„AIDS ist auch nicht mehr, was es mal war“. Was aus der Bedrohung durch HIV im 21. Jahrhundert geworden ist

Die Vereinten Nationen wollen der Erkrankung Aids bis 2030 weltweit ein Ende bereiten. Ist das realistisch? Ein Blick auf die Bundesrepublik offenbart Hindernisse, die dem wünschenswerten Ziel „Kein AIDS für alle!“ im Wege stehen: alte Ängste und neue Ignoranz.



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Im Jahr 2013 entwarf die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens eine Jubiläumskampagne, in der sie Lebensgeschichten von HIV-Infizierten präsentierte. Der Bericht eines Betroffenen namens „Christian“ trug die Überschrift „AIDS ist auch nicht mehr, was es mal war“. 2007 hatte er von seiner Krankheit erfahren – für ihn brach in diesem Moment eine Welt zusammen, denn die Diagnose Aids assoziierte er mit einem baldigen Tod. Der Mitarbeiter eines Callcenters hatte sich bei einem One-Night-Stand in Thailand mit dem HI-Virus infiziert. Als ihm sein Arzt das Untersuchungsergebnis mitteilte, dachte er sogar an Selbstmord. Erst mit etwas Abstand verstand er, dass sein Mediziner recht gehabt hatte, als er erklärte, man könne mit den entsprechenden Medikamenten ein fast „normales“ Leben führen. „Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte“, bekennt der inzwischen gut Informierte, „ich würde den Test viel früher machen“.

Die Fortschritte der Aids-Forschung seit den ersten Berichten über eine bislang unbekannte, tödliche Bedrohung im Jahr 1981 mögen den Glauben nähren, die Welt könne sich in absehbarer Zeit von der Immunschwächekrankheit verabschieden. Tatsächlich verhindern moderne Arzneien die Vermehrung von HIV im Körper und können die Erregerzahl derart senken, sodass Betroffene das Virus nicht auf andere Menschen übertragen. Folglich ist es – vorausgesetzt, jeder Infizierte ist sich seiner Infektion bewusst und bezieht die nötigen Medikamente – möglich, Aids zu besiegen. Ebenjenes Ziel formuliert das von den Vereinten Nationen 1994 ins Leben gerufene Programm UNAIDS. Die „tödliche Seuche“, wie sie der Spiegel 1983 genannt hatte, soll demnach bis zum Jahr 2030 Geschichte sein. In einer Zeit, in der die WHO die new emerging infectious diseases – Antibiotikaresistenzen oder wiederauftretende Infektionskrankheiten wie Ebola – als größte Gesundheitsbedrohung im 21. Jahrhundert kommuniziert und Wissenschaftler/innen von einer „Rückkehr der Seuchen“ sprechen, wäre dies ein großer Erfolg.

Gedämpfte Euphorie

Der Blick auf die Infektionszahlen in Afrika, wo zwei Drittel der rund 37 Millionen HIV-Infizierten auf der Welt leben, dämpft jedoch die Euphorie und lässt die „90-90-90-targets“ der UN in weite Ferne rücken: Demnach sollen im Jahr 2020 jeweils 90 Prozent der HIV-Positiven über ihre Infektion Bescheid wissen, 90 Prozent der Infizierten lebenserhaltende Medikamente beziehen und 90 Prozent der Therapierten eine „Viruslast“ unter der Nachweisgrenze haben. Die Gründe für die Ausbreitung des Erregers in Afrika sind vielfältig. Armut, mangelnde Aufklärung und medizinische Versorgung, Aberglaube und sexuelle Gewalt zählen dazu. Daneben verbreitet sich der Erreger seit Jahren massiv in Osteuropa. 2017 haben dort allein 130.000 Menschen erfahren, dass sie HIV-positiv sind.

Aber auch im solventen Deutschland mit seinem profilierten Gesundheitssystem lässt sich die Forderung der DAH „Kein AIDS für alle!“ (noch) nicht realisieren. Schätzungsweise 86.000 Betroffene leben heute im Bundesgebiet, jährlich infizieren sich rund 2600 Bürger/innen mit dem Erreger. „Ein Ende von AIDS-Erkrankungen wie beispielsweise im Rahmen der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen angestrebt“, konstatierte 2017 das Robert Koch-Institut (RKI), „ist momentan in Deutschland noch nicht in Sicht.“ Doch was behindert hierzulande die auf völlige Eliminierung der Bedrohung gestellte Anti-Aids-Politik?

