Alles andere als schwarz-weiß. James Baldwin über Liebe und Rassismus

James Baldwins großer Roman „Ein anderes Land“ von 1962 liegt in einer neuen, wunderbar leicht zu lesenden Übersetzung vor. Er handelt vom Tod und vom Rassismus, der alles durchdringt, aber sein Thema ist die Liebe. Doch das macht die Dinge nicht einfacher.

Geschichte der Gegenwart
Alles andere als schwarz-weiß. James Baldwin über Liebe und Rassismus
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Rufus Scott ist ein begna­deter Jazz-Schlagzeuger, der sich im New York der späten 1950er Jahre schon über Harlem hinaus einen Namen gemacht hat. Nach einem Konzert lernt er eine junge Frau kennen, Leona, eine Weiße aus Georgia, mit der er auf der anschlie­ßenden Party Sex hat. Sie zieht bei ihm ein. Die Wohnung ist zu klein, er hat gerade keine weiteren Gigs in Aussicht, nur sie verdient ein wenig Geld als Kell­nerin. Die Sache endet nicht gut. Auf der Straße schlägt dem Paar unver­hoh­lener Hass entgegen, sie trinken viel zu viel, und Leona verliert ihren Job. Sie werfen sich gegen­seitig ihre Haut­farbe vor, streiten und schlagen sich, bis Rufus Leona verge­wal­tigt, immer wieder. Sie trennen sich, verzwei­felt, weil sie sich trotz allem lieben.

James Bald­wins Roman Ein anderes Land (Another Country, 1962) setzt in dem Moment ein, als das alles für Rufus gerade hinter ihm liegt – und ihn völlig aus der Bahn geworfen hat. Allein, hungrig und völlig pleite streift er durch ein nacht­schwarzes, kaltes, herun­ter­ge­kom­menes New York, schläft in Unter­füh­rungen oder in Kinos und wagt es nicht mehr, in seinem alten Club in Harlem, wo er oft spielte, oder bei seiner Familie aufzu­tau­chen. Ein letztes Treffen in einer Bar mit seinen – weißen – Freunden, die ihm helfen wollen, verlässt er durch den Hinter­aus­gang. Er steigt in eine U-Bahn, die ihn weit oben in der Stadt zur Madison Avenue Bridge bringt, die Harlem mit der South Bronx verbindet. Er steigt auf das Geländer, richtet den Blick zum Himmel und springt ins dunkle Wasser: „Ok, du gott­ver­dammter, hund­s­dre­ckiger Wichser, ich komme zu dir.“

James Baldwin (1924-1987); Quelle: blackpast.org

Man muss James Baldwin (1924-1987) eigent­lich nicht mehr vorstellen – er war in den USA schon in den Fünf­zi­ger­jahren ein gefei­erter, wenn auch wegen seinem offenen Spre­chen über Homo­se­xua­lität umstrit­tener Schrift­steller, und Another Country wurde schon 1964 ins Deut­sche über­setzt, zuerst in West­deutsch­land, dann bis in die 1980er Jahre in mehreren Auflagen in der DDR. Die Neuaus­gabe dieses Romans und der ganzen Reihe seiner Werke, die der dtv-Verlag gegen­wärtig unter­nimmt, ist dennoch ein Ereignis. Nicht nur, offen­sicht­lich, weil Baldwin im Zuge der welt­weiten Black Lives Matter-Proteste bren­nend aktuell erscheint, sondern beson­ders auch wegen der neuen Über­set­zung durch Miriam Mandelkow. Sie hat sich, wie sie in ihrer Nach­be­mer­kung zum Buch schreibt, zum Beispiel sehr genau über­legt, wie die beiden Vari­anten des N-Wortes zu über­setzen sind, in welchem Kontext sie ange­messen sind und in welchen nicht, und sie trifft den Ton oder viel­mehr die unglaub­liche Breite der Töne von Bald­wins Sprache, die zwischen zarter Sorg­falt und rauer Grob­heit in unzäh­ligen Farben schil­lert, mit stupender Leichtigkeit.

Rassis­mus­kritik ohne schwarz-weiß Denken

Es ist auch fast unnötig zu sagen, dass der Rassismus in den USA Bald­wins Lebens­thema war. Das war zuletzt im Doku­men­tar­film I Am Not Your Negro (Raul Peck, 2017) zu sehen, der Baldwin immer wieder als bril­lanten Redner zeigt, der in ebenso scharf­ge­schlif­fenen wie eleganten Worten sein meist weißes Publikum daran erin­nerte, wie sehr der Rassismus nicht nur die Schwarzen quält und herab­wür­digt, sondern im Gegenzug auch die Weißen zu „Mons­tern“ macht, wie er sagte. Ja, noch mehr: Der Rassismus, so Baldwin, zerfrisst und zerstört die ameri­ka­ni­sche Gesell­schaft wie ein Krebs von innen her. In seinem sehr persön­li­chen, als Brief an seinen Neffen gestal­teten Essay The Fire Next Time (1963), der eben­falls schon in der Über­set­zung von Miriam Mandelkow bei dtv erschienen ist (Nach der Flut das Feuer, 2020), erzählt er, dass es seine jüdi­schen Schul­freunde und ihr Spre­chen über den Holo­caust waren, die ihn nicht nur an seinem christ­li­chen Glauben zwei­feln ließen. Viel­mehr, so notierte er hier, „rückte mein Umgang mit Juden das Thema der Haut­farbe, das ich bisher so verzwei­felt gemieden hatte, ins furcht­same Zentrum meines Bewusstseins.“

