250 Jahre #Sexualität. Keine Weihnachtsgeschichte

Die Weihnachtsgeschichte erzählt von einem Kind, das Maria nicht von ihrem Mann, sondern vom Heiligen Geist empfangen habe. Entsprechend gespannt war das Verhältnis des Christentums zur Fleischeslust. Das bürgerliche Zeitalter hingegen stellte den Sex ins Zentrum seiner Sorge und Aufmerksamkeit – und erfand die „Sexualität“. Diese Geschichte geht gegenwärtig vielleicht gerade zu Ende.



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Einer der zentralen Mythen des Christentums und damit auch der Weihnachtsgeschichte ist die Vorstellung, Marias habe das Christkind als Jungfrau zur Welt gebracht. Sie werde, verkündete ihr der Engel Gabriel, ein Kind gebären: Gottes Sohn. Maria wunderte sich zu Recht und fragte den Engel, wie das denn gehen solle, da sie „keinen Mann erkenne“, das heißt, mit ihrem Verlobten Josef noch keinen geschlechtlichen Umgang gehabt hatte. Der Engel erklärte, der Heilige Geist werde „über sie kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“. Sie werde also schwanger werden, „denn für Gott ist nichts unmöglich“. Maria konnte sich nur fügen: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lukas 1, 26-38)

Keuschheit

Auch wenn im alten Ägypten und in der hellenistisch-römischen Welt die Redeweise vom „Jungfrauengeborenen“ für einen überragenden Menschen von großer Bedeutung existierte (was die biblische Geschichte aus jener Zeit erklärt), entstand damit für das Christentum ein Ideal, aber auch ein tiefes Paradox: Es wäre, sagten schon die Kirchenväter des vierten Jahrhunderts, für einen wahren Christenmenschen das einzig Richtige, ganz ohne Fleischeslust leben zu können, ganz ohne die unumgängliche „Befleckung“ im Geschlechtsakt, um in Reinheit dem Herrn zu dienen. Daher erschien seit dem frühen Christentum das Mönchstum mit dem asketischen Zwang zur Keuschheit als der wahre Weg eines Christenmenschen, für Männer wie für Frauen. Das Problem an diesem Ideal und der Grund, warum ihm nicht unumschränkt nachgelebt werden konnte, war nicht nur, dass nicht jeder und jede sich als stark genug für diese Askese erwiesen, sondern natürlich auch, dass es dem zentralen Gebot Gottes aus der Schöpfungsgeschichte widersprach: „Vermehret Euch!“ Die Kirchenväter hatten sich über dieses Problem sehr ernsthaft den Kopf zerbrochen: Warum hat Gott – dem „nichts unmöglich ist“ – eigentlich die Frau geschaffen, wenn er doch neue Wesen auch auf andere Weise hätte entstehen lassen können? Warum braucht es Sex für die Reproduktion – warum so viel Fleischeslust, so viel Befleckung, wo doch der Weg des Herrn der der Keuschheit wäre…?

Man muss nun nicht behaupten, dass die Christen der nächsten anderthalb Tausend Jahre sich immer so nah wie nur möglich an das Ideal der Keuschheit gehalten hätten, eher im Gegenteil. Aber in Verbindung mit der Vorstellung der fleischlichen Sünden, die schon bei unkeuschen Gedanken beginnen, und dem ab etwa dem 12. Jahrhundert durchgesetzten Zwang zur Beichte, das heißt des regelmäßigen Geständnisses all dieser Sünden, entstand eine überaus starke, theologisch begründete und von der Kirche beziehungsweise der Obrigkeit zuweilen mit Feuer und Schwert durchgesetzte Norm, die die Sexualität – es gab diesen Begriff und auch diese Vorstellung allerdings noch nicht (siehe unten) – auf den Zeugungsakt in der Ehe beschränkte.

Zwar entsprach diese Norm natürlich weder eins zu eins der gelebten Realität, noch verhinderte sie, dass fromme Diener der Kirche bis hin zu den Päpsten selbst sich immer wieder die Dienste von Prostituierten sicherten. Dennoch aber bestimmte das von Maria verkörperte Ideal zumindest das Sprechen und Denken in katholischen Gegenden bis ins 18. Jahrhundert grundlegend. Die Reformation hatte zwar das Zölibat der Geistlichen abgeschafft, und einzelne Reformatoren pflegten durchaus ein näheres Verhältnis zu den Sinnesfreuden. Aber der Sinn der Priesterehe lag für Luther und Zwingli dennoch darin, dass die Geistlichen ihren Geschlechtstrieb in der Ehe mässigten, und generell wurde auch im Protestantismus das Geschlechtsleben weitgehend auf die eheliche Fortpflanzung beschränkt.

