Vladimir Putin legitimiert seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine unter anderem mit dem Kampf gegen den dort vermeintlich weitverbreiteten extremen Nationalismus. Tatsächlich war der ukrainische Nationalismus dem russischen Staat immer ein Dorn im Auge – vor allem aber aufgrund seiner emanzipatorischen Eigenschaften.

  • Fabian Baumann ist Postdoktorand und SNF-Stipendiat am Department of History der University of Chicago. Sein Buch „Diverging Paths: An Intimate History of Russian and Ukrainian Nationalism“ erscheint voraussichtlich 2023.

Im poli­ti­schen Diskurs ist „Natio­na­lismus“ beinahe ein Schimpf­wort. Chau­vi­nismus, Krieg, Faschismus sind die gängigen Asso­zia­tionen. Mit diesen Verknüp­fungen spielen auch Vladimir Putin und die russi­sche Propa­ganda, wenn sie behaupten, mit einer „Denazifizierungs“-Kampagne gegen den Natio­na­lismus der Ukrainer:innen vorgehen zu müssen. Die bloße Idee eines unab­hän­gigen ukrai­ni­schen Natio­nal­staats soll in die Nähe von Faschismus und ethni­scher Diskri­mi­nie­rung gerückt werden. Die Geschichte des ukrai­ni­schen Natio­na­lismus ist aber ungleich komplexer als Putin behauptet, der in ihm nur den künst­li­chen Versuch auslän­di­scher Mächte sieht, ein feind­li­ches „Anti-Russland“ zu konstru­ieren. Zwar war er tatsäch­lich oft gegen Russ­land gerichtet, aber längst nicht immer gegen die russi­sche Kultur. Viel­mehr war er von Beginn an ein poli­ti­sches Projekt, das die Grund­lage des russi­schen Impe­riums in Frage stellte.

In der Geschichts­wis­sen­schaft wird der Begriff „Natio­na­lismus“ meist nicht wertend gebraucht. Einfach gesagt, beschreibt er zwei poli­ti­sche Prämissen: Erstens die Idee, dass die Mensch­heit sich in kultu­rell klar vonein­ander abge­grenzte Nationen einteilen lässt. Und zwei­tens die Folge­rung, dass diese Nationen die wich­tigste Grund­lage poli­ti­scher Legi­ti­mität sind, dass also letzt­lich jeder Nation ein eigener Staat zusteht. Im Verlauf des 19. Jahr­hun­derts verbrei­teten sich diese Ideen zunächst in den intel­lek­tu­ellen Eliten aller euro­päi­schen Länder, die zuneh­mend die Herr­schaft der dynas­tisch legi­ti­mierten Impe­rien in Frage stellten. Deut­lich lang­samer kamen natio­nale Kate­go­rien in der breiten Bevöl­ke­rung an; bis zur Mitte des 20. Jahr­hun­derts wurden sie jedoch zum fast unhin­ter­fragten Allgemeingut.

Eine demo­kra­ti­sche Bewegung

Taras Ševčenko, Natio­nal­idol, ca. 1840: Quelle: wikipedia.org

Taras Ševčenko, 1858; Quelle: encyclopediaofukraine.com

Graf­fito in Kiev mit dem Portrait des Dich­ters und Malers Taras Ševčenko; Quelle: theworld.org

Die Ukraine ist in dieser Hinsicht ein typi­sches, wenn auch etwas verspä­tetes Beispiel. Ihr heutiges Terri­to­rium gehörte im 19. Jahr­hun­dert größ­ten­teils zum Russ­län­di­schen Reich; ein kleiner Zipfel im Westen war öster­rei­chisch. Während die Eliten des Landes aus polni­schen Adligen und russisch­spra­chigen Beamten bestanden und große Teile der Stadt­be­völ­ke­rung jüdisch waren, spra­chen die ortho­doxen Bäue­rinnen und Bauern eine Viel­zahl ostsla­wi­scher Dialekte. Im frühen 19. Jahr­hun­dert waren es zunächst Akade­miker, die sich für die Kultur dieser Land­be­völ­ke­rung zu inter­es­sieren begannen. Sie sammelten ethno­gra­phi­sche Arte­fakte und volks­tüm­liche Lieder, die sie im Geiste der Herder­schen Romantik als Ausdruck einer ursprüng­li­chen Natio­nal­kultur inter­pre­tierten. In der Mitte des Jahr­hun­derts postu­lierten „ukrai­no­phile“ Denker wie der Histo­riker Mykola Kostomarov und der Dichter und Maler Taras Ševčenko auf dieser Grund­lage die Exis­tenz einer eigen­stän­digen ukrai­ni­schen Nation. Diese wurde einer­seits als Erbin der glor­rei­chen Kosa­ken­zeit imagi­niert, ande­rer­seits als egali­täres Volk, das wegen des Fehlens einer „eigenen“ adligen Elite beson­ders demo­kra­tisch einge­stellt sei. In den folgenden Jahr­zehnten widmeten sich ukrai­ni­sche Nationalist:innen der Stan­dar­di­sie­rung der ukrai­ni­schen Bauern­dia­lekte zur modernen Lite­ra­tur­sprache, der Erfor­schung der ukrai­ni­schen Geschichte und der Entwick­lung einer ukrai­nisch­spra­chigen Hochkultur.

