Schwule und Lesben mussten lange darum kämpfen, als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden. Doch ihre erinnerungspolitischen Erfolge verdecken eine konfliktreiche Geschichte, die um schwulen Antifeminismus, fehlende Solidarität mit nicht-weißen Opfern und queere Forderungen nach einem inkludierenden Erinnern kreist.

  • Sébastien Tremblay ist Historiker und arbeitet gegenwärtig als Gastwissenschaftler am Goldsmiths Centre for Queer History, London. Seine Forschungsschwerpunkte sind queere transatlantische Netzwerke, transatlantische Holocaust-Erinnerungen und visuelle Begriffsgeschichte.

Dirk Moses’ Inter­ven­tion in Geschichte der Gegen­wart zur aktu­ellen Erin­ne­rungs­po­litik in Deutsch­land hat eine Welle von Reak­tionen ausge­löst. Für die Spezialist:innen, die sich mit der deut­schen Geschichte beschäf­tigen und die außer­halb Deutsch­lands arbeiten und leben, mögen der Zorn und die Giftig­keit einiger Reak­tionen über­ra­schend gewesen sein. Für dieje­nigen Nicht­deut­schen, die sich inner­halb der deut­schen Wissen­schaft bewegen, stimmten diese Reak­tionen mit den meisten anderen Debatten überein, die auf Anfech­tungen dieses „Evan­ge­liums“ folgten: Konser­va­tive Stimmen rügen jede Kritik an der Erfolgs­ge­schichte der Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, und Progres­sive warnen vor Perspek­tiven einer Neube­wer­tung des deut­schen Anti­se­mi­tismus als Teil einer globa­leren Geschichte von Juden­feind­lich­keit und Rassismus, die in der euro­päi­schen Geschichte veran­kert ist. Der von Moses beschrie­bene Zeit­geist scheint Versuche, die deut­sche Gewalt­ge­schichte des 20. Jahr­hun­derts im Sinne von Dipesh Chakrab­rati zu „provin­zia­li­sieren“, inner­halb der deut­schen Wissen­schaft fast unmög­lich zu machen. Es folgen oftmals Rela­ti­vie­rungs­vor­würfe. Es ist daher nicht erstaun­lich, dass Moses’ Kritik aus dem anglo-amerikanischen Raum kam und seine Anklage des „Deut­schen Kate­chismus“ als Miss­ver­ständnis der deut­schen Nach­kriegs­ge­schichte präsen­tiert wurde.

Als nicht in Deutsch­land gebür­tiger, aber in Deutsch­land ausge­bil­deter Spezia­list, der die Erin­ne­rung an den Natio­nal­so­zia­lismus aus einer globalen Perspek­tive erforscht, sind mir diese Debatten nicht neu. Moses’ Kritik am „Kate­chismus“ fordert die Über­zeu­gung heraus, dass die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur seit 1945, so verwi­ckelt und komplex sie auch sein mag, im Großen und Ganzen eine Erfolgs­ge­schichte sei. Das ist von weit­rei­chender Bedeu­tung, weil diese Inter­ven­tion das starke Gefühl des Stolzes und des Erfolgs über eine in der Tat bemer­kens­werte Leis­tung in Frage stellt, nämlich die Bewäl­ti­gung einer äußerst gewalt­tä­tigen Vergan­gen­heit – ein Prozess, der natür­lich nie wirk­lich abge­schlossen ist. Ich möchte diese Erfolgs­ge­schichte meiner­seits in Frage stellen, indem ich einen kurzen Blick auf den Einbezug von queerer Geschichte in die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur werfe, und zeige, dass Span­nungen inner­halb der queeren Commu­nity selbst, vor allem in Bezug auf race, aber auch auf Geschlecht, darauf hindeuten, wie viel es hier noch zu tun gibt.

