Identitätspolitik wird von ihren rechten Kritiker:innen als „woke“ und als neue Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft denunziert. Doch schon die amerikanischen Siedlerkolonien des 17. Jahrhunderts und später die Gründung der USA basierten auf (weißer) Identitätspolitik. Sie beherrscht die US-amerikanische Gesellschaft bis in die Gegenwart.

  • Jürgen Martschukat

    Jürgen Martschukat ist Professor für nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt. Er arbeitet vor allem über die Geschichte von Körpern, Gewalt, Geschlecht und Rassismus.

Iden­ti­täts­po­litik muss derzeit für vieles herhalten – in den USA mehr noch als auf dieser Seite des Atlan­tiks. Von unter­schied­li­chen poli­ti­schen Posi­tionen aus wird einer „eman­zi­pa­to­risch“ und viel­leicht „links“ zu nennenden Iden­ti­täts­po­litik vorge­halten, sich um Befind­lich­keiten zu drehen und den Blick für das Wesent­liche zu verne­beln, US-amerikanische Geschichte zu verzerren und eine Trau­ma­ti­sie­rung weißer und straighter Amerikaner:innen und ihrer Kinder zu bewirken, popu­lis­ti­sche, reak­tio­näre Poli­tiken zu befeuern und so die Gesell­schaft zu spalten.

Gleich­heit statt Gefühligkeit

Ta-Nehisi Coates; Quelle: thaatlantic.com

Quelle: amazon.in

Eine Geschichte der Gegen­wart entzieht dieser Kritik den Boden. Sie kann erstens zeigen, dass eman­zi­pa­to­ri­sche Iden­ti­täts­po­litik auf eine poli­ti­sche Praxis reagiert, die in Rück­bin­dung an iden­titär gedachte Kate­go­rien wie Geschlecht, Begehren und Haut­farbe über Jahr­hun­derte gesell­schaft­liche Hege­mo­nie­ver­hält­nisse hervor­ge­bracht, Privi­le­gien etabliert, Menschen ausge­grenzt und ihrer­seits Gesell­schaft gespalten hat. Der promi­nente afro­ame­ri­ka­ni­sche Essayist Ta-Nehisi Coates bezeichnet vor allem die Poli­tiken weißer Privi­le­gie­rung als „America’s original iden­tity poli­tics.“ Im Jahr 1977 machten die Frauen des Combahee River Coll­ec­tive „Iden­tität“ ja genau deshalb zum Ausgangs­punkt ihrer Politik, um so die an ihr Schwarz-, Frau- und Lesbisch­sein gekop­pelten Unter­drü­ckungs­ver­hält­nisse in der US-amerikanischen Gesell­schaft aufzu­bre­chen, die histo­risch tief veran­kerte gesell­schaft­liche Spal­tung zu über­winden und eine Aner­ken­nung als gleich­be­rech­tigte Menschen zu erkämpfen.

Ein histo­ri­sie­render Blick auf Iden­ti­täts­po­litik zeigt zwei­tens, dass sich diese nicht auf bloße Befind­lich­keiten richtet. Voll­um­fäng­liche Aner­ken­nung bedeutet gleich­be­rech­tigte Teil­habe an Gesell­schaft und ihrer Gestal­tung, an den Möglich­keiten, Sicher­heiten und Ressourcen, die sie bietet. Iden­ti­täts­po­litik zielt also auf knall­harte Reali­täten wie Gesund­heit, Schutz vor Gewalt, Zugang zum Recht und zu Bildung, Einkommen, Eigentum und mehr. Diese als Befind­lich­keit und nicht wesent­lich abzutun, heißt, exis­ten­zi­ellen Bedürf­nissen aus einer privi­le­gierten Posi­tion heraus die Aner­ken­nung zu verweigern.

‚Racial wealth gap‘

Eine dieser Reali­täten ist der „racial wealth gap“. Im 21. Jahr­hun­dert besitzt eine durch­schnitt­liche Schwarze Familie nur etwa 7% des Eigen­tums einer durch­schnitt­li­chen weißen Familie. Dieses gegen­wär­tige Ungleich­heits­ver­hältnis ist ein Effekt histo­ri­scher Poli­tiken, die über Iden­ti­täts­ka­te­go­rien operiert haben, weiße Privi­le­gie­rung und Schwarze Ausgren­zung in die US-amerikanische Gesell­schaft einge­fräst haben und deren Spuren bis in das 17. Jahr­hun­dert zurück­führen. Das Recht auf Eigentum ist eines der zentralen US-amerikanischen Verspre­chen an alle Menschen, doch in der Möglich­keit, dieses Verspre­chen für sich einzu­lösen, sind Schwarze Amerikaner:innen syste­ma­tisch benach­tei­ligt und weiße bevor­teilt worden. Der Blick auf drei Schlüs­sel­mo­mente in der Geschichte von race und Eigentum, nämlich 1669, 1789 und 1865, vermag die Wirkungs­weise dieser, so Coates, „original iden­tity poli­tics“ zu verdeut­li­chen und eman­zi­pa­to­ri­sche Iden­ti­täts­po­litik histo­risch zu perspektivieren.

