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  • Elife Biçer-Deveci ist Historikerin und forscht zur Geschichte der Reformbewegungen und des Osmanischen Reiches/der Türkei 19. und 20. Jh. Sie publizierte 2017 das Buch "Die osmanisch-türkische Frauenbewegung im Kontext internationaler Frauenorganisationen" und ist Mitherausgeberin von "Disputes on Alcohol in The Middle East and The Maghreb from 19th Century to Present, Palgrave Macmillan, 2020 (in Vorbereitung).

«Die Scharia kommt Schritt für Schritt. Aber ich, als Staats­bürger, protes­tiere gegen dieje­nigen, die mein Land in das dunkle Mittel­alter zurück­führen wollen. Zusammen mit meiner Ehegattin bin ich hier mit einer Wein­fla­sche und Wein­gläser in der Hand.» So protes­tierte der Jour­na­list Deniz Som im November 2006 trin­kend gegen das Alko­hol­verbot für öffent­liche Plätze, welches die Küsten­stadt Üsküdar in der Provinz Istanbul beschlossen hatte. Die Stadt­ver­wal­tung stand der isla­mis­ti­schen Partei für Gerech­tig­keit und Entwick­lung AKP nahe, der Partei von Präsi­dent Recep Tayyip Erdogan. Deniz Som war Teil einer Gruppe von etwa 300 Leuten, die mit dem Slogan «Die Türkei ist laizis­tisch, und bleibt laizis­tisch» ihren Protest gegen das Alko­hol­verbot kund­taten. Der Alkohol ist hier inmitten der Graben­kämpfe zwischen laizis­ti­schen und isla­mis­ti­schen Kräften zum Poli­tikum geworden – und war es schon bei der Grün­dung der Türkei.

Die Erfin­dung des Alko­hol­pro­blems

Ein Werbe­plakat aus den 1910er Jahren für die Wein­marke Kouvet Sarabi

Ironie der Geschichte: Während sich konser­va­tive und isla­mis­ti­sche Kreise in der Türkei mit Forde­rungen eines Alko­hol­ver­botes auf eine isla­mi­sche Tradi­tion berufen, stammt die Forde­rung eines staat­li­chen Alko­hol­ver­botes eigent­lich aus dem Ideen­ka­talog der west­li­chen Moderne. In der osma­ni­schen Gesell­schaft war das Trinken nämlich verbreitet. Davon zeugt die Tradi­tion der «meyhanes» genannten Trink­lo­kale, eine vom Byzan­ti­ni­schen Reich vererbte Tradi­tion, die im Osma­ni­schen Reich weiter­lebte. Im 19. Jahr­hun­dert nahm die Zahl der «meyhanes» in Istanbul derart zu, dass musli­mi­sche Auto­ri­täten sich daran zu stören begannen. Der Staat unter Sultan Abdul­hamid II. erhöhte die Abgaben auf den Alko­hol­handel, um einer­seits Profit aus der zuneh­menden Trink­kultur zu schlagen, und ande­rer­seits, um den Protesten reli­giöser Kreise entge­gen­zu­kommen.

Bis zum frühen 20. Jahr­hun­dert beschäf­tigte das «Alko­hol­pro­blem» die osma­ni­sche Öffent­lich­keit jedoch kaum, ganz im Gegen­satz zu Europa und den USA, wo Alkohol in jener Zeit als Grund­übel aller sozialen Probleme hinge­stellt wurde. Mit dem Erstarken der inter­na­tio­nalen Anti­al­ko­hol­be­we­gung begannen auch in der osma­ni­schen Öffent­lich­keit Diskus­sionen um die Schäd­lich­keit des Alko­hols. Das «Alko­hol­pro­blem» wurde sozu­sagen erst kreiert. Vor dem Beginn des Ersten Welt­kriegs tauchten erste Vereine mit alko­hol­geg­ne­ri­schen Akti­vi­täten auf. 1919 formu­lierte das Innen­mi­nis­te­rium zum ersten Mal konkrete Regeln darüber, in welchen öffent­li­chen Räumen das Trinken nicht erlaubt sei und legte Schliess­zeiten von Clubs und «meyhanes» fest. Zugleich brand­markten reli­giöse Auto­ri­täten das Trinken zuneh­mend als Provo­ka­tion durch die christ­liche Bevöl­ke­rung, die in der Zeit des Ersten Welt­krieges unter Verdacht stand, mit den Entente-Mächten gegen den osma­ni­schen Staat zu kolla­bo­rieren.

