Der Westen ist in Afghanistan kläglich gescheitert. Seine vielen Interventionen, selbst noch die gutgemeinten, haben das Land verfehlt – und letztlich zerstört. Für die Bevölkerung und für die Zukunft Afghanistans bedarf es einer westlichen Politik, die bescheiden, pragmatisch und umsichtig ist.

  • Maurus Reinkowski ist Professor am Seminar für Nahoststudien an der Universität Basel. Er promovierte über historiographische Deutungen des spätosmanischen Palästinas; 2002 folgte die Habilitation über die Reformpolitik im 19. Jahrhundert. Sein jüngstes Buch erschien 2021 im C.H. Beck Verlag unter dem Titel «Geschichte der Türkei. Von Atatürk bis zur Gegenwart».
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Afgha­ni­stan und der Westen – eine nicht so eindeu­tige Beziehungsgeschichte
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Mitte August 2021 fiel Kabul in die Hände der Taliban. Am 31. August 2021 verliessen die letzten am Flug­hafen Kabul verblie­benen US-Truppen das Land, wenige Wochen, bevor die west­li­chen Staaten das Jubi­läum einer zwan­zig­jäh­rigen mili­tä­ri­schen Anwe­sen­heit am Hindu­kusch hätten begehen – oder besser, betrauern – können. Denn seine Ziele hat der Westen nicht annä­hernd erreicht: Al-Qaida mag zerschlagen sein, aber die Taliban sind es nicht; das Projekt, den Staat Afgha­ni­stan nicht nur zu befrieden, sondern auch zu demo­kra­ti­sieren, ist gescheitert.

Sieg­reiche Taliban-Kämpfer in Kabul 1996; Quelle: nbcnews.com

Die Afgha­ninnen und Afghanen, die von den Taliban nichts halten, und das ist der grösste Teil der städ­ti­schen Bevöl­ke­rung Afgha­ni­stans, sehen sich auf den September 1996 zurück­ge­worfen, als die Taliban in Kabul einmar­schierten und das Isla­mi­sche Emirat Afgha­ni­stan begrün­deten. Die wenigen Fort­schritte, die in den letzten zwanzig Jahren erzielt worden sind, gerade etwa die Rechte der Frauen, erscheinen wie ausgelöscht.

Eine fatal geschei­terte Mission

Nahezu 50’000 afgha­ni­sche Zivi­lis­tinnen und Zivi­listen sowie 3500 Solda­tinnen und Soldaten der NATO-Staaten haben in dem Krieg, der seit 2001 geherrscht hat, ihr Leben verloren. Darüber hinaus wurden allein in den ersten fünf Jahren nach der Über­gabe der Verant­wor­tung für Kampf­hand­lungen an den afgha­ni­schen Staat im Jahr 2014 mehr als 45’000 Ange­hö­rige der afgha­ni­schen Sicher­heits­kräfte getötet. Geblieben ist, ausser diesen Zehn­tau­senden von Toten und Ausgaben, die sich nur in Billionen von US-Dollar berechnen lassen, eigent­lich fast nichts. Einzig die Szenen des chao­ti­schen Abzugs vom Flug­hafen Kabul werden im globalen Bild­ge­dächtnis haften bleiben. Im Vergleich dazu erscheint der Rückzug der letzten sowje­ti­schen Truppen, die in einem langen Konvoi im Februar 1989 eine afghanisch-sowjetische Grenz­brücke über den Amudarja über­querten, geordnet.

Abzug der sowje­ti­schen Truppen aus Afgha­ni­stan, 1989; Quelle: rtl.de

Der Befund ist noch nieder­schmet­ternder, wenn man auf einen Zeit­raum von mehr als vier Jahr­zehnten zurück­blickt, begin­nend im Jahr 1979, dem Jahr des sowje­ti­schen Einmarschs in Afgha­ni­stan. Denn in diesem Zeit­raum ist die afgha­ni­sche Bevöl­ke­rung trotz der Einwir­kungen des Kriegs von rund zwölf auf nahezu vierzig Millionen gewachsen. Heute aber befindet sich ein beträcht­li­cher Teil im Exil, ein noch grös­serer Teil lebt in Afgha­ni­stan selbst in bitterer Armut.

