Masha Gessens Artikel »In the Shadow oft he Holocaust« zieht einen vieldeutigen Vergleich zwischen Gaza und den Ghettos der Nazis. Aus diesem Grund wird die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an Gessen stark kritisiert – doch die Fragen, die der Artikel aufwirft, müssen von einer demokratischen Öffentlichkeit diskutiert werden können.

  • Hans-Joachim Hahn

    Hans-Joachim Hahn ist Literatur- und Kulturwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld und Privatdozent an der RWTH Aachen. Er lehrt und forscht unter anderem zur deutschsprachig-jüdischen Literatur, zu Erinnerungskulturen, zu Antisemitismus, zu globalen Perspektiven auf Literatur und zu Text-Bild-Verhältnissen.

Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, dem größten Massen­mord an Jüdinnen*Juden seit dem Holo­caust, und dem kurz darauf von der israe­li­schen Armee aufge­nom­menen Krieg gegen die Terror­or­ga­ni­sa­tion im dicht­be­völ­kerten Gaza­streifen erleben wir in Deutsch­land, Frank­reich, Groß­bri­tan­nien und weiteren Ländern Europas eine neue Welle von Anti­se­mi­tismus. Bei der Beschrei­bung und Bekämp­fung dieses Anti­se­mi­tismus treten dabei die Probleme einer stark poli­ti­sierten wissen­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Debatte zutage, die länger schon einen Grund in der häufigen Engfüh­rung der Perspek­tive auf den „israel­be­zogen Anti­se­mi­tismus“ hat. Die vor gut zwei Jahr­zehnten im Zuge der zweiten Inti­fada bereits global geführte Debatte über einen ‚neuen‘ Anti­se­mi­tismus lieferte einen wider­sprüch­li­chen Befund, der auch im gegen­wär­tigen Konflikt aufscheint: Während die eine Seite im Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf oftmals israe­li­sche Inter­es­sens­po­litik wittert, vernimmt die andere in der Kritik an israe­li­schem Regie­rungs­han­deln anti­se­mi­ti­sche Äuße­rungen. Dies hatten vor knapp zwei Jahr­zehnten bereits die Heraus­geber des Bandes „Neuer Anti­se­mi­tismus? Eine globale Debatte“ fest­ge­halten, ein Befund, an dem sich wenig geän­dert hat.

Charak­te­ris­tisch für die aktu­elle Situa­tion erscheinen daher eine stark pola­ri­sierte Wahr­neh­mung des Nahost­kon­flikts sowie die Poli­ti­sie­rung der Anti­se­mi­tis­mus­kritik. Aus Sicht der Anti­se­mi­tis­mus­for­schung stellt sich die Frage, wie wir vor diesem Hinter­grund am klügsten die Ambi­va­lenzen unseres eigenen trans­dis­zi­pli­nären, poli­tisch umkämpften Feldes der Anti­se­mi­tis­mus­for­schung und -kritik reflek­tieren, ohne den Blick auf die komplexe Realität des Nahost­kon­flikts zu verlieren? Denn ein falscher Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf beschä­digt über die konkret betrof­fenen Personen hinaus auch die kriti­sche Öffent­lich­keit, wie zuletzt am Fall des Musi­kers Gil Ofarim zu sehen war, der 2021 einen Hotel­mit­ar­beiter in Leipzig fälsch­lich beschul­digte, anti­se­mi­ti­sche Äuße­rungen gemacht zu haben.

Ein skan­da­löser Vergleich und eine ausge­setzte Preisverleihung

Ein aktuell disku­tiertes Beispiel stellt der Streit um Masha Gessen dar. In einem offenen Brief forderte die Deutsch-israelische Gesell­schaft Bremen/Unterweser e.V. (DIG) die Entschei­dung, Gessen den Hannah Arendt-Preis der Stadt Bremen zu verleihen, auszu­setzen. Eine Ehrung Gessens mit diesem Preis „würde dem notwen­digen entschlos­senen Auftreten gegen den wach­senden Anti­se­mi­tismus entge­gen­stehen“, begründet die DIG ihre Kritik. Im Raum steht so gleich der doppelte Vorwurf einer Rela­ti­vie­rung des Holo­caust und eine Stär­kung des Anti­se­mi­tismus, ein Vorwurf, der hier pikan­ter­weise gegen eine jüdi­sche Person erhoben wird.

