Seit 2019 protestieren junge Algerier:innen jeden Freitag gegen die Regierung. Doch warum halten die Protestierenden 60 Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes das Bild eines FLN-Kämpfers hoch? Über den Heldenkult um Ali la Pointe.

  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.

Zur Hoch­zeit des Dritte-Welt-Internationalismus der 1960er Jahre prangte in vielen Schüler- und Studie­ren­den­buden ein Konterfei von Ernesto „Che“ Guevara, vor allem die nach­be­ar­bei­tete Aufnahme von Alberto Korda, die den Gueril­lero in heroi­scher Pose zeigt. An diese Idoli­sie­rung erin­nert die ikoni­sche Darstel­lung eines anderen Stadt­gue­ril­leros aus den 1950er Jahren, Ali Ammar. Sein aus einem Steck­brief abge­zo­genes Konterfei führen junge Algerier*innen heute oft bei den Frei­tags­de­mons­tra­tionen des 2019 aufge­flammten Hirak (arab. für „Bewe­gung“) mit sich. So heißt der Massen­auf­stand gegen das Regime in Algier, der im Februar 2019 einsetzte, durch die Pandemie unter­bro­chen und Februar 2021 in unge­bro­chener Vehe­menz wieder aufge­nommen wurde.

Das ursprüng­liche Ziel der „Bewe­gung“, eine fünfte Kandi­datur des amtie­renden Staats­prä­si­denten Abde­laziz Boute­flika zu verhin­dern, wurde mit dem Verzicht und Rück­tritt des schwer­kranken Boute­flika zwar erreicht, doch damit war es nicht getan. Nicht mehr nur junge Leute demons­trierten weiter Freitag für Freitag auf den Straßen Alge­riens für eine umfas­sende Reform des poli­ti­schen Systems, das vom alge­ri­schen Militär domi­niert war (und ist). Die Macht­elite herrscht seit der Unab­hän­gig­keit Alge­riens von Frank­reich 1962 und bezieht ihre Legi­ti­ma­tion aus dem Befrei­ungs­kampf des Front de Libé­ra­tion Natio­nale (FLN), der vom 1. November 1954 bis zur Unab­hän­gig­keit des Landes im Juli 1962 dauerte.

Man kann diese von allen Bevöl­ke­rungs­teilen getra­gene Protest­be­we­gung als verspä­tete Welle des „arabi­schen Früh­lings“ ansehen; doch eigent­lich steht sie in der Konti­nuität einer frühen Protest­welle 1988, die den Aufständen in anderen arabi­schen Ländern voran­ge­gangen war, in einen blutigen Krieg zwischen Armee und isla­mis­ti­schen Aufstän­di­schen mündete und hundert­tau­send Opfer forderte. Auch deswegen geht der Hirak bei aller Entschlos­sen­heit behutsam vor und dekla­riert sich als „silmiya“ (fried­lich) und „hand­e­riyya“ (zivi­li­siert). Isla­mis­ti­sche Grup­pie­rungen spielen keine sicht­bare Rolle bei diesem demo­kra­ti­schen, bewusst führerlos geblie­benen Massen­pro­test, der auch Forde­rungen der berbe­ri­schen Bevöl­ke­rung einschließt und sich vom Regime weder verein­nahmen noch spalten ließ. Nach der Verhän­gung der Corona-Ausgangssperre im März 2020 verla­gerte sich der Protest in die sozialen Medien und es kam zu Verhaf­tungen einzelner Akti­visten; zugleich geriet das Regime weiter in die Defen­sive und stellte Reformen und eine neue Verfas­sung in Aussicht.

