Ausgeschlafen zum Erfolg? Der selbstoptimierte „gute Schlaf“ hat industrielle und militärische Vorgeschichten

Der Schlaf erscheint als natürliche "Maximalschranke“ des Arbeitstages (K. Marx). Die Versuche, diese Schranke zu überwinden, sind ebenso faszinierend wie beängstigend.



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„Wer heute gut schläft, ist morgen fitter“: Mit dieser Weisheit wirbt die Firma Jawbone auf ihrer Homepage für ihr Produkt, den „Fitnesstracker“ UP 3.

Das „völlig neuartige System“ wird als Armband getragen und erfasst mit „Sensoren in höchster Qualität“ Bewegungen, „Schlaf und mehr“. Dank der personalisierten „Up-App“, so lockt Jawbone Nutzer und Käufer, gebe es „nur Deinen Weg für Dich“, und der führe „up“, nach oben, zum Erfolg.

Eine Grundlage für den von Jawbone versprochenen Erfolg im Wachleben ist das „erweiterte Schlaftracking“. Das Gerät zeichnet auf, wie viel Zeit der Schläfer in der letzten Nacht angeblich im Tiefschlaf, im Leichtschlaf oder im REM-Schlaf verbracht hat. Mit den ermittelten Daten erstellt der Tracker eine individuelle Schlafkurve und teilt am Morgen mit, wie viel Prozent des Idealschlafs erreicht wurden. Ein technisch vermessener und individuell optimierter Schlaf ist zur Norm geworden für den Weg nach „oben“.

Der „Arbeit entsprechend“ schlafen – „schneller“ schlafen

Dass sich der Mensch im Schlaf erholt, ist gewiss keine Entdeckung des frühen 21. Jahrhunderts. Die Idee eines individuellen „Schlaftrackings“ hat sich zwar erst im Zuge der sozialen, ökonomischen, technischen und kulturellen Veränderungen der letzten drei Jahrzehnten entwickelt. Die direkte Forderung jedoch, dass der Schlaf der „jeweiligen Arbeit“ entsprechen und in erster Linie die „Leistungsfähigkeit“ erhalten solle, formulierten populäre Schlafratgeber im deutschsprachigen Raum schon zur Hochzeit der Industrialisierung um 1900.

Dabei ließen sich die bereits im 18. Jh. von den bürgerlichen Hygienikern formulierte Vorstellung vom „guten“ Schlaf im gesunden Bett wunderbar in den Alltag der industrialisierten Gesellschaft einpassen: Dem Ideal nach dauerte der Nachtschlaf acht Stunden, weitere acht Stunden waren für die Arbeit vorgesehen, die verbleibenden acht für Freizeit, soziales Leben und Körperpflege. Das bürgerliche und großstädtische Publikum der Ratgeberliteratur sollte abends gegen 22 Uhr ins Bett gehen, um sich um 6 Uhr morgens wieder frisch zu erheben. Der auf diese Weise genormte Nachtschlaf richtete sich nicht mehr nach Hühnern und Hahnenschrei, sondern nach der Uhr, die in den Stadtzentren, Wohnungen und Westentaschen immer häufiger anzutreffen war. Der „Wecker“ begann seinen Siegeszug als Verkaufsschlager der wachsenden Uhrenindustrie im späten 19. Jahrhundert.

