„Anything goes“. Paul Feyer­abend und die etwas andere Postmoderne

Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend hat 1975 den westlichen „Rationalismus“ einer ätzenden Kritik unterzogen und die Grenze zwischen Wissenschaft und Mythos niedergerissen. Sein „Anything goes“ gilt seither als Parole „der“ Postmoderne – obwohl Feyerabends Kritik der Esoterik viel näher stand als der Dekonstruktion.

Man lernt nie aus. Zum Beispiel – und natür­lich dank Wiki­pedia –, dass „Anything goes“ eine Musical Comedy war, geschrieben von Cole Porter und urauf­ge­führt am 21. November 1934 im Alvin Theatre in New York (und in seinen Wieder­auf­füh­rungen auf YouTube verewigt). Aber das wollten wir gar nicht wissen. Ist denn „Anything goes“ nicht das Marken­zei­chen „der“ Post­mo­derne – ein zyni­sches Schlag­wort, das schon vor dem Zeit­alter der Fake News den Unter­gang der Wahr­heit einge­läutet hat? Ein „Belie­big­keits­pa­ra­digma“ (C. Viel­haber), das sich selbst als mora­lisch unhaltbar verrät und zum angeb­lich schlechten Geschmack post­mo­derner Archi­tektur auch noch die schlechte Gesin­nung markt­geiler Mode­phi­lo­so­phen hinzu­fügt? Oder ist „anything goes“ der gemein­same Nenner der Medi­en­theo­rien von „McLuhan, Baudril­lard, Virilio, Kittler und Flusser“, wie man zuweilen auch lesen kann? Nun, so unge­fähr, wahrscheinlich.

Der Google Books Ngram Viewer verrät aller­dings, dass für die Formel „anything goes“ im Briti­schen Englisch in den Kriegs­jahren 1917 und 1944 jeweils kurze Konjunk­tur­hö­he­punkte zu verzeichnen waren: Im Krieg sind alle Mittel recht, muss alles „gehen“, um den Feind zu besiegen. Ab 1960 nahm dann die Häufig­keit der Wendung konti­nu­ier­lich und deut­lich über das Niveau des Heeres­ge­brauchs hinaus zu (der Trend kehrte erst um die Jahr­tau­send­wende) – ein Schelm, der sagt, die Post­mo­derne habe eben schon in den „Sixties“ begonnen. Denn im Ernst: Zur popu­lären Refe­renz für das, was seit den späten 1970er Jahren die Post­mo­derne genannt wird, ist das „anything goes“ erst später geworden, wahr­schein­lich in den 1990er Jahren. Der Urheber der philo­so­phi­schen Vari­ante der Formel „anything goes“ jeden­falls, der Wiener Wissen­schafts­phi­lo­soph und erkennt­nis­theo­re­ti­sche „Anar­chist“ Paul Feyer­abend (1924-1994), hatte damit nicht das im Sinn gehabt, was später mit der Post­mo­derne asso­zi­iert wurde: keine Medi­en­theorie, keine „fran­zö­si­schen“ Sprach­phi­lo­so­phien à la Derrida oder Lacan (die er verach­tete), und schon gar keine Neuerfin­dung der Archi­tektur aus dem Geist der „Tradi­tion“ wie bei Charles Jencks, dem maßge­benden Theo­re­tiker der archi­tek­to­ni­schen Postmoderne.

Wider den Rationalismus

Paul Feyer­abend war seit 1958 Professor für Philo­so­phie und Wissen­schafts­theorie an der Univer­sity of Cali­fornia in Berkeley. Um seinen erkennt­nis­theo­re­ti­schen Furor zu verstehen, den er dann in die Formel „anything goes“ gegossen hat, ist es wichtig zu wissen, dass Feyer­abend ein Schüler von Karl Popper war, dem Begründer des soge­nannten „Kriti­schen Ratio­na­lismus“. Popper hatte unter anderem versucht, Krite­rien zu entwi­ckeln, nach denen wissen­schaft­liche Erkennt­nis­pro­zesse fort­schreiten und mit denen man daher auch Wissen­schaft von allen Formen von Nicht-Wissenschaft unter­scheiden könne. Zentral war dabei die soge­nannte „Falsi­fi­zier­bar­keit“: Popper postu­lierte, dass Theo­rien nur dann wissen­schaft­lich sind – und auch den Fort­schritt der Erkenntnis ermög­li­chen –, wenn sie „falsi­fi­zierbar“ sind, das heißt, wenn es prin­zi­piell möglich ist, sie zu wider­legen. Glau­bens­ätze wie „Jesus ist mein Retter“ sind nicht wider­legbar. Aussagen wie „Wasser kocht bei 100 Grad“ sind hingegen über­prüfbar und damit prin­zi­piell wider­legbar (auch wenn sie sich unter bestimmten Bedin­gungen als wahr erweisen).

