Sklaverei und Kolonialismus erhalten derzeit eine nie gekannte Aufmerksamkeit in der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Afrika rückt dabei in seiner historischen Dimension, aber nicht in seiner Vielfalt in den Blick. Aber was ist „Afrika“ überhaupt, wenn nicht ein durch und durch koloniales Konzept?

11. November 2020Lesezeit ca. 7 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern

Seit Anfang 2020 erhalten die Themen Skla­verei und Kolo­nia­lismus eine bisher nie gekannte Aufmerk­sam­keit in der deutsch­spra­chigen Öffent­lich­keit. Afrika, der dritt­größte Konti­nent der Erde mit rund 55 Staaten und mehr als 2000 Spra­chen, rückt dabei in seiner histo­ri­schen Dimen­sion, doch noch nicht in seiner Viel­falt, in den Blick. Aber was heißt Afrika über­haupt? Handelt es sich nicht um ein durch und durch kolo­niales Konzept?

Hassan Hajjaj: Helen, 2011: Quelle: basedistanbul.com

Afrika zeichnet eine wenig bemerkte Beson­der­heit aus, so der nige­ria­ni­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­träger Wole Soyinka in seinem Essay­band Of Africa von 2012: „Unlike the Americas or Austral­asia, for instance, no one actually claims to have ‘disco­vered’ Africa” – niemand behauptet, Afrika „entdeckt“ zu haben. Das mag daran liegen, dass ein Teil Afrikas den Euro­päern schon immer, d.h. seit der Antike, wohl­be­kannt war. Ein Wissen, das aller­dings im Zuge des Kolo­nia­lismus verschwunden oder verdrängt worden ist: Skla­ven­handel und Kolo­nia­lismus haben das Bild Afrikas verdun­kelt, weil sie Primi­tive, das heißt geschichts­lose Völker, brauchten.

Wenn von Afrika die Rede ist, kann der gesamte Konti­nent gemeint sein oder auch nur eine bestimmte Region oder ein konkretes Land. Ebenso ist „afri­ka­nisch“ ein Attribut, das sowohl für das Ganze als auch für jeweils Konkretes stehen kann: pars pro toto; niemand würde behaupten, dass mit afri­ka­ni­scher Politik, afri­ka­ni­scher Musik oder afri­ka­ni­scher Geschichte stets über den gesamten Konti­nent hinweg einheit­liche Phäno­mene beschrieben werden. Und doch erscheint „Afrika“, bei allem Wissen um histo­ri­sche, kultu­relle und regio­nale Diffe­renz, auch als eine Einheit. In gewisser Weise gilt das auch für Europa / euro­pä­isch, doch mit Europa sind entweder posi­tive abstrakte Begriffe wie „euro­päi­sche Werte“ oder „Aufklä­rung“ verbunden, oder eine, mitunter folk­lo­ris­tisch aber ebenso positiv gedachte Viel­falt der Nationen und Kulturen – von Sizi­lien bis zum Nordkap. Afrika hingegen wird auf das vermeint­lich Typi­sche redu­ziert und Diffe­renz problematisiert.

Heart of Darkness

Das mag auch daran liegen, dass Afrika nur geogra­fisch oder „rassisch“ defi­niert wird, nicht reli­giös, wie etwa das „christ­liche Abend­land“. So gehören Ägypten und der gesamte Norden Afrikas nicht zum eigent­li­chen Afrika, zu „Schwarz­afrika“, obwohl die Sahara eine Verbin­dung, ein Handels- und Kommu­ni­ka­ti­ons­raum war, und keine Grenze. Die west­afri­ka­ni­sche Küste mit ihren Groß­rei­chen und Stadt­staaten wird dem isla­mi­schen Einfluss­be­reich zuge­rechnet; für die ostafri­ka­ni­sche Küste und das Hinter­land mit seiner alten Handels­kultur, die bis nach Persien und China reichte, wird der arabi­sche Einfluss hervor­ge­hoben; das südliche Afrika gilt mit der langen Kolo­ni­sie­rung seit dem 17. Jahr­hun­dert ohnehin als „Sonder­fall“. Und so schrumpft das „echte“ Afrika auf ein immer klei­neres geogra­phi­sches und imagi­näres Gebiet, das berüch­tigte Heart of Darkness (1899) von Joseph Conrad.