Als sich die erste Grosse Natio­nal­ver­samm­lung im April 1920 in Ankara unter der Führung von Mustafa Kemal (Atatürk) in einem provi­so­risch einge­rich­teten Gebäude traf, gab es zwar noch keine partei­po­li­ti­schen Diffe­renzen: Alle Mitglieder der Natio­nal­ver­samm­lung einte der Wunsch nach einer unab­hän­gigen Türkei. Denn die Sieger­mächte im Ersten Welt­krieg, allen voran Frank­reich und Gross­bri­tan­nien, hatten eben Teile des zerfal­lenen Osma­ni­schen Reiches unter sich aufge­teilt und besetzt, und eine aufstre­bende türki­sche Natio­nal­be­we­gung wehrte sich gegen die Beset­zung. Doch eine scheinbar neben­säch­liche Frage löste an jenem Tag in Ankara eine heftige Debatte aus, welche die junge türki­sche Natio­nal­ver­samm­lung vor eine Zerreiss­probe stellte: die Alko­holf­rage.

Die USA als Vorbild

Ali Şükrü Bey, ein 36-jähriger Poli­tiker aus Trabzon, drängte die Versamm­lung zu einem Gesetz für das Verbot von Alkohol. Ein solches hatte es im Osma­ni­schen Reich trotz der isla­mi­schen Doktrin vom Alko­hol­ver­zicht nicht gegeben. Ledig­lich der Alko­hol­handel war verboten, und Nicht­mus­lime waren von diesem Verbot ausge­nommen. Der Alko­hol­konsum dagegen wurde vom osma­ni­schen Staat nie sank­tio­niert. Ali Şükrü und Gleich­ge­sinnte waren von west­li­chen Ländern und Russ­land inspi­riert: Wenn die USA, Austra­lien, und «die Bolsche­wiken» Alkohol verbieten würden, argu­men­tierte Ali Şükrü, so würde dies die Natio­nal­ver­samm­lung, deren Prin­zi­pien für die Gesetz­ge­bung ohnehin auf dem Islam beruhten, gewiss ebenso tun.*

Er schlug ein Gesetz zum totalen Verbot von Alko­hol­handel im gesamten Land vor, und zwar nach US-amerikanischem Vorbild. «Der Grund, warum ich diesen Gesetz­ent­wurf über­reiche, ist die Rettung unserer Genera­tion von dieser entsetz­li­chen Plage», erklärte Ali Şükrü und meinte damit den Alko­hol­konsum. Mit einem solchen Gesetz werde die Türkei sowohl den Respekt der Euro­päer und der Ameri­kaner gewinnen als auch ihre Stel­lung in der isla­mi­schen Welt stärken.

Ali Şükrü folgte der religiös-nationalistischen Argu­men­ta­tion vieler Zeit­ge­nossen: Die Christen, die sich mit den Entente-Mächten verbündet hätten, profi­tierten vom Alko­hol­rausch der musli­mi­schen Männer, vor allem von denje­nigen an der Front: «In unserem Land werden 120 Millionen Liter Wein konsu­miert, 120 Millionen Liter, die Geld in die Taschen der Grie­chen und Arme­nier bringen», empörte sich Şükrü anläss­lich der heftigen Proteste seitens der Gegner seines Geset­zes­ent­wurfes, wo er sich auch darüber erei­ferte, dass sich der Alko­hol­konsum im Land angeb­lich verdop­pelt habe. Millionen von Lira gingen in die Taschen von Christen, klagte er, «die uns offen­sicht­lich als Feinde sehen, und dies auf Kosten von vielen Menschen, die entwür­digt werden.»