Seit Februar 2021 marschieren erneut Zigtau­sende, die weiterhin auf Gewalt­lo­sig­keit beharren und den kollek­tiven Rückzug der alten FLN- und Mili­tär­elite verlangen, die als „Mumien“ bezeichnet werden. Dieses Ancien Régime bezog seine histo­ri­sche Legi­ti­ma­tion aus eben jenem Befrei­ungs­krieg gegen die Kolo­ni­al­macht Frank­reich, für den auch Ali Ammar als Märtyrer einsteht. Dieser, besser bekannt als „Ali La Pointe“, wurde im Oktober 1957 von fran­zö­si­schen Spezi­al­ein­heiten in seinem Versteck in der Altstadt (Kasbah) von Algier in die Luft gesprengt; ob dem ein Verrat seiner Mitstreiter voraus­ge­gangen war, ist bis heute umstritten und ungeklärt.

Alis krimi­nelle Vergangenheit

Warum aber halten fast 60 Jahre nach der Unab­hän­gig­keit des Landes junge Algerier*innen das Bild eines FLN-Kämpfers hoch? Drei Viertel der Algerier*innen waren 1962 noch gar nicht geboren – warum tragen sie die alge­ri­sche Natio­nal­flagge aus dem Schrank ihrer Groß­el­tern nun wie eine Reli­quie auf die Strassen, warum singen sie voller Inbrunst die Natio­nal­hymne? Und warum kann man – wie seiner­zeit Che Guevara-Poster – heute T-Shirts mit dem Konterfei von Ali la Pointe erwerben, die zur Bezeu­gung einer soli­da­ri­schen Haltung mit dem Slogan „Hirak ist zurück“ versehen sind? Wer oder was ist hier über­haupt „zurück“?

“Fanar­tikel”, Quelle: www.redbubble.com

Um diesen langen histo­ri­schen Sprung von 1957 in die Gegen­wart zu verstehen, muss man zunächst bis in die 1830er Jahre zurück­gehen, als fran­zö­si­sche Truppen die dama­lige osma­ni­sche Provinz in Nord­afrika eroberten. In der alten Römer­stadt Miliana orga­ni­sierte Emir Abdel­kader, der heute als Urvater der alge­ri­schen Nation verehrt wird, den ersten Wider­stand gegen fran­zö­si­sche Siedler und Soldaten und errich­tete ein kurz­le­biges Kalifat. 1844 legten fran­zö­si­sche Soldaten die Stadt in Schutt und Asche, doch bran­deten lokale Aufstände in der Mittel­ge­birgs­re­gion südwest­lich von Algier immer wieder auf. In diesem Miliana wurde im Jahr 1930 Ali Ammar als jüngster Sohn einer bitter­armen Familie geboren, im Viertel Pointe des Blagueurs (Ecke der Spötter), dem er wohl seinen Spitz­namen verdankte. Für den Besuch der Schule reichte das Geld nicht; Ali stahl, prügelte sich und wanderte mit 13 erst­mals hinter Gitter. Man schickte ihn als Maurer­lehr­ling nach Algier, wo er dann als Trick­be­trüger und Zuhälter den Ruf eines „petit caïd“ erwarb, eines Nach­wuchs­ga­noven im tief­kri­mi­nellen Milieu der Altstadt. Als Ali wegen Wider­standes gegen die Polizei, Raub und versuchtem Mord eine zwei­jäh­rige Haft­strafe im berüch­tigten Gefängnis Barbe­rousse verbüßte, nahmen Ange­hö­rige des Front de Libé­ra­tion Natio­nale mit ihm Kontakt auf, jener dezen­tral in Alge­rien und Frank­reich agie­renden Natio­nal­be­we­gung, die am 1. November 1954 zum bewaff­neten Gueril­la­kampf über­ge­gangen war. Viele Kader stammten aus ähnlich delin­quentem Milieu, und mit Ali trat nun ein guter Teil der Halb­welt Algiers mit in die Dienste des FLN. Sein Boss war der kaum ältere Yacef Saâdi, und Ali wurde bald dessen rechte Hand, die beden­kenlos vermeint­liche und tatsäch­liche Spitzel und Verräter aus dem Weg räumte.  Eine solche Verbin­dung von revo­lu­tio­närer Bewe­gung und krimi­neller Halb­welt war an sich nichts Außer­ge­wöhn­li­ches. Die Geschichte (vor)revolutionärer Bewe­gungen lehrt, dass sie immer wieder delin­quente Prot­ago­nisten anzogen, die auf ihre Weise gegen die Obrig­keit kämpften, und das revo­lu­tio­näre Milieu gele­gent­lich eine tempo­räre Symbiose mit dem krimi­nellen Milieu einging. Die Akti­vität des FLN begann mit einem Bank­über­fall des späteren Staats­prä­si­denten Ahmed Ben Bella und Komplizen auf die Haupt­post von Oran im April 1947. Das erin­nert an anar­chis­ti­sche Gruppen wie die fran­zö­si­sche „Bonnot-Bande“ in den 1910er Jahren ebenso wie an die frühen Bolsche­wiki im Kaukasus. Auch später noch gab es eine Stili­sie­rung von „Bambule“-Delin­quenten zur Avant­garde von Rebel­lion in den Schriften der „Rote Armee Frak­tion“ (RAF) der frühen 1970er Jahre.