Weite Teile der deut­schen Linken lehnen – ob außer­halb oder inner­halb der akade­mi­schen Welt – globale und trans­na­tio­nale Perspek­tiven ab. In einer Stadt wie Berlin mani­fes­tiert sich dies auf verschie­dene Weise, vom Augen­rollen auf Konfe­renzen bis hin zur pater­na­lis­ti­schen Ableh­nung inter­na­tio­naler Wissen­schaft, insbe­son­dere im Bereich femi­nis­ti­scher, queerer und post­ko­lo­nialer Theorie. Ich stimme nicht ganz mit Moses überein, dass dieser deut­sche Kate­chismus überall gilt. Viel­mehr er ist facet­ten­reich und nimmt viele Formen an. Es handelt sich um eine neue Art von Schnitt­menge, in der sich die Ideen von Nationalist:innen und Antinationalist:innen treffen und zuweilen auch vermi­schen, von der AfD bis zur rassis­ti­schen Blase der soge­nannten anti­deut­schen „Linken“ – jene Strö­mung linker Politik, die zwar beob­achtet, wie im Land der Shoah der Anti­se­mi­tismus unter Progres­siven Fuß fasst, dabei aber isla­mo­phobe Schlag­worte repro­du­ziert, die übli­cher­weise am rechten Rand des poli­ti­schen Spek­trums zu finden sind.

Kampf um Entkriminialisierung

Im Folgenden geht es mir darum, wie dieser Deut­sche Kate­chismus von sozialen Bewe­gungen in Deutsch­land benutzt wird und die Opfer seiner Priester inzwi­schen selbst zu Inqui­si­toren geworden sind. Als queerer Wissen­schaftler, der über queere trans­at­lan­ti­sche Erin­ne­rungen an den Natio­nal­so­zia­lismus arbeitet, bin ich beson­ders daran inter­es­siert, wie cis-gegenderte, weiße und schwule Männer wie ich, Männer, deren Geschlechts­iden­tität mit ihrem Geburts­ge­schlecht über­ein­stimmt, den Kate­chismus als Waffe benutzten und sein Evan­ge­lium predigten, um eine Selbst­re­fle­xion über Rassismus zu vermeiden.

Der Weg der Homo­se­xu­ellen in den Main­stream war holprig, um das Mindeste zu sagen. Ange­fangen von der Aufde­ckung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfol­gungen von Homo­se­xua­li­täten, die von manchen einen Akt der Offen­ba­rung erfor­derten, bis hin zum jahr­zehn­te­langen Kampf um die Strei­chung des Para­gra­phen des Straf­ge­setz­bu­ches, der nicht-heteronormative Sexua­li­täten zwischen Männern krimi­na­li­sierte (§175), haben schwule Akti­visten gelitten, wurden geächtet und mussten mit schlimmen Konse­quenzen rechnen, wenn sie ihre Meinung äußerten. Dieser (immer noch nicht been­dete) Kampf wurde rich­ti­ger­weise als ein Ringen um die Menschen­rechte verstanden. Um ihre Rechte einzu­for­dern, verknüpften schwule Männer ihren Kampf mit einer Vergan­gen­heit, in der sie verletzt wurden, einer Zeit ihrer Vikti­mi­sie­rung. Das ist nicht per se eine Instru­men­ta­li­sie­rung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verbre­chen. Schwule Männer in den 1970er Jahren waren sich nämlich durchaus bewusst, dass die von den Natio­nal­so­zia­listen kodi­fi­zierte Version des §175 erst Ende der 1960er Jahre entna­zi­fi­ziert wurde. Obwohl Richard von Weiz­sä­cker bekannt­lich 1985 Schwule in die Liste der Opfer des Nazi­re­gimes aufnahm, kamen offi­zi­elle Entschul­di­gungen und Wieder­gut­ma­chungen erst viel später, und zwar im Jahr 2002 – als Resultat uner­müd­li­cher Arbeit seitens queerer Aktivist:innen. Trotz dieser großen Fort­schritte benutzten einige schwule Akti­visten die lange Geschichte von Unter­drü­ckung und Wider­stand jedoch wie ein Schutz­schild, um sich vor der Ausein­an­der­set­zung mit den realen und andau­ernden Konflikten inner­halb der Commu­nity um lesbi­schen Femi­nismus und Queer-Theorie und gegen die anti­ras­sis­ti­sche Kritik an der weißen queeren Über­le­gen­heit (supre­macy) zu schützen.