Aufgrund der bäuer­li­chen Demo­gra­phie seines Ziel­pu­bli­kums wurde der ukrai­ni­sche Natio­na­lismus im 19. Jahr­hun­dert fast gleich­be­deu­tend mit einer lokalen Ausprä­gung des Bauern­so­zia­lismus der russi­schen Narod­niki. Dementspre­chend schrieb 1891 der linke Intel­lek­tu­elle Mychajlo Draho­manov: „Wer in der Ukraine das Ukrai­nertum nicht aner­kennt, ist ein unvoll­stän­diger Radi­kaler, und ein Ukrai­no­philer, der sich noch nicht radi­ka­li­siert hat, ist ein schlechter Ukrai­no­philer.“ Die ukrai­ni­sche Natio­na­lität im modernen Sinne war zu dieser Zeit Ausdruck einer bewussten poli­ti­schen Entschei­dung, nicht einer ethni­schen Abstam­mung. In der Kiever Hromada etwa, einer geheimen Gruppe ukrai­ni­scher Patriot:innen der 1860er- und 1870er-Jahre, versam­melten sich neben russisch­spra­chigen Abkömm­lingen des kosa­ki­schen Adels auch Intel­lek­tu­elle russi­scher, polni­scher, jüdi­scher, schwe­di­scher und sogar schwei­ze­ri­scher Herkunft. Die selbst­er­klärten Ukrainer:innen verband das gemein­same Projekt einer demo­kra­ti­schen Bauern­na­tion und einer föde­ralen Neuord­nung des Impe­riums. Erst in einem zweiten Schritt erlernten diese städ­ti­schen Aktivist:innen die ukrai­ni­sche Sprache der Bäuer:innen und erzogen auch ihre Kinder im ukrainisch-nationalen Geist.

Das Zaren­reich begriff den ukrai­ni­schen Natio­na­lismus von Anfang an als poli­ti­sche Heraus­for­de­rung. Der Staat bezeich­nete die Ukraine als Klein­russ­land, eine untrennbar mit Russ­land verbun­dene Region, deren Bevöl­ke­rung zusammen mit (Groß-)Russ:innen und Weißruss:innen eine über­ge­ord­nete, „drei­ei­nige“ russi­sche Nation bilde – eine Welt­sicht, die Vladimir Putin heute wieder aufnimmt. Den Zusam­men­halt dieses vermeint­li­chen Kerns des Impe­riums bedrohten die ukrai­ni­schen Nationalist:innen mit ihren Forde­rungen nach Föde­ra­lismus und kultu­reller Eigen­stän­dig­keit. Auch inner­halb der Intel­li­genzia in der Ukraine regte sich Wider­spruch. Konser­va­tive „klein­rus­si­sche“ Intel­lek­tu­elle bekämpften den ukrai­ni­schen Natio­na­lismus und wurden ihrer­seits zur Avant­garde des russi­schen Natio­na­lismus im Zaren­reich. Nach dem Fall des Zaren­reichs 1917 kulmi­nierte dieser Konflikt in einem blutigen Bürger­krieg auf ukrai­ni­schem Terri­to­rium, in dem sich die Ukrai­ni­sche Volks­re­pu­blik – eine Grün­dung ukrainisch-nationaler Sozialist:innen – und die russisch-imperiale Frei­wil­li­gen­armee unter General Denikin unver­söhn­lich gegen­über­standen. Den Sieg trug schließ­lich eine dritte Kraft davon: die Rote Armee der Bolsche­wiki, die nebst der Unter­stüt­zung vieler aufstän­di­scher Bäuer:innen auch auf Support und Nach­schub aus Russ­land zählen konnte.