Masha Gessen, Quelle: newstatesman.com

Anfang August 2023 hatte Gessen, 1967 in Russ­land geboren und 1981 nach New York emigriert, den Preis zuer­kannt bekommen. Den Hinter­grund für die Forde­rung der DIG bildet Gessens am 9. Dezember 2023 im The New Yorker veröf­fent­lichter Artikel »In the Shadow oft he Holo­caust«, in dem der aktu­elle Krieg in Gaza nach dem Massaker der Hamas provo­zie­rend in Bezie­hung gesetzt wird zur Liqui­die­rung der Ghettos in den von Nazi­deutsch­land okku­pierten Ländern Osteu­ropas. Die Passage, deren zentrale Stelle hier wieder­geben sei, ist skandalös:

The term “open-air prison” seems to have been coined in 2010 by David Cameron, the British Foreign Secre­tary who was then Prime Minister. Many human-rights orga­niza­tions that docu­ment condi­tions in Gaza have adopted the descrip­tion. But as in the Jewish ghet­toes of Occu­pied Europe, there are no prison guards—Gaza is policed not by the occu­p­iers but by a local force. Presu­mably, the more fitting term “ghetto” would have drawn fire for compa­ring the predi­ca­ment of besieged Gazans to that of ghettoized Jews. It also would have given us the language to describe what is happe­ning in Gaza now. The ghetto is being liquidated.

Aller­dings handelt es sich um eine mehr­deu­tige Stelle, die Fragen aufwirft, wie etwa die, wer – in dieser Analogie – mit der „local force“ gemeint ist; darauf weist z.B. die taz hin. Die vom Bremer Zweig der Deutsch-israelischen Gesell­schaft in einem offenen Brief vorge­schla­gene Deutung sieht darin ausschließ­lich eine Bezich­ti­gung des israe­li­schen Staats, während damit durchaus die Hamas gemeint sein könnte. Der Artikel ruft zudem in der Formu­lie­rung bereits die einem solchen Vergleich folgende Skan­da­li­sie­rung auf – „would have drawn fire“. So bedient sich Gessen im Konjunktiv einer hyper­bo­li­schen Rhetorik, die uns sehr bewusst mit einem kaum erträg­li­chen NS-Vergleich trak­tiert. Warum mutet der Text uns einen solchen Vergleich zu?

Ubiqui­täre NS-Vergleiche

Dafür muss genauer auf die Argu­men­ta­tion des debat­tierten Arti­kels einge­gangen werden. Poin­tiert arti­ku­liert Gessen an anderer Stelle den zentralen Punkt, indem ein in ähnli­cher Weise über­zo­gener Holocaust-Vergleich von Benjamin Netan­jahu ange­führt wird: Netan­jahu hatte die Hamas-Mörder auf dem Musik­fes­tival mit dem „Holo­caust durch Kugeln“, den Massen­er­schie­ßungen von Jüdinnen*Juden durch die SS außer­halb der Vernich­tungs­lager, vergli­chen. Gessen erin­nert daran, dass dieser Vergleich von „world leaders“ wie US-Präsident Biden aufge­griffen worden sei und dem Zweck diene, „to bolster Isreal’s case for inflic­ting coll­ec­tive punish­ment on the resi­dents of Gaza“. Ganz ähnlich recht­fer­tige Russ­land seine Flächen­bom­bar­die­rung, die Bela­ge­rung ukrai­ni­scher Städte sowie das Töten ukrai­ni­scher Zivilist*innen dadurch, dass Putin die angeb­liche Gefähr­lich­keit der ukrai­ni­schen Regie­rung unter­streicht, indem er sie als „Nazis“ oder „Faschisten“ bezeichnet. Natür­lich bestünden signi­fi­kante Unter­schiede zwischen Israel und Russland:

Russia’s claims that Ukraine atta­cked it first, and its portra­yals of the Ukrai­nian govern­ment as fascist, are false; Hamas, on the other hand, is a tyran­nical power that atta­cked Israel and committed atro­ci­ties that we cannot yet fully compre­hend. But do these diffe­rences matter when the case being made is for killing children?

