Hannah Ahlheim

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Hannah Ahlheim ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen und arbeitet zur Geschichte des Schlafs und des Schlafwissens.

jawbone sleeptracker; Quelle: techniknews.net

jawbone sleep­t­ra­cker; Quelle: techniknews.net

„Wer heute gut schläft, ist morgen fitter“: Mit dieser Weis­heit wirbt die Firma Jawbone auf ihrer Home­page für ihr Produkt, den „Fitness­tra­cker“ UP 3.

Das „völlig neuar­tige System“ wird als Armband getragen und erfasst mit „Sensoren in höchster Qualität“ Bewe­gungen, „Schlaf und mehr“. Dank der perso­na­li­sierten „Up-App“, so lockt Jawbone Nutzer und Käufer, gebe es „nur Deinen Weg für Dich“, und der führe „up“, nach oben, zum Erfolg.

Eine Grund­lage für den von Jawbone verspro­chenen Erfolg im Wach­leben ist das „erwei­terte Schlaf­tracking“. Das Gerät zeichnet auf, wie viel Zeit der Schläfer in der letzten Nacht angeb­lich im Tief­schlaf, im Leicht­schlaf oder im REM-Schlaf verbracht hat. Mit den ermit­telten Daten erstellt der Tracker eine indi­vi­du­elle Schlaf­kurve und teilt am Morgen mit, wie viel Prozent des Ideal­schlafs erreicht wurden. Ein tech­nisch vermes­sener und indi­vi­duell opti­mierter Schlaf ist zur Norm geworden für den Weg nach „oben“.

Der „Arbeit entsprechend“ schlafen – „schneller“ schlafen

Dass sich der Mensch im Schlaf erholt, ist gewiss keine Entde­ckung des frühen 21. Jahr­hun­derts. Die Idee eines indi­vi­du­ellen „Schlaf­trackings“ hat sich zwar erst im Zuge der sozialen, ökono­mi­schen, tech­ni­schen und kultu­rellen Verän­de­rungen der letzten drei Jahr­zehnten entwi­ckelt. Die direkte Forde­rung jedoch, dass der Schlaf der „jewei­ligen Arbeit“ entspre­chen und in erster Linie die „Leis­tungs­fä­hig­keit“ erhalten solle, formu­lierten popu­läre Schlaf­rat­geber im deutsch­spra­chigen Raum schon zur Hoch­zeit der Indus­tria­li­sie­rung um 1900.

Wecker, 1913; Quelle: youtube.com

Wecker, 1913; Quelle: youtube.com

Dabei ließen sich die bereits im 18. Jh. von den bürger­li­chen Hygie­ni­kern formu­lierte Vorstel­lung vom „guten“ Schlaf im gesunden Bett wunderbar in den Alltag der indus­tria­li­sierten Gesell­schaft einpassen: Dem Ideal nach dauerte der Nacht­schlaf acht Stunden, weitere acht Stunden waren für die Arbeit vorge­sehen, die verblei­benden acht für Frei­zeit, soziales Leben und Körper­pflege. Das bürger­liche und groß­städ­ti­sche Publikum der Ratge­ber­li­te­ratur sollte abends gegen 22 Uhr ins Bett gehen, um sich um 6 Uhr morgens wieder frisch zu erheben. Der auf diese Weise genormte Nacht­schlaf rich­tete sich nicht mehr nach Hühnern und Hahnen­schrei, sondern nach der Uhr, die in den Stadt­zen­tren, Wohnungen und Westen­ta­schen immer häufiger anzu­treffen war. Der „Wecker“ begann seinen Siegeszug als Verkaufs­schlager der wach­senden Uhren­in­dus­trie im späten 19. Jahr­hun­dert.

Doch die Acht­stun­den­regel, die die Leis­tungs­fä­hig­keit des schla­fenden Menschen erhalten sollte, bekam schon bald Konkur­renz. Erste Ergeb­nisse aus den frühen Schlaf­la­boren wiesen darauf hin, dass Menschen durchaus unter­schied­lich schliefen. Vor allem aber war ein auf acht Stunden in der Nacht fest­ge­legter Schlaf für einen großen Teil der Bevöl­ke­rung illu­so­risch: Er war nicht vereinbar mit zuneh­mender Nacht-und Schicht­ar­beit, mit nächt­li­chem Konsum, mit den sich verän­dernden Rhythmen des Lebens in den wach­senden Groß­städten. So entstanden in den späten 1920er und 1930er Jahren – immer im Takt neuer Körper- und Rhyth­mus­vor­stel­lungen von Taylo­rismus und Fordismus – andere Modelle von „effi­zi­entem Schlaf“. Es galt nun, flexibel zu schlafen und die „Schla­far­beit“ „schneller“ zu erle­digen. Der acht­stün­dige „Luxus­schlaf“ könne durch die rich­tigen Prak­tiken und Willens­an­stren­gung auf einen sechs­stün­digen „Bedürf­nis­schlaf“ redu­ziert werden, hoffte ein Schlaf­rat­geber. Andere verwiesen auf „nacht­ak­tive“ Tiere und propa­gierten einen gesell­schaft­lich rund um die Uhr orga­ni­sierten „Schicht­schlaf“. Wer einen am Sinken und Steigen der Sonne ausge­rich­teten „Natur­zeit­schlaf“ schlum­mere, der brauche über­haupt nur noch von 19.00 Uhr bis 23.20 Uhr im Bett zu liegen und könne den Rest des Tages munter arbeiten, hoffte etwa der ehema­lige Lehrer Theodor Stöck­mann.