Der Geschlechtstrieb als „Naturanlage“

Kurzum, all die Christenmenschen, die nicht tatsächlich für ein Leben in Keuschheit geboren waren, hatten selbstverständlich geschlechtlichen Verkehr – und sie hatten auch Lüste und Begierden, die sie in der Beichte oder im stummen Gebet zu bekennen und gegebenenfalls zu bereuen hatten. Aber wie gesagt, ein Mensch etwa des 15. oder des 16. Jahrhunderts „hatte“ trotz allem noch keine „Sexualität“, denn es gab das Konzept der „Sexualität“ als Sammelbegriff für all die Lüste und Praktiken, für den Geschlechtsverkehr und die Empfängnis, für die persönlichen Neigungen und Obsessionen, aber auch für die moralischen Normen und staatlichen Regulierungen noch lange nicht. Die „Sexualität“ bildete sich erst ab dem 18. Jahrhundert im Raum der bürgerlichen Schichten in Europa langsam heraus – und sie erhielt ihren Namen sogar erst am Ende des 19. Jahrhunderts. Vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kann man beobachten, wie der Sex – um nun diese etwas schnoddrige Kurzformel zu verwenden, die uns heute so geläufig ist – für bürgerliche Intellektuelle und Schriftsteller, für Ärzte und Pädagogen zunehmend zu einem ganz und gar weltlichen Gegenstand der Aufmerksamkeit und der Sorge wurde, um den jetzt, nach einer berühmten Formulierung von Michel Foucault, eine „diskursive Explosion“ zündete, ein schnell lauter und hektischer werdendes Sprechen und Schreiben über den Sex.

Das begann zum einen damit, dass insbesondere in Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die schon ältere Tradition der antiklerikalen Pornographie zu einer populären Welle von Schriften anwuchs, die die sexuellen Ausschweifungen dekadenter Adliger, geiler Mönche und verkommener Priester aufs Korn nahmen. Die bürgerliche Vorstellung von Geschlechtlichkeit entstand, mit anderen Worten, einerseits in diesem pornographischen Lachen – aber eben auch in der Kritik an den Ausschweifungen von Adel und Klerus. In den Jahren vor der Revolution gerieten sogar der König selbst, der angeblich impotente Louis XVI., und seine Gattin Marie Antoinette, die als „österreichische Hure“ beschimpft wurde, ins Visier dieser Kritik.

Zum andern aber begannen Ärzte und Pädagogen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Geschlechtstrieb zunehmend als eine „Naturanlage“ zu bezeichnen, die man nicht verdrängen dürfe. Für die Aufklärer ging es zuerst darum, einen „sittlichen“ Umgang mit dieser Naturanlage im selbstverständlichen Rahmen der Ehe zu finden, was sie als eine Praxis der Selbstbeherrschung – die bürgerliche Tugend schlechthin – verstanden haben. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aber immer deutlicher, dass die Mediziner und Hygieniker den regelmäßigen Geschlechtsverkehr in der Ehe als für beide Gatten aus gesundheitlichen Gründen notwendig erachteten.

„Gesundheitlich“ bedeutete allerdings nicht freudlos, wie die Texte in den Ratgeberbüchern und -broschüren zuhanden des bürgerlichen Lesepublikums durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch deutlich machten. In dem wohl am weitesten verbreiteten Eheratgeber, Auguste Debay’s Hygiène et physiologie du mariage von 1848 (mit unzähligen Auflagen und Übersetzungen bis ans Ende des Jahrhunderts) wurde zum Beispiel detailliert und in offenen Worten geschildert, dass beim Geschlechtsverkehr auch die klitorale Reizung der Frau notwendig für ihren Orgasmus sei. Zudem findet sich hier auch ein längeres Kapitel über die Flagellation – d.h. Rutenhiebe „comme moyen aphrodisiaque“, als Mittel zur Erregung der von langen Ehejahren ermüdeten bürgerlichen Nerven, gefolgt von Hinweisen auf erotisierende Nahrungsmittel wie Austern, Spargel, Champagner und ähnliches…