Daher war für ihn auch der gegen den weißen Rassismus gerich­tete, gleichsam inverse Rassismus von Malcom X, den er gleich­wohl bewun­derte und als seinen Freund bezeich­nete, keine Alternative:

Wenn man eine Gruppe von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Haut­farbe mit beson­derer Abnei­gung behan­deln darf, gibt es keine Begren­zung des Leids, dem man sie unter­zieht, und, da die gesamte ‚Rasse‘ aus uner­find­li­chen Gründen ange­klagt ist, keinen Grund, sie nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten zu wollen. Genau das haben die Nazis versucht. Einzig­artig war nur ihre Methode.

Für Baldwin hingegen waren die Weißen keine „Teufel“, sondern genauso verletz­bare Menschen wie Schwarze und alle anderen auch. Der Roman Ein anderes Land verfährt in seiner Darstel­lung daher in keiner Weise schwarz-weiß, das heißt in platter Weise pola­ri­sie­rend – weit entfernt davon. Die Geschichte, die nach dem Suizid von Rufus einsetzt, handelt viel­mehr von den verwi­ckelten Lebens- und Liebes­ge­schichten seiner vier weißen Freunde und seiner Schwester Ida. Diese verbindet sich nach Rufus’ Tod mit dessen „einzigen“ Freund Vivaldo, einem mit dem quälenden Schreiben seines ersten Romans befassten Brooklyn-Italo, in einer explo­siven Liebes­be­zie­hung. Sie durch­zieht als ein Exemplum schwarz-weißer Verstri­ckungen das ganze Buch.

Dazu kommen Cass und ihr Mann Richard, Sohn eines armen polni­schen Einwan­de­rers, der mit Cass eine Frau aus einer beinahe aris­to­kra­ti­schen ameri­ka­ni­schen Familie gehei­ratet hat. Als gelang­weilte Haus­frau kümmert sie sich um die zwei Jungs – die einmal von einer Hand­voll Schwarzer Teen­ager auf dem Schulhof scheinbar grundlos verprü­gelt werden –, während er schlecht­ge­launt Tag und Nacht an seiner Schrift­stel­ler­kar­riere arbeitet, von der er, alle seine Freunde und vor allem auch Cass wissen, dass sie zwar finan­ziell lukrativ, lite­ra­risch aber wertlos ist. Und da ist schließ­lich noch der Schau­spieler Eric, ein rothaa­riger Südstaatler aus eben­falls reicher Familie, den man zuerst in seinem selbst­ge­wählten Exil in Südfrank­reich antrifft – der Roman ist offen­kundig von auto­bio­gra­phi­schen Motiven durch­zogen –, wo Eric mit dem ehema­ligen Strich­jungen Yves zusam­men­lebt. Eric reist dann aber in die USA zurück, weil er ein attrak­tives Angebot am Broadway erhalten hat; sein geliebter Yves wird ihm später nachfolgen.

Leben­dige Figuren, kompli­ziert verhakt

Baldwin hat sehr viel Geduld mit seinen Figuren, gibt ihnen alle Zeit, die es braucht, dass sich ihre Bezie­hungen in kompli­zier­tester Art inein­ander verhaken können, weil er sie nur so als Menschen zeigen kann. Sie reden ohne Unter­lass, trinken viel (die Flaschen mit Scotch oder Bourbon sind ständig griff­be­reit), rauchen eine nach der anderen, lauschen im Jazz­club Idas ersten Auftritten als Sängerin – und bewegen sich dabei wie Verlo­rene im Stra­ßen­raster New Yorks, aufein­ander zu oder vonein­ander weg. Die Stadt ist, nur leich­ter­hand ange­deutet und doch nicht nebenbei, der geogra­phi­sche Ort uner­bitt­li­cher sozialer Diffe­renz, die Harlem von der Upper West Side oder die Boheme im Village von den weißen Slums auf der Lower East Side trennt. Aber die Stadt ist auch die Palette, auf der Baldwin die Farben der vielen Stim­mungen mischt, in die er seine Prot­ago­nisten taucht. „Der Regen strömte herunter wie eine Wand“, heißt es an einer Stelle. „Der Asphalt war breit und weiß und regen­blank. Die grauen Gehwege tanzten und glänzten und kippten. Nichts regte sich – kein Auto, kein Mensch, keine Katze; und nur der Regen war zu hören.“ Dann wieder ist die Stadt uner­träg­lich heiß, von Lärm erfüllt, und sie bietet Vivaldo „einen schau­der­haften Blick auf die wartenden, damp­fenden Straßen“.