Zieht man also eine Bilanz der west­li­chen Inter­ven­tion in Afgha­ni­stan, geht es nicht nur um einen verlo­renen Krieg, sondern vor allem um einen geschei­terten Staats­aufbau. «Nicht die Taliban, sondern wir [also die west­li­chen Staaten] haben den Staat zerstört», bringt es Gilles Dorron­soro, Professor für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Pariser Univer­sität Panthéon-Sorbonnne, über­spitzt, aber sehr zu Recht, auf den Punkt.

Helfer­sin­dus­trie mit zwei­fel­haften Nebenwirkungen

Das Schei­tern hat verschie­dene Gründe. Einer der auf den ersten Blick offen­sicht­lichsten ist der Aufbau einer zwar gut gemeinten, letzt­lich aber kontra­pro­duk­tiven Helfer­in­dus­trie. West­liche Nicht-Regierungsorganisationen, die meisten von ihnen zwei­fellos mit einer ernst­haften huma­ni­tären Mission, haben in den vergan­genen zwei Jahr­zehnten einen paral­lelen Arbeits­markt geschaffen, der dem afgha­ni­schen Staat die grössten Talente entzog. Mehr aber noch: Die vom Ausland gebrachte Hilfe war allzu oft abge­hoben und reali­täts­fremd. So lasen etwa hoch­be­zahlte Experten während des Flugs nach Afgha­ni­stan Khaled Hoss­einis Roman «Der Drachen­läufer» und glaubten, dadurch in Sachen Afgha­ni­stan kundig geworden zu sein, wie der ameri­ka­ni­sche Jour­na­list Whit­lock Craig in Erfah­rung bringen konnte. Ein beson­ders anschau­li­ches Beispiel für die Reali­täts­ferne west­li­chen huma­ni­tären Stre­bens liefert das Schei­tern der Anti-Drogen-Politik: Die zahl­rei­chen zivilen Akteure, die gegen den Drogen­anbau vorgehen wollten, konnten der lokalen Bevöl­ke­rung niemals über­zeu­gende Alter­na­tiven zum hoch­lu­kra­tiven und recht einfach zu bewerk­stel­li­genden Opium­anbau anbieten. Mili­tä­ri­sche Einheiten wiederum, wie die briti­sche Afgha­ni­stan Special Narco­tics Force, hatten nur die Zerstö­rung der Infra­struktur der Drogen­pro­duk­tion im Blick, ohne die wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Voraus­set­zungen zu berücksichtigen.

Peshawar in den 1980er Jahren; Quelle: adst.org

Eine solche Helfer­sin­dus­trie mit ihren zwei­fel­haften Neben­wir­kungen entstand jedoch nicht erst im Zuge der west­li­chen Inter­ven­tion in Afgha­ni­stan. Sie hatte sich bereits in den späten 1980er Jahren in Peschawar, einer Stadt im nord­west­li­chen Paki­stan, etabliert: Zu jenem Zeit­punkt war Peschawar das Zentrum aller huma­ni­tären Opera­tionen für das sowje­tisch besetzte Afgha­ni­stan und beher­bergte 66 NGOs. Damit wies die Stadt die grösste Dichte von Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen in der dama­ligen Dritten Welt auf – es war eine Art von «huma­ni­tärer Inva­sion».

Der 11. September als Achsenzeit

Bemer­kens­wert ist, dass der 11. September 2001 eine Art Dreh- und Angel­punkt der Kriegs­ge­schichte Afgha­ni­stans bildet, ja sogar die Achse einer zeit­li­chen Symme­trie, die sich zwanzig Jahre nach hinten und zwanzig Jahre nach vorn erstreckt. So wie die Ereig­nisse seit 1979 – der Einmarsch der Sowjet­union, die Unter­stüt­zung der Mudscha­heddin durch Paki­stan, Saudi-Arabien und die USA, das Macht­va­kuum nach dem Abzug der Sowjets 1989 sowie der Aufstieg der Taliban und al-Qaida in den 1990er Jahren – auf den 11. September zuführten, so ist die west­liche Inter­ven­tion in Afgha­ni­stan in den Jahren 2001-2021 ohne 9/11 nicht vorstellbar.