Selbstbefleckung

Es gab für diese Ratgeberautoren nur einen großen Horror, einen Abgrund der Schande: die „Selbstbefleckung“, das heißt die Onanie. Die Selbstbefriedigung gehörte natürlich auch schon im christlichen Zeitalter in den Bereich der unkeuschen Gedanken und Praktiken, doch sie war eine Sünde unter vielen anderen. Seit etwa den 1760er Jahren aber wurde die Onanie zu der großen Gefahr für den bürgerlichen Sex, ja für Leben und Gesundheit bürgerlicher Männer überhaupt.

Autoren wie der berühmte Westschweizer Arzt Samuel Auguste Tissot behaupteten nun – mit Wirkungen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein –, dass die männliche Selbstbefriedigung nicht nur die Potenz zerstöre, sondern das Rückenmark angreife, zu „Gehirnkrankheiten“ wie Epilepsie oder Wahnsinn führte, aber auch Lungenschwindsucht (Tuberkulose), Hautkrankheiten und vieles andere verursachen würde. Diese Angst basierte auf der schon alten und von den Physiologen des 18. Jahrhunderts bestätigten Annahme eines direkten Zusammenhangs zwischen Gehirn und Samenflüssigkeit (die bis hin zur Vorstellung ging, das Sperma bestünde überhaupt aus vielen kleinen Gehirnen).

Das klingt absurd, war aber zentral für die bürgerliche Vorstellung vom Sex. Man darf das nicht missverstehen und den Kampf gegen die Onanie etwa nur als „Kontrolle“, ja „Unterdrückung der Sexualität“ deuten. Eher das Gegenteil war der Fall. Denn in den Augen der Ärzte bedrohte die jugendliche Onanie einerseits die „Geschlechtskraft“ und führte zu ihrer vorzeitigen Erschöpfung – wo doch das Ziel darin bestand, sich ihrer bis ins Alter hinein zu erfreuen, wie die Autoren nicht müde werden zu betonen. Andrerseits aber bedrohte die Onanie gemäß diesen Autoren (übrigens, fun fact, bis hin zu Sigmund Freud) das Gehirn und damit das Organ der männlichen, bürgerlichen Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle. Dabei ging es, wie gesagt, zwar um die Idee von genussreichem Sex, aber auch noch um weit mehr. Denn seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, etwa in Pierre Roussels Système physique et moral de la femme von 1775, wurde die Geschlechterdifferenz weniger im offensichtlichen, wenn auch nur oberflächlichen Unterschied der Geschlechtsorgane festgemacht, sondern an der „tiefen“ Differenz von Gehirn und Nerven: Demnach galt das Gehirn als das Organ, das beim Mann größer ausgebildet und damit „stärker“ sei, um die Nerven und sich selbst zu kontrollieren, während die Frau ganz von den Sinneseindrücken und Empfindungen beherrscht werde, die sie über ihre Nerven empfange, aber mit ihrem Gehirn nicht kontrollieren könne; denn ihr zentrales Organ sei nicht das Gehirn, sondern der Uterus.

Prostitution

Kurzum, der bürgerliche Sex des 19. Jahrhunderts galt als gesund, ja notwendig für das Glück in der Ehe, solange er nicht zum „Exzess“ führte (wozu, natürlich, auch der onanisme à deux zählte), sondern regelmäßig und vom Mann kontrolliert erfolgte. Doch das war nicht alles: die Ärzte, die den Sex als Naturanlage anerkannten und die männliche Potenz ins Zentrum ihrer Sorge um den Sex stellten, vertraten auch durchwegs die Ansicht, dass der männliche Geschlechtstrieb stärker sei als der weibliche – und sie leiteten daraus die „physiologische Notwendigkeit“ ab, dass der Mann seine den Rahmen einer sittlich geführten Ehe überschreitenden Geschlechtslust bei Prostituierten befriedigen solle.

Der in der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr berühmte Hygieniker Alexandre Parent-Duchâtelet – wir verdanken u.a. ihm die Einrichtung der städtischen Kanalisation – nannte deshalb Bordelle „égouts séminaux“, das heißt „spermatische Kanalisationsanlagen“, die zur buchstäblichen Abführung überfließender männlicher Säfte dienten.

