Altstädte – alt, neu, authentisch rekonstruiert?

Jede Zeit hat die Altstädte, die sie verdient. Die letzten Jahre ließen einen geradezu erstaunlichen Zuwachs an Altstädten erkennen. Die Sehnsucht nach Authentizität, nach Übersichtlichkeit und Solidität floriert – so wie jüngst in Frankfurt am Main und demnächst in Berlin.



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Altstädte haben, vor allem in Deutschland, bereits vor zwanzig bis dreissig Jahren an Attraktivität gewonnen. Das gilt vor allem für UNESCO-zertifizierte Städte wie Lübeck, Bamberg oder Weimar, aber nicht nur. Auch Frankreich, Italien und Spanien verfügen über mittelalterliche und zum Teil ebenfalls zertifizierte Altstädte, die bereits in der Renaissance, im Barock und 19. Jahrhundert mit weiteren Neubauten im historisierenden Stil angereichert wurden – und heute unsere touristische Sehnsucht nach Altem befriedigen.

Die Altstadt als Gabentisch

Altes, Echtes, Schönes steht gegen Modernes, Falsches und Hässliches. Diese Dichotomie spiegelt die Ideale der bürgerlichen Heimatschutz-Bewegungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland wie auch in der Schweiz. Sie verabscheuten alles Moderne und Industrielle, wollten zurück in ihre Utopie der heilen Welt, des Althergebrachten, des Echten. Diese imaginierte Alte Welt sollte alt bleiben, griechisch-römisch, romanisch, gotisch, mittelalterlich, wie auch immer. Moderne Bauformen störten das Sich-Wohlfühlen und die nationale Gemütlichkeit, galten gar als fremd und undeutsch oder unschweizerisch – unvereinbar mit den Idealen der wahren Heimatliebe.

Doch werfen wir einen Blick auf die Geschichte der europäischen Altstädte: Seit mehr als 150 Jahren, seit ihrer Entdeckung durch Kunsthistoriker und romantische Touristen, gleichen historische Altstädte Dauerbaustellen. Die Stadt Luzern zum Beispiel unternahm seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute Einiges, um an eine glorreiche Vergangenheit zu erinnern. Die Stadt sah sich als Bewahrerin des Alten, und so wurden ganze Strassenzüge im Stil des frühen 16. Jahrhunderts errichtet und Brücken nachgebaut; zudem rückten Grand Hotels das Alpenpanorama in den Blick.

Auch Basel hat zu Beginn des letzten Jahrhunderts Altes neugebaut, so etwa 1905 einen neuen „mittelalterlichen“ Turm zum alten Rathaus. Man machte auf Mittelalter. Traditionen wurden bewirtschaftet. Pittoreske Altstadt und einzigartige Sehenswürdigkeiten – heutzutage inklusive Busparkplatz und Tiefgarage – lassen das Authentische von früher so unmittelbar wie möglich erscheinen. Es lässt sich durchwandern und wird in Fotografie und Video endlos reproduziert. Der Tourismus ist die digitale Foto- und Videomaschine schlechthin. Die Wiederholung des authentischen Alten macht die Besucherinnen und Besucher zu Augenzeugen einer stadtgeschichtlichen Heilsgeschichte: resurrectio urbis, die stadtkörperliche Auferstehung von den Toten.

Der Aufstieg der Altstadt

Wann begann der Aufstieg der Altstädte zur hippen Lebensform? In den 1960er und 1970er Jahren, als von der „Unwirtlichkeit der Städte“ (A. und M. Mitscherlich) und von Vorstädten ohne Herkunft die Rede war. Nichts Altes, nichts Althergebrachtes. Nur Not, Zweck, Funktion, vielleicht noch heiles Heim und kleiner sozialer Aufstieg.

Seit den 1970er Jahren und genauer noch seit dem europäischen Denkmalschutzjahr 1975 ist die Altstadt wieder das, was sie schon in der nationalromantischen Perspektive des frühen zwanzigsten Jahrhundert war: Vergnügungsort und Kulminationspunkt der Sehnsucht nach gemeinschaftlicher Zugehörigkeit, Bastion gegen die Zumutungen bürokratischer Rationalität, kapitalistischer Entfremdung und industriegesellschaftlicher Moderne.

Kleine schöne Details. In Stein und Holz: die Liebe zum klein- oder grossbürgerlichen Ornament, zur Handwerkerfröhlichkeit gab den Ton an. Putzig schrumpfte die Neualtstadt zum Nullpunkt der Architektur: Von hier aus wird Geschichte gemacht. Die Altstadtromantik, ihre Beschaulichkeit, das engteilig, kleinteilig-sterile Sich-ein-bisschen-Unterscheiden vom Nachbargebäude bietet kleine Fluchten aus dem Alltag.

Doch die Altstädte unserer Zeit wirken surreal pittoresk, falsch hübsch-niedlich und schon längst durch Verkehrssysteme zersprengt. Tante-Emma-Läden reihen sich, versorgt durch regionale Distributions- und Logistikzentren, pluriform aneinander. Dazwischen Restaurants, Cafés, In-Läden, Concept- und Pop-up-Stores. Eine Altstadt gleicht in ihrer Verschiedenheit der anderen.

In dieser hybriden Form steht die europäische Altstadt für die Suche nach den Wurzeln der lokalen, regionalen und nationalen Identität, ermöglicht Spaziergänge in die Herkunft, Gemütlichkeit. Wer allerdings jemals in außereuropäischen Altstädten – Quito oder Lima zum Beispiel – unterwegs war, weiss, dass sich in den dortigen centros historicos alles andere als eine heile Geschichtswelt findet. Eher Armut, Zerstörung, Herunterwirtschaften. Die Oberschicht hat sich seit Generationen in die neuen Stadtviertel in Sicherheit gebracht. Eine echte alte Altstadt ist alles andere als „gemütlich“.

