In der deutschen Debatte über das russische Anti-Putin-Lager werden oftmals die problematischen Aspekte dieses Milieus ausgeblendet. Dadurch werden weiterhin russischen Perspektiven eine höhere Priorität eingeräumt als den von Russland Kolonisierten.

  • Franziska Davies

    Franziska Davies ist Osteuropa-Historikerin an der Ludwig-Maximlians-Universität München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt die moderne Geschichte der Ukraine, Polens und Russlands. Zuletzt erschien der von ihr herausgegebene Essayband "Die Ukraine in Europa. Traum und Trauma einer Nation", Darmstadt 2023.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Anti-Putin bedeutet nicht anti-imperial. Warum die Roman­ti­sie­rung von russi­schen Dissi­denten in die Irre führt
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In diesem Herbst wurden die Memoiren des Kreml-Gegners Alexei Nawalny auch in Deutsch­land veröf­fent­licht. Der uner­müd­liche Kämpfer gegen die Korrup­tion des Putin-Regimes war im Februar 2024 in einem russi­schen Straf­lager ermordet worden. In den Rezen­sionen zu seinen Memoiren (von wenigen Aussagen wie Nikolai Klime­niouk in der FAS und Ulrich Schmid in der NZZ abge­sehen) wieder­holt sich ein Muster, das sich bereits in den zahl­rei­chen Nach­rufen in deut­schen Zeitung nach seinem Tod beob­achten ließ: die Stili­sie­rung von Nawalny zu einem Helden, einem Kämpfer für Demo­kratie und Frei­heit, bei gleich­zei­tigem Klein­reden oder gar völligem Ausblenden seines gut doku­men­tierten Rassismus, Natio­na­lismus und Impe­ria­lismus. Der mediale Diskurs in Deutsch­land über Nawalny und auch über seine Witwe Julia Nawal­naja, die sein Erbe fort­führen will, ist beispiel­haft für die unkri­ti­sche Roman­ti­sie­rung des russi­schen Anti-Putin-Lagers. 

Zugleich lässt sich ein Ungleich­ge­wicht beob­achten zwischen dem Inter­esse für (vermeint­liche) Hoffnungsträger*innen aus Russ­land und denje­nigen Ukrainer*innen, die gerade für das Über­leben der Ukraine und ihrer Demo­kratie kämpfen. Denn etwa zeit­gleich zur Veröf­fent­li­chung der Memoiren von Nawalny wurde am 18. Oktober bekannt, dass der Menschen­rechts­ak­ti­vist und Soldat Maksym Butke­vych nach fast zwei Jahren russi­scher Haft frei­ge­kommen war. Nur war die taz die einzige größere deut­sche Zeitung, der dies eine Meldung wert war. Dies ist ledig­lich ein Beispiel von vielen dafür, dass „gute Russen“ (so eine ironi­sche Beschrei­bung für proble­ma­ti­sche Persön­lich­keiten aus dem russi­schen Anti-Putin-Lager von deren Kritiker*innen) selbst während des russi­schen Angriffs­krieges eine höhere mediale Präsenz in den west­li­chen Medien genießen als für ihre Frei­heit kämp­fende Ukrainer*innen. Die roman­ti­sche Über­hö­hung Russ­lands, die der Histo­riker Gerd Koenen in einem seiner Bücher tref­fend als „Russland-Komplex“ beschrieben hat, ist trotz der russi­schen Voll­in­va­sion der Ukraine im Februar 2022 immer noch kein Phänomen der Vergan­gen­heit. Das ist auf einer analy­ti­schen Ebene unbe­frie­di­gend und aus gesell­schafts­po­li­ti­scher Perspek­tive proble­ma­tisch. Es war nicht zuletzt die völlige Fehl­ein­schät­zung weiter Teile von Gesell­schaft und Politik über den derzei­tigen Zustand Russ­lands, die den Über­fall auf die Ukraine mindes­tens begüns­tigt hat.  