Laut letzten Schätzungen des RKI im Jahr 2017 hat Deutschland bislang lediglich zwei der drei UNAIDS-targets erreicht: Im Bundesgebiet erhalten 92 Prozent der Infizierten Medikamente, bei 95 Prozent von ihnen konnte die Viruslast erfolgreich reduziert werden. Allerdings liegt die Zahl derer, die auch wissen, dass sie Träger des Erregers sind, erst bei 87 Prozent.

Alte Ängste

Was die Menschen daran hindert, sich testen zu lassen, ist ebenjenes Phänomen, das seit Anfang der 1980er Jahre die neuartige Erkrankung begleitet hat, nämlich Angst. Genauer gesagt, ist es in diesem Fall das Zusammenspiel zweier alter, gleichwohl fortexistierender Ängste. Medienberichten zufolge beeinflusst die erste von ihnen, die Angst vor Ansteckung, nach wie vor das Verhalten der Menschen, und offensichtlich macht sie auch vor Mitarbeiter/innen im Gesundheitsbereich nicht Halt. So informierte die Stuttgarter Zeitung im Dezember 2017 über Altenpfleger/innen, die sich weigerten, HIV-Positive und Aids-Kranke zu versorgen; aufgrund von wirksamen Therapien leben diese Menschen inzwischen immer länger. Jahre zuvor hatte die DAH die Studie „positive stimmen“ in Auftrag gegeben, die Konsequenzen dieser Ansteckungsangst aufdeckte: Von insgesamt 1148 Befragten, so die Ergebnisse von 2012, äußerten 20 Prozent, ihnen sei in den letzten Monaten eine medizinische Behandlung verweigert worden, rund 70 Prozent hatten außerdem in ihrem Alltag Diskriminierungen erfahren müssen, und 61 Prozent trauten sich selbst 30 Jahre nach Bekanntwerden von Aids und der staatlichen Aufklärungskampagne „Gib AIDS keine Chance“ (1987-2016) nicht, mit anderen über die eigene Infektion zu sprechen.

Mit Blick auf die Aids-Ängste der Gesellschaft in den 1980er Jahren und die aktuellen sieht man Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Spätestens 1985 war in der Bundesrepublik aufgrund alarmierender Meldungen die Furcht vor der Immunschwächekrankheit weit verbreitet; in diesem Jahr sprachen sich 76 Prozent der Bürger/innen gegen Solidarität mit Infizierten aus. Die Massenmedien und die Fachpresse hatten die Erkrankung wiederholt mit „Pest“ und „Cholera“ verglichen. Magazine wie Der Spiegel berichteten vom qualvollen Sterben der Betroffenen und nannten die Diagnose HIV ein „Todesurteil“. Aber auch das „Neue“ der Erkrankung, das sich im Neologismus „AIDS“ spiegelte – die US-Seuchenschutzbehörde hatte ihn 1982 eingeführt, um Diskriminierungen einzuhegen, die frühere Bezeichnungen wie „gay cancer“ evoziert hatten –, sorgte dafür, sie als eine gefährliche „Anomalie“ wahrzunehmen. In den ersten Jahren galt Aids als ein Phänomen, das dem etablierten ärztlichen Wissen zuwiderlief und die Hilflosigkeit der modernen Medizin offenbarte.

Die Aids-Angst der 1980er Jahre war eine multiple, potenzierte Angst: An der Spitze stand die menschliche Urangst vor Krankheit und Vernichtung der eigenen Existenz. Zugleich waren die damaligen Ängste durch eine bestimmte Wahrnehmung von Vergangenheit und Zukunft geprägt. Während die „Zukunftsängste“ der Bürger/innen aus ihrer Unkenntnis über die epidemiologische Ausbreitung des Virus im Bundesgebiet resultierten, stellten sich die „Regressionsängste“ – Ängste vor einem Rückfall in einen Status quo ante respektive in vormoderne Zustände –, je nach betroffener Teilgesellschaft unterschiedlich dar: So ängstigte Mediziner/innen, in das Nicht-Wissen der vorbakteriologischen Ära zurückzufallen und Handlungsmacht zu verlieren – jahrelang mussten sie tatenlos den körperlichen Verfall ihrer Patienten miterleben. Homosexuelle fürchteten einen Rückfall in eine frühere Phase gesellschaftlicher Diskriminierung und Verfolgung, wie es sie vor 1945 und mit der Beibehaltung der Strafverfolgung nach Paragraph 175 StGB auch noch später in Westdeutschland gegeben hatte. Und Teile der Politik äußerten Ängste vor Zuständen, die vor Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 geherrscht hatten: Restriktive Forderungen aus Politik und Bevölkerung nach Zwangstests, namentlicher Erfassung und Isolation von Infizierten wurden nach der Einführung des sogenannten Aids-Tests 1985 immer lauter. Viele erinnerten sie an die Verfolgungspraxis des NS-Staates.