Das scheint ebenso einfach wie einleuch­tend zu sein. Paul Feyer­abend kam nun aller­dings auf der Basis einer sehr intimen Kenntnis der Geschichte der abend­län­di­schen Wissen­schaft zu der Über­zeu­gung, dass die Vorstel­lung, die Wissen­schaft entwickle sich im Sinne Poppers nach ratio­nalen Regeln (wie eben der Falsi­fi­ka­tion), schlicht nicht zutreffe. 1975 publi­zierte er in Berkeley sein dick­lei­biges und nicht leicht zu lesendes, dennoch aber schnell berühmt gewor­denes Buch Against Method (dt. Wider den Metho­denzwang. Skizze einer anar­chis­ti­schen Erkennt­nis­theorie, 1976). An vielen wissen­schafts­his­to­ri­schen Beispielen und bis in komplexe Details hinein konnte er zeigen, dass sich neue wissen­schaft­liche Theo­rien oder Ansichten, die – wie etwa der Über­gang zum koper­ni­ka­ni­schen Welt­bild – übli­cher­weise als „Fort­schritt“ bezeichnet würden, nicht aus Gründen über­le­gener Ratio­na­lität, geschweige denn metho­di­scher Strenge durch­ge­setzt hätten. Sie seien viel­mehr unter voll­kommen kontin­genten, das heißt zufäl­ligen Bedin­gungen erfolg­reich geworden, oft nur dank „absurder“ Ideen von Außen­sei­tern – und zuweilen auch erst unter Anwen­dung von Gewalt. Auf diese Weise, und nicht aus „ratio­nalen“ Gründen, würden sie dann als neue „Ideo­lo­gien“ – so Feyer­abend – akzep­tiert. Im Expe­ri­ment „falsi­fi­zierbar“ waren und sind sie oft nicht, weil sie nicht einfache, über­prüf­bare Sach­ver­halte aussagen, sondern, wie etwa die Kosmo­lo­gien von Koper­nikus oder Einstein, ganze Welt­bilder darstellen, die den theo­re­ti­schen Apparat, mit dem sinn­voll über sie gespro­chen werden kann, selbst erst erschaffen.

Was die Beschrei­bung der Geschichte der Wissen­schaften angeht, ist Feyer­abends These von deren Kontin­genz im Prinzip kaum zu bestreiten. Aber er ging noch viel weiter. Für ihn ergab sich aus diesem Bild der Wissen­schafts­ge­schichte die Schluss­fol­ge­rung, dass es kein durch­gän­giges, über­his­to­ri­sches Ratio­na­li­täts­kri­te­rium und keinen allge­mein­gül­tigen metho­di­schen Grund­satz gäbe, nach dem die Wissen­schaft sich richten könnte. Statt­dessen müsse man akzep­tieren, dass buch­stäb­lich alle Methoden, Ideo­lo­gien, Welt­bilder, Reli­gionen und Mythen zur Beschrei­bung der Welt nütz­lich sein können. Es exis­tiere daher, so Feyer­abend, nur eine einzige erkennt­nis­theo­re­ti­sche Maxime, die er gelten lassen könne und die auch tatsäch­lich beschreibe, wie Wissen sich entwi­ckelt: „Anything goes“.