Opfer­kon­kur­renz und schwie­rige Solidarität

Während der frühen Jahre der deut­schen homo­se­xu­ellen Befrei­ungs­be­we­gung rela­ti­vierten viele Akti­visten den Holo­caust selbst. Obwohl dies im Zuge der Profes­sio­na­li­sie­rung der schwulen und lesbi­schen Geschichts­schrei­bung in den 1980er Jahren entschieden zurück­ge­wiesen wurde, blieb der Mythos eines versteckten „Homo­caust“ in der Commu­nity jedoch weit verbreitet. In einer Mischung aus anti­se­mi­ti­schen Ressen­ti­ments gegen­über jüdi­schen Opfern des Holo­caust, die laut den Befür­wor­tern dieses Mythos angeb­lich alle Aufmerk­sam­keit für die Opfer­rolle für sich bean­sprucht hätten, und dem Wunsch nach Aner­ken­nung des queeren Leidens, behaup­teten seine Vertreter irgend­wann sogar, dass mehr Homo­se­xu­elle ermordet worden seien als jüdi­sche Opfer und dass es eine schlim­mere Strafe gewesen sei, als schwuler nicht-jüdischer Mann in einem Konzen­tra­ti­ons­lager zu sein denn als jüdi­scher Depor­tierter. Die Geschichten von jüdi­schen schwulen Opfern kamen in diesem Narrativ kaum vor. Es stimmt zwar, dass viele ehema­lige Anhänger dieses Mythos‘ jene Phase des schwulen Erin­ne­rungs­ak­ti­vismus inzwi­schen verur­teilt haben; dennoch bleibt die Tatsache, dass die deut­sche Homo­se­xu­el­len­be­freiung und die Herstel­lung einer schwulen kollek­tiven Iden­tität in Deutsch­land in anti­se­mi­ti­schen Tropen und Ressen­ti­ments veran­kert waren.

Diese Diskus­sionen über Anti­se­mi­tismus und die Rela­ti­vie­rung des Holo­caust tauchten während der Debatten über die Errich­tung des Denk­mals für die ermor­deten Juden Europas in Berlin erneut auf. Verschie­dene Akti­visten, einige jüdisch, andere nicht, wiesen seiner­zeit zwar auf die Singu­la­rität der Ermor­dung der euro­päi­schen Juden und Jüdinnen hin, kriti­sierten aber, dass mit dem geplanten Denkmal nur ein einziges Narrativ über die Grau­sam­keiten des Natio­nal­so­zia­lismus in Stein gemei­ßelt werde. Umge­kehrt empörten sich ihre Gegner in den deut­schen Feuil­le­tons über die Idee, den Holo­caust gemeinsam mit anderen Verbre­chen der Natio­nal­so­zia­listen zu erinnern.

Schwule Akti­visten drückten damals ihre Soli­da­rität mit verschie­denen Gruppen von Über­le­benden aus, insbe­son­dere mit den Sinti und Roma. Das änderte sich aller­dings im Jahr 2008. Der gerade noch spür­bare Geist der Soli­da­rität mit anderen Opfer­gruppen löste sich schnell auf, als Pläne für ein Denkmal für schwule Opfer – im Tier­garten, auf der gegen­über­lie­genden Stra­ßen­seite des Holocaust-Denkmals –, Gestalt annahmen. Das wurde haupt­säch­lich sichtbar, als man sich mit formal­recht­li­chen Argu­menten dagegen verwehrte, die Unter­drü­ckung von Lesben in das Gedenken einzu­be­ziehen, obwohl eine reich­hal­tige Geschichts­schrei­bung zeigte, dass auch Frauen unter­drückt worden waren, wenn auch auf andere Weise. Einge­laden, das Brot und den Wein der Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung zu teilen, predigten schwule Akti­visten den Deut­schen Kate­chismus, um die Aner­ken­nung schwuler Erin­ne­rungen an ihre Vikti­mi­ni­sie­rung zu sichern – und dies auf Kosten anderer.

Am Ende konnten die Femi­nis­tinnen zwar errei­chen, dass das Denkmal eine viel­fäl­ti­gere Gruppe von Opfern histo­ri­scher und gegen­wär­tiger Homo­phobie wider­spie­gelt; aber das war kein leichtes Unter­fangen. Während das Denkmal damit heute ein wich­tiger Teil im Feld des deut­schen Erin­nerns ist, verrät der Text auf seiner Gedenk­tafel aller­dings andere Span­nungen und blinde Flecken inner­halb der Queer-Community. Er deutet an, dass Homo­phobie nicht in Deutsch­land heimisch ist, sondern etwas sei, das zu anderen Teilen der Welt gehört: „Aus seiner Geschichte heraus“, so heißt es hier, „hat Deutsch­land eine beson­dere Verant­wor­tung, Menschen­rechts­ver­let­zungen gegen­über Schwulen und Lesben entschieden entge­gen­zu­treten. In vielen Teilen dieser Welt werden Menschen wegen ihrer sexu­ellen Iden­tität heute noch verfolgt, ist homo­se­xu­elle Liebe strafbar und kann ein Kuss Gefahr bedeuten.“ Diese Beto­nung des libe­ralen Inklu­die­rens queerer Menschen als Lack­mus­test der Demo­kratie ähnelt einigen nord­ame­ri­ka­ni­schen homo­na­tio­na­lis­ti­schen Narra­tiven, in denen Deutsch­land sogar als Beispiel für queere Politik gepriesen wird, die an eine „bewäl­tigte“ Vergan­gen­heit von Verfol­gung und Vernich­tung anknüpfe.