Aleksej Nawalny eignet sich nicht als Symbol für Demo­kratie und Freiheit

Bemer­kens­wert ist, dass die Roman­ti­sie­rung von Nawalny auch in Fach­kreisen zu beob­achten ist. So erkennt beispiels­weise Kerstin Holm, lang­jäh­rige Kultur­kor­re­spon­dentin der FAZ in Moskau, in Nawalny eine „Persön­lich­keit von unge­heurer Neugier, Lern­fä­hig­keit, Krea­ti­vität“, der sich wie kaum ein anderer in Russ­land für die „Menschen in seinem Land interessiert[e]“ und „früh den Austausch mit Leuten außer­halb seiner Blase (etwa Natio­na­listen, wofür viele Demo­kraten ihn kriti­sierten)“ suchte. Letz­teres ist schlicht falsch. Nawalny suchte nicht den Austausch mit Natio­na­listen, er war selbst ein Natio­na­list und machte daraus auch niemals ein Geheimnis. Auch wenn er nicht Teil der orga­ni­sierten rechts­extremen, mili­tanten Szene war, so fiel Nawalny gerade in der Früh­phase seiner poli­ti­schen Biogra­phie mit extre­mis­ti­schen rassis­ti­schen Äuße­rungen auf. Ein Beispiel ist etwa das 2007 von der Russi­schen Natio­nalen Befrei­ungs­be­we­gung veröf­fent­lichte Video, in dem Nawalny als selbst­er­klärter „zerti­fi­zierter Natio­na­list“ auftrat und nicht-weiße Menschen, die im Video als „fremd“ und musli­misch markiert werden, als „Fliegen und Kaker­laken“ bezeichnet und im Anschluss einen von ihnen im Spiel erschießt. Im Ostcast der Wochen­zei­tung DIE ZEIT verharm­losten die Osteuropa-Fachleute Alice Bota und Michael Thumann das mit einer faschis­to­iden (Bild-)Sprache operie­rende Video als „halb scherz­haft“ bzw. als „Gag“ und betonten, dass solche Äuße­rungen auf diese Phase in Nawalnys Leben beschränkt blieben. Es ist zwei­fellos zutref­fend, dass sich in Nawalnys Biogra­phie eine Entwick­lung erkennen lässt, und zwar in dem Sinne, dass er den Kampf gegen die Korrup­tion in Russ­land zu seinem Haupt­thema machte. Aber er verstand sich weiterhin als Natio­na­list. Er mäßigte ledig­lich im Laufe der Zeit seinen Ton, aber anti-migrantische Forde­rungen und xeno­phobe Rhetorik blieb Teil seines poli­ti­schen Programms, sowohl als Kandidat für die Moskauer Bürger­meis­ter­wahlen im Jahr 2013 als auch bei seinem (erfolg­losen) Versuch, sich 2018 als Präsi­dent­schafts­kan­didat aufstellen zu lassen. Er distan­zierte sich nie im Geringsten von seinen menschen­ver­ach­tendsten Aussagen. Das war die bewusste Entschei­dung eines Mannes, der sich als Gegen­ent­wurf zu Wladimir Putin verstand und Präsi­dent Russ­lands werden wollte. Die Histo­ri­kerin Kimberly St. Julian-Varnon brachte es in ihrem Nachruf auf Nawalny auf den Punkt: „Navalny’s Future Russia Did Not Include Ever­yone“.

Die Margi­na­li­sie­rung dieses Aspektes von Nawalny und seinem poli­ti­schen Programm hängt mögli­cher­weise damit zusammen, dass es Nawalny mit dem Thema Korrup­tion gelang, jüngere Menschen für Proteste gegen das Putin-Regime zu gewinnen. Die große Aner­ken­nung, die Nawalny im Westen genießt, ist auch darin begründet. Immerhin, so das Argu­ment, gelang es über­haupt jemanden, ein wenig Wider­stand gegen Putin auf die Straße zu bringen. Über­sehen wird dabei, dass in der Engfüh­rung auf das Thema Korrup­tion zugleich auch das große poli­ti­sche Versagen von Nawalny lag. Denn in Tsche­tsche­nien, Syrien und der Ukraine sieht man, dass es nicht die Korrup­tion ist, die Russ­land so gefähr­lich und zerstö­re­risch macht, sondern Gewalt und Kolo­nia­lismus gepaart mit extremem Nationalismus. 

