Narra­tivs immer fest in der Hand. In seinem Buch Taylor Swift. 100 Seiten betont der Bamberger Literatur- und Kultur­wis­sen­schaftler Jörn Glasenapp – als beken­nender Swiftie – den künst­le­ri­schen Wert von Swifts Song­wri­ting und nimmt das trans­me­diale Rück­kop­pe­lungs­system Swift in den Blick. Niemand beherr­sche die Stra­tegie, „die Reak­tionen der Öffent­lich­keit auf ihre musi­ka­li­schen Bekennt­nisse und ander­wei­tigen Perfor­mances“ aufs Genau­este zu beob­achten und im Anschluss daran wiederum Kunst daraus zu machen, so gut wie Taylor Swift. Zum Beispiel, indem sie in „Anti-Hero“ ihre eigenen Schwä­chen aufzählt: It’s me / Hi! / I’m the problem, it’s me“. Selbst­an­klage, schreibt Glasenapp, sei ein probates Mittel, um als authen­tisch wahr­ge­nommen zu werden.

Krea­ti­vität als weib­liche* Handlungsmacht

Glasenapp bezieht sich dabei auch auf das Konzept der Held:in als Vorbild: Erin­nert sei hier an das seit der Antike geltende Anfor­de­rungs­profil von Held:innen, das in nur leicht vari­ierter Form letzt­lich auch das von Stars ist: Sie müssen tapferer, stärker und schöner sein als wir, damit wir zu ihnen aufschauen können. Sie müssen zugleich aber noch in unserer Liga spielen, damit wir uns mit ihnen iden­ti­fi­zieren können.“ Swift verkör­pere dies perfekt, schließ­lich fußt ihre Karriere darauf, dass sie ihr Innerstes, ihre Verletz­lich­keit und ihre Enttäu­schungen, aber auch ihre Abgründe offen­legt und in zutiefst subjek­tive Kunst verwan­delt.“ Damit trifft er einen entschei­denden Punkt: Taylor Swift bietet sich nicht nur als Projek­ti­ons­figur für viele ganz unter­schied­liche Menschen an; in ihr, im Fandom und im Taylor­verse – konden­sieren sich auch wider­sprüch­liche Tendenzen der Gegen­wart. Ihre auto­fik­tio­nalen Song­texte erzählen von Vulnerabi­lität und Schmerz, beson­ders als Frau, die von ihren Lieb­ha­bern – viel­leicht wäre Boyfri­ends hier der passen­dere Ausdruck – verlassen wird. Die Songs nehmen so auf die Geschichte weib­lich kodierten Schrei­bens Bezug, mit Anspie­lungen auf Autorinnen von Jane Austen über Emily Dick­inson bis zu Sally Rooney. Das Verhältnis zwischen dem Performen von Authen­ti­zität und dem Neuar­ran­gieren vertrauter Topoi ist bei Swift perfekt austa­riert – alles, was sie schreibt und singt, klingt an Bekanntes an, aber immer so, als sei es ganz neu. Damit berührt sie die Fans als Indi­vi­duen – um sie in derselben Geste mitein­ander zu verbinden.

Swift verkör­pert die Entfes­se­lung einer spezi­fi­schen Form von Weib­lich­keit, die bisher Mädchen und dem Mädchen­haften zuge­schrieben wurde. Plötz­lich scheinen diese Mädchen in der Lage zu sein, erwachsen zu werden. Gemeint ist damit ein Ensemble von weib­lich kodierten Medien-, Konsum- und Selbst­für­sor­ge­prak­tiken, zu dem die Inti­mität eines liebe­voll einge­rich­teten Kinder­zim­mers, das Musik­hören und Roman­ever­schlingen, das Schreiben von Tage­bü­chern und Fanfic­tion gehört. Diese Prak­tiken sind wiederum Thema popu­lärer Erzäh­lungen; sie werden in Coming-of-Age-Romanen und -TV-Serien als mediale Ausdrucks­form des Lebens­ge­fühls weib­li­cher Teen­ager an der Schwelle zum Erwach­sen­werden insze­niert. Taylor Swift treibt den Femi­nismus als Projekt für alle einen Schritt voran, in dem sie das Mädchen­zimmer mit seinen Träumen von Liebe mit Virginia Woolfs Forde­rung nach einem Zimmer für sich allein, A Room of One’s Own, verschmelzen lässt. Dabei öffnet sie die Ästhetik des Mädchen­haften auf Queer­ness hin und erlaubt trotz oder gerade durch ihr Sich-Abarbeiten an hete­ro­nor­ma­tiven Liebes­nar­ra­tiven eine Dekon­struk­tion und ein Quee­ring davon – und damit eine Viel­falt von Inter­ak­ti­ons­mög­lich­keiten mit ihrer Welt. Stellt man Swifts Kunst, Schmerz in Songs zu verwan­deln, in den grös­seren Kontext der Popu­lär­kultur, steht sie für die Tendenz, Krea­ti­vität als eine der mäch­tigsten Ausdrucks­formen weib­li­cher* Hand­lungs­macht zu behaupten. Denn sie lässt viel mehr Raum für die Über­tra­gung zu den Zuhörer:innen.