Dialektik von Inklu­sion und Exklusion

Orga­ni­sa­tion Ukrai­ni­scher Natio­na­listen (OUN): „300 Karbo­wanez für den Kriegs­fonds, für den selb­stän­digen, verei­nigten ukrai­ni­schen Staat“, ca. 1940; Quelle: hwph.de

Nach der Nieder­lage im Bürger­krieg wandten sich viele ukrai­ni­sche Poli­tiker im euro­päi­schen Exil einem extre­meren Natio­na­lismus zu. In einer Zeit, in der sich die Natio­na­lismen in ganz Europa radi­ka­li­sierten, defi­nierten sie die ukrai­ni­sche Nation zuneh­mend als exklu­sive ethni­sche Gemein­schaft und befür­wor­teten auto­ri­täre Regie­rungs­formen. So predigte etwa der Ultra­na­tio­na­list Dmytro Doncov eine prin­zi­pi­elle Amora­lität (amoral’nist’), da das höchste Ziel der natio­nalen Selbst­ver­wirk­li­chung jegliche poli­ti­schen Mittel recht­fer­tige. Von Doncov war es nur noch ein kleiner Schritt zum Extre­mismus der „Orga­ni­sa­tion ukrai­ni­scher Natio­na­listen“ (OUN), die in der nun zu Polen gehö­renden West­ukraine terro­ris­ti­sche Akte ausführte. Teile der OUN kolla­bo­rierten im Zweiten Welt­krieg mit den Nazis und waren am Holo­caust betei­ligt. Im „Zeit­alter der Extreme“ (E. Hobs­bawm) bildete sich so eine faschis­toide Extrem­form des ukrai­ni­schen Natio­na­lismus heraus, deren Vertreter vor Genozid und Vertrei­bung nicht zurück­schreckten. Auf diese Zeit bezieht sich die Putin­sche Propa­ganda, wenn sie die „Denazi­fi­zie­rung“ der Ukraine fordert.

Es wäre aber zu einfach, einen guten poli­ti­schen ukrai­ni­schen Natio­na­lismus eindeutig von einer schlechten ethni­schen Version abgrenzen zu wollen. Viel­mehr wohnte den meisten histo­ri­schen Natio­na­lismen eine Dialektik von Inklu­sion und Exklu­sion inne: Einer­seits boten sie der Mehr­heits­be­völ­ke­rung die poli­ti­sche Eman­zi­pa­tion von impe­rialer oder aris­to­kra­ti­scher Herr­schaft an und ermög­lichten ihr den sozialen Aufstieg in der eigenen Sprache und ohne Assi­mi­la­tion ans impe­riale Zentrum. Nebst den Bauern gestanden die Natio­na­listen auch Frauen eine wich­tige Rolle in der natio­nalen Gemein­schaft zu, etwa als Vermitt­le­rinnen natio­naler Kultur an zukünf­tige Genera­tionen. Ande­rer­seits schlossen sie Minder­heiten, die in der impe­rialen Ordnung ökono­misch privi­le­giert waren, meist von der Nation aus. So auch im ukrai­ni­schen Fall: Selbst der progres­sive Draho­manov war nicht gefeit vor Vorur­teilen gegen­über vermeint­lich para­si­tären jüdi­schen Schank­wirten oder polni­schen Adligen. Fedir Vovk, der Anfang des 20. Jahr­hun­derts durch Schä­del­ver­mes­sungen die anthro­po­lo­gi­sche Anders­ar­tig­keit von Ukrai­nern und Russen beweisen wollte und so den Weg für rassis­ti­sche Strö­mungen der Zwischen­kriegs­zeit berei­tete, war wiederum ein Libe­raler, arbei­tete mit russi­schen Kollegen zusammen und dekla­rierte seine Forschung als unpolitisch.