Aids im 21. Jahrhundert

Im 21. Jahrhundert hat sich einiges geändert, auch der Tonfall der Medienberichterstattung. Schon lange wird Aids der Öffentlichkeit nicht mehr als „moderner Schwarzer Tod“ präsentiert. Allerdings finden sich bestimmte Seuchennarrative und Horrorvisionen weiterhin in Meldungen über aktuelle Gesundheitsbedrohungen. Verschwunden ist zudem die Instrumentalisierung der Angst vonseiten sogenannter Hardliner, um bestimmte Maßnahmepläne gegen HIV-Infizierte und Aids-Kranke zum Schutz des „Kollektivs“ durchzusetzen: Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte sich das Konzept Süssmuths, das auf Aufklärung und Vertrauen in das „präventive Selbst“ basierte und sich 1987 im Aids-Sofortprogramm der Regierung materialisierte, gegen eine restriktive Gesundheitspolitik auf Grundlage des Bundesseuchengesetzes behaupten können. Hierfür verantwortlich waren rational-pragmatische, aber auch historische Gründe. So machte eine Isolation aus Sicht von Gesundheitspolitikern nur Sinn, wenn ein Impfschutz verfügbar sei. Unklar war überdies, wie eine lebenslange „Absonderung“ Infizierter konkret hätte realisiert werden sollen. Und schließlich verhinderte die Erinnerung an die NS-Homosexuellenverfolgung eine scharfe Anti-Aids-Politik, die namentliche Meldepflicht und Zwangsuntersuchungen forderte.

Aber auch bezüglich bestimmter Aids-Ängste ist ein Wandel zu konstatieren. Fast vier Jahrzehnte nach der von Soziologen konstatierten „kollektiven Hysterie“ vermitteln moderne Medikamente die Sicherheit, dass, zumindest in der industrialisierten Welt, die „Apokalypse“ ausbleiben wird. Auch die freiheitlich-demokratischen Ordnung ist im 21. Jahrhundert durch kontroverse Auseinandersetzungen über die Immunschwächekrankheit nicht bedroht.

Hartnäckig hält sich jedoch die begründete Angst der Betroffenen vor gesellschaftlicher Ausgrenzung, die auf Residuen der frühen Aids-Wahrnehmung und eklatanten Wissenslücken basiert. Verantwortlich hierfür ist der Mythos HIV, dem die erste Aids-Erfahrungsgeneration weiterhin anhängt. Eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zum Welt-AIDS-Tag 2017 ergab, dass über ein Fünftel der über 16-Jährigen keine gemeinsamen Sportgeräte oder eine Toilette mit HIV-Infizierten teilen wollen würde, ein Drittel hat Angst vor einer gemeinsamen Geschirrbenutzung, ebenso groß ist der Anteil derer, die mit dem Thema HIV/Aids gar „nicht in Berührung kommen wollen“. Ferner weiß nur jeder Zehnte, dass eine antiretrovirale Therapie andere vor einer Übertragung schützt. Es ist dieser Mythos, der verhindert, dass Pfleger/innen Infizierte versorgen und der Menschen wie den eingangs erwähnten „Christian“, die ahnen, sich mit dem Virus infiziert zu haben, vom Test abhält. „Christian“ scheint zugleich Vertreter einer neueren epidemiologischen Entwicklung zu sein, denn Statistiken zeigen, dass sich zwischen 2010 und 2017 der Anteil an Neuinfektionen unter Heterosexuellen wie ihm verdoppelt hat, während er in der Gruppe der Homosexuellen sogar rückläufig ist.