1669

Im Jahr 1669 einigten sich die acht Eigen­tümer der briti­schen Kolonie Caro­lina auf ein schrift­li­ches Doku­ment, das regelte, wie die Kolonie orga­ni­siert werden sollte. Der 110. Artikel der soge­nannten Funda­mental Consti­tu­tions of Caro­lina gab jedem freien Siedler das Recht, Schwarze Menschen zu versklaven. Wört­lich heißt es dort: „Every freeman of Caro­lina shall have abso­lute power and autho­rity over his negro slaves.” Die Frei­heit der einen war also mit Macht und Auto­rität, der Ausbeu­tung und dem Besitz anderer verbunden und de facto als weißes Recht konzipiert.

John Locke (1632-1704), Porträt von Godfrey Kneller, 1697; Quelle: wikipedia.org

Zunächst einmal kann dieser Artikel 110 nicht wirk­lich über­ra­schen. Denn kolo­niale Expan­sion und Verskla­vung waren auf das engste mitein­ander verquickt. Zudem sollte keine andere der letzt­lich 13 briti­schen Kolo­nien in Nord­ame­rika so sehr auf Verskla­vung bauen, wie die beiden Caro­linas, insbe­son­dere Südca­ro­lina. Trotzdem haben deren Funda­mental Consti­tu­tions mit ihrem Passus zur Skla­verei bis heute immer wieder beson­ders große Aufmerk­sam­keit bekommen. Der Grund dafür ist, dass sie von niemand anderem verfasst worden sind als von John Locke. Der engli­sche Philo­soph gilt mit seinen Two Trea­tises of Govern­ment (1689) als Wegbe­reiter einer frei­heit­li­chen Gesellschafts- und Verfas­sungs­ord­nung und Erfinder des libe­ralen Besitz­in­di­vi­dua­lismus – also der Vorstel­lung, dass jeder Mensch nur sich selbst gehöre und ein unver­äu­ßer­li­ches Recht auf Leben, Frei­heit und Eigentum habe.

Im Jahr 1669 arbei­tete Locke als Sekretär für die Eigen­tümer der Caro­linas, und er hat deren Funda­mental Consti­tu­tions mitge­staltet und geschrieben. Danach war er für den Council on Foreign Plan­ta­tions tätig, ein von der briti­schen Krone einge­setztes Gremium, um den Handel mit den Über­see­ko­lo­nien voran­zu­treiben. Vom Council ließ sich Locke mit Anteilen an der Royal African Company bezahlen, die ein großer Player im globalen Skla­ven­handel war.

Die ideen­ge­schicht­liche Forschung streitet über die direkte Verbin­dung von Lockes Arbeit um 1670, als er die Skla­verei guthieß und an dieser verdiente, zu den 1680er Jahren, als er zu dem Chef­theo­re­tiker libe­raler Regie­rung wurde. Und sie streitet über Lockes persön­liche Schuld. Entschei­dender ist aller­dings, dass die verschie­denen Arbeiten Lockes offen­legen, wie sich zwischen 1669 und 1689 ein diskur­siver und poli­ti­scher Raum öffnete, in dem ein unver­äu­ßer­li­ches Recht aller Menschen auf „life, health, liberty, and posses­sions“ mit der Verskla­vung Schwarzer Menschen vereinbar schien. Dieser Raum wird nur erfassbar, wenn wir race als Kate­gorie einbe­ziehen, von der poli­ti­sche Rechte und gesell­schaft­liche Teil­habe abge­leitet wurden. Während Weiß­sein als iden­ti­tärer Marker an das Recht auf Frei­heit, Unver­sehrt­heit und Eigentum gebunden wurde, konnte Schwarz­sein bedeuten, unfrei und abso­luter Macht unter­worfen zu sein, nicht Eigentum zu besitzen, sondern Eigentum zu sein.