Doch die Achtstundenregel, die die Leistungsfähigkeit des schlafenden Menschen erhalten sollte, bekam schon bald Konkurrenz. Erste Ergebnisse aus den frühen Schlaflaboren wiesen darauf hin, dass Menschen durchaus unterschiedlich schliefen. Vor allem aber war ein auf acht Stunden in der Nacht festgelegter Schlaf für einen großen Teil der Bevölkerung illusorisch: Er war nicht vereinbar mit zunehmender Nacht-und Schichtarbeit, mit nächtlichem Konsum, mit den sich verändernden Rhythmen des Lebens in den wachsenden Großstädten. So entstanden in den späten 1920er und 1930er Jahren – immer im Takt neuer Körper- und Rhythmusvorstellungen von Taylorismus und Fordismus – andere Modelle von „effizientem Schlaf“. Es galt nun, flexibel zu schlafen und die „Schlafarbeit“ „schneller“ zu erledigen. Der achtstündige „Luxusschlaf“ könne durch die richtigen Praktiken und Willensanstrengung auf einen sechsstündigen „Bedürfnisschlaf“ reduziert werden, hoffte ein Schlafratgeber. Andere verwiesen auf „nachtaktive“ Tiere und propagierten einen gesellschaftlich rund um die Uhr organisierten „Schichtschlaf“. Wer einen am Sinken und Steigen der Sonne ausgerichteten „Naturzeitschlaf“ schlummere, der brauche überhaupt nur noch von 19.00 Uhr bis 23.20 Uhr im Bett zu liegen und könne den Rest des Tages munter arbeiten, hoffte etwa der ehemalige Lehrer Theodor Stöckmann.

„Sleep Management“

Doch der Optimismus der „Schlafverbesserer“ erhielt schon bald einen Dämpfer. Während des Zweiten Weltkriegs erkannten zunächst vor allem US-amerikanische Experten, dass sowohl die Nacht- und Schichtarbeiter der Rüstungsindustrie als auch die Soldaten an der Front ihre Schlafzeiten nicht ohne Kosten verschoben und verkürzten. Die einen litten darunter, dass sie am helllichten Tag kaum schlafen konnten, woraufhin die Zahl der Unfälle und Fehlleistungen stieg. Die anderen brachen psychisch zusammen und mussten immer wieder einer „Sleep Cure“ unterworfen werden, um die Schrecken der Front überhaupt aushalten zu können. Ganz offensichtlich brauchte der Mensch ausreichend langen und „guten“ Schlaf, um fit zu sein für Arbeit und Kriegshandwerk. Es galt also, die Wirkung von Schlafentzug ebenso zu erforschen wie die begrenzten Möglichkeiten, Schlaf anders und „besser“ zu organisieren.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund entwickelte der Schlaf sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand nicht nur pharmakologischer, psychologischer und medizinischer, sondern auch militärisch finanzierter Forschungsprojekte und Großexperimente. Zu den zentralen Erkenntnissen der modernen Schlafforschung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst vor allem in den USA etablieren konnte, gehörte neues Wissen um die Vielgestaltigkeit des Schlafs. Die Arbeit mit der noch jungen Technik des „Elektroenzephalogramms“ seit den 1930er Jahren zeigte, dass das schlafende Gehirn in regelmäßiger Abfolge allnächtlich verschiedene Phasen unterschiedlicher Aktivität durchlief. Die „Entdeckung“ des REM-Schlafs im Jahr 1953, derjenigen Phasen also, die von schnellen Augenbewegung begleitet sind, machte die Vorstellung vom aktiven und für jeden Schläfer notwendigen Träumen auch für die schlafforschenden Neurologen und Physiologen plausibel. Der Schlaf stellte sich nicht mehr als ein achtstündiger Block von Unbewusstheit dar, sondern als ein fragiles, variables und individuell verschiedenes, aus unterschiedlichen Einheiten zusammengesetztes Phänomen, das sich zudem noch nach einer Art „innerer Uhr“ zu richten schien.

Diese Erkenntnisse machten einmal mehr deutlich, dass das starre Modell des achtstündigen Nachtschlafs letztlich kaum geeignet war, die Qualität des Schlafs und damit auch die „Leistungsfähigkeit“ des Einzelnen in der (post)modernen Gesellschaft des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu garantieren. Ebenso schien eine einfache Reduktion der Schlafenszeit zu kurz zu greifen. An die Stelle einer fest vorgegebenen Schlafenszeit und eines „schnellen“ Schlafs trat nun die Idee, den einzelnen schlafenden Menschen zu vermessen, zu bewerten und zu optimieren.