Die Initia­tive von Ali Şükrü läutete eine kurze – und wenig erfolg­reiche – prohi­bi­tio­nis­ti­sche Ära in der Türkei ein. Das Alko­hol­ver­bots­ge­setz wurde mit knapper Mehr­heit ange­nommen und trat im Februar 1921 in Kraft. Doch mit der Umset­zung haperte es. Die Türkei hatte noch keine voll­stän­dige Souve­rä­nität erreicht; die Repu­blik sollte erst 1923 ausge­rufen werden. Die Natio­nal­ver­samm­lung war eben von Istanbul nach Ankara umge­zogen. Istanbul, immer noch das Zentrum der Verwal­tung und Admi­nis­tra­tion, war von den Triple-Entente-Mächten besetzt. Regie­rungs­mit­glieder und Beamte im Poli­zei­korps konsu­mierten weiterhin Alkohol und produ­zierten ihn gar selbst. Nicht einmal der Staats­chef Atatürk hielt sich an das Verbot.

Der leiden­schaft­lichste Befür­worter der Prohi­bi­tion, Ali Şükrü, wurde derweil 1923 unter unge­klärten Umständen ermordet. Damit verlor die Alko­hol­ver­bots­de­batte ihren Vorkämpfer. 1924 wurde das Alko­hol­verbot durch eine Regu­lie­rung mit Lizenz­vor­gaben und Versteue­rungen ersetzt. Zwei Jahre später hob die Regie­rung das Alko­hol­ge­setz ganz auf und führte ein staat­li­ches Monopol ein

Alkohol und Iden­tität

Vortrag von 1905, Publi­ka­tion ca. 1907; Quelle: dnb.de

So wie euge­ni­sche und rassen­hy­gie­ni­sche Konzepte die Anti­al­ko­hol­be­we­gung in Europa prägten, waren diese auch promi­nent bei den Medi­zi­nern und Psych­ia­tern vertreten (um diese Zeit ausschliess­lich Männer), die in der Türkei dem Alkohol ihren Kampf ansagten. Der Schweizer Euge­niker Auguste Forel (1848-1931) wurde zur Refe­renz­figur mit seinen Schriften für den Kampf gegen Alkohol. So bezeichnet Mazhar Osman, Psych­iater und Mitgründer der alko­hol­geg­ne­ri­schen Orga­ni­sa­tion Yeşilay (Green Crescent) in seinen Memoiren Auguste Forel als den Meister der alko­hol­geg­ne­ri­schen Propa­ganda. Er habe viel von «Vater» Forel gelernt und bewun­dere dessen simple Art, über medi­zi­ni­sche Details einem Laien­pu­blikum zu berichten.

Die Debatten über das Alko­hol­ver­bots­ge­setz in der frühen Türkei waren somit stark von west­li­chen Ideen geprägt. Sie wider­spie­geln zugleich die krisen­hafte Über­gangs­phase vom Osma­ni­schen Kalifat hin zur Repu­blik Türkei, in der es um die Frage ging, wie man sich in einer von west­li­chen Konzepten domi­nierten Welt­ord­nung moderner Natio­nal­staaten einordnen sollte: Es ging um die Vertei­di­gung der Nation und der auf Anato­lien redu­zierten Landes­grenzen. Für viele bedeu­tete dies auch eine Vertei­di­gung von Islam und musli­mi­schen Werten. Parallel dazu formierte sich eine säku­la­ris­tisch orien­tierte poli­ti­sche Gruppe um Atatürk, welche Reformen nach einem euro­päi­schen Modell postu­lierte und sich schliess­lich durch­setzen sollte. Mit dem Alko­hol­konsum wollte man die eigene Moder­nität zur Schau stellen. Das Trinken wurde zu einem Symbol der Abgren­zung von der «veral­teten osma­ni­schen» Kultur und einer Iden­ti­fi­ka­tion mit der «neuen, progressiv-revolutionären» Ideo­logie. Erst die 1990er-Jahre sollten mit dem Aufkommen religiös-konservativer Strö­mungen eine Wende einleiten, wobei der heutige türki­sche Präsi­dent Erdogan eine prägende Rolle spielen sollte.