1789

Am 9. März 1789 trat die US-amerikanische Verfas­sung in Kraft. „We the people of the United States“ sollten, so ihre Präambel, den Segen der Frei­heit genießen dürfen. Dafür schuf man in bester Locke’scher Manier eine Verfas­sung, die die drei Gewalten vonein­ander trennte. Der erste Artikel der Verfas­sung konsti­tu­iert die gesetz­ge­bende Gewalt. Die Zahl der Dele­gierten, die jeder Staat in das natio­nale Reprä­sen­tan­ten­haus entsenden durfte, wurde dabei von der Zahl der Einwohner:innen des jewei­ligen Staates abhängig gemacht. Entschei­dend war die Frage, wen man wie mitzählte. Die Zahl sollte bestimmt werden, so Artikel 1, “by adding to the whole Number of free Persons […] three fifths of all other Persons”. Da es für American Indians und Menschen in tempo­rärer Knecht­schaft Sonder­re­geln gab, bezeich­nete „other persons“ in der soge­nannten 3/5-Regel ausschließ­lich Schwarze Sklav:innen. Die Verfas­sung zog also eine Trenn­linie zwischen den Menschen, die poli­tisch voll zählten, und denje­nigen, die nicht voll zählten, und zwar entlang von race und dem Verhältnis von Person und Eigentum. Wenn also von „we the people“ die Rede war, waren versklavte Schwarze nicht gemeint. Mehr noch: Die Verfas­sung gestand weißen Skla­ven­hal­tern zu, die andere Menschen als ihr Eigentum betrach­teten und sie ihrer Rechte beraubten, in der wich­tigsten natio­nalen poli­ti­schen Körper­schaft über­pro­por­tional reprä­sen­tiert zu sein. Für South Caro­lina z.B. bedeu­tete die 3/5-Regel etwa 50% mehr Sitze im Repräsentantenhaus.

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Die an der Verfas­sungs­ge­bung betei­ligten Kräfte hatten um die Verskla­vung insge­samt sowie um diesen Passus lange gerungen. Letzt­lich war den Eigen­tums­rechten weißer Skla­ven­halter größeres Gewicht beigemessen worden als dem Frei­heits­recht Schwarzer Menschen. Mehr noch: Das Argu­ment weißer Skla­ven­halter, dass Frei­heit vor allem das Recht auf Eigentum bedeu­tete und dies auch das Eigentum an anderen Menschen sein konnte, war poli­tisch und verfas­sungs­recht­lich vali­diert worden. Bei allen Zwischen­tönen, die die poli­ti­sche und alltäg­liche Praxis fortan zuließen, waren Frei­heit, das Recht auf Eigentum sowie das Recht und die Befä­hi­gung zur poli­ti­schen Teil­habe grund­sätz­lich weiß und auch männ­lich gedacht.

1865

General William T. Sherman, 1863; Quelle: washingtonpost.com

Am 12. Januar 1865 trafen sich zwanzig Vertreter der Black Commu­nity in Savannah in Georgia mit Major General William Tecumseh Sherman. Die Unions­truppen unter Sherman waren im Ameri­ka­ni­schen Bürger­krieg auf ihrem Marsch durch den Süden bis an die Küste Geor­gias vorge­drungen. Gefolgt waren ihnen mehr und mehr ehemals Versklavte, deren Zahl am Ende in die Tausende ging. Das Treffen in Savannah sollte klären, wie sie ein Leben in Frei­heit würden führen können. Vier Tage nach dem Treffen gab Sherman den Befehl, große Land­ge­biete an der Küste Geor­gias zu konfis­zieren und an Schwarze Fami­lien zu verteilen; 40 Acre (16 Hektar bzw. 160.000 m2) an jede Familie, und dazu sollte es ein altes Maul­tier von der Unions­armee geben.

Die Frei­heit, die mit dem Ende der Verskla­vung kam, sollte also mehr bedeuten, als sich selbst zu besitzen. Auch Land sollten die ehemals Versklavten ihr Eigentum nennen können. Im Laufe des Bürger­krieges hatten freie Schwarze regel­mäßig gefor­dert, das Land der Plan­tagen zu bekommen, auf denen sie versklavt worden waren. Schließ­lich hatten sie mit ihren Körpern und den Körpern ihrer Lieben dafür bezahlt; und sie hatten den Boden mit ihren eigenen Händen bestellt. Sher­mans soge­nannte „Field Order No. 15“ war die erste offi­zi­elle Aner­ken­nung dieser Forde­rungen, also des Rechtes ehema­liger Versklavter auf Eigentum. Sie sollte als „40 acres and a mule“ fortan für diese Forde­rung stehen, und zwar bis in unsere Gegen­wart: Der seit 1989 bis heute jedes Jahr wieder einge­brachte Gesetz­ent­wurf zur Forde­rung von Repa­ra­tionen für Nachfahr:innen von Versklavten heißt H.R.40.