Die „Saur-Revolution“ 1978; Quelle: marxist.com

Von 9/11 aus gesehen, geht die Kriegs­ge­schichte Afgha­ni­stans indessen bis 1979 zurück, oder besser, bis zum April 1978: Damals war die marxistisch-leninistische Demo­kra­ti­sche Volks­partei, in den 1960er Jahren gegründet, mit einer «Revo­lu­tion» an die Macht gekommen und hatte mit ihrem rück­sichts­losen Programm einer Moder­ni­sie­rung der Gesell­schaft und ihrer poli­ti­schen Para­noia in Form mass­loser «Säube­rungen» landes­weiten Wider­stand entfacht. Dadurch hatte sie das Land so instabil gemacht, dass sich die sowje­ti­schen Bünd­nis­ge­nossen einein­halb Jahre später zum Eingreifen gezwungen, ja gera­dezu berech­tigt sahen: Es ging in den Augen der sowje­ti­schen Elite schliess­lich um den Erhalt der Errun­gen­schaften einer sozia­lis­ti­schen Herr­schaft in einem isla­mi­schen Land – dem zweiten nach Süd-Jemen.

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Die sozia­lis­ti­sche Demo­kra­ti­sche Volks­partei machte ähnliche Fehler, die schon Amanullah Khan, der von 1919 bis 1929 an der Macht war und ab 1926 als «König» (pādšāh) regierte, begangen hatte. Sein umfas­sendes Reform­pro­gramm stiess auf Wider­stand und er liess Rebel­lionen der Land­be­völ­ke­rung gewaltsam nieder­schlagen. Wie die Volks­partei igno­rierte er die bestehenden sozialen Struk­turen, warf die tief veran­kerten Geschlech­ter­be­zie­hungen über den Haufen und stiess die länd­liche Bevöl­ke­rung vor den Kopf. Fehler, die sich ein nicht beson­ders starker Staat einfach nicht hätte erlauben dürfen.

Interessanter-, oder viel­leicht besser, fata­ler­weise beginnt die «eigent­liche» Geschichte Afgha­ni­stans in den Augen der meisten Betrachter aber erst in den späten 1970er Jahren. Beispiel­haft hierfür ist die im Sommer 2021 von Arte ausge­strahlte vier­tei­lige Doku­men­ta­tion «Afgha­ni­stan – Das verwun­dete Land». Der erste Teil der Doku­men­ta­tion mit dem Titel «König­reich» versucht erst gar nicht, das 20. Jahr­hun­dert in seiner Gesamt­heit verständ­lich zu machen, sondern beschränkt sich darauf, die Vorge­schichte zum sowje­ti­schen Einmarsch im Dezember 1979 zu schil­dern. Dabei zeigt sie ein weit­ge­hend idea­li­siertes Bild eines offenen und west­lich geprägten Kabuls vor Beginn des Kriegs. Dieses begrenzte Geschichts­ver­ständnis, das sich nicht nur in den Medien findet, ist womög­lich mit ein Grund für das Schei­tern des vom Westen getrie­benen Staataufbaus.