Das US-amerikanische Militär entwickelte seit den 1980er Jahren ein „Sleep Management System“, das den Schlaf des Individuums organisieren sollte. Als Kernstück ihrer Pläne beschrieben Experten 2003 einen „on-line, real-time monitor of alertness“. Er wurde wie der Jawbone UP 3 in Form einer „wristwatch“ getragen und mit einem zentralen Rechensystem verbunden. Der Kommandant sollte so in jeder Situation einschätzen können, welcher Soldat gerade kampfbereit war und wer auf Grund von Schlafmangel kaum noch in die richtige Richtung zielen konnte. Was das „Sleep Management System“ im Sinne der militärischen Führung regeln sollte, übernimmt Jawbone heute im zivilen Leben: Der „Tracker“ vermisst und bewertet den Schlaf und hält das Individuum fit und einsatzfähig auf dem Weg „nach oben“. Die individuelle Vermessung des Schlafs erscheint damit als noch nicht einmal allzu subtile Form der Selbstoptimierung im Geiste der Effizienz und der „Nutzbarmachung“ des Einzelnen.

Bei aller Individualität auf der Oberfläche ist das individuelle „Schlaftracking“ aber auch eng gebunden an die von der Wissenschaft und der Medizin erarbeitete Vorstellung eines „Normalschlafs“. Denn die seit den 1930er Jahren an Tausenden von Versuchspersonen erhobenen Daten münden in eine Idealkurve des Schlafs, der sich der Einzelne laut „Schlaftracking“ allnächtlich zu einem bestimmten Prozentsatz annähern kann und soll. Das individuell erfahrbare, subjektive Gefühl, „ausgeschlafen“ zu sein, wird ersetzt durch die Ergebnisse technischer Messverfahren. Das „Schlaftracking“ vermittelt, dass wir nur mit Hilfe von „Sensoren höchster Qualität“ und normierten Kurven überhaupt feststellen können, ob wir als Individuen „gut“ geschlafen haben – unabhängig davon, dass die aktuelle Forschung in vielen Fällen kaum weiß, was die einzelnen Kurven genau bedeuten…

Widerständiger Schlaf

Angesichts der umfassenden und wissenschaftlich gestützten Phantasien von der Optimierung des Schlafs, die sich im 20. Jahrhundert etablieren konnten, erscheint es beinahe schon tröstlich, dass die Geschichte des Schlafs immer auch eine Geschichte von Schlafstörungen und Widerständigkeit ist. Denn ganz offensichtlich lässt sich der Schlaf des Menschen doch nicht so einfach einpassen und bestimmen. Schon die ersten Schlafratgeber des 19. Jahrhunderts beschworen zwar die Notwendigkeit eines ausgeruhten Schlafs, wandten sich aber gerade an die größer werdende Zahl derjenigen, die nicht schlafen konnten. Bis heute wächst mit der Phantasie vom „richtigen“ Schlaf auch die Angst vor seinem Verlust. Gerade im Bereich des Militärs war und bleibt der Schlaf ein Indikator dafür, dass die Verwertbarkeit des Menschen an ihre Grenzen stößt. Die Bundeswehr etwa engagiert „Schlaftrainer“, die die psychischen Wunden der „kämpfenden Truppe“ behandeln sollen. Krieg zu führen stört den Schlaf ebenso wie Krankheit und Anspannung, Zeitdruck, zu viel Arbeit oder ganz subjektives Unglücklichsein. Gerade der gestörte Schlaf aber sprengt Standards, zwingt zum Umdenken, fordert Rücksicht auf den einzelnen Menschen. Und schließlich ist der Schlaf noch immer ein Sehnsuchtsort. Das verschlafene Drittel des Lebens kann damit auch eine Bastion sein gegen die Ansprüche und Zumutungen der Gesellschaft. Auch, wenn er nur 93prozentig ist – der Schlaf ist eine Zeit zum Weg-Sein und zum Träumen.