Sami Baloji: Kumbuka! (Remember!), 2013; Quelle: visibleproject.org

Afrika gibt es nicht, sagt der Künstler Sammy Baloji in der Ausstel­lung Fiktion Kongo im Museum Riet­berg in Zürich, und weist damit euro­päi­sche Projek­tionen und Reprä­sen­ta­tionen zurück. Afro­topia nennt Felwine Saar seinen wich­tigen poli­ti­schen Essay, der 2019 auch auf Deutsch erschienen ist, und spricht von einem gemein­samen Schicksal, dem Projekt eines geeinten Afrikas, „das wieder über sich selbst herr­schen, sein eigener Leit­stern werden soll.“

Was aber eint Afrika als gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher – und viel­leicht auch utopi­scher – Raum? Ist es die gemein­same Geschichte von Kolo­nia­lismus und Skla­verei, die aller­dings auch nicht alle Regionen, und nicht alle Regionen glei­cher­maßen betroffen haben? Oder ist es die kolo­niale Phan­tasie der Entde­ckung und Erfor­schung, die in einer Unter­wer­fung und versuchten Neuge­stal­tung eines ganzen Konti­nents gemündet hat? Oder gibt es doch eine eini­gende Dynamik afri­ka­ni­scher Geschichte?

Einheit und Grenzen

Als höchst proble­ma­ti­sches Erbe der Kolo­ni­al­zeit wurden die kolo­nialen Grenz­zie­hungen bereits von Befrei­ungs­be­we­gungen und anti­ko­lo­nialen Akteur:innen des Pan-Afrikanismus gesehen, die unter­schied­liche föde­ra­tive Lösungen für das künf­tige Afrika anstrebten, da die Grenzen zusam­men­ge­hö­rende Bevöl­ke­rungen entweder vonein­ander getrennt oder aber unter­schied­liche Bevöl­ke­rungen in neuen poli­ti­schen Gebilden zusam­men­ge­zwungen hätten. Zudem sind alle afri­ka­ni­schen Länder Produkt der kolo­nialen Grenz­zie­hung und wurden von den verschie­denen kolo­nialen Impe­rien unter­ein­ander aufge­teilt. Aller­dings beschloss die Orga­ni­sa­tion of African Unity, der 1963 gegrün­dete Vorgänger der Afri­ka­ni­schen Union, 1964 aus prag­ma­ti­schen Gründen an den Grenzen festzuhalten.

Justin Ding­wall, ca. 2107; Quelle: trueafrica.co

Als schnelle Erklä­rung für Krisen und Konflikte reicht das Grenz­ar­gu­ment jedoch nicht aus. Denn welche poli­ti­schen Grenzen sind „natür­lich“? Viel wich­tiger ist es, in welcher Weise und mit welchem Ziel die Kolo­ni­al­mächte Grenzen zogen, als sie den Konti­nent unter sich aufteilten und dabei gegen­seitig Inter­es­sen­ge­biete fest­legten und einen, wenn auch brüchigen Frieden unter­ein­ander verein­barten. Nicht die Tren­nung von Gemein­schaften durch Grenzen, die häufig ohnehin nur auf dem Papier standen und nicht effektiv bewacht werden konnten, war entschei­dend. Viel wich­tiger war viel­mehr, dass z.B. die Re-Organisation der Infra­struktur mit einer Ausrich­tung der Straßen und Eisen­bahnen zur Küste hin, die Grün­dung von (zumeist segre­gierten) Haupt­städten und die Einfüh­rung von land­wirt­schaft­li­chen Mono­kul­turen gesell­schaft­liche Struk­turen nach­haltig trans­for­mierten und zerstörten.

Keine „Stämme“, keine Clans

Dabei war es gerade die auffal­lende Anpas­sungs­fä­hig­keit afri­ka­ni­scher Gesell­schaften und nicht ihre angeb­lich tradi­tio­na­lis­ti­sche Behar­rungs­kraft, die sie letzt­end­lich gegen­über dem Kolo­nia­lismus schwächte. „Das Kenn­zei­chen der afri­ka­ni­schen Geschichte vor der Kolo­ni­al­zeit“, schrieb vor einiger Zeit schon der Histo­riker Helmut Bley, „ist die Unab­ge­schlos­sen­heit und Offen­heit ihrer poli­ti­schen und kultu­rellen Systeme“ – und eben nicht der auf archai­schen Clan-Strukturen beru­hende „Stamm“, wie es noch heute in der Afri­ka­po­litik nach­hallt. Die gesell­schaft­liche Orga­ni­sa­tion reichte von Stadt­staaten und zentra­li­sierten Reichen über staa­tenlos orga­ni­sierte Händler- und Agrar­ge­sell­schaften bis hin zu großen Clan-Föderationen oder kleinen, haupt­säch­lich vom Sammeln und Jagen, Fischen und Anpflanzen lebenden Verbänden.