Von links nach rechts, hintere Reihe: Djamila Bouhired, Yacef Saâdi, Hassiba Ben Bouali. Vorne: Samia Lakhdari, Petit Omar, Ali la Pointe mit einem Gewehr und Zohra Drif. Quelle: Wikipedia

Dasselbe gilt nun eben auch für die hier auf dem Bild zu sehende Bombenleger-Gruppe um Yacef Saâdi (mit beacht­lich hohem Frau­en­an­teil). Mit Terror gegen Zivi­listen wie Sicher­heits­kräfte trug sie den bis dahin über­wie­gend auf dem Land geführten Kampf in die Haupt­stadt, wo 1957 die „Schlacht um Algier“ begann, mit aller nur denk­baren Härte und schmut­ziger Kriegs­füh­rung auf beiden Seiten. Die fran­zö­si­schen Fallschirmjäger-Eliteeinheiten unter dem Kommando von General Jacques Massu machten beim Durch­kämmen der Häuser keine Gefan­genen, die auf eigene Rech­nung vorge­henden Bomben­leger kannten ebenso wenig Gnade im Straßen- oder besser Gassenkampf.

Warum ist Ali heute ein Held?

Ange­sichts der krimi­nellen Vergan­gen­heit Alis und seiner überaus gewalt­tä­tigen revo­lu­tio­nären Praxis drängt sich die Frage auf, wieso der heutige Hirak, der sich ausdrück­lich als „fried­lich“ und „zivi­li­siert“ bezeichnet, Ali zu einem Helden macht. Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach, und sie beginnt damit, dass Ali in Alge­rien schon lange als Held der Revo­lu­tion gefeiert wird. In Miliana steht an einem nach ihm benannten Platz eine Statue Ali Ammars, den der FLN nach der Unab­hän­gig­keit 1962 in den Status eines Märty­rers der Revo­lu­tion erhoben hatte.

“Die Schlacht um Algier”, I 1966, Gillo Ponte­corvo, Jean Martin, Yacef Saadi, Brahim Hadjadj, Quelle: babylonberlin.eu