Nach dem Tod von Ali Şükrü und dem Ende des kurzen Expe­ri­mentes mit der Prohi­bi­tion verschwand das Alko­hol­thema jedoch während Jahr­zehnten aus der türki­schen Öffent­lich­keit. Nur die para­staat­liche Orga­ni­sa­tion Yeşilay (Green Crescent) befasste sich mit Alkohol als Sucht­the­matik. Ihre alko­hol­geg­ne­ri­schen Publi­ka­tionen bezogen sich auf ein als genuin «türkisch und isla­misch» verstan­denes Werte­system. Zugleich verwiesen sie auf Publi­ka­tionen der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO). Die wissen­schaft­li­chen Studien der WHO sind der Refe­renz­punkt für Yeşilay, um die Univer­sa­lität isla­mi­scher Prin­zi­pien zu beweisen.

Libe­ra­li­sie­rung und Aufstieg einer konser­va­tiven Mittel­schicht

Erst in den 1980er Jahren tat sich allmäh­lich erneut jener Graben zwischen Alko­hol­be­für­wor­tern und -gegnern auf, der einst die junge türki­sche Natio­nal­ver­samm­lung spal­tete. Eine neue muslimisch-konservative Mittel­schicht sorgte für eine stei­gende Nach­frage nach alko­hol­freien Frei­zeit­räumen. Diese Mittel­schicht verdankt ihren Aufstieg den Wirt­schafts­re­formen in der Türkei, die 1983 begonnen haben und schritt­weise das exis­tie­rende staatlich-dominierte Wirt­schafts­mo­dell durch ein liberal-marktwirtschaftliches System ersetzt haben. Im Zuge der wirt­schaft­li­chen Libe­ra­li­sie­rung nehmen vermehrt auch muslimisch-konservative Geschäfts­leute, die seit der Grün­dung der Repu­blik Türkei poli­tisch und wirt­schaft­lich margi­na­li­siert waren, an einer globa­li­sierten Markt­wirt­schaft teil. Mit ihrem wirt­schaft­li­chen Aufstieg haben sich neue Formen von Konsum und Frei­zeit­ver­gnügen verbreitet, die sich an isla­mi­schen Enthalt­sam­keits­prin­zi­pien orien­tieren.

Parallel dazu sind die reli­giös orien­tierten poli­ti­schen Parteien erstarkt. Die 1983 gegrün­dete Wohl­fahrts­partei (Refah Partisi) wurde 1996/97 erst­mals Regie­rungs­partei. Zu ihren Mitglie­dern zählte unter anderem ein gewisser Recep Tayyip Erdogan. Die Partei bemühte sich um die Einfüh­rung einer Alko­hol­steuer – bemer­kens­wer­ter­weise im Rahmen von Reformen für eine Aufnahme in die Euro­päi­sche Währungs­union. Die Alko­hol­re­gu­lie­rung wurde wieder – wie schon 1920 – von reli­giös orien­tierten Poli­ti­kern einge­for­dert und wieder mit Refe­renzen zum Westen, in diesem Fall EU-Standards. Die Einfüh­rung einer Alko­hol­steuer schei­terte aufgrund mehr­ma­liger Regie­rungs­wechsel. Erst 2002 setzte die Regie­rung die Einfüh­rung einer Alko­hol­steuer durch. Feder­füh­rend war der dama­lige Regie­rungs­chef Erdogan, Präsi­dent der AKP, einer Nach­fol­ge­partei der Wohl­fahrts­partei. Die Einfüh­rung der Alko­hol­steuer blieb weiterhin Teil eines Reform­pa­ketes im Rahmen des türki­schen EU-Mitgliedschaftsantrags.