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Queere Häretiker:innen

Dieser schwule Deut­sche Kate­chismus ist auch dazu benutzt worden, eine anti­ras­sis­ti­sche, inter­sek­tio­nale queere Wissen­schaft zum Schweigen zu bringen – nicht zuletzt wegen pro-palästinensischer Posi­tionen und ihren femi­nis­ti­schen Beiträgen zur Gender­theorie, die schon als solche in deut­schen akade­mi­schen Kreisen für Kontro­versen gesorgt haben. Es war aber vor allem die nicht­bi­näre Philo­so­phin und Akti­vistin Judith Butler, die am meisten Feind­se­lig­keit aus Kreisen des schwulen Main­streams auf sich gezogen hat. Als Butler im Jahr 2010 am Chris­to­pher Street Day in Berlin den Zivilcourage-Preis mit dem Hinweis auf Rassismus inner­halb der queeren Commu­nity ablehnte, wurde sie für einen großen Teil der deut­schen Linken zur persona non grata.

Mit der Ableh­nung dieses Preises, der jähr­lich von Deutsch­lands größter CDS-Veranstaltung verliehen wird, wurden Butler und alle Anhänger:innen einer kriti­schen queeren Wissen­schaft kurz darauf zum Mittel­punkt inten­siver poli­ti­scher Kampa­gnen inner­halb und außer­halb der deut­schen Wissen­schaft. Es wurde für schwule Chau­vi­nisten ein Leichtes, kriti­sche queere Wissen­schaft abzu­lehnen, indem sie Butler als heid­ni­sche Gegen­pries­terin zum Kate­chismus darstellten. Von Seiten des anti­deut­schen Maga­zins Jungle World bis hin zu einer ganzen Reihe von Büchern des Quer­ver­lags wurde der Begriff „queer“ zu einem anti­se­mi­ti­schen Schimpf­namen gemacht. Schlüs­sel­be­griffe der inter­na­tio­nalen Lite­ratur um Homo­na­tio­na­lismus und „Pink­wa­shing“ wurden inner­halb und außer­halb der deut­schen Wissen­schaft tabui­siert. Jasbir K. Puar, eine US-amerikanische Queer-Theoretikerin und Profes­sorin für Women and Gender Studies an der Rutgers Univer­sity, und andere wurden für ihre Arbeit zu post­ko­lo­nialen Queer Studies und Isla­mo­phobie zu Ketzer:innen und Heid:innen erklärt.

Das hat queere und inter­sek­tio­nale Studien zur schwulen, lesbi­schen und trans* Geschichte Deutsch­lands ausge­bremst, ganz zu schweigen davon, dass es die Aufmerk­sam­keit von den konkreten Erschei­nungs­weisen des Anti­se­mi­tismus und der Isla­mo­phobie ablenkte, denen unzäh­lige Juden und Jüdinnen, Muslime und Muslima im heutigen Deutsch­land ausge­setzt sind. Die Wieder­ho­lung des und der natio­nale Fokus auf das Evan­ge­lium haben die Grenze zwischen der Kritik an anti­se­mi­ti­schen Prak­tiken in der queeren Geschichts­schrei­bung und der rheto­ri­schen Verwen­dung essen­tia­lis­ti­scher Tropen zur Diskre­di­tie­rung inter­na­tio­naler Wissen­schaft verwischt. Mit anderen Worten, der Kern des Problems besteht nicht darin fest­zu­stellen, ob die Denun­zia­tion des Anti­se­mi­tismus legitim ist oder nicht. Tatsäch­lich ist queere Wissen­schaft, wie jede Wissen­schaft, nicht immun gegen die Repro­duk­tion von Unter­drü­ckung und Macht­struk­turen. Das Problem ist die Art und Weise, wie diese Kritik gene­ra­li­siert und als eine Art Erbsünde für die queere progres­sive Theorie darge­stellt wurde bezie­hungs­weise so getan wird, als wäre anti­ras­sis­ti­sche queere Theorie auto­ma­tisch in Bezug auf Anti­se­mi­tismus blind.