Dazu kommt, dass die heraus­ge­ho­bene Ikoni­zität des Ali La Pointe nicht zuletzt auf einer filmi­schen Re-Inszenierung der „Batta­glia di Algeri“ in der italienisch-algerischen Doku-Fiktion von 1966 beruht, die niemand Gerin­gerer als der über­le­bende Yacef Saâdi auf den Weg gebracht hatte. Regis­seur Gillo Ponte­corvo, jour­na­lis­tisch geschult, drehte fakten­ge­treu in „veris­ti­scher“ Kame­ra­füh­rung an Origi­nal­schau­plätzen der Kasbah. Der Terror und die Verbre­chen beider Seiten werden ausge­wogen darge­stellt, und so entstand kein Propa­gan­da­s­treifen, sondern ein bis heute heraus­ra­gender Film, der 1966 den Goldenen Löwen in Venedig gewann. In Frank­reich war er lange verboten, gegen ihn lief vor allem die Terror­or­ga­ni­sa­tion Orga­ni­sa­tion de l’armée secrète (OAS) Sturm, die sich aus unver­söhn­li­chen Alge­ri­en­fran­zosen rekru­tierte. Yacef Saâdi war übri­gens nicht nur der Initiator, er spielte sich auch selbst, neben markanten Laien­dar­stel­lern wie Brahim Hadjadj, der Ali La Pointe verkör­perte (und später als profes­sio­neller Schau­spieler tätig war). Dessen Gesicht vor allem prägte das Bild des sagen­um­wo­benen Revo­lu­tio­närs Ali La Pointe im kollek­tiven Gedächtnis der Alge­rie­rinnen und Algerier. 

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Ange­sichts dieses, wenn auch viel­schich­tigen Helden­kults kann man an der Person Alis und seiner ehema­ligen revo­lu­tio­nären Zelle aller­dings auch die überaus proble­ma­ti­schen Aspekte der alge­ri­schen Revo­lu­tion demons­trieren: Die frag­liche Legi­ti­mität revo­lu­tio­närer Gewalt im „gerechten“ Kampf um Unab­hän­gig­keit und Entko­lo­nia­li­sie­rung, die gezielt unbe­tei­ligte Zivi­listen traf, oder auch die Omni­prä­senz des Verrats und immense Riva­lität in den klanartig orga­ni­sierten Frak­tionen des FLN und der Natio­nal­be­we­gung. Dazu kommt, auf der anderen Seite, die „Counterterrorism“-Strategie der Kolo­ni­al­macht, die in Alge­rien mit Terror und Folter, summa­ri­schen Exeku­tionen und groß­flä­chiger Vertrei­bung an die Grenze zum Genozid ging und der Gueril­l­a­be­kämp­fung bis in heutige Schau­plätze im Mitt­leren Osten Modell stand. Und nicht zuletzt die Lang­zeit­folgen der trau­ma­ti­sie­renden Gewalt­ge­schichte Alge­riens, die phasen­weise wie ein Blutbad wirkt.

Doch das alles erklärt immer noch nicht, warum Ali la Pointe, in einer Art zweiten Wieder­auf­er­ste­hung, heute als Held verehrt wird, und zwar nicht als Märtyrer der alge­ri­schen Revo­lu­tion per se, sondern als Anti­pode zu der seit 1962 herr­schenden FLN-Partei, die den Mythos der Moud­ja­hi­dins ganz für sich usur­piert und ausge­schlachtet hat – für eine Diktatur, gegen die Jugend­liche und wach­sende Teile der Bevöl­ke­rung gerade zu Hundert­tau­senden aufstehen. Es erscheint paradox, wenn der Kampf von Ali La Pointe und weiteren, meist lange verstor­benen Kämp­fern aus der Früh­zeit der alge­ri­schen Befrei­ungs­front auf die heimi­sche Macht­clique von heute proji­ziert wird. Doch in der kollek­tiven Wahr­neh­mung des Hirah muss die unvoll­endete Revo­lu­tion von 1954ff. weiter­gehen – und wird erst gesiegt haben, wenn die „Mumien“ des FLN endlich gestürzt sind. Ali La Pointe mag ein Gangster gewesen sein, aber die wahre ‘issaba (Gang) saß und sitzt in dieser Sicht­weise in der „Casa del Mouradia“, im Präsi­den­ten­pa­last, dessen Okku­pa­toren dem Volk über Jahr­zehnte hinweg die Ressourcen und Chancen geraubt haben.