So erin­nert Gessen perfor­mativ an die Ubiquität von NS-Vergleichen, ruft deren teil­weise Skan­da­li­sie­rung gleich mit auf, und weist uns darüber hinaus darauf hin, dass solche Vergleiche auch ganz konkret einge­setzt werden, um Kriege zu recht­fer­tigen. Insge­samt setzt der Essay dabei nicht weniger als fünf natio­nale Erin­ne­rungs­kul­turen kennt­nis­reich zuein­ander ins Verhältnis, die deut­sche, die polni­sche, die russi­sche, die ukrai­ni­sche sowie die israe­li­sche. Insbe­son­dere die Thesen zur deut­schen Erin­ne­rungs­kultur haben aller­dings offen­sicht­lich zur starken Empö­rung beigetragen, mit dem auf den Essay reagiert wurde. So bezeichnet Gessen etwa das Insis­tieren auf der Singu­la­rität des Holo­caust und die Zentra­lität des deut­schen Eintre­tens dafür als die zwei Seiten einer Medaille: „they posi­tion the Holo­caust as an event that Germans must always remember and mention but don’t have to fear repea­ting, because it is unlike anything else that’s ever happened or will happen“. Während Gessen für die über Jahr­zehnte mühsam etablierte, selbst­re­fle­xive Erin­ne­rungs­kultur in Deutsch­land lange Bewun­de­rung empfand, wie Gessen rück­bli­ckend im Essay zum Ausdruck bringt, sei ihre heutige Gestalt, wie hier thetisch ausge­führt wird, ein stati­sches iden­ti­täts­po­li­ti­sches Programm, dem die Gegen­warts­re­le­vanz abhan­den­ge­kommen sei. Die Kritik an Netan­jahus Geschichts­po­litik ist nicht weniger scharf. Zu dessen Bereit­schaft, Alli­anzen mit den ‚illi­be­ralen‘ Regie­rungen in Polen und Ungarn zu schmieden, gehört unter anderem, polni­schen Geschichts­re­vi­sio­nismus zu akzep­tieren. Poin­tiert nennt das Gessen, „über den Holo­caust zu lügen“ und weist insbe­son­dere auf die Ambi­va­lenzen natio­naler Opfer­er­zäh­lungen hin, durch die etwa, im Falle Israels, der Holo­caust als vorher­be­stimmtes Ereignis erscheine.

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Was geschehen ist, kann wieder geschehen

Zentral für die gesamte Argu­men­ta­tion ist jedoch noch ein weiterer Aspekt. Unter Verweis auf Hannah Arendt und Albert Einstein, die neben zahl­rei­chen weiteren Persön­lich­keiten des öffent­li­chen Lebens 1948 nach dem Massaker in Deir Yassin an arabi­schen Männern, Frauen und Kindern einen offenen Brief in der New York Times publi­zierten und Menachem Begins Frei­heits­partei dafür verant­wort­lich machten, belegt Gessen, dass schon die Namens­ge­berin des Bremer Preises Vergleiche mit dem Nazismus anstellte. Einige der wich­tigsten jüdi­schen Denker, die den Holo­caust über­lebten, hätten den Rest ihres Lebens darauf verwandt, der Welt zu erzählen, dass der Genozid an den Jüdinnen*Juden Europas, „while uniquely deadly“, gleich­wohl keine Anomalie der Geschichte darstelle. Was geschehen ist, kann wieder geschehen. Deshalb sollte Holo­caust­erin­ne­rung gerade die wach­same Kritik an gegen­wär­tigen Massen­tö­tungen beför­dern, von wem auch immer diese begangen werden.

Die Leser*innen werden also damit konfron­tiert, sich zu fragen, wann ein solcher Vergleich einen Skandal darstellt und warum – und wann evtl. auch nicht. So sind wir Leser*innen mit einer Frage konfron­tiert, die einem anderen Skandal gilt, dem wir kaum auswei­chen können. Denn was passiert z.B., wenn unsere absolut berech­tigte Empö­rung, unsere Wut über das durch nichts zu recht­fer­ti­gende geno­zi­dale Massaker der Hamas, in ein weiteres Massaker mündet? Ein Massaker recht­fer­tige kein Massaker, war die Posi­tion, die der Holo­caust­for­scher Omer Bartov kürz­lich in Ha’aretz vortrug. Damit antwortet er wiederum auf andere Holocaustforscher*innen, die seine These von einem mögli­cher­weise in Gaza bevor­ste­henden Genozid in der New York Review of Books in einem offenen Brief kriti­sierten. Die Frage, ob Diffe­ren­zie­rungen von Gewalt in unserer Gegen­wart eine Rolle spielen, wenn es darum geht, das Töten von Kindern zu recht­fer­tigen oder deren Tod billi­gend in Kauf zu nehmen, ist keine rhetorische.