Cis, weiß und männlich

Mit dem Deut­schen Kate­chismus als Waffe ist es schwulen Pries­tern nicht nur gelungen, queere und femi­nis­ti­sche Theorie zu verteu­feln; viel­mehr versu­chen sie auch, anti­ras­sis­ti­sche und post­ko­lo­niale Wissen­schaft als Angriff auf das Zusam­men­leben darzu­stellen. Indem sie queere und anti­ras­sis­ti­sche Kritik als anti­se­mi­ti­schen Import darstellten, wurde es cis-schwulen weißen Männern in Deutsch­land möglich, diese Kritiken als irrele­vant, ja als gera­dezu sünd­haft abzutun. Nicht nur die Kritik am schwulen weißen Über­le­gen­heits­an­spruch, sondern beson­ders Studien zur Inter­sek­tio­na­lität werden als eine Art nach­träg­li­cher Angriff auf eine frühere Zeit des Mitein­an­ders jenseits von Kate­go­rien und Iden­ti­täten darge­stellt. Doch abge­sehen davon, dass es in der queeren Commu­nity immer Kontro­versen und Konflikte gab, basierte auch die Entste­hung der Commu­nity selbst auf einer Geschichts- und Erin­ne­rungs­per­spek­tive, die die heutige Inqui­si­tion durch den Kate­chismus nicht mehr über­leben würde. Mit anderen Worten, die Verwen­dung des Deut­schen Kate­chismus als Waffe hat es den weißen schwulen Stimmen erlaubt, histo­ri­sche und bis heute andau­ernde Span­nungen inner­halb der queeren Commu­nities in Deutsch­land schlicht zu igno­rieren. Statt solche Span­nungen ernst zu nehmen, behaupten sie, eine Art des Erin­nerns und der queeren Politik zu vertei­digen, die univer­sell sei, die aber in Wirk­lich­keit cis, weiß und männ­lich ist.

Sich auf die histo­ri­sche Erin­ne­rung und auf natio­nale Tugenden zu beziehen, um die Schuld auf die Unter­drückten zu schieben, ist etwas, das man übli­cher­weise am rechten Rand des poli­ti­schen Spek­trums sieht. Doch wenn sich Mitglieder der anti­deut­schen „Linken“ in einer Kneipe in Berlin-Neukölln treffen, um über ein soge­nanntes „Muslim­pro­blem“ zu disku­tieren, wenn inter­na­tio­nale akade­mi­sche Diskus­sionen über Homo­na­tio­na­lismus ausge­buht werden, und wenn queere jüdi­sche Stimmen von nicht-jüdischen Experten zum Schweigen gebracht werden, dann ist es an der Zeit, unser Verständnis von Anti­se­mi­tismus und Rassismus in der queeren Commu­nity und in der queeren Wissen­schaft zu über­denken – und sich nicht nur einem Gefühl des Stolzes auf die großen Errun­gen­schaften der Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung hinzu­geben. Daher ist die Inter­ven­tion von Dirk Moses für unser Verständnis von queerem Akti­vismus in Deutsch­land wichtig. Die deut­sche Erin­ne­rungs­kultur als eine Art Zivil­re­li­gion zu bezeichnen, ist fraglos provo­kativ; aber es gibt uns den Anstoß zu verstehen, dass soziale Bewe­gungen diese Zivil­re­li­gion zuweilen dazu benutzen, eine eigent­lich notwen­dige Refle­xion über Rassismus zu vermeiden.

 

Über­set­zung: Svenja Golter­mann und Philipp Sarasin
Dieser Artikel erschien erst­mals auf dem  New Fascism Syllabus, als Teil der Debatte über den Essay von A. Dirk Moses über den „Deut­schen Katechismus“. 
  • Sébastien Tremblay ist Historiker und arbeitet gegenwärtig als Gastwissenschaftler am Goldsmiths Centre for Queer History, London. Seine Forschungsschwerpunkte sind queere transatlantische Netzwerke, transatlantische Holocaust-Erinnerungen und visuelle Begriffsgeschichte.