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Seit Anfang 2020 erhalten die Themen Skla­verei und Kolo­nia­lismus eine bisher nie gekannte Aufmerk­sam­keit in der deutsch­spra­chigen Öffent­lich­keit. Afrika, der dritt­größte Konti­nent der Erde mit rund 55 Staaten und mehr als 2000 Spra­chen, rückt dabei in seiner histo­ri­schen Dimen­sion, doch noch nicht in seiner Viel­falt, in den Blick. Aber was heißt Afrika über­haupt? Handelt es sich nicht um ein durch und durch kolo­niales Konzept?

Hassan Hajjaj: Helen, 2011: Quelle: basedistanbul.com

Afrika zeichnet eine wenig bemerkte Beson­der­heit aus, so der nige­ria­ni­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­träger Wole Soyinka in seinem Essay­band Of Africa von 2012: „Unlike the Americas or Austral­asia, for instance, no one actually claims to have ‘disco­vered’ Africa” – niemand behauptet, Afrika „entdeckt“ zu haben. Das mag daran liegen, dass ein Teil Afrikas den Euro­päern schon immer, d.h. seit der Antike, wohl­be­kannt war. Ein Wissen, das aller­dings im Zuge des Kolo­nia­lismus verschwunden oder verdrängt worden ist: Skla­ven­handel und Kolo­nia­lismus haben das Bild Afrikas verdun­kelt, weil sie Primi­tive, das heißt geschichts­lose Völker, brauchten.

Wenn von Afrika die Rede ist, kann der gesamte Konti­nent gemeint sein oder auch nur eine bestimmte Region oder ein konkretes Land. Ebenso ist „afri­ka­nisch“ ein Attribut, das sowohl für das Ganze als auch für jeweils Konkretes stehen kann: pars pro toto; niemand würde behaupten, dass mit afri­ka­ni­scher Politik, afri­ka­ni­scher Musik oder afri­ka­ni­scher Geschichte stets über den gesamten Konti­nent hinweg einheit­liche Phäno­mene beschrieben werden. Und doch erscheint „Afrika“, bei allem Wissen um histo­ri­sche, kultu­relle und regio­nale Diffe­renz, auch als eine Einheit. In gewisser Weise gilt das auch für Europa / euro­pä­isch, doch mit Europa sind entweder posi­tive abstrakte Begriffe wie „euro­päi­sche Werte“ oder „Aufklä­rung“ verbunden, oder eine, mitunter folk­lo­ris­tisch aber ebenso positiv gedachte Viel­falt der Nationen und Kulturen – von Sizi­lien bis zum Nordkap. Afrika hingegen wird auf das vermeint­lich Typi­sche redu­ziert und Diffe­renz proble­ma­ti­siert.

Heart of Darkness

Das mag auch daran liegen, dass Afrika nur geogra­fisch oder „rassisch“ defi­niert wird, nicht reli­giös, wie etwa das „christ­liche Abend­land“. So gehören Ägypten und der gesamte Norden Afrikas nicht zum eigent­li­chen Afrika, zu „Schwarz­afrika“, obwohl die Sahara eine Verbin­dung, ein Handels- und Kommu­ni­ka­ti­ons­raum war, und keine Grenze. Die west­afri­ka­ni­sche Küste mit ihren Groß­rei­chen und Stadt­staaten wird dem isla­mi­schen Einfluss­be­reich zuge­rechnet; für die ostafri­ka­ni­sche Küste und das Hinter­land mit seiner alten Handels­kultur, die bis nach Persien und China reichte, wird der arabi­sche Einfluss hervor­ge­hoben; das südliche Afrika gilt mit der langen Kolo­ni­sie­rung seit dem 17. Jahr­hun­dert ohnehin als „Sonder­fall“. Und so schrumpft das „echte“ Afrika auf ein immer klei­neres geogra­phi­sches und imagi­näres Gebiet, das berüch­tigte Heart of Darkness (1899) von Joseph Conrad.

Sami Baloji: Kumbuka! (Remember!), 2013; Quelle: visibleproject.org

Afrika gibt es nicht, sagt der Künstler Sammy Baloji in der Ausstel­lung Fiktion Kongo im Museum Riet­berg in Zürich, und weist damit euro­päi­sche Projek­tionen und Reprä­sen­ta­tionen zurück. Afro­topia nennt Felwine Saar seinen wich­tigen poli­ti­schen Essay, der 2019 auch auf Deutsch erschienen ist, und spricht von einem gemein­samen Schicksal, dem Projekt eines geeinten Afrikas, „das wieder über sich selbst herr­schen, sein eigener Leit­stern werden soll.“

Was aber eint Afrika als gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher – und viel­leicht auch utopi­scher – Raum? Ist es die gemein­same Geschichte von Kolo­nia­lismus und Skla­verei, die aller­dings auch nicht alle Regionen, und nicht alle Regionen glei­cher­maßen betroffen haben? Oder ist es die kolo­niale Phan­tasie der Entde­ckung und Erfor­schung, die in einer Unter­wer­fung und versuchten Neuge­stal­tung eines ganzen Konti­nents gemündet hat? Oder gibt es doch eine eini­gende Dynamik afri­ka­ni­scher Geschichte?