Ein krie­ge­ri­scher Rentierstaat

Bemer­kens­werter Weise ist Afgha­ni­stan bereits in der Zeit vor dem 19. Jahr­hun­dert ein Durch­gangs­ge­biet für Eroberer und Impe­rien gewesen. Dass jedoch Impe­rien wie Gross­bri­tan­nien, die Sowjet­union, die Verei­nigten Staaten und am Ende auch die NATO letzt­lich reihen­weise an der Befrie­dung des Landes schei­terten, was Afgha­ni­stan die Bezeich­nung «Friedhof für Impe­rien» einbrachte, hat mit den geän­derten Ansprü­chen «moderner» Staaten an die Durch­set­zung einer gültigen poli­ti­schen und sozialen Ordnung in allen Landes­teilen zu tun. «Vormo­derne» Herr­scher in den Gebieten des heutigen Afgha­ni­stans waren hier in ihren Ansprü­chen in der Weise lebens­klüger, dass sie nicht den Anspruch hatten, ein einheit­li­ches Netz von Herr­schaft, Infra­struktur und Insti­tu­tionen über das gesamte Land legen zu wollen. Sie wussten, dass dafür die Macht­mittel ihrer weit­ge­hend auf die Städte beschränkten Herr­schaft einfach nicht ausreichten.

Ahmed Shah Durrani (1722-1773): Quelle: de-academic.com

Neben diesem Bild eines mili­tä­risch unbe­zwing­baren Landes steht aber zugleich die Tatsache, dass sich Afgha­ni­stan seit vielen Jahr­zehnten nicht aus sich selbst ernähren kann. In dem von Ahmad Schah Durrani Mitte des 18. Jahr­hun­derts begrün­deten Reich, die Keim­zelle des heutigen Afgha­ni­stans, lagen die ertrag­reichsten Provinzen Sind, Pand­schab, Khorasan und Turke­stan nicht in dessen Zentrum, sondern am Rande. Diese reichen Rand­pro­vinzen gingen allmäh­lich an den Iran, an die Konkur­renten in Zentral­asien und auf dem indi­schen Subkon­ti­nent und schliess­lich an die expan­die­renden briti­schen und russi­schen Impe­rien verloren. Seit dem 19. Jahr­hun­dert begann sich ein neues Modell durch­zu­setzen, das des Rentier­staats Afgha­ni­stan, der für seinen Unter­halt vor allem auf Zuwen­dungen von aussen baute – von Zuwen­dungen des briti­schen Impe­riums, später der Sowjet­union und ab den 1950er Jahren von den USA und von Entwicklungshilfe.

Gewiss, Afgha­ni­stan ist auch ein Erbe des Impe­ria­lismus. Man sieht dies nicht nur an dem rund drei­hun­dert Kilo­meter nach Osten ausgrei­fenden Sporn des Wachan-Korridors, der in den 1870er Jahren einen Puffer zwischen den dama­ligen Herr­schafts­ge­bieten des briti­schen Impe­riums in Südasien und dem russ­län­di­schen Reich in Zentral­asien bilden sollte. Ja, man könnte sogar sagen, dass Afgha­ni­stan von den Briten, auch wenn sie in den anglo-afghanischen Kriegen von 1839 bis 1842 und 1878 bis 1880 mili­tä­ri­sche Nieder­lagen erlitten, als wirt­schaft­lich und aussen­po­li­tisch struk­tu­rell abhän­giges Land geschaffen wurde und niemals aufge­ho­bene Inter­es­sen­ge­gen­sätze zwischen Russ­land und dem Westen in die sowje­ti­sche Inva­sion Afgha­ni­stans mündeten.

In diesem Zusam­men­hang ist jedoch auf den Wider­spruch hinzu­weisen, dass die Bevöl­ke­rung Afgha­ni­stans seit dem 19. Jahr­hun­dert mit religiös-ideologischen Motiven gegen auslän­di­sche Inter­ven­tionen kämpfte, sich aber gleich­zeitig auf die auslän­di­sche Unter­stüt­zung verlassen wollte. Ein merk­wür­diger Zusam­men­prall von unter­schied­li­chen Inter­essen, der bis in die unmit­tel­bare Gegen­wart die afgha­ni­sche poli­ti­sche Kultur kennzeichnet.

