• Fritz Kestel ist promovierter Kunsthistoriker, Studienreiseleiter mit Schwerpunkt Europa und Südamerika, Autor und Essayist.

Altstädte haben, vor allem in Deutsch­land, bereits vor zwanzig bis dreissig Jahren an Attrak­ti­vität gewonnen. Das gilt vor allem für UNESCO-zertifizierte Städte wie Lübeck, Bamberg oder Weimar, aber nicht nur. Auch Frank­reich, Italien und Spanien verfügen über mittel­al­ter­liche und zum Teil eben­falls zerti­fi­zierte Altstädte, die bereits in der Renais­sance, im Barock und 19. Jahr­hun­dert mit weiteren Neubauten im histo­ri­sie­renden Stil ange­rei­chert wurden – und heute unsere touris­ti­sche Sehn­sucht nach Altem befrie­digen.

Die Altstadt als Gaben­tisch

Altes, Echtes, Schönes steht gegen Modernes, Falsches und Häss­li­ches. Diese Dicho­tomie spie­gelt die Ideale der bürger­li­chen Heimatschutz-Bewegungen seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts in Deutsch­land wie auch in der Schweiz. Sie verab­scheuten alles Moderne und Indus­tri­elle, wollten zurück in ihre Utopie der heilen Welt, des Alther­ge­brachten, des Echten. Diese imagi­nierte Alte Welt sollte alt bleiben, griechisch-römisch, roma­nisch, gotisch, mittel­al­ter­lich, wie auch immer. Moderne Bauformen störten das Sich-Wohlfühlen und die natio­nale Gemüt­lich­keit, galten gar als fremd und undeutsch oder unschwei­ze­risch – unver­einbar mit den Idealen der wahren Heimat­liebe.

Altstadt Luzern; Quelle: depositphotos.com

Doch werfen wir einen Blick auf die Geschichte der euro­päi­schen Altstädte: Seit mehr als 150 Jahren, seit ihrer Entde­ckung durch Kunst­his­to­riker und roman­ti­sche Touristen, glei­chen histo­ri­sche Altstädte Dauer­bau­stellen. Die Stadt Luzern zum Beispiel unter­nahm seit der Mitte des 19. Jahr­hun­derts bis heute Einiges, um an eine glor­reiche Vergan­gen­heit zu erin­nern. Die Stadt sah sich als Bewah­rerin des Alten, und so wurden ganze Stras­sen­züge im Stil des frühen 16. Jahr­hun­derts errichtet und Brücken nach­ge­baut; zudem rückten Grand Hotels das Alpen­pan­orama in den Blick.

Auch Basel hat zu Beginn des letzten Jahr­hun­derts Altes neuge­baut, so etwa 1905 einen neuen „mittel­al­ter­li­chen“ Turm zum alten Rathaus. Man machte auf Mittel­alter. Tradi­tionen wurden bewirt­schaftet. Pitto­reske Altstadt und einzig­ar­tige Sehens­wür­dig­keiten – heut­zu­tage inklu­sive Buspark­platz und Tief­ga­rage – lassen das Authen­ti­sche von früher so unmit­telbar wie möglich erscheinen. Es lässt sich durch­wan­dern und wird in Foto­grafie und Video endlos repro­du­ziert. Der Tourismus ist die digi­tale Foto- und Video­ma­schine schlechthin. Die Wieder­ho­lung des authen­ti­schen Alten macht die Besu­che­rinnen und Besu­cher zu Augen­zeugen einer stadt­ge­schicht­li­chen Heils­ge­schichte: resur­rectio urbis, die stadt­kör­per­liche Aufer­ste­hung von den Toten.

Der Aufstieg der Altstadt

Wann begann der Aufstieg der Altstädte zur hippen Lebens­form? In den 1960er und 1970er Jahren, als von der „Unwirt­lich­keit der Städte“ (A. und M. Mitscher­lich) und von Vorstädten ohne Herkunft die Rede war. Nichts Altes, nichts Alther­ge­brachtes. Nur Not, Zweck, Funk­tion, viel­leicht noch heiles Heim und kleiner sozialer Aufstieg.

Seit den 1970er Jahren und genauer noch seit dem euro­päi­schen Denk­mal­schutz­jahr 1975 ist die Altstadt wieder das, was sie schon in der natio­nal­ro­man­ti­schen Perspek­tive des frühen zwan­zigsten Jahr­hun­dert war: Vergnü­gungsort und Kulmi­na­ti­ons­punkt der Sehn­sucht nach gemein­schaft­li­cher Zuge­hö­rig­keit, Bastion gegen die Zumu­tungen büro­kra­ti­scher Ratio­na­lität, kapi­ta­lis­ti­scher Entfrem­dung und indus­trie­ge­sell­schaft­li­cher Moderne.