Einheit und Grenzen

Als höchst proble­ma­ti­sches Erbe der Kolo­ni­al­zeit wurden die kolo­nialen Grenz­zie­hungen bereits von Befrei­ungs­be­we­gungen und anti­ko­lo­nialen Akteur:innen des Pan-Afrikanismus gesehen, die unter­schied­liche föde­ra­tive Lösungen für das künf­tige Afrika anstrebten, da die Grenzen zusam­men­ge­hö­rende Bevöl­ke­rungen entweder vonein­ander getrennt oder aber unter­schied­liche Bevöl­ke­rungen in neuen poli­ti­schen Gebilden zusam­men­ge­zwungen hätten. Zudem sind alle afri­ka­ni­schen Länder Produkt der kolo­nialen Grenz­zie­hung und wurden von den verschie­denen kolo­nialen Impe­rien unter­ein­ander aufge­teilt. Aller­dings beschloss die Orga­ni­sa­tion of African Unity, der 1963 gegrün­dete Vorgänger der Afri­ka­ni­schen Union, 1964 aus prag­ma­ti­schen Gründen an den Grenzen fest­zu­halten.

Justin Ding­wall, ca. 2107; Quelle: trueafrica.co

Als schnelle Erklä­rung für Krisen und Konflikte reicht das Grenz­ar­gu­ment jedoch nicht aus. Denn welche poli­ti­schen Grenzen sind „natür­lich“? Viel wich­tiger ist es, in welcher Weise und mit welchem Ziel die Kolo­ni­al­mächte Grenzen zogen, als sie den Konti­nent unter sich aufteilten und dabei gegen­seitig Inter­es­sen­ge­biete fest­legten und einen, wenn auch brüchigen Frieden unter­ein­ander verein­barten. Nicht die Tren­nung von Gemein­schaften durch Grenzen, die häufig ohnehin nur auf dem Papier standen und nicht effektiv bewacht werden konnten, war entschei­dend. Viel wich­tiger war viel­mehr, dass z.B. die Re-Organisation der Infra­struktur mit einer Ausrich­tung der Straßen und Eisen­bahnen zur Küste hin, die Grün­dung von (zumeist segre­gierten) Haupt­städten und die Einfüh­rung von land­wirt­schaft­li­chen Mono­kul­turen gesell­schaft­liche Struk­turen nach­haltig trans­for­mierten und zerstörten.

Keine „Stämme“, keine Clans

Dabei war es gerade die auffal­lende Anpas­sungs­fä­hig­keit afri­ka­ni­scher Gesell­schaften und nicht ihre angeb­lich tradi­tio­na­lis­ti­sche Behar­rungs­kraft, die sie letzt­end­lich gegen­über dem Kolo­nia­lismus schwächte. „Das Kenn­zei­chen der afri­ka­ni­schen Geschichte vor der Kolo­ni­al­zeit“, schrieb vor einiger Zeit schon der Histo­riker Helmut Bley, „ist die Unab­ge­schlos­sen­heit und Offen­heit ihrer poli­ti­schen und kultu­rellen Systeme“ – und eben nicht der auf archai­schen Clan-Strukturen beru­hende „Stamm“, wie es noch heute in der Afri­ka­po­litik nach­hallt. Die gesell­schaft­liche Orga­ni­sa­tion reichte von Stadt­staaten und zentra­li­sierten Reichen über staa­tenlos orga­ni­sierte Händler- und Agrar­ge­sell­schaften bis hin zu großen Clan-Föderationen oder kleinen, haupt­säch­lich vom Sammeln und Jagen, Fischen und Anpflanzen lebenden Verbänden.