Auch dieses Phänomen, die Idea­li­sie­rung der Früh­zeit einer Revo­lu­tion gegen ihre spätere Usur­pa­tion und Fälschung, ist aus der Nach-Revolutionsgeschichte bekannt. In der Sowjet­union war etwa in der 2. Hälfte der 1920er zu beob­achten, dass poli­ti­sierte Jugend­liche, die sich gegen die Neue Ökono­mi­sche Politik Lenins als Verrat an den Maxi­mal­zielen der Okto­ber­re­vo­lu­tion auflehnten, die Bürger­kriegs­zeit verklärten und deren Gräuel ausblen­deten oder zu unver­meid­baren Kolla­te­ral­schäden baga­tel­li­sierten. Dass sich eine Bewe­gung, die bisher konse­quent fried­lich geblieben ist, unter dem Bild eines Bomben­le­gers versam­melt, wird folg­lich nicht als Wider­spruch empfunden. Den Ausschlag für die Iden­ti­fi­ka­tion mit Ali la Pointe gibt die von ihm erfah­rene, von den (männ­li­chen) Jugend­li­chen heute symbo­lisch nach­voll­zo­gene und auch täglich erfah­rene Margi­na­li­sie­rung, die ihn in die Delin­quenz getrieben habe. Der Hirak ist für viele verzwei­felte Algerier*innen eine Alter­na­tive zur Emigra­tion über das Mittel­meer nach Europa. Die U30 stellen über die Hälfte der 42 Millionen Alge­rier, mehr als ein Viertel von ihnen ist arbeitslos, und auch wer ein Diplom hat, findet einen guten Job nur mit „pistons“, durch Zugänge ins Klien­tel­system der Nomen­klatur. Die Nähe Europas und die Bezie­hungen nach Frank­reich macht die alge­ri­sche Jugend ihren dortigen Cousins und Peers gleich; routi­niert nutzt sie soziale Netz­werke, aber sie kann kaum reisen und die Geschlechter wachsen, meist in öden Plat­ten­bau­sied­lungen, getrennt auf, so dass der Konsum von Drogen und Porno­seiten die Haupt­be­schäf­ti­gung bleiben. Ganze Hundert­schaften von harragas („die ihre Papiere verbrennen“) haben in Schlep­per­booten die gefähr­liche Über­fahrt nach Spanien gewagt; seit Februar 2019 sind aller­dings solche riskanten Flucht­ver­suche alge­ri­scher Boat people stark zurück­ge­gangen. Die „Dezem­ber­kids“, wie ein jüngst über­setzter Roman von Kaou­ther Adimi die aufsäs­sige (Fußball-)Jugend nennt, weiß sich zu wehren.

Die revo­lu­tio­näre Kontinuität

Es kommt daher nicht von unge­fähr, wenn jetzt vor allem früh gefal­lene Märtyrer des Befrei­ungs­kampfes wie eben Ali la Pointe als Idole der Revo­lu­tion heran­ge­zogen werden. In die korrupten Macht­ge­schäfte nach 1962 sind sie nicht invol­viert gewesen, haben also niemanden verraten oder sind selbst unter bis heute nicht aufge­klärten Umständen verraten worden. Wenn sich eine über­le­bende Prot­ago­nistin der Schlacht um Algier wie Djamila Bouhired seit 2019 mit dem Hirak soli­da­ri­siert, stößt das bei den Aktivist*innen auf frene­ti­sche Begeis­te­rung, da sie zum einen als auch „unschuldig“ geblie­bene Kämp­ferin den Transfer von der Früh­zeit der Revo­lu­tion in die heutige verkör­pert, zum anderen, da sie, anders als der FLN an der Macht, Frauen keine bloß passiv-repräsentative Rolle zuteilt.