Liebesleben

Zwar bewegt sich die Zahl HIV-positiver Heterosexueller in Deutschland momentan auf einem niedrigen Niveau (620 Personen im Jahr 2017), gleichwohl rangieren sie in der nach Infektionswegen geordneten Rankingliste des RKI auf Platz 2 – vor Drogenkonsumenten und nach „Männern, die Sex mit Männern“ haben. Des Weiteren legen Erhebungen nahe, dass Heterosexuelle in einem bestimmten Alter sich in gleich zweifacher Sicht Risiken aussetzen. Es sind nicht nur über 40-Jährige, die große Scheu davor haben, sich auf HIV testen zu lassen und damit die Einleitung einer wirksamen Therapie verunmöglichen. Anscheinend sind sie es auch, die sich seit den 1990er Jahren häufiger als andere heterosexuelle Altersgruppen anstecken.

Dafür verantwortlich ist eine „Normalisierung“ der Bedrohungswahrnehmung, die sich in der Bundesrepublik Anfang der 1990er Jahre abzeichnete. Hatten 1987 noch 65 Prozent der Bürger/innen Aids zu den gefährlichsten Krankheiten überhaupt gezählt, waren es 1990 nur noch 45 Prozent. Im gleichen Jahr titelte Die Zeit „Die Apokalypse wird abgesagt“, und im Gesundheitswesen setzten Überlegungen ein, Aids seinen Sonderstatus zu nehmen und die Erkrankung anderen sexuell übertragbaren Krankheiten gleichzusetzen. Spätestens 2016, als die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nach dreißig Jahren Amtszeit ihre berühmte Kampagne „Gib AIDS keine Chance“ in den Ruhestand schickte und das humoristische Konzept „Liebesleben“ entwarf, offenbarte sich diese Neu-Hierarchisierung.

Auf der „Liebesleben“-Homepage werden Besucher/innen zwar belehrt, dass Sexualkrankheiten „keinesfalls der Vergangenheit an[gehören]“. Mit Sprüchen wie „Dein Ex juckt dich noch immer? Ab zum Arzt!“ verweist „Liebesleben“ auf Kondome und medizinische Hilfe. In der Auflistung der Krankheiten findet sich HIV, gleichsam als Marginalie, dann auf dem letzten Platz, weit hinter Chlamydien, Hepatitis, HPV und Syphilis. Tatsächlich vermag „Liebesleben“ in einzelnen Bereichen nur begrenzte Wirkung zu entfalten. Laut dem BZgA-Bericht AIDS im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik Deutschland, veröffentlicht im Mai 2017, verzichten zwölf Prozent der 16- bis 20-Jährigen und 29 Prozent der alleinlebenden 16- bis 44-jährigen Männer auf Präservative. Mit Blick auf diese Befunde sind es alte Ängste und eine neue Ignoranz, die der Eindämmung von HIV entgegenstehen.

„Was Sie über AIDS wissen sollten“

In dieser Situation mag sich so mancher an Rita Süssmuth erinnern, die 1987 mithilfe von Wissen in Gestalt einer kleinen Monografie über Aids „Wege aus der Angst“ – so der Untertitel – weisen wollte: „Dieses Buch soll dazu beitragen, Unsicherheit und Ängste abzubauen, indem wir das heute verfügbare Wissen der Experten weitergeben.“ Bereits zwei Jahre zuvor hatte eine ihrer ersten Amtshandlungen als Bundesgesundheitsministerin darin bestanden, die Postwurfbroschüre AIDS – Was Sie über AIDS wissen sollten herauszubringen. 1985 war diese in sämtliche Haushalte der Bundesrepublik geflattert. Obwohl dieses Informationsblatt inhaltlich nicht unproblematisch war – so entwarf Süssmuth, entgegen der damals vorliegenden epidemiologischen Daten, das Bild einer allgemeinen Bedrohungslage –, verfingen einzelne Hinweise. Es scheint zumindest überlegenswert, im Paralleluniversumszeitalter sozialer Internetmedien eine aktualisierte, kluge und zielgruppenspezifische Neuauflage zu drucken und in Umlauf zu bringen. Im Gegensatz zu damals müsste diese Broschüre auch nicht zahlreichen unterschiedlichen Ängsten begegnen, sondern den wenigen, weiterhin hartnäckigen. Fest steht mit Blick auf die Bundesrepublik jedenfalls: Die Anti-Aids-Politik im 21. Jahrhundert war 2019 im Sinne der 90-90-90-targets noch keine Erfolgsgeschichte. Aktuelle Zahlen über Neuinfektionen und HIV-Tests darf man zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember erwarten.