Baum­woll­plan­tage in Missis­sippi, spätes 19. Jhd.; Quelle: posterazzi.com

H.R.40 erin­nert nicht nur an die Forde­rung, sondern zugleich daran, dass sie uner­füllt blieb. Denn am 29. Mai 1865, also kein halbes Jahr nach Sher­mans Zusage, erklärte der neue US-Präsident Andrew Johnson, ein Mann des Südens, die Amnestie für die Konfö­de­rierten. Das war das Ende von „40 acres and a mule”. Tausende Schwarze Fami­lien wurden in den folgenden Monaten von ihrem Land vertrieben. Die meisten arbei­teten bald als soge­nannte “share­cropper“ wieder für ehema­lige Skla­ven­halter. Vielen Händ­lern und Inves­toren aus dem Norden war das nur allzu recht. Denn ein den alten Groß­plan­tagen ähnli­ches Produk­ti­ons­system schien eher zu gewähr­leisten, dass Baum­wolle aus den USA wieder ein Faktor auf dem Welt­markt würde. Sally Dixon, eine ehemals Versklavte aus Macon in Georgia, erin­nerte sich später: „We was told when we got freed we was going to get forty acres of land and a mule. Stead of that we didn‘t get nothing.”

Zurück in die Gegenwart

Kehren wir mit Dixon im Ohr zurück in die Gegen­wart. Zwar können Schwarze Amerikaner:innen seit 1865 nicht mehr als das Eigentum anderer ange­sehen werden. Bemer­kens­wert ist aber die Beharr­lich­keit, mit der ihnen fortan die Möglich­keit der Eigen­tums­bil­dung – und damit das „Streben nach Glück“ – verwei­gert worden ist: vom Share­crop­ping über das Redli­ning und Contract Selling zur GI Bill, zur exklusiv weißen Vervor­städ­te­rung und weiter zu dem, was man heute als “preda­tory inclu­sion” disku­tiert, also der räube­ri­schen Ausbeu­tung des Wunsches nach Eigentum und Teil­habe. Seit 1865 bis heute hat die Eigen­tums­ord­nung weiter über race operiert und auf diese Weise orches­triert, wer für sich wie und unter welchen Bedin­gungen das zentrale US-amerikanische Verspre­chen einlösen kann.

Solche syste­mi­schen, lang­fristig mit race verkop­pelten Ungleich­heiten arbeitet seit geraumer Zeit die Critical Race Theory heraus. Histo­risch haben sich Critical Race Theory und eman­zi­pa­to­ri­sche Iden­ti­täts­po­litik gemeinsam entfaltet; poli­tisch verfolgen sie die glei­chen Ziele, nämlich bestehende Hege­mo­nie­ver­hält­nisse zu markieren und aufzu­bre­chen, Ungleich­heiten zu besei­tigen und auf Chan­cen­gleich­heit und die gleich­be­rech­tigte Teil­habe alle Menschen hinzu­wirken. In Form der jüngst so viru­lenten Debatte über „racial capi­ta­lism“ dringen entspre­chende ökono­mi­sche Fragen bis in die etablierten geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Foren vor.

Zugleich sind in den letzten Jahren in über der Hälfte aller US-Staaten Gesetze und Verord­nungen verab­schiedet worden, die verbieten, Critical Race Theory an Schulen oder Colleges zu unter­richten. Ein entspre­chendes Gesetz im Staat Florida trägt den Titel „HB 7: Indi­vi­dual Freedom“, und es heißt, so solle die Frei­heit der (weißen) US-Amerikaner:innen geschützt werden. Wieder bedeutet die Frei­heit der einen die Ausgren­zung der anderen. Ihnen soll unter­sagt werden, sich, ihren Analysen und Posi­tionen Gehör zu verschaffen, sich in den Diskurs einzu­schreiben, eman­zi­pa­to­ri­sche Politik zu betreiben und struk­tu­rellen Rassismus zu verstehen und zu beenden.

Im August und November 2022 hat der United States District Court für das nörd­liche Florida den „Indi­vi­dual Freedom Act” für verfas­sungs­widrig erklärt und zunächst gestoppt, weil er die Meinungs- und Äuße­rungs­frei­heit einschränke. Der Staat Florida und sein Gouver­neur und mögli­cher US-Präsidentschaftskandidat Ron DeSantis wollen gegen die Urteile Beru­fung einlegen und die Zensur beibe­halten.

Gesetze wie Floridas „Indi­vi­dual Freedom-Act“ stehen somit in der Tradi­tion all der Stra­te­gien und Taktiken, Maßnahmen und Poli­tiken in der US-amerikanischen Geschichte, die eine rassi­fi­zierte Eigen­tums­ord­nung perp­etu­iert haben und die Ta-Nehisi Coates als „original iden­tity poli­tics“ bezeichnet hat. Denn die ungleiche Eigen­tums­ver­tei­lung wird nie ernst­haft verän­dert werden können, wenn man sich nicht deren tiefe Veran­ke­rung in der US-amerikanischen Geschichte und Gesell­schaft vor Augen führen darf.