Regen­tänze der Hopi

Man muss sich klar machen, was das bedeu­tete. Feyer­abend meinte mit diesem „anything goes“ ausdrück­lich nicht nur alle Konzepte im weiten Raum der abend­län­di­schen Philo­so­phie und Wissen­schaft, und auch nicht nur die fakti­schen Zufälle und Abson­der­lich­keiten der Wissen­schafts­ge­schichte, sondern auch Mythen wie die bibli­sche Schöp­fungs­ge­schichte, die Kosmo­logie der Hopi oder Stein­zei­t­a­stro­logie, die Philo­so­phie des Dao, Heil­prak­tiken wie Kräu­ter­me­dizin, Hand­auf­legen oder „tradi­tio­nelle“ chine­si­sche Medizin. Warum sei man zum Beispiel so sicher, dass die Regen­tänze der Hopi nicht funk­tio­nieren? Dazu gäbe es, so Feyer­abend mit Verweis auf „die para­psy­cho­lo­gi­sche Forschung“, keinen Grund. Denn „unter streng kontrol­lierten Versuchs­be­din­gungen“ könne „das Bewusst­sein die Materie beein­flussen“, und viele alte Kulturen würden lehren, dass man diese Bewusst­seins­kräfte üben und stei­gern könne.

Es war wahr­schein­lich kein Zufall, dass Feyer­abend seine „anar­chis­ti­sche“ Erkennt­nis­theorie in Berkeley entwi­ckelte. Die Bay-Area um San Fran­cisco herum war damals das Zentrum der – verein­facht gesagt – Hippie-Kultur, genauer aber das Zentrum der expe­ri­men­tellen Suche nach neuen Lebens­formen, neuen Welt­bil­dern, neuen Wahr­heiten und neuen Selbst­tech­niken. Dabei spielten östliche Weis­heits­lehren wie zum Beispiel der für den west­li­chen Markt ange­passte Hindu­ismus des Maha­rishi Mahesh Yogi (der Guru der Beatles, von Mick Jagger oder Clint East­wood) eine zentrale Rolle. Diese östli­chen Strö­mungen vermischten sich mit den esote­ri­schen Lehren des soge­nannten „Wassermann-Zeitalters“ bzw. des „New Age“, und schließ­lich auch, gleichsam als lokale Vari­ante, mit india­ni­schen Mythen. Von diesen erzählte der Anthro­po­loge und Mytho­loge Carlos Casta­neda in seinen bis heute viel­ge­le­senen Büchern über den – weit­ge­hend erfun­denen – „india­ni­schen Weisen“ „Don Juan“, vor allem in The Teaching of Don Juan (1968, dt. Die Lehren des Don Juan: Ein Yaqui-Weg des Wissens).

Paul Feyer­abend bezog sich nicht zuletzt und ohne Scheu auf diese coun­ter­cul­ture der kali­for­ni­schen Sinn­su­chenden. Habe nicht Carlos Casta­neda gezeigt, dass „Wahr­neh­mungen auf höchst unge­wöhn­liche Art verknüpft werden können“, und keine „wahrer“ sei als die andere? Hänge denn nicht, fragte Feyer­abend rheto­risch, aber in keiner Weise ironisch, die Wahr­neh­mung voll­kommen davon ab, welche „Lebensart als Maßstab der Wirk­lich­keit“ gelte? Wer könne denn mit welchen Krite­rien, auf der Grund­lage von welchem Wahr­heits­be­griff und vor dem Hinter­grund von welcher Lebens­weise dem Don Juan sagen, dass seine Einsichten – etwa sein Heil­wissen oder zur Stel­lung des Menschen in der Natur – weniger wert seien als die des west­li­chen Ratio­na­lismus? Feyer­abend war in seiner Zurück­wei­sung der Vorstel­lung, dass es einen „allge­meinen“, allem anderen über­ge­ord­neten „ratio­nalen“ Wahr­heits­be­griff gäbe, absolut konse­quent – und genau darum auch voll­kommen offen nicht nur für alle Lehren und Philo­so­phien rund um den Globus, sondern auch explizit für jeden Mythos und jeden reli­giösen Glauben. Sind denn, fragte er wieder­holt, Wissen­schaft und Mythos über­haupt zu trennen? Ja, ist Wissen­schaft nicht auch einfach eine „Reli­gion“ wie jede andere – bezie­hungs­weise „ein Mythos unter vielen, entstanden unter beson­deren histo­ri­schen Bedin­gungen“, wie Feyer­abend im Vorwort zur deut­schen Ausgabe fragte?