Ein schönes Beispiel für diese Trans­for­ma­tion ist der Song Cardigan“ auf dem Album Folk­lore von 2020.

You drew stars around my scars
But now I’m bleedin’
‘Cause I knew you
Steppin’ on the last train
Marked me like a bloodstain […]

Es geht um eine verlo­rene Liebe, ein gebro­chenes Herz; so weit, so klar. Die Bewe­gungs­linie, die Swift in vielen ihrer Songs zeichnet, bewegt sich zwischen Herauf­be­schwö­rung der Melan­cholie, der Sehn­sucht nach der verlo­renen Liebe und des Schmerzes. Die Narben, die frühere Tren­nungen hinter­lassen haben, werden in der neuen Liebe mit Sternen zu Kunst­werken; doch nur, um wieder blutig aufge­rissen – und in einem nächsten Song auf einem nächsten Album neu kreativ verwan­delt zu werden. Swift verwendet hete­ro­se­xu­elle Liebes­nar­ra­tive, damit sie gebro­chen und que(e)r gelesen werden können.

Do it with a broken heart”

Doch das melan­cho­li­sche Schwelgen im Schmerz kommt bei Taylor Swift immer schon mit einer reich­li­chen Portion Gegen­gift. Und damit ist nicht nur die Unter­hal­tung und der Spass gemeint, die immer garan­tiert sind. Denn Swift verbindet den Topos von der Frau, die an gebro­chenem Herzen leidet, nicht nur mit der aus Melan­cholie gebo­rener Krea­ti­vität, sondern immer auch mit der wider­stän­digen Energie, die sie den Kummer über­winden lässt. Auf dem neuen Album The Tortured Poets Depart­ment gibt es einen vor Energie strot­zenden fast ironisch gut gelaunten Song, der explizit davon erzählt, wie frau auch mit gebro­chenem Herzen auf der Bühne stehen und eine perfekte Show aufführen kann, I Can Do It With a Broken Heart“:

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

’Cause I’m a real tough kid / I can handle my shit / They said, „Babe, you gotta fake it ‘til you make it“ and I did / Lights, camera, bitch, smile / Even when you wanna die / He said he’d love me all his life / But that life was too short / Brea­king down, I hit the floor / All the piеces of me shat­terеd as the crowd was chan­ting, „More“ / I was grinnin’ like I’m winnin’ / I was hittin’ my marks / ‘Cause I can do it with a broken heart

In den unreinen Reimen – „smile“, lächeln, reimt sich auf „die“, sterben, – kommt die unmit­tel­bare Verbin­dung von Schmerz und ebenso wider­stän­diger wie vergnügter Selbst­be­haup­tung zum Ausdruck, die viel­leicht den Kern von Swifts Charisma ausmacht. Die eigene Vulnerabi­lität anzu­er­kennen, Worte dafür zu finden, sich dabei auf eine lite­ra­ri­sche Tradi­tion zu beziehen, den Schmerz in Krea­ti­vität zu verwan­deln und die eigene Hand­lungs­macht zu behaupten – das ist die affek­tive Bewe­gung, mit der weib­liche kodierte, ja stig­ma­ti­sierte Ausdrucks­formen femi­nis­tisch aufge­laden werden und die Taylor Swifts Empower­ment ausmacht.