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David Uzochukwo, ca. 2017; Quelle trueafrica.co

Die Sozi­al­struk­turen beruhten nicht allein auf Abstam­mung und Verwandt­schaft, also fami­liären und regio­nalen Loya­li­täten, sondern wurden um Alters­gruppen, Geheim­ge­sell­schaften, Zuge­hö­rig­keit zu Ämtern und Hand­werken, tributäre und andere abhän­gige Bezie­hungen ergänzt. Und alle diese Systeme waren in Bewe­gung, sie unter­lagen einem durch interne und externe Einfluss­fak­toren ausge­löstem Wandel, insbe­son­dere in der Periode des kommer­zi­ellen Skla­ven­han­dels und der gewalt­samen Kolo­ni­sie­rung. Dass die Kolo­ni­al­zeit trotz ihrer tief­grei­fenden Auswir­kungen und gewalt­samen Macht­er­grei­fung nur eine relativ kurze Periode der afri­ka­ni­schen Geschichte gewesen ist, die daher nicht über­be­wertet bzw. in den Kontext der gesamten afri­ka­ni­schen Geschichte einge­bettet werden sollte, ist ein Argu­ment von Histo­ri­kern wie Ade Ajayi:

Die Entwick­lung Afrikas verlief in einer unun­ter­bro­chenen Linie von den entfern­testen Ursprüngen bis in die Gegen­wart. Die Afri­kaner sind die Kinder ihrer eigenen Vergan­gen­heit im glei­chen Sinne wie alle anderen großen Grup­pie­rungen der Mensch­heit, so dass selbst jene Einbrüche oder Unter­bre­chungen, die am trau­ma­tischsten und bedeut­samsten für den Wandel erschienen, wie die Kolo­ni­al­zeit, in Wahr­heit nicht mehr als Episoden oder Etappen in einer langen Konti­nuität des Wachs­tums waren.

Heute, im Zuge des Nach­den­kens über Verflechtungs- und beson­ders Global­ge­schichte, setzt sich zuneh­mend die Erkenntnis durch, dass Europa nicht unbe­dingt und in jeder Hinsicht Ausgangs­punkt der welt­ge­schicht­li­chen Dynamik ist, nicht das einzige „Zentrum der histo­ri­schen Einbil­dungs­kraft“, um es mit den Worten von Dipesh Chakrabarty auszu­drü­cken. Europa ist selbst ein Produkt einer viel­fäl­tigen Ausein­an­der­set­zung mit der Welt und also auch mit Afrika.

Afrika: jenseits von Afrika

Amaoko Boafo: Golden Frame, 2018; Quelle: artet.com

Unab­hängig von der Rolle Afrikas in der Welt­ge­schichte – und für diese –, und auch unab­hängig von der Rolle des Kolo­nia­lismus für die afri­ka­ni­sche Geschichte stellt sich Frage, ob „Afrika“ nicht über­haupt mehr ist als der Konti­nent Afrika. Gehört nicht auch die Diaspora zu Afrika? Der Verlust von Millionen von Menschen hatte nicht nur Auswir­kungen auf die afri­ka­ni­schen Gesell­schaften, sondern auch auf das Bild von Afrika, das in der Antike und im Mittel­alter mit geis­tigem, mate­ri­ellem und ökono­mi­schen Reichtum verbunden war (man vergisst zum Beispiel leicht, dass die Univer­sität von Timbuktu älter ist als die Univer­si­täten von Heidel­berg, Erfurt oder Basel) – in der Neuzeit und in der Moderne aber mit dem trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­handel und der ethno­gra­phi­schen Suche nach „Völkern ohne Geschichte“. Und diese Diaspora kann schließ­lich auch inso­fern als ein Teil Afrikas betrachtet werden, weil es schwarze Intel­lek­tu­elle wie Alex­ander Crum­mell, Martin Delany, Frede­rick Douglass, Edward W. Blyden waren, die, teil­weise selbst noch als Sklaven geboren, über die Einheit Afrikas nach­dachten und sich als Afri­kaner verstanden.

Kurzum: Nicht der verein­heit­li­chende Begriff „Afrika“ ist an sich ein Problem, sondern Absicht und Kontext, mitschwin­gende Bilder und auch Spre­cher­po­si­tionen: Wer redet wie über Afrika? In medialen und popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Zusam­men­hängen sowie im Alltags­be­wusst­sein sind die nega­tiven Bilder so stark, dass alle posi­tiven Bilder immer wieder ausge­löscht werden. Selbst noch bei der löbli­chen Absicht, ein Gegen­bild zu Hunger und Krieg „in Afrika“ zu entwerfen, lässt sich häufig der genau selbe Mecha­nismus beob­achten: Dann verdichten sich Dorf und Gemein­schaft, Tiere und „Natur“, Hütten und Wasser­krüge auf dem Kopf von Frauen zu einem ebenso roman­ti­schen wie unrea­lis­ti­schen Afrika-Bild. Mit den Reali­täten auf dem afri­ka­ni­schen Konti­nent und seiner komplexen Geschichte hat das nichts zu tun.

 

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