Krieg ist die profi­ta­belste Wirtschaftsform

Luxus-Villa in Kabul; Quelle: skyscrapercity.com

Dass die afgha­ni­schen poli­ti­schen Eliten nicht fähig waren, weiter zu denken als in den Dimen­sionen ihres kurz­fris­tigen persön­li­chen Vorteils, hängt mit Fehlern der west­li­chen Aufbau­po­litik seit 2001 zusammen: Die in der afgha­ni­schen poli­ti­schen Kultur ende­mi­sche Korrup­tion wurde durch die oft ohne Bedacht und Mass gewährte west­liche Hilfe ange­facht. Gleich­zeitig gilt es jedoch fest­zu­halten: Die afgha­ni­sche poli­ti­sche Elite der letzten zwanzig Jahre hat im Sommer 2021 ihr Wirts­tier verloren, auch deshalb, weil sie hinsicht­lich der Gefahr seines mögli­chen Hinschei­dens zu beden­kenlos gewesen war.

Es ist kaum vorstellbar, dass mit dem Abzug der NATO-Truppen im August 2021 die Kriegs­ge­schichte Afgha­ni­stans zu einem Ende gekommen ist. Warum sollte der selbst­zer­stö­re­ri­sche Drang des Kriegs in der afgha­ni­schen Gesell­schaft auf einmal vorbei sein? Neben dem Opium­anbau ist der Krieg längst zur profi­ta­belsten Wirt­schafts­form geworden. Viele Männer kennen kaum ein anderes Hand­werk mehr als das des Kriegs. Zudem sind die heutigen Taliban alles andere als Send­boten des Frie­dens und der Versöh­nung, als die sie sich gerne geben, sondern die Saat der Gewalt, die in den 1980er Jahren im Land gelegt wurde. Mehr aber noch: Für die vor allem im Norden des Landes lebenden Nicht-Paschtunen, zu deren grössten Gruppen die Tadschiken, Hazara, Usbeken und Turk­menen gehören, sind die Taliban nichts anderes als die Fort­set­zung des pasch­tu­ni­schen Macht­an­spruchs der Durrani-Dynastie, die von 1747 bis 1978 geherrscht hatte ­– ein alter Macht­an­spruch, nota­bene, nur in einem anderen Gewand.

Die Frage der Verantwortung

Worin liegt nun die Verant­wor­tung der west­li­chen Staa­ten­ge­mein­schaft gegen­über Afgha­ni­stan? Abge­sehen vom Schei­tern der Inter­ven­tion von 2001, liegt ein Gross­teil der Verant­wor­tung im Desin­ter­esse, das der Westen nach dem erzwun­genen Rückzug der Sowjets 1989 am weiteren Schicksal Afgha­ni­stan zeigte. Nur ein verschwin­dend geringer Teil der unge­heuren Summen, die seit 2001 inves­tiert wurde, hätten in den 1990ern vermut­lich gereicht, um das Land und seine Bevöl­ke­rung wieder ins Gleich­ge­wicht zu bringen, wenn das Ziel nicht eine mili­tä­ri­sche und poli­ti­sche Konso­li­die­rung nach west­li­chem Vorbild gewesen wäre.

Seither pendelt die west­liche Aufmerk­sam­keit gegen­über Afgha­ni­stan in unge­sunder Weise zwischen den Polen einer rein huma­nitär orien­tierten und einer geopo­li­ti­schen Sicht­weise – beide sind aber auf ihre Weise entmün­di­gend. So beklagt man einer­seits, dass Frauen in Afgha­ni­stan schutzlos der erbar­mungs­losen Männer­herr­schaft der Taliban ausge­lie­fert sind, und kriti­siert ande­rer­seits, dass der Westen nun Afgha­ni­stan einer chine­si­schen Vorherr­schaft über­ant­wortet habe.