1. Mai-Parade in Kiev 1986, vier Tage nach dem Reak­tor­un­fall in Tscher­nobyl; Quelle: euromaidanpress.com

Der Fall des Zaren­reichs und die Grün­dung der Sowjet­union war eine entschei­dende Zäsur der ukrai­ni­schen Geschichte, weil die Bolsche­wiki ­im Gegen­satz zu den Zaren ihren Staat nach natio­nalen Kate­go­rien ordneten. Sie aner­kannten die Ukrainer:innen als eine eigen­stän­dige Natio­na­lität und begrün­deten mit der Ukrai­ni­schen Sowjet­re­pu­blik die erste bestän­dige ukrai­ni­sche Staat­lich­keit der Moderne. Auch wenn die Sowjet­herr­schaft unfass­bares Leid über die Ukraine brachte – zuvor­derst mit der menschen­ge­machten Hunger­ka­ta­strophe von 1932 und 1933 ­– konso­li­dierte sie doch die Vorstel­lung einer selb­stän­digen ukrai­ni­schen Nation mit eigener Kultur und eigenem Terri­to­rium. Als 1991 über die Loslö­sung von der Sowjet­union abge­stimmt wurde, war es auch für die meisten Russisch­spra­chigen vorstellbar, Ukrainer:innen in einem ukrai­ni­schen Staat zu werden. 92 Prozent der Einwohner:innen stimmten für die Unabhängigkeit.

Eine plura­lis­ti­sche Gesellschaft

Seither hat sich viel getan in der ukrai­ni­schen Politik. Es hat sich eine plura­lis­ti­sche Demo­kratie etabliert, die zwar von Korrup­tion und olig­ar­chi­schen Inter­essen mitge­prägt wird, aber dem Land in dreißig Jahren schon sechs verschie­dene Präsi­denten einge­bracht hat. Radi­kale Natio­na­listen, die etwa die Erin­ne­rung an die natio­na­lis­ti­schen Extre­misten der Zwischen­kriegs­zeit reha­bi­li­tiert haben und die russi­sche Sprache aus der Öffent­lich­keit verdrängen wollen, haben beson­ders in den intel­lek­tu­ellen Schichten gewissen Zulauf erhalten (und Putin damit Muni­tion für seine Propa­ganda gelie­fert). Für eine Mehr­heit der Ukrainer:innen steht die natio­nale Unab­hän­gig­keit heute aber in erster Linie für eine demo­kra­ti­sche Entwick­lung des Landes und die Öffnung gegen­über Europa nach dem Vorbild der zentral­eu­ro­päi­schen Nach­bar­länder. Es ist der Wille, dieses Modell weiter­zu­ver­folgen und notfalls mit Gewalt zu vertei­digen, der die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung – inklu­sive der Russisch­spra­chigen im Süden und Osten ­– in diesem Krieg eint.

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Der Wahl­sieg von Volo­dymyr Zelens’kyj am 21.4.2019; Quelle: warsawinstitute.review

Es ist kein Zufall, dass dieses Projekt mit dem zwei­spra­chigen jüdi­schen Präsi­denten Volo­dymyr Zelens’kyj seine Gali­ons­figur gefunden hat, wurde er doch 2019 vor allem aufgrund des Verspre­chens gewählt, anstelle natio­naler Symbol­po­litik auf prag­ma­ti­sche Verbes­se­rungen des Alltags und eine Entspan­nung des Verhält­nisses zu Russ­land zu setzen. Selbst im Krieg verzichtet er auf ethni­sche Rhetorik und betont statt­dessen die Vorzüge der ukrai­ni­schen Demo­kratie. In einem Inter­view mit russi­schen Jour­na­listen stellte er sich als Garanten der demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen dar, der den Weg für kommende Genera­tionen bereiten möchte. Inso­fern hat Putins Rede vom ukrai­ni­schen „Anti-Russland“ eine gewissen Berech­ti­gung: Die Ukrainer:innen haben in dreißig Jahren Unab­hän­gig­keit ein poli­ti­sches Gegen­mo­dell zu Putins auto­ri­tärer Scha­blone der post­so­wje­ti­schen Entwick­lung geschaffen. Und es bleibt zu hoffen, dass dieses poli­ti­sche Projekt einer demo­kra­ti­schen, plura­lis­ti­schen und durchaus auch mehr­spra­chigen Ukraine in der Bevöl­ke­rung weiterhin mehr Rück­halt haben wird als dasje­nige einer mono­lin­gualen und einheit­li­chen Kulturnation.

  • Fabian Baumann ist Postdoktorand und SNF-Stipendiat am Department of History der University of Chicago. Sein Buch „Diverging Paths: An Intimate History of Russian and Ukrainian Nationalism“ erscheint voraussichtlich 2023.