Das kolo­niale Mindset des russi­schen Anti-Putin-Lagers

Nawalny ist bei weitem nicht der einzige Vertreter aus dem russi­schen Anti-Putin-Lager, der im deut­schen medialen Diskurs unkri­tisch zum Symbol für ein anderes, besseres Russ­land aufge­baut wird. Glei­ches gilt etwa für den ehema­ligen russi­schen Poli­tiker Wladimir Kara-Murza, der im April 2022 aufgrund seiner Gegner­schaft zur russi­schen Voll­in­va­sion der Ukraine in Moskau fest­ge­nommen und inhaf­tiert wurde. Diesem ist zwar der extreme Rassismus eines Aleksej Nawalny fremd, aber auch bei ihm fällt eine im russi­schen Anti-Putin-Milieu weit verbrei­tete Haltung auf: der Unwille, die russi­sche Gesell­schaft in die Verant­wor­tung für die Entwick­lung Russ­lands zu nehmen. Kurz nachdem Kara-Murza im Rahmen eines Gefan­ge­nen­aus­tauschs im August 2024 aus der Haft freikam, erklärte er, dass er sich künftig vor allem für ein Ende der umfas­senden Sank­tionen gegen Russ­land einsetzen würde, schließ­lich seien nur Putin und seine Clique für diesen Krieg verant­wort­lich und folg­lich sollten auch nur diese von Sank­tionen betroffen sein. Damit erklärte er das Leiden und Sterben in der Ukraine und ihren Sieg de facto zur Neben­sache, denn schließ­lich ist der Sinn west­li­cher Sank­tionen, die russi­sche Kriegs­wirt­schaft zu schwä­chen und damit eine Nieder­lage Moskaus wahr­schein­li­cher zu machen. Kara-Murza nahm eine scharfe Tren­nung zwischen Putin und Russ­land vor und sprach – wie schon Nawalny und auch dessen Ehefrau Julia Nawal­naja vor ihm – die russi­sche Gesell­schaft von jeder Verant­wor­tung für diesen Krieg frei, verstieg sich gar zu der These, dass die Mehr­heit der Russen gegen den Krieg sei. 

Die Putin-Gegner Ilja Jaschin und Andrej Piwo­warow, die eben­falls im Rahmen des Gefan­ge­nen­aus­tauschs frei­ge­kommen waren, äußerten sich ganz ähnlich. Auch Nawalny leug­nete nach der Voll­in­va­sion der Ukraine noch vom Gefängnis aus, dass Russ­land ein impe­ria­lis­ti­sches Land ist. Nawalnys argu­men­ta­tive Konstruk­tion war dabei bemer­kens­wert. Er stellte die (rheto­ri­sche) Frage, ob alle Russen ein „impe­riales Bewusst­sein“ hätten. Dass die Antwort darauf nur negativ ausfallen kann, versteht sich von selbst: Von keinem Land ließe sich sagen, dass ausnahmslos alle Bürger*innen in einer Frage dieselbe Haltung haben. Noch bemer­kens­werter war Nawalnys zweites Argu­ment: Wenn Russ­land impe­rial sei, dann müsse ja auch Belarus impe­rial sein, schließ­lich wäre der Angriff auf die Ukraine auch von bela­ru­si­schem Boden ausge­gangen. Die Absur­dität dieser Behaup­tung liegt auf der Hand, schließ­lich ist das Vasallen-Dasein von Belarus eine Folge der impe­ria­lis­ti­schen Politik Moskaus. 

Vor dem Hinter­grund dieser Posi­tio­nie­rung Nawalnys ist es in gewissem Sinne nur folge­richtig, dass sein Team davon Abstand nahm, Geld für die Ukraine zu sammeln und sich weiter auf die Korrup­tion von Putin und seinem Umfeld und das Produ­zieren von YouTube-Videos zu diesem Thema konzen­trierte. Kürz­lich antwor­tete seine eben­falls medial zur Heldin stili­siert Witwe, dass die Frage, ob man der Ukraine Waffen liefern solle, schwer zu beant­worten sei, schließ­lich könnten diese Waffen gegen Russen einge­setzt werden. Hier liegt der Kern des Versa­gens vieler im Westen promi­nenter russi­scher Oppo­si­tio­neller: Sie imagi­nieren eine unschul­dige russi­sche Gesell­schaft, die nur von Putin befreit werden müsse, und schon würde das demo­kra­ti­sche und freie Russ­land der Zukunft beginnen. Diesem Traum­bild des „wunder­baren Russ­lands der Zukunft“ und den (vermeint­li­chen) russi­schen Opfern der Gegen­wart gehört in erster Linie ihre Soli­da­rität und nicht der ange­grif­fenen Ukraine. Nur woher soll das bessere Russ­land kommen, wenn die Mehr­heit derje­nigen, die sich als Vertreter dieses Russ­lands präsen­tieren, nicht nur über keinen poli­ti­schen Einfluss in ihrem Heimat­land verfügen, sondern auch keine Bereit­schaft zeigen, Gesell­schafts­kritik zu üben? Wenn sie nicht in der Lage sind, die kolo­niale Gewalt, die die russi­sche Politik und Gesell­schaft der Vergan­gen­heit und der Gegen­wart prägt, auch nur beim Namen zu nennen? 