Der Song funk­tio­niert als geschickt konstru­ierte Assem­blage, in der verschie­dene Medien zusam­men­ge­führt werden. Das Musik­video verknüpft die Erzäh­lung mit Ausschnitten aus Swifts Konzert­film von 2023, aber auch mit sozio­kul­tu­rellen Refe­renzen, etwa dem CNBC-Artikel „Taylor Swift’s new song reso­nates with working women“. Diese Vernet­zungs­ar­beit macht Swifts Song­wri­ting schließ­lich zu einer Spielart der Auto­fik­tion, indem zwischen Taylor Swift zwischen Star und Privat­person zu oszil­lieren scheint. Auch wenn diese Insze­nie­rung von Authen­ti­zität ebenso konstru­iert ist wie jede andere Star­per­sona, wirkt sie zugäng­lich und kooperativ.

Dabei macht sich Swift ein popu­läres Thera­pien­ar­rativ zu eigen, das in Ratge­bern, auf Social Media und nicht zuletzt in aktu­ellen Liebes­ro­manen für ein junges Publikum zirku­liert. Zu Beginn der Netflix-Doku Miss Ameri­cana wieder­holt Swift immer und immer wieder, wie sie die Beste, die Belieb­teste sein wollte und bereit war, alles zu tun, um von möglichst vielen Menschen Aner­ken­nung zu bekommen. Was ihr auch gelang – bis Kanye West ihre Dankes­rede bei den MTV Video Music Awards unter­brach und sie vor laufenden Kameras beschämte. Diese Erfah­rung, so geht die Erzäh­lung, habe sie zum Nach­denken und zu einem neuen Zugang zu sich selbst gezwungen. Heute könne sie zu ihren Schwä­chen stehen und an sich arbeiten.

Das ist eine zwei­schnei­dige Geste. Auf der einen Seite steht Swift mit der Bezug­nahme auf thera­peu­ti­sche Selbstsorge-Narrative für eine Aneig­nungs­be­we­gung, bei der weib­lich* kodierte und stig­ma­ti­sierte senti­men­tale Prak­tiken wie das Schwelgen in Liebes­ro­manen, das Tage­buch­schreiben und Tagträumen mit Popmusik selbst­be­wusst als Reflexions- und Erfah­rungs­raum gefeiert werden. Auf der anderen Seite steht sie damit für ein Ideal von Resi­lienz, das, wie die briti­sche Kultur­wis­sen­schaft­lerin Angela McRobbie in ihrem 2020 publi­zierten Buch Femi­nism and the Poli­tics of Resi­li­ence heraus­ar­beitet, struk­tu­relle und poli­ti­sche Ursa­chen von sozialer Ungleich­heit ausklam­mere und ein gelun­genes Leben zur allei­nigen Aufgabe des Indi­vi­duums mache. Taylor Swift erscheint als ideal­ty­pi­sche Verkör­pe­rung eines solchen Top Girls“.

Doppelte Affekt­poetik

Die Magie von Taylor Swift besteht darin, dass sie die Wider­sprüche der Gegen­wart wie keine andere Künst­lerin in sich vereint: Konsum und Sinn­suche fallen in eins, ebenso wie Leis­tungs­im­pe­rativ und insze­nierte Verletz­lich­keit. Sie strahlt als einsame Heldin an der Spitze der Pop-Welt, ist dabei zugäng­lich und stiftet ein Gefühl von Gemein­schaft über (fast) alle sozio­kul­tu­rellen Gräben hinweg. All diese Span­nungen verschmelzen im Taylor­verse Cindy Laupers 80er Jahre-Motto Girls just wanna have fun“ vari­ie­rend in Rich­tung Deep Talk, Vulnerabi­lität und Gefühl. Das neue Album The Tortured Poets Depart­ment verkör­pert diese These in seiner doppelten Affekt­poetik. Denn kaum war die Stan­dard­ver­sion des Albums mit seinem cremig hellen, opti­mis­ti­schen Cover zum Abspielen verfügbar, poppte die ulti­ma­tive Version hervor: The Antho­logy. Die dunkle, in sepia getauchte Version offen­bart Swift als von Sehn­sucht gequälte, romantisch-neoklassizistische Göttin­nen­statue. Die Sehn­sucht, das lernt man bei Swift, muss bestehen bleiben – und es braucht immer wieder neue Popsongs und Liebes­ge­schichten, um sie am Leben zu halten.