„Sleep Management“

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Sleep Rese­arch, U. S. Air Force; jber.af.mil

Doch der Opti­mismus der „Schlaf­ver­bes­serer“ erhielt schon bald einen Dämpfer. Während des Zweiten Welt­kriegs erkannten zunächst vor allem US-ameri­ka­ni­sche Experten, dass sowohl die Nacht- und Schicht­ar­beiter der Rüstungs­in­dus­trie als auch die Soldaten an der Front ihre Schlaf­zeiten nicht ohne Kosten verschoben und verkürzten. Die einen litten darunter, dass sie am hell­lichten Tag kaum schlafen konnten, woraufhin die Zahl der Unfälle und Fehl­leis­tungen stieg. Die anderen brachen psychisch zusammen und mussten immer wieder einer „Sleep Cure“ unter­worfen werden, um die Schre­cken der Front über­haupt aushalten zu können. Ganz offen­sicht­lich brauchte der Mensch ausrei­chend langen und „guten“ Schlaf, um fit zu sein für Arbeit und Kriegs­hand­werk. Es galt also, die Wirkung von Schlaf­entzug ebenso zu erfor­schen wie die begrenzten Möglich­keiten, Schlaf anders und „besser“ zu orga­ni­sieren.

Sleep Research, U. S. Air Force; jber.af.mil

Sleep Rese­arch, U. S. Air Force; jber.af.mil

Nicht zuletzt vor diesem Hinter­grund entwi­ckelte der Schlaf sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts zum Gegen­stand nicht nur phar­ma­ko­lo­gi­scher, psycho­lo­gi­scher und medi­zi­ni­scher, sondern auch mili­tä­risch finan­zierter Forschungs­pro­jekte und Groß­ex­pe­ri­mente. Zu den zentralen Erkennt­nissen der modernen Schlaf­for­schung, die sich nach dem Zweiten Welt­krieg zunächst vor allem in den USA etablieren konnte, gehörte neues Wissen um die Viel­ge­stal­tig­keit des Schlafs. Die Arbeit mit der noch jungen Technik des „Elek­tro­en­ze­pha­logramms“ seit den 1930er Jahren zeigte, dass das schla­fende Gehirn in regel­mä­ßiger Abfolge allnächt­lich verschie­dene Phasen unter­schied­li­cher Akti­vität durch­lief. Die „Entde­ckung“ des REM-Schlafs im Jahr 1953, derje­nigen Phasen also, die von schnellen Augen­be­we­gung begleitet sind, machte die Vorstel­lung vom aktiven und für jeden Schläfer notwen­digen Träumen auch für die schlaf­for­schenden Neuro­logen und Physio­logen plau­sibel. Der Schlaf stellte sich nicht mehr als ein acht­stün­diger Block von Unbe­wusst­heit dar, sondern als ein fragiles, varia­bles und indi­vi­duell verschie­denes, aus unter­schied­li­chen Einheiten zusam­men­ge­setztes Phänomen, das sich zudem noch nach einer Art „innerer Uhr“ zu richten schien.

U.S. Air Force, fatigue management; Quelle: quickseries.com

U.S. Air Force, fatigue manage­ment; Quelle: quickseries.com

Diese Erkennt­nisse machten einmal mehr deut­lich, dass das starre Modell des acht­stün­digen Nacht­schlafs letzt­lich kaum geeignet war, die Qualität des Schlafs und damit auch die „Leis­tungs­fä­hig­keit“ des Einzelnen in der (post)modernen Gesell­schaft des ausge­henden 20. Jahr­hun­derts zu garan­tieren. Ebenso schien eine einfache Reduk­tion der Schla­fens­zeit zu kurz zu greifen. An die Stelle einer fest vorge­ge­benen Schla­fens­zeit und eines „schnellen“ Schlafs trat nun die Idee, den einzelnen schla­fenden Menschen zu vermessen, zu bewerten und zu opti­mieren.