Kleine schöne Details. In Stein und Holz: die Liebe zum klein- oder gross­bür­ger­li­chen Orna­ment, zur Hand­wer­ker­fröh­lich­keit gab den Ton an. Putzig schrumpfte die Neual­tstadt zum Null­punkt der Archi­tektur: Von hier aus wird Geschichte gemacht. Die Altstadt­ro­mantik, ihre Beschau­lich­keit, das engteilig, kleinteilig-sterile Sich-ein-bisschen-Unterscheiden vom Nach­bar­ge­bäude bietet kleine Fluchten aus dem Alltag.

Doch die Altstädte unserer Zeit wirken surreal pitto­resk, falsch hübsch-niedlich und schon längst durch Verkehrs­sys­teme zersprengt. Tante-Emma-Läden reihen sich, versorgt durch regio­nale Distributions- und Logis­tik­zen­tren, pluri­form anein­ander. Dazwi­schen Restau­rants, Cafés, In-Läden, Concept- und Pop-up-Stores. Eine Altstadt gleicht in ihrer Verschie­den­heit der anderen.

In dieser hybriden Form steht die euro­päi­sche Altstadt für die Suche nach den Wurzeln der lokalen, regio­nalen und natio­nalen Iden­tität, ermög­licht Spazier­gänge in die Herkunft, Gemüt­lich­keit. Wer aller­dings jemals in außer­eu­ro­päi­schen Altstädten – Quito oder Lima zum Beispiel – unter­wegs war, weiss, dass sich in den dortigen centros histo­ricos alles andere als eine heile Geschichts­welt findet. Eher Armut, Zerstö­rung, Herun­ter­wirt­schaften. Die Ober­schicht hat sich seit Gene­ra­tionen in die neuen Stadt­viertel in Sicher­heit gebracht. Eine echte alte Altstadt ist alles andere als „gemüt­lich“.

All die Ambi­va­lenzen zeigen: Bürger­liche Gemüt­lich­keits­sehn­sucht und Hipps­ter­kon­for­mität wider­spre­chen sich nicht. Exklu­si­vität und Exklu­sion der nicht dazu Gehö­rigen ist beider Beweg­grund. Altstädte hingegen als offen für gesell­schaft­liche Aufbrüche, als Keim­zellen für demo­kra­ti­sche Inno­va­tionen zu erfinden: dazu bräuchte es Vorstel­lungs­kraft und umsich­tige Planung.

Altstadt­ver­schleiss durch touris­ti­sche Abnut­zung

Altstädten wird ein ganz beson­derer Rang zuge­wiesen. Sie erscheinen als Anti­qui­täten, die an frühere glanz­volle Zeiten erin­nern sollen. In der Bundes­re­pu­blik begann man sich seit den sech­ziger und sieb­ziger Jahren darauf zu besinnen, woher man kommen wollte. Nach den Jahren des Wieder­auf­baus wurde in den Städten ab den 1970er Jahren „Herkunft“ zur klin­genden Münze. Es war vor allem der Tourismus, der die Bemü­hungen um Rekon­struk­tion, Neuerfin­dung und Behüb­schung versil­berte. Die UNESCO vergab mit der Aufnahme in die Welterbe-Liste  ie Gold­me­daillen.

Lijiang, China; Quelle: wikipedia.org

Diese Auszeich­nung ist so attraktiv, dass sogar Altstädte, die durch Erdbeben zerstört wurden, für die touris­ti­sche Erschlies­sung rekon­stru­iert werden. Das global bekann­teste Beispiel dafür ist die chine­si­sche Stadt Lijiang. Nach der nahezu kompletten Zerstö­rung durch das Erdbeben vom 3. Februar 1996 wurde die Stadt nach Plänen, Zeich­nungen und Beschrei­bungen in einer Weise rekon­stru­iert, die alles Bishe­rige in den Schatten stellt. Prämiert mit der UNESCO- Zerti­fi­zie­rung als Welt­erbe, stiegen die Besu­cher­zahlen inner­halb weniger Jahre um das Viel­fache, von 1,7 Millionen 1998 bis auf 20,8 Millionen im Jahr 2013. Das ist die drei­fache Menge der Venedig-Touristen. UNESCO und natio­nale Infra­struk­tur­pro­gramme bescherten der Stadt ein Prospe­ri­täts­wunder und die lokale Bevöl­ke­rung wurde in die am Rand neuge­bauten Wolken­kratzer verdrängt.