Der russi­sche Oppo­si­tio­nelle als Märtyrer

Es ist auffällig, dass eine solche kriti­sche Analyse der russi­schen Oppo­si­tion in Deutsch­land oftmals emotio­nale Abwehr­re­flexe auslöst. Die tradi­tio­nelle Prio­ri­sie­rung russi­scher Perspek­tiven ist ein Grund dafür. Ein anderer hängt mit der Wider­stands­form promi­nenter russi­scher Oppo­si­tio­neller zusammen. Perso­ni­fi­ziert wird diese Form von Nawalny und Kara-Murza: Beide waren bereit, für ihre Über­zeu­gungen ins Gefängnis zu gehen, das Einstehen für diese mit ihrem Leben zu bezahlen. Man kann daraus den mora­li­schen Schluss ziehen, dass Kritik an solchen Menschen sich grund­sätz­lich nicht gehört, ihre persön­liche Opfer­be­reit­schaft alles andere per se irrele­vant macht. Analy­tisch wäre dies aller­dings das Ende jeder kriti­schen Ausein­an­der­set­zung mit den Hand­lungs­spiel­räumen in dikta­to­ri­schen Gesell­schaften, zumin­dest für all dieje­nigen, die in Demo­kra­tien arbeiten. Ehrfürch­tiges Schweigen, stille Bewun­de­rung würden die Analyse ersetzen. Aber auch gesell­schafts­po­li­tisch wäre dies der falsche Weg. Man tut russi­schen Oppo­si­tio­nellen keinen Gefallen, wenn man jede Kritik an ihren auf Grund ihres Schick­sals als unan­ständig brand­markt. Nur durch harte Ausein­an­der­set­zungen besteht die Möglich­keit, dass sich in diesem Milieu etwas ändert. 

Wie sind die Wider­stands­formen, die Nawalny und Kara-Murza im Umgang mit Putins Regime wählten, kultur­his­to­risch im russi­schen Kontext zu deuten? Denn in diesen Fällen war es tatsäch­lich eine Wahl: Nawalny hätte nach dem Gift­an­schlag auf sein Leben in Deutsch­land bleiben können, Kara-Murza, der auch die briti­sche Staats­bür­ger­schaft besitzt, hätte Russ­land verlassen können. Dass beide, Kara-Murza und Nawalny, die – erwart­bare – Lager­haft in Russ­land und damit ihren eigenen Tod in Kauf nahmen, hat auch mit einem tradi­tio­nellen russi­schen, stark reli­giös aufge­la­denen, Leit­bild des Regime-Gegners zu tun, der in seinem Wider­stand gegen die Macht den Leidensweg des Märty­rers für das Volk auf sich nimmt und aus diesem Akt der Aufop­fe­rung seine mora­li­sche Auto­rität zieht. Auf eine zweite, aus der Zeit der sowje­ti­schen Diktatur stam­mende Tradi­tion hat Nikolai Klime­niouk hinge­wiesen, die diese Entschei­dung erklären kann: die Vorstel­lung, dass man als Regime-Gegner nur inner­halb Russ­lands als poli­ti­scher Akteur glaub­würdig bleiben kann, selbst wenn dies bedeutet, als Gefan­gener auf den Tod oder die Rettung aus dem Ausland zu warten. 

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Insbe­son­dere bei Kara-Murza hatte der Opfer­gang zugleich etwas Passi­vi­sches und Fata­lis­ti­sches, schließ­lich hätte es nach der russi­schen Voll­in­va­sion der Ukraine akti­vis­ti­schere und wirkungs­vol­lere Wider­stands­formen gegeben: der Eintritt in die ukrai­ni­sche Armee etwa (was einige, im Westen weit weniger bekannte Russen, auch taten) oder auch das Nutzen seiner exzel­lenten inter­na­tio­nalen Kontakte, um für mili­tä­ri­sche Unter­stüt­zung der Ukraine zu lobby­ieren. Das wäre aller­dings ein Bruch mit dem russi­schen Märty­rer­kult gewesen und hätte, mögli­cher­weise noch wich­tiger, die Einsicht voraus­ge­setzt, dass der effi­zi­en­teste Wider­stand gegen Putin und sein Regime nicht in Russ­land sitzt, sondern in der Ukraine – mithin ausge­rechnet in einem Land, dem viele Russen tradi­tio­nell mit einer kolo­nialen Arro­ganz begegnen. 