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Ida und die vier Freunde von Rufus, die in diesem New York durch den Tag kommen müssen, haben es auch mitein­ander nicht leicht. Vivaldo denkt zum Beispiel darüber nach, dass er Ida – viel­leicht – einmal zu seiner Familie in Brooklyn mitnehmen möchte, die sich in ihren schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen kann, dass ihr Sohn mit einer Schwarzen zusam­men­lebt. Als er sie fragt, ob sie denn nicht denke, dass es Hoff­nung geben könne, seine Eltern würden sie als seine Freundin akzep­tieren, wird ihre Stimme über­deut­lich, grell und scharf: „‚Ob es für sie Hoff­nung gibt oder nicht, schert mich einen Scheiß­dreck. Ich weiß nur, dass ich keine weißen Scherz­kekse mehr brauche, die sich nicht entscheiden können, ob ich nun ein Mensch bin oder nicht. Wenn sie es nicht wissen, mein Schatz, Pech für sie, und ich hoffe, sie fallen ganz langsam tot um, unter großen Schmerzen.‘“ Und über­haupt: „Seit einem Monat wohne ich bei dir, und du hältst es immer noch für einen tollen Scherz, mich zu deiner Mutter mitzu­nehmen! Verdammt noch mal, meinst du, sie ist eine bessere Frau als ich, du großes, weißes, libe­rales Arschloch?‘“

Ein utopi­sches Gegenbild

Es ist nicht ihr einziger Streit dieser Art. Die mit Projek­tionen, Vorwürfen und blankem Hass über­la­dene Trenn­linie zwischen Schwarz und Weiß, die auch mitten durch ihre Bezie­hung hindurch verläuft, ist viel­mehr stän­diges Thema. Aber Baldwin lässt Ida und Vivaldo nicht schei­tern – das ist sein Opti­mismus, von dem er in einem Inter­view gespro­chen hat: Weil er lebt und leben möchte, müsse er Opti­mist sein, und es ist offen­sicht­lich die Liebe, die ihm Grund dazu gibt. Diese ist aller­dings in anderer Weise kompli­ziert und insge­samt das domi­nie­rende Thema des Buches. Die von ihrem in Arbeit vergra­benen Mann allein­ge­las­sene Cass, die sich wünscht, dass „irgend ein Last­wa­gen­fahrer, irgendwer“ sie wieder einmal anfasst, beginnt eine Affäre mit Eric (die „Südstaa­ten­sch­wuchtel“, wie Ida sagt), der erstaunt seine Lust auf diese Frau seines Freundes Richard entdeckt – um dann in derselben drama­ti­schen Nacht, in der Richard Cass zur Rede stellt und sie blutig schlägt, mit seinem alten Freund Vivaldo im Bett zu landen.

Das klingt in dieser Kürze viel­leicht schäbig und schlüpfrig, aber Baldwin schil­dert solche Nächte ohne jede Obszö­nität – diese ist den Flüchen vorbe­halten – und mit, wie soll man sagen, allem Respekt vor den verwor­renen Gefühlen, Sehn­süchten und Lüsten seiner Prot­ago­nisten. Die eroti­sche Liebe und der Sex zweier Männer, die beide wissen, dass diese Nacht die einzige gewesen sein wird, ihre Trans­gres­sion konven­tio­neller Moral ebenso wie ihr – kontrol­lierter – Verrat an ihren beiden Liebsten, an Ida und Yves, wirkt wie ein utopi­sches Gegen­bild zur schwarz-weißen Realität einer in ihrer Segre­ga­tion, ihrer heuch­le­ri­schen Recht­schaf­fen­heit und ihrem Hass erstarrten Gesellschaft.

Und Rufus? Was hat das alles mit Rufus zu tun? Nun, eigent­lich nichts. Rufus ist tot, und seine zurück­ge­blie­benen Freunde und seine Schwester spre­chen nur wenig über ihn, wenn über­haupt. Rufus ist im Plot des Romans nicht ‚für etwas‘ gestorben, sein Tod war nicht ‚sinn­voll‘, eröffnet keine Einsichten. Das – aller­dings ungleich verteilte – Unver­mögen von Schwarzen und Weißen, fried­lich zusam­men­zu­leben und sich gegen­seitig zu respek­tieren, was Rufus letzt­lich in den Tod getrieben hat, besteht zwar fort. Aber Rufus’ Tod hält für die Über­le­benden keine Botschaft und keine Lehre bereit. Es gibt keinen das Leben tran­szen­die­renden Maßstab, keine ‚letzte‘, ‚abso­lute‘ Refe­renz wie etwa den Tod – Rufus’ Tod –, von dem aus sich eine Moral, eine Verhal­tens­regel für das Zusam­men­leben ableiten ließe. Diese Regel, so zeigt dieses bemer­kens­werte, stre­cken­weise atem­be­rau­bende, schöne und berüh­rende Buch, ist nur im Leben selbst zu finden, ohne jede Sicher­heit des Gelingens.

 

James Baldwin: Ein anderes Land. Aus dem ameri­ka­ni­schen Englisch von Miriam Mandelkow, mit einem Nach­wort von René Aguigah, München: dtv 2021