All die Ambivalenzen zeigen: Bürgerliche Gemütlichkeitssehnsucht und Hippsterkonformität widersprechen sich nicht. Exklusivität und Exklusion der nicht dazu Gehörigen ist beider Beweggrund. Altstädte hingegen als offen für gesellschaftliche Aufbrüche, als Keimzellen für demokratische Innovationen zu erfinden: dazu bräuchte es Vorstellungskraft und umsichtige Planung.

Altstadtverschleiss durch touristische Abnutzung

Altstädten wird ein ganz besonderer Rang zugewiesen. Sie erscheinen als Antiquitäten, die an frühere glanzvolle Zeiten erinnern sollen. In der Bundesrepublik begann man sich seit den sechziger und siebziger Jahren darauf zu besinnen, woher man kommen wollte. Nach den Jahren des Wiederaufbaus wurde in den Städten ab den 1970er Jahren „Herkunft“ zur klingenden Münze. Es war vor allem der Tourismus, der die Bemühungen um Rekonstruktion, Neuerfindung und Behübschung versilberte. Die UNESCO vergab mit der Aufnahme in die Welterbe-Liste  ie Goldmedaillen.

Diese Auszeichnung ist so attraktiv, dass sogar Altstädte, die durch Erdbeben zerstört wurden, für die touristische Erschliessung rekonstruiert werden. Das global bekannteste Beispiel dafür ist die chinesische Stadt Lijiang. Nach der nahezu kompletten Zerstörung durch das Erdbeben vom 3. Februar 1996 wurde die Stadt nach Plänen, Zeichnungen und Beschreibungen in einer Weise rekonstruiert, die alles Bisherige in den Schatten stellt. Prämiert mit der UNESCO- Zertifizierung als Welterbe, stiegen die Besucherzahlen innerhalb weniger Jahre um das Vielfache, von 1,7 Millionen 1998 bis auf 20,8 Millionen im Jahr 2013. Das ist die dreifache Menge der Venedig-Touristen. UNESCO und nationale Infrastrukturprogramme bescherten der Stadt ein Prosperitätswunder und die lokale Bevölkerung wurde in die am Rand neugebauten Wolkenkratzer verdrängt.

Europäische Altstädte haben in dieser Hinsicht längst gleichgezogen. Nicht nur Venedig, Barcelona oder Dubrovnik stehen vor der Frage, wie die touristische Abnutzung, für die das verniedlichende Wort „overtourism“ erfunden wurde, verhindert, vermieden oder beendet werden kann. Keiner weiss, wie die Touristenströme zu steuern sind. Digitale Planungswerkzeuge, neue Kreuzschiffe, Billigfluglinien, private Learjets und Luxushotels haben die internationale Mobilität exponentiell steigen lassen. Zwischen 1950 und 1970 verdoppelte sich die Zahl der Reisenden alle zehn Jahre. Bis 2015 hat sie sich verfünfzigfacht.

Die neue Frankfurter Altstadt – Nullpunkt der Rekonstruktion?

Gemeinhin geht man davon aus, dass die erste und oberste Bedingung für eine Altstadt ihr tatsächliches Vorhandensein ist. In Frankfurt aber wurde eine seit längerem nicht mehr vorhandene Altstadt nach Plänen, Zeichnungen und Fotografien rekonstruiert. Vorteilhaft war, dass sich an der Stelle bisher das technische Rathaus der siebziger Jahre befand. So wurde dieser Bau abgerissen, die dazugehörige Tiefgarage umgenutzt. Die Neubauten erhielten ein historisierendes Kostüm. Preise von 5000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter sind hinlänglicher Garant dafür, dass der Geldadel aus dem Taunus unter sich bleibt.

Durch Stephan Trüby, Architekturhistoriker und -theoretiker, wissen wir, dass die Heile- Welt-Rekonstruktionsideen der Frankfurter Neubauten auf rechtsradikale Initiativen zurückgehen. Die diffamierenden Reaktionen – sie beschimpfen Trüby und stellen seine Kompetenz in Frage – belegen zur Genüge, dass Trüby mit seiner Formulierung, wonach Rekonstruktionsarchitektur „zu einem Schlüsselmedium der autoritären, völkischen, geschichtsrevisionistischen Rechten“ geworden ist, ins Schwarze getroffen hat. Und dank seines präzisen historischen Recherche-Essays wissen wir, daß die derart möblierte Frankfurter Heimatarchitektur die Blaupause für weitere Initiativen abgibt.

Berlin-Mitte steht bereits im Zentrum der rechtskonservativen und rechtsradikalen Meinungsbildung, und dies nicht erst, seit der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ein Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat installiert hat. Eine neue Berliner Altstadt, ein Ort der Erinnerung an die gesamte Geschichte, wie es in ersten Veröffentlichungen heisst, soll entstehen. Man geht wie in Frankfurt vor. Der radikalnationalen Meinungsbildung folgen politische Initiativen. Es wäre verwunderlich, wenn die in Frankfurt beteiligten Berliner Architekturbüros sich nicht ebenfalls an dem Versuch beteiligen würden, auch in Berlin eine hochpreisige, kleinteilige und putzige Altstadtheimatwelt im Rekonstruktionsstil zu bauen: Frankfurt-Retro/Modell-Zwei. Umso mehr gilt es, genauer hinzuschauen: die Altstadtrekonstruktionsmanie steht bereits in voller Blüte. Berlin wird nicht der einzige und letzte Versuch bleiben. Weitere werden folgen.