Wieder in den Kontext des älteren Märty­rer­kults gehört der quasi-religiöse Kult, der sich nach Nawalnys Tod um diesen entwi­ckelt hat, in dem er als ein Wieder­gänger Jesu Christi erscheint. Dieser Märty­rer­kult einzelner Personen wiederum hat selbst ein passi­vi­sches Element, in dem der Trau­er­kult eine umfas­sende Gesell­schafts­kritik ersetzt. Ohne diese wird es das von Kara-Murza, Nawalny oder Nawal­naja imagi­nierte bessere Russ­land der Zukunft schlicht nicht geben. Derzeit sind dieje­nigen Russ*innen, die sowohl die Verant­wor­tung der russi­schen Gesell­schaft aner­kennen als auch vor einem Nawalny-Kult warnen – zu nennen wäre etwa der Schrift­steller Sergej Lebedew – im russi­schen Diskurs des Anti-Putin-Lagers weit­ge­hend margi­na­li­siert und auch im Westen weit weniger als Gesprächspartner*innen nachgefragt. 

Die Ausblen­dung der Erfah­rungen der Kolonisierten

So verständ­lich auf einer emotio­nalen Ebene die Sehn­sucht nach einem anderen Russ­land als jenem, das gerade in der Ukraine einen Genozid begeht, ist, so proble­ma­tisch ist dieser Wunsch jedoch. Erstens ist es höchste Zeit, dass der Westen sich von seinen roman­ti­schen Vorstel­lungen über Russ­land löst. Dass es auch poli­tisch fatale Folgen haben kann, den Falschen in Bezug auf Russ­land zuzu­hören, hat die über­raschte Reak­tion vieler im Westen auf die russi­sche Voll­lin­va­sion gezeigt. Zwei­tens zeigt der Fort­be­stand der kultu­rellen Hier­ar­chi­sie­rung der Menschen und Länder des östli­chen Europas, in der Russ­land oft nach wie vor an der Spitze steht, dass wir noch weit von einer tatsäch­li­chen Deko­lo­ni­sie­rung des west­li­chen Blicks auf das östliche Europa entfernt sind. Denn für dieje­nigen Menschen in der Ukraine, in Kasach­stan, den balti­schen Ländern und anderen Ländern und Regionen, die Erfah­rungen mit russi­schem Kolo­nia­lismus gemacht haben, enthält die unkri­ti­sche Über­hö­hung vieler Vertreter*innen des Anti-Putin-Lagers im Westen, das Ausblenden ihrer kolo­nialen Denk­fi­guren und ihrer Vertei­di­gung Russ­lands auch eine grund­sätz­liche Botschaft: Russi­sche Perspek­tiven sind für uns immer noch wich­tiger als eure. 

In den histo­risch und gegen­wärtig vom russi­schen Kolo­nia­lismus betrof­fenen Ländern und Regionen findet man die Roman­ti­sie­rung Nawalnys und anderer promi­nenter russi­scher Putin-Gegner nicht. Im Gegen­teil, die Reak­tionen auf die west­liche Vereh­rung von Personen wie Nawalny sorgen besten­falls für ein ungläu­biges Kopfschütteln. 

Die Appelle aus den von Russ­land kolo­ni­sierten Ländern wie der Ukraine, sich von einer unkri­ti­schen Roman­ti­sie­rung des russi­schen Anti-Putin-Lagers zu lösen, sollten wir ernst nehmen. Viel­leicht aber fällt es gerade vielen Deut­schen schwer, weil ihnen die Täter­per­spek­tive auf Grund der eigenen Vergan­gen­heit so vertraut ist. Schließ­lich erin­nert die Selbst­be­zo­gen­heit russi­scher Oppo­si­tio­neller, die Tendenz, Putin und seine Clique als die allein Verant­wort­li­chen zu sehen und die russi­sche Gesell­schaft eher als Opfer denn als Mit-Täter zu konzep­tua­li­sieren, stark an die west­deut­schen Diskurse nach 1945. Die Deko­lo­ni­sie­rung des eigenen Denkens kann zwei­fellos ein schmerz­hafter Prozess sein, der den eigenen Lebensweg – sei es in der Wissen­schaft, in der Politik oder im Jour­na­lismus – oft unmit­telbar betrifft. Hat man Dinge über­sehen, sich Illu­sionen gemacht, waren die Helden des eigenen Lebens viel­leicht gar nicht über jeden Zweifel erhaben wie ange­nommen? Aber die Roman­ti­sie­rung Russ­lands, das sich selbst Belügen über den Weg, den das Land einschlägt, die kolo­niale Arro­ganz gegen­über der Ukraine, waren ausschlag­ge­bend für die desas­tröse Ostpo­litik der Bundes­re­gie­rungen der letzten Jahr­zehnte und ihre vergleichs­weise große gesell­schaft­liche Akzep­tanz. Den Preis dafür haben die Menschen in Tsche­tsche­nien, in Geor­gien, in Syrien und nun in der Ukraine bezahlt. Wir sollten diesen Fehler nicht wiederholen.