David Uzochukwo, ca. 2017; Quelle trueafrica.co

Die Sozi­al­struk­turen beruhten nicht allein auf Abstam­mung und Verwandt­schaft, also fami­liären und regio­nalen Loya­li­täten, sondern wurden um Alters­gruppen, Geheim­ge­sell­schaften, Zuge­hö­rig­keit zu Ämtern und Hand­werken, tributäre und andere abhän­gige Bezie­hungen ergänzt. Und alle diese Systeme waren in Bewe­gung, sie unter­lagen einem durch interne und externe Einfluss­fak­toren ausge­löstem Wandel, insbe­son­dere in der Periode des kommer­zi­ellen Skla­ven­han­dels und der gewalt­samen Kolo­ni­sie­rung. Dass die Kolo­ni­al­zeit trotz ihrer tief­grei­fenden Auswir­kungen und gewalt­samen Macht­er­grei­fung nur eine relativ kurze Periode der afri­ka­ni­schen Geschichte gewesen ist, die daher nicht über­be­wertet bzw. in den Kontext der gesamten afri­ka­ni­schen Geschichte einge­bettet werden sollte, ist ein Argu­ment von Histo­ri­kern wie Ade Ajayi:

Die Entwick­lung Afrikas verlief in einer unun­ter­bro­chenen Linie von den entfern­testen Ursprüngen bis in die Gegen­wart. Die Afri­kaner sind die Kinder ihrer eigenen Vergan­gen­heit im glei­chen Sinne wie alle anderen großen Grup­pie­rungen der Mensch­heit, so dass selbst jene Einbrüche oder Unter­bre­chungen, die am trau­ma­tischsten und bedeut­samsten für den Wandel erschienen, wie die Kolo­ni­al­zeit, in Wahr­heit nicht mehr als Episoden oder Etappen in einer langen Konti­nuität des Wachs­tums waren.

Heute, im Zuge des Nach­den­kens über Verflechtungs- und beson­ders Global­ge­schichte, setzt sich zuneh­mend die Erkenntnis durch, dass Europa nicht unbe­dingt und in jeder Hinsicht Ausgangs­punkt der welt­ge­schicht­li­chen Dynamik ist, nicht das einzige „Zentrum der histo­ri­schen Einbil­dungs­kraft“, um es mit den Worten von Dipesh Chakrabarty auszu­drü­cken. Europa ist selbst ein Produkt einer viel­fäl­tigen Ausein­an­der­set­zung mit der Welt und also auch mit Afrika.

Afrika: jenseits von Afrika

Amaoko Boafo: Golden Frame, 2018; Quelle: artet.com

Unab­hängig von der Rolle Afrikas in der Welt­ge­schichte – und für diese –, und auch unab­hängig von der Rolle des Kolo­nia­lismus für die afri­ka­ni­sche Geschichte stellt sich Frage, ob „Afrika“ nicht über­haupt mehr ist als der Konti­nent Afrika. Gehört nicht auch die Diaspora zu Afrika? Der Verlust von Millionen von Menschen hatte nicht nur Auswir­kungen auf die afri­ka­ni­schen Gesell­schaften, sondern auch auf das Bild von Afrika, das in der Antike und im Mittel­alter mit geis­tigem, mate­ri­ellem und ökono­mi­schen Reichtum verbunden war (man vergisst zum Beispiel leicht, dass die Univer­sität von Timbuktu älter ist als die Univer­si­täten von Heidel­berg, Erfurt oder Basel) – in der Neuzeit und in der Moderne aber mit dem trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­handel und der ethno­gra­phi­schen Suche nach „Völkern ohne Geschichte“. Und diese Diaspora kann schließ­lich auch inso­fern als ein Teil Afrikas betrachtet werden, weil es schwarze Intel­lek­tu­elle wie Alex­ander Crum­mell, Martin Delany, Frede­rick Douglass, Edward W. Blyden waren, die, teil­weise selbst noch als Sklaven geboren, über die Einheit Afrikas nach­dachten und sich als Afri­kaner verstanden.

Kurzum: Nicht der verein­heit­li­chende Begriff „Afrika“ ist an sich ein Problem, sondern Absicht und Kontext, mitschwin­gende Bilder und auch Spre­cher­po­si­tionen: Wer redet wie über Afrika? In medialen und popu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Zusam­men­hängen sowie im Alltags­be­wusst­sein sind die nega­tiven Bilder so stark, dass alle posi­tiven Bilder immer wieder ausge­löscht werden. Selbst noch bei der löbli­chen Absicht, ein Gegen­bild zu Hunger und Krieg „in Afrika“ zu entwerfen, lässt sich häufig der genau selbe Mecha­nismus beob­achten: Dann verdichten sich Dorf und Gemein­schaft, Tiere und „Natur“, Hütten und Wasser­krüge auf dem Kopf von Frauen zu einem ebenso roman­ti­schen wie unrea­lis­ti­schen Afrika-Bild. Mit den Reali­täten auf dem afri­ka­ni­schen Konti­nent und seiner komplexen Geschichte hat das nichts zu tun.

 

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