Statue von Ali la Pointe auf dem gleich­na­migen Platz in Miliana, Quelle: Wikipedia

Diese Refe­renzen belegen die inten­sive Rück­wen­dung zur alge­ri­schen Geschichte, die der Hirak 60 Jahre nach der Unab­hän­gig­keit des Landes mit sich gebracht hat. Die Zeit zwischen dem 1. November 1954 und dem Unab­hän­gig­keitstag 1962, die beide jähr­lich begangen wurden, gilt als immer noch unvoll­endete Revo­lu­tion – nur das Terri­to­rium wurde befreit, nicht das Volk. Die Gesänge und Slogans, die Poster und Fahnen, die Graf­fiti und die virtu­ellen Netz­werke des Hirak seien eine „formi­dable Kommu­nion zwischen der Genera­tion des 1. November 1954 und den Kindern der Revo­lu­tion“, notierte die Tages­zei­tung El Watan  schon am 1. März 2019. Die Revo­lu­tion, die von den Eliten der alten Kämpfer nach napo­leo­ni­schem (und real­so­zia­lis­ti­schem) Vorbild zum „Block“ erklärt und steri­li­siert wurde, wird zum Leben erweckt, der von toten Revo­lu­ti­ons­helden eröff­nete Erfah­rungs­raum weitet sich in einen wieder offenen Erwar­tungs­ho­ri­zont, und zwar nicht nur als intel­lek­tu­elle Speku­la­tion, sondern im refle­xiven Massenereignis.

Dieses findet statt auf Straßen und Plätzen, die Namen toter Revolutionär*innen tragen –  Larbi M’Hidi, Didouche Mourad, Amirouche Aït Hamouda, Hassiba Ben Bouali und auch die über­le­bende Djamila Bouhired – und asso­zi­iert werden mit Held*innen, die noch keinen Ehren­platz erhalten haben oder gezielt „vergessen“ wurden wie Messali Hadj, der eigent­liche Gründer der alge­ri­schen Natio­nal­be­we­gung. Die Schlacht von Algier geht weiter, ein Graf­fito lautete:

Ali Ammar, unser Land ist in Gefahr, lasst uns die Schlacht von Algier weiter­kämpfen, es gibt kein Zurück, wir werden uns unsere Unab­hän­gig­keit holen.

So wähnt man sich heute noch an Schau­plätzen der Kämpfe in den 1950er Jahren, an deren alge­ri­sche Opfer Gedenk­pla­ketten überall erin­nern. Auch der Mathe­ma­tik­lehrer Maurice Audin, der auf Seiten des FLN kämpfte und 1957 „verschwunden“ war, genießt die Vereh­rung der Hirak-Aktivisten; sie über­häufen seinen Gedenkort in Algier mit kleinen Post-it-Zetteln, auf denen sie ihre Wünsche für eine bessere Zukunft des Landes depo­nieren. Die beiden letzten fran­zö­si­schen Staats­prä­si­denten Fran­çois Hollande und Emma­nuel Macron haben die Schuld Frank­reichs an der Ermor­dung Audins und anderer FLN-Unterstützer einge­räumt und eine ernst­hafte Aufar­bei­tung der Vergan­gen­heit auf den Weg gebracht. Doch die Front­stel­lung gegen die eins­tige Kolo­ni­al­macht und die Koope­ra­tion des alge­ri­schen Regimes mit Frank­reich blieb fest; Macron wird vom Hirak mit derselben Wut atta­ckiert wie das alte FLN-Regime und die Mili­tärs, in denen man Wieder­gänger der Kolo­ni­al­armee sieht. Auch unter diesem Gesichts­punkt behalten Ali La Pointe und seine Kamerad*innen ihre heroi­sche Aura. Ob diese einer historisch-kritischen Aufar­bei­tung der inneren Gegen­sätze der alge­ri­schen Natio­nal­be­we­gung stand­halten würde, steht auf einem anderen Blatt. Bisher setzt die Demo­kra­tie­be­we­gung andere Prioritäten.

  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.