Titel­seite der Zeitung „Dirilis Postasi“, 27. März 2016. Der Titel über dem Porträt von Ali Sükrü lautet: „Wir erin­nern uns auch an die Mörder von Ali Sükrü.“

Reli­giöse Kreise machten unter­dessen Ali Şükrü Bey zu einer Ikone im Kampf gegen den Alkohol. Poli­tiker forderten eine Unter­su­chung des Mordes an Şükrü, hinter dem sie poli­ti­sche Motive witterten. Die Biogra­phie des Alko­hol­geg­ners erhielt neue Aufmerk­sam­keit. Mehrere Publi­ka­tionen über sein Leben, seine Alko­hol­ver­bots­in­itia­tive und seine Ermor­dung sind seither erschienen. Zeitungs­ar­tikel kolpor­tierten die These von einem poli­ti­schen Mord und werteten Şükrüs Kampf gegen den Alkohol als Heldentat. Im 21. Jahr­hun­dert ist Şükrü in religiös-konservativen Publi­ka­tionen ein nicht mehr wegzu­den­kender «Märtyrer» im Kampf gegen den «heid­ni­schen» Alko­hol­konsum geworden. Es gibt aber auch Gegen­stimmen, die ihn als reli­giösen Fana­tiker bezeichnen.

Erdogan vs. Atatürk

Mit dem Aufstieg der AKP zur Regie­rungs­partei haben die Einschrän­kungen zuge­nommen. AKP-nahe Stadt­ver­wal­tungen ordneten die Schlies­sung von Bars und Clubs an, die Alkohol ausschenken. In vielen Küsten­städten wurde der Alko­hol­ver­kauf verboten. Dies löste erste Proteste aus. Man warf der Regie­rung vor, schritt­weise die Scharia einzu­führen. Im Mai 2013 führte die Regie­rung Erdogan ein neues Gesetz ein, das landes­weit den Alko­hol­ver­kauf von 22:00 bis 06:00 verbietet. Die Regie­rung nahm erneut Bezug auf Europa, wo mehrere Staaten eine Beschrän­kung des Alko­hol­ver­kaufs einge­führt hatten, sowie auf Stan­dards, welche die WHO vorschlägt.

Als das neue Alko­hol­ge­setz einge­führt wurde, gab es in vielen Landes­teilen Proteste. Sie verschmolzen mit Demons­tra­tionen gegen die Regie­rung, die sich an einem Bauvor­haben im Gezi-Park in Istanbul entzündet hatten. Während der Demons­tra­tionen, die zeit­lich mit dem musli­mi­schen Fasten­monat Ramadan zusam­men­fielen, tranken Teil­neh­mende Alkohol. Für die einen war das selbst­ver­ständ­lich, für die anderen ein demons­tra­tives Symbol des Protestes. Staats­nahe Medien wiederum veröf­fent­lichten Bilder von Protes­tie­renden mit Bier­fla­schen in den Händen und stellten diese als Provo­ka­tion und Verlet­zung der reli­giösen Gefühle der fastenden türki­schen Nation dar.

Kurz vor der Einfüh­rung des Alko­hol­ge­setzes fand in Istanbul ein «Global Alcohol Policy Sympo­sium» statt, mitor­ga­ni­siert vom «Green Crescent» (Yeşilay), gespon­sert vom WHO Regional Office for Europe, in Koope­ra­tion mit der türki­schen Regie­rung. Erdogan sagte in der Eröff­nungs­rede des Sympo­siums, Alko­hol­konsum könne nicht als Lebens­stil gerecht­fer­tigt werden. Er erwähnte das Alko­hol­ge­setz von 1920 und Ali Şükrü und kriti­sierte dabei auch im weiteren Sinne die dama­lige radi­kale Reform­po­litik Atatürks, welche der Türkei eine Moder­ni­sie­rung «aufge­zwungen» habe.  Das Alko­hol­trinken bleibt jedoch in brei­teren Kreisen der Türkei Symbol einer säku­la­ris­ti­schen Welt­an­schauung und des Fort­schritts. So auch für Deniz Som, der an jenem Herbsttag im Jahr 2006 mit einem Glas Wein gegen die Politik Erdo­gans protes­tierte.

Dieser Text erscheint in Koope­ra­tion mit dem Pilot-Blog der Schwei­ze­ri­schen Gesell­schaft Mitt­lerer Osten und Isla­mi­sche Kulturen (SGMOIK), die junge Forschende im Bereich Wissen­schafts­kom­mu­ni­ka­tion fördert.
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