Die grund­sätz­liche Frage, die sich aus der Geschichte Afgha­ni­stans der letzten vierzig Jahre stellt, ist: Wie und wann über­wiegt eine huma­ni­täre Inter­ven­tion die Nach­teile, die natio­nale Souve­rä­nität (die übri­gens in vielen solcher Fälle gar nicht mehr exis­tiert) zu verletzen? Ohne Zweifel ist Afgha­ni­stan in den Jahren 2001 bis 2021 der eindeu­tige Fall einer miss­lun­genen und diskre­di­tierten Inter­ven­tion, die ursprüng­lich auch nicht von einem huma­ni­tären Anliegen, sondern von Rache für den 11. September getrieben war.

Das heisst aber nicht, dass jegliche west­liche Inter­ven­tion an sich abzu­lehnen ist. Denn aufgrund welcher ethi­schen Grund­sätze – abge­sehen von einem kompro­miss­losen Pazi­fismus – würde sich etwa die Inter­ven­tion der USA in den Bosnien-Krieg 1995 über­zeu­gend und abschlies­send verur­teilen lassen? Nachdem die euro­päi­schen Staaten in der ersten Hälfte der 1990er Jahre in einem Akt der Regres­sion in die alten Macht­kon­stel­la­tionen vor dem Zweiten Welt­krieg, ja vor dem Ersten Welt­krieg, zurück­ge­fallen waren und sich in die Gegen­sätze eines pro-kroatischen Deutsch­lands, eines pro-serbischen Frank­reichs und eines entschieden unent­schie­denes Gross­bri­tan­niens verrannt hatten, been­dete erst das aktive Enga­ge­ment der USA den Krieg. «Dayton», die Grund­lage des heutigen Bosnien-Herzegowinas, mag in vielen seiner Aspekte hoch­pro­ble­ma­tisch sein. Aber was wäre die Alter­na­tive gewesen?

Heute verschwimmen die Dimen­sionen und Grenzen: Der Nieder­gang der USA als hege­mo­niale Ordnungs­macht und die neuen globalen Macht­an­sprüche Chinas und Russ­lands machen Platz für neue, regio­nale nach Domi­nanz stre­bende Akteure wie Iran und die Türkei. Die früher mehr oder weniger klar einge­grenzte Konflikt­zone des «Nahen Ostens» weitet sich immer mehr aus. Auffällig ist jeden­falls die «Nahos­ti­sie­rung» des subsa­ha­ri­schen Afrikas, des Kaukasus oder auch von Afgha­ni­stan und seiner Nachbarschaft.

Die Lehre, die man schon heute aus dem Desaster der Afghanistan-Intervention ziehen kann, ist, dass der Westen in Zukunft einen Beitrag zur Konso­li­die­rung des Landes leisten und mit den Taliban koope­rieren muss, ohne dass eine erneute Inter­ven­tion zur Diskus­sion steht – selbst in Anbe­tracht der höchst proble­ma­ti­schen Entwick­lungen, die von dem Land erneut ausgehen könnten. Die Leit­worte für eine künf­tige west­liche Politik, allem voran für die Region eines erwei­terten Nahen Ostens, müssen lauten: Beschei­dener, prag­ma­ti­scher, umsich­tiger. Die derzei­tigen Gespräche mit einer Dele­ga­tion der Taliban in Oslo könnten ein Hinweis auf eine solche neue Heran­ge­hens­weise sein.

Und Afgha­ni­stan? Das Land am Hindu­kusch ist und bleibt eine weitere Baustelle unter vielen für die in ihren Grund­werten zutiefst verun­si­cherte west­liche Staatengemeinschaft.

Dieser Text erscheint in Koope­ra­tion mit dem Blog des Wissen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­jekts der Schwei­ze­ri­schen Gesell­schaft Mitt­lerer Osten und Isla­mi­sche Kulturen (SGMOIK).
  • Maurus Reinkowski ist Professor am Seminar für Nahoststudien an der Universität Basel. Er promovierte über historiographische Deutungen des spätosmanischen Palästinas; 2002 folgte die Habilitation über die Reformpolitik im 19. Jahrhundert. Sein jüngstes Buch erschien 2021 im C.H. Beck Verlag unter dem Titel «Geschichte der Türkei. Von Atatürk bis zur Gegenwart».