Das US-ameri­ka­ni­sche Militär entwi­ckelte seit den 1980er Jahren ein „Sleep Manage­ment System“, das den Schlaf des Indi­vi­duums orga­ni­sieren sollte. Als Kern­stück ihrer Pläne beschrieben Experten 2003 einen „on-line, real-time monitor of alert­ness“. Er wurde wie der Jawbone UP 3 in Form einer „wrist­watch“ getragen und mit einem zentralen Rechen­system verbunden. Der Komman­dant sollte so in jeder Situa­tion einschätzen können, welcher Soldat gerade kampf­be­reit war und wer auf Grund von Schlaf­mangel kaum noch in die rich­tige Rich­tung zielen konnte. Was das „Sleep Manage­ment System“ im Sinne der mili­tä­ri­schen Führung regeln sollte, über­nimmt Jawbone heute im zivilen Leben: Der „Tracker“ vermisst und bewertet den Schlaf und hält das Indi­vi­duum fit und einsatz­fähig auf dem Weg „nach oben“. Die indi­vi­du­elle Vermes­sung des Schlafs erscheint damit als noch nicht einmal allzu subtile Form der Selb­st­op­ti­mie­rung im Geiste der Effi­zienz und der „Nutz­bar­ma­chung“ des Einzelnen.

Bei aller Indi­vi­dua­lität auf der Ober­fläche ist das indi­vi­du­elle „Schlaf­tracking“ aber auch eng gebunden an die von der Wissen­schaft und der Medizin erar­bei­tete Vorstel­lung eines „Normal­schlafs“. Denn die seit den 1930er Jahren an Tausenden von Versuchs­per­sonen erho­benen Daten münden in eine Ideal­kurve des Schlafs, der sich der Einzelne laut „Schlaf­tracking“ allnächt­lich zu einem bestimmten Prozent­satz annä­hern kann und soll. Das indi­vi­duell erfahr­bare, subjek­tive Gefühl, „ausge­schlafen“ zu sein, wird ersetzt durch die Ergeb­nisse tech­ni­scher Mess­ver­fahren. Das „Schlaf­tracking“ vermit­telt, dass wir nur mit Hilfe von „Sensoren höchster Qualität“ und normierten Kurven über­haupt fest­stellen können, ob wir als Indi­vi­duen „gut“ geschlafen haben – unab­hängig davon, dass die aktu­elle Forschung in vielen Fällen kaum weiß, was die einzelnen Kurven genau bedeuten…

Widerständiger Schlaf

Schlaftracker; Quelle: mysleepbot.com

Schlaf­tra­cker; Quelle: mysleepbot.com

Ange­sichts der umfas­senden und wissen­schaft­lich gestützten Phan­ta­sien von der Opti­mie­rung des Schlafs, die sich im 20. Jahr­hun­dert etablieren konnten, erscheint es beinahe schon tröst­lich, dass die Geschichte des Schlafs immer auch eine Geschichte von Schlaf­stö­rungen und Wider­stän­dig­keit ist. Denn ganz offen­sicht­lich lässt sich der Schlaf des Menschen doch nicht so einfach einpassen und bestimmen. Schon die ersten Schlaf­rat­geber des 19. Jahr­hun­derts beschworen zwar die Notwen­dig­keit eines ausge­ruhten Schlafs, wandten sich aber gerade an die größer werdende Zahl derje­nigen, die nicht schlafen konnten. Bis heute wächst mit der Phan­tasie vom „rich­tigen“ Schlaf auch die Angst vor seinem Verlust. Gerade im Bereich des Mili­tärs war und bleibt der Schlaf ein Indi­kator dafür, dass die Verwert­bar­keit des Menschen an ihre Grenzen stößt. Die Bundes­wehr etwa enga­giert „Schlaf­trainer“, die die psychi­schen Wunden der „kämp­fenden Truppe“ behan­deln sollen. Krieg zu führen stört den Schlaf ebenso wie Krank­heit und Anspan­nung, Zeit­druck, zu viel Arbeit oder ganz subjek­tives Unglück­lich­sein. Gerade der gestörte Schlaf aber sprengt Stan­dards, zwingt zum Umdenken, fordert Rück­sicht auf den einzelnen Menschen. Und schließ­lich ist der Schlaf noch immer ein Sehn­suchtsort. Das verschla­fene Drittel des Lebens kann damit auch eine Bastion sein gegen die Ansprüche und Zumu­tungen der Gesell­schaft. Auch, wenn er nur 93prozentig ist – der Schlaf ist eine Zeit zum Weg-Sein und zum Träumen.

Hannah Ahlheim

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Hannah Ahlheim ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Georg-August-Universität Göttingen und arbeitet zur Geschichte des Schlafs und des Schlafwissens.