New Age und Esoterik

Die New Ager und Esote­riker sahen das nicht anders. Der damals in Stan­ford forschende öster­rei­chi­sche Physiker Fritjof Capra publi­zierte im selben Jahr wie Feyer­abend in Berkeley eben­falls so etwas wie ein wissen­schafts­theo­re­ti­sches Mani­fest: The Tao of Physics (dt. Der kosmi­sche Reigen, 1977). In diesem Buch, das sogar vom Fach­organ Physics Today gelobt wurde, verkün­dete er die Botschaft einer tiefen Verwandt­schaft von „west­li­cher“ Atom- und Quan­ten­physik mit den Weis­heits­lehren des Ostens, das heißt mit mysti­schen „Einsichten“, die dem Buddhismus, dem Taoismus und dem Hindu­ismus gemeinsam seien. Eben­falls zur glei­chen Zeit propa­gierte einer der bekann­testen Propheten des New Age, der Ameri­kaner David Spangler, in New Age. Die Geburt eines neuen Zeit­al­ters (dt. 1978 – und bis heute zu kaufen, neben Dutzenden seiner weiteren Bücher) mit sehr ähnli­chen Argu­menten die Vorstel­lung einer Verbin­dung von „Bewusst­sein“ und „Kosmos“. In vager Weise auf Erkennt­nisse der Quan­ten­physik gestützt, postu­lierte er, die Wirk­lich­keit sei „eine gemein­same Schöp­fung oder ein Produkt der Betei­li­gung von Beob­achter und beob­ach­tetem Objekt“. Daraus folge, so Spangler: „Die Welt ist so hart, wie wir wollen, oder so offen, flie­ßend und dehnbar, wie wir in der Lage sind, sie zu verkör­pern.“ In sehr ähnli­cher Weise sagte auch Feyer­abend, „dass eine Verän­de­rung univer­seller Prin­zi­pien zu einer Verän­de­rung der gesamten Welt führt“. Man gäbe damit zu, „dass die Forschung einen entschei­denden Einfluss selbst auf die fest­ge­füg­testen Bestand­teile des Kosmos [!] hat“.

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Das alles soll nun aller­dings nicht heißen, dass Paul Feyer­abend ein Esote­riker oder New Ager war – aber es soll heißen, dass seine „anar­chis­ti­sche“ Erkennt­nis­theorie viele offen­kun­dige Berüh­rungs­punkte mit einer ganz unab­hängig von ihm entstan­denen und sich schnell ausbrei­tenden popkul­tu­rellen Strö­mung aufwies und daher begeis­tert aufge­griffen wurde. 1979 lagen von der deut­schen Ausgabe – erschienen in der „Theorie“-Reihe des Suhr­kamp Verlags und heraus­ge­geben von keinem Gerin­gerem als Jürgen Habermas – schon 13‘000 Exem­plare vor; mein Exem­plar, das ich 1980 kaufte, ist voll von Anstrei­chungen und zustim­menden Ausru­fe­zei­chen an den erstaun­lichsten Stellen. Denn das „anything goes“ wurde, ganz im Sinne des New Age, aber auch der linken Alter­na­tiv­szene, als eine funda­men­tale Kritik am west­li­chen Ratio­na­lismus gelesen, der mit der mani­festen Zerstö­rung der Umwelt und der Ausbeu­tung der „Dritten Welt“, ja der Zerstö­rung aller indi­genen „Völker“ und „Kulturen“ voll­ständig dele­gi­ti­miert erschien. Vor allem die damals verbrei­tete Begeis­te­rung für die „Indianer“ konnte unmit­telbar an Feyer­abend anschließen, wenn er vom Regen­tanz der Hopi schrieb und Carlos Casta­neda lobte. Dass er im akade­mi­schen Feld und in den großen Medien vor allem Spott und erbit­terte Ableh­nung provo­zierte und der Spiegel ihn einen „Clown“ nannte, schien nur das kriti­sche Poten­tial dieses mytho­lo­gi­sie­rend aufge­la­denen „anything goes“ zu bestätigen.