Damit schien der bürgerliche Sex soweit geregelt – und selbst noch für die ja immer auch als problematisch empfundene Verletzung der Ehe durch die Prostitution wussten die Hygieniker Rat. Angesichts der Möglichkeit, dass der Mann seine Lust bevorzugt bei Prostituierten befriedigen könne, empfahl der erwähnte Auguste Debay den Ehefrauen den bewussten, listigen Einsatz von Sex: „Geben Sie sich Mühe, sein Begehren zu befriedigen, seien Sie schlau und simulieren sie den Orgasmus: dieser unschuldige Betrug ist erlaubt, um den Mann an Sie zu binden.“

Sittlichkeit und Perversion

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und bis um 1900 geriet diese ganz auf „Gesundheit“ zentrierte Ordnung des Sex‘ nun aber zunehmend unter Druck. Zuerst attackierte die sogenannte „Sittlichkeitsbewegung“ die männlich-bürgerliche Doppelmoral, die von der Frau eheliche Treue forderte, dem Mann aber wie gesagt den Besuch des Bordells erlaubte. Zweitens tauchte immer drohender die Figur des „Perversen“ auf, dessen sexuelle Abweichung sich nicht auf die Onanie beschränkte. Es waren zuerst die beiden Gerichtsmediziner Ambrose Tardieu in Paris und Johann Ludwig Caspar in Berlin, die schon in den späten 1850er Jahren das gleichgeschlechtliche Begehren von Männern als den wahren Abgrund, als das „namenlose Verbrechen“ und als „dunklen Trieb“ „entdeckt“ und beschrieben hatten. 1886 erhob der Grazer Psychiater und Gerichtsmediziner Richard von Krafft-Ebing diesen dann als „Inversion“, das heißt als „Verkehrung“ des natürlichen, nämlich heterosexuellen Geschlechtstriebes zur Hauptperversion (neben vielen anderen „Perversionen“ wie die Lüste von Schuhfetischisten, „Statuenschändern“ oder Nekrophilen, die ihm allerdings viel weniger Aufmerksamkeit wert waren).

Der bürgerliche Sex war damit ganz offenkundig „repressiver“ geworden, d.h. stärker den Anforderungen einer auch wieder vermehrt christlich interpretierten Sittlichkeit unterworfen – und zudem mit klaren Vorstellungen darüber ausgerüstet, wer alles als „pervers“, ja „degeneriert“ zu gelten habe. Es war diese Situation, die Sigmund Freud dann als Ursache für die verbreiteten Hysterien und Neurosen im Wiener Bürgertum sah. Und es war daher auch Freud, der nun erneut versuchte, alle christlich motivierten oder sonst wie moralisch begründeten „Vorurteile“, wie er sagte, beiseite zu schieben. Mit der hier notwendigen Vereinfachung (und in Absehung der gesamten Problematik der Eugenik, bei der der Sex mit der „Gesundheit“ oder gar „Reinheit“ des „Volkskörpers“ oder der „Rasse“verbunden wurde) kann man zweifellos sagen, dass das, was im 20. Jahrhundert „Sexualität“ hieß, von Freud und seinen vielen Schülerinnen und Schülern geprägt wurde. Für Freud gab es keine „Natürlichkeit“ des heterosexuellen Begehrens mehr, wie es für das ganze 18. und 19. Jahrhundert selbstverständliche Geschäftsgrundlage war, sondern nur die Ursprünglichkeit der „bisexuellen Anlage“ sowie die Annahme, dass die menschlichen Lüste in der frühen Kindheit „polymorph-pervers“ seien. Dazu gehörte aber auch die These des im Alter zunehmend illusionslosen und deprimierten Freud, dass die „Zivilisation“ den harten Verzicht auf die Befriedigung dieser vielfältigen Lüste fordere. Er nannte das „Sublimierung“ – d.h. die notwendige Verschiebung der realen sexuellen Triebbefriedigung hin zur Befriedigung, die man in der schöpferischen Arbeit gewinne. Dass man dabei allerdings „glücklich werde“, sei „im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen“.

Der doppelte Schatten Freuds

Man könnte die im Detail komplizierte Geschichte der Sexualität im 