Kritik und Courage

Was sollte uns mehr empören, Masha Gessens Provo­ka­tion oder die Folgen dieses Kriegs, mit denen die Israelis, mit denen wir uns ange­sichts des barba­ri­schen Massen­mords der Hamas soli­da­risch wissen, ebenso wie die Palästinenser*innen, die unter den Mili­tär­schlägen im Gaza­streifen und der Sied­ler­ge­walt in der West­bank leiden, schon jetzt auf unab­seh­bare Zeit zu tun haben werden, Folgen also, auf die Gessen im skan­da­li­sierten Vergleich mit den Ghettos während des Zweiten Welt­kriegs aufmerksam macht? Dass der Krieg im Nahen Osten enorm emotio­na­li­siert, hat eine Reihe von Gründen. Um nur zwei Aspekte zu nennen: So erschwert die Wieder­auf­nahme der Kampf­hand­lungen seit dem 1. Dezember die Rettung der Geiseln, die gegen­über einer ‚Pulve­ri­sie­rung‘ – ein Terminus, auf den Gideon Levy in verschie­denen Arti­keln in Ha’aretz verweist, u.a. am 2. Dezember 2023 – der Hamas als oberste Prio­rität der israe­li­schen Armee (IDF) in den Hinter­grund rückt. Am 15. Dezember wurden drei israe­li­sche Geiseln von den IDF erschossen, die sich zuvor aus der Geisel­haft der Hamas hatten befreien können, obwohl sie mit entblößten Ober­kör­pern, auf Hebrä­isch um Hilfe rufend, deut­lich als Zivi­listen erkennbar waren. Zudem zeigen Berech­nungen, wie sie etwa Yigal Levy kürz­lich in einem Artikel auf Ha’aretz ange­stellt hat, dass nicht nur in toto, sondern auch relativ die Zahl der zivilen Opfer im Gaza­streifen signi­fi­kant höher liegt als bei den voraus­ge­gan­genen Waffen­gängen der israe­li­schen Armee in Gaza.

Inzwi­schen hat Gessen in mehreren Inter­views sowie vor allem in der Preis­rede die Methode des Verglei­chens noch­mals genauer kontu­riert als allge­meine Praktik, die Welt zu erfor­schen. Konse­quent bezieht sie diese auch auf den Genozid an den euro­päi­schen Jüdinnen*Juden. So sei es ein Paradox, dass wir viel Energie darauf verwendet haben und verwenden, uns den Holo­caust vorzu­stellen, den wir zugleich als grund­sätz­lich unvor­stellbar begreifen würden. Keines­wegs stellt Gessen in Abrede, dass manche Vergleiche Rela­ti­vie­rungen oder Gleich­ma­cherei darstellen, besteht aber darauf, dass damit auch Univer­sa­li­sie­rung betrieben werden kann. Wir verglei­chen, um zu verhin­dern, dass geschieht, was geschehen kann – weil es schon einmal geschehen ist. Die Rede endet mit einem Plädoyer: Sollte die Phrase „Nie wieder“ statt eines „Zauber­spruchs“ ein poli­ti­sches Projekt meinen, müssten wir „tapfer“ verglei­chen – und besten­falls stellte sich dann eben ein solcher Vergleich als falsch heraus.

Gessen wirft mit dem streit­baren Vergleich in ihrem Essay »In the Shadow of the Holo­caust« also Fragen auf, die eine kriti­sche Öffent­lich­keit disku­tieren sollte. Wenn in einem solchen Fall die Behaup­tung Wirk­macht erlangen kann, die Preis­ver­lei­hung würde der Bekämp­fung des Anti­se­mi­tismus schaden, zeigt sich die für alle funk­tio­nie­renden Demo­kra­tien uner­setz­liche Streit­kultur auf dem Rückzug. Diese ist durch das Absagen von Veran­stal­tungen wegen kontro­verser Inhalte, über die in der Öffent­lich­keit unbe­dingt gestritten werden sollte, konkret gefährdet, ohne dass damit in irgend­einer Weise etwas gegen Anti­se­mi­tismus oder Rassismus unter­nommen worden wäre. Eher im Gegen­teil. Wir können von Glück reden, dass Gessen der Preis selbst nicht aberkannt wurde.