Euro­päi­sche Altstädte haben in dieser Hinsicht längst gleich­ge­zogen. Nicht nur Venedig, Barce­lona oder Dubrovnik stehen vor der Frage, wie die touris­ti­sche Abnut­zung, für die das vernied­li­chende Wort „over­tou­rism“ erfunden wurde, verhin­dert, vermieden oder beendet werden kann. Keiner weiss, wie die Touris­ten­ströme zu steuern sind. Digi­tale Planungs­werk­zeuge, neue Kreuz­schiffe, Billig­flug­li­nien, private Lear­jets und Luxus­ho­tels haben die inter­na­tio­nale Mobi­lität expo­nen­tiell steigen lassen. Zwischen 1950 und 1970 verdop­pelte sich die Zahl der Reisenden alle zehn Jahre. Bis 2015 hat sie sich verfünf­zig­facht.

Die neue Frank­furter Altstadt – Null­punkt der Rekon­struk­tion?

Gemeinhin geht man davon aus, dass die erste und oberste Bedin­gung für eine Altstadt ihr tatsäch­li­ches Vorhan­den­sein ist. In Frank­furt aber wurde eine seit längerem nicht mehr vorhan­dene Altstadt nach Plänen, Zeich­nungen und Foto­gra­fien rekon­stru­iert. Vorteil­haft war, dass sich an der Stelle bisher das tech­ni­sche Rathaus der sieb­ziger Jahre befand. So wurde dieser Bau abge­rissen, die dazu­ge­hö­rige Tief­ga­rage umge­nutzt. Die Neubauten erhielten ein histo­ri­sie­rendes Kostüm. Preise von 5000 bis 7000 Euro pro Quadrat­meter sind hinläng­li­cher Garant dafür, dass der Geld­adel aus dem Taunus unter sich bleibt.

Frank­furter Altstadt; Foto: Uwe Dettmar © Dom Römer GmbH; Quelle: stylepark.com

Durch Stephan Trüby, Archi­tek­tur­his­to­riker und -theo­re­tiker, wissen wir, dass die Heile- Welt-Rekonstruktionsideen der Frank­furter Neubauten auf rechts­ra­di­kale Initia­tiven zurück­gehen. Die diffa­mie­renden Reak­tionen – sie beschimpfen Trüby und stellen seine Kompe­tenz in Frage – belegen zur Genüge, dass Trüby mit seiner Formu­lie­rung, wonach Rekon­struk­ti­ons­ar­chi­tektur „zu einem Schlüs­sel­me­dium der auto­ri­tären, völki­schen, geschichts­re­vi­sio­nis­ti­schen Rechten“ geworden ist, ins Schwarze getroffen hat. Und dank seines präzisen histo­ri­schen Recherche-Essays wissen wir, daß die derart möblierte Frank­furter Heimat­ar­chi­tektur die Blau­pause für weitere Initia­tiven abgibt.

Berlin-Mitte steht bereits im Zentrum der rechts­kon­ser­va­tiven und rechts­ra­di­kalen Meinungs­bil­dung, und dies nicht erst, seit der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer ein Bundes­mi­nis­te­rium des Innern, Bau und Heimat instal­liert hat. Eine neue Berliner Altstadt, ein Ort der Erin­ne­rung an die gesamte Geschichte, wie es in ersten Veröf­fent­li­chungen heisst, soll entstehen. Man geht wie in Frank­furt vor. Der radi­kal­na­tio­nalen Meinungs­bil­dung folgen poli­ti­sche Initia­tiven. Es wäre verwun­der­lich, wenn die in Frank­furt betei­ligten Berliner Archi­tek­tur­büros sich nicht eben­falls an dem Versuch betei­ligen würden, auch in Berlin eine hoch­prei­sige, klein­tei­lige und putzige Altstadt­hei­mat­welt im Rekon­struk­ti­ons­stil zu bauen: Frankfurt-Retro/Modell-Zwei. Umso mehr gilt es, genauer hinzu­schauen: die Altstadt­re­kon­struk­ti­ons­manie steht bereits in voller Blüte. Berlin wird nicht der einzige und letzte Versuch bleiben. Weitere werden folgen.

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