Wissen­schafts­feind­schaft und Identitätspolitik

Feyer­abend war sich der poli­ti­schen Konse­quenzen dieser Haltung nicht nur voll­kommen bewusst, sondern formu­lierte sie in aller Deut­lich­keit selbst. Er empfand die Verbin­dung von west­li­chem, wissen­schaft­li­chem Ratio­na­lismus, Kapi­ta­lismus und Demo­kratie als ein System der Gewalt und Unter­drü­ckung, das alle anderen Kulturen und Lebens­weisen in ihrer Exis­tenz bedrohe. Er meinte das – avant la lettre – iden­ti­täts­po­li­tisch: „Eine west­liche Demo­kratie“ könne „keine Hopi-Kultur im vollen Sinne des Wortes enthalten; sie kann keine schwarze Kultur im vollen Sinne des Wortes enthalten; sie kann keine jüdi­sche Kultur im vollen Sinne des Wortes enthalten“. Eine Aner­ken­nung solcher Kulturen und Iden­ti­täten sei unter den Bedin­gungen der „unhei­ligen Allianz“ von Demo­kratie, Kapi­ta­lismus und Ratio­na­lismus nicht möglich, und diese Kulturen seien daher in ihrer Exis­tenz bedroht. Aus diesem Grund forderte Feyer­abend, dass nach der schon erfolgten Tren­nung von Kirche und Staat nun auch „die Tren­nung von Wissen­schaft und Staat“ voll­zogen werden müsse. Mit anderen Worten: „Die Eltern eines sechs­jäh­rigen Kindes können entscheiden, ob ihm die Grund­lagen des Protes­tan­tismus oder des Juden­tums oder über­haupt keine Reli­gion vermit­telt werden soll, aber auf dem Gebiet der Wissen­schaften haben sie kein solches Recht. Physik, Astro­nomie, Geschichte müssen gelernt werden. Sie können nicht durch Magie, Astro­logie oder das Studium von Sagen ersetzt werden.“ Feyer­abend hielt das für eine unhalt­bare, weil „unde­mo­kra­ti­sche“ Situa­tion, die wie gesagt auch dazu führe, dass mino­ri­täre und nicht-europäische Kulturen unter­drückt würden. Für ihn gab es daher nur ein akzep­ta­bles Modell: „Die Stimme jedes Betrof­fenen entscheidet über Grund­fragen wie Lehr­me­thoden, die Wahr­heit grund­le­gender Ansichten wie der Entwick­lungs­theorie [=Evolu­ti­ons­theorie] oder der Quan­ten­theorie – nicht die Auto­rität der großen Tiere.“ Anything goes: „Sollen wir Darwin lehren, oder Genesis, oder beides?“ Darüber müssten die „Betrof­fenen“ abstimmen, oder die Eltern für ihre Kinder die Entschei­dung treffen – nicht aber der „Staat“, weil dieser nicht von der „Ideo­logie“ der Wissen­schaft getrennt sei.

Nein – Paul Feyer­abend meinte das nicht ironisch, wie zuweilen gesagt wird, dafür insis­tierte er zu sehr und immer wieder auf genau diesen poli­ti­schen Schluss­fol­ge­rungen, vom Vorwort der deut­schen Ausgabe bis zum letzten Kapitel seines Buches (das er für die deut­sche Ausgabe über­ar­bei­tete). Liest man es heute, befällt einem die Angst, es könnte einem Impf­gegner, einem Krea­tio­nisten oder einem Flat-Earther in die Hände fallen – oder den vielen Leug­nern des Klima­wan­dels… Vor allem aber dämmert einem die Einsicht, dass das, was abwer­tend als „Post­mo­derne“ kriti­siert wird, wohl sehr viel weniger mit fran­zö­si­schen Philo­so­phen und ihren „dekon­struk­tiven“ Sprach­theo­rien zu tun hat, als mit jenen esote­ri­schen und anti-rationalistischen, ja wissen­schafts­feind­li­chen Strö­mungen im pop- und gegen­kul­tu­rellen Schatten dessen, was heute etwas verächt­lich Main­stream­kultur heißt. Feyer­abend hat zwar dem Glauben an die unum­schränkte „Ratio­na­lität“ des wissen­schaft­li­chen Fort­schritts nicht ohne gute Gründe einen kräf­tigen Schlag versetzt. Gegen­wärtig aber erkennen wir, dass die Kombi­na­tion von Wissen­schafts­feind­schaft, esote­ri­schen Speku­la­tionen über die Verbin­dungen von indi­vi­du­ellem „Bewusst­sein“ und „Kosmos“, und schließ­lich dem iden­ti­täts­po­li­tisch aufge­la­denen Beharren auf der Eigen­stän­dig­keit und Einzig­ar­tig­keit jeder „Kultur“ ein ziem­lich toxi­sches Gebräu ist. Nein, Feyer­abend hat das alles nicht ausge­löst. Aber ein frühes Symptom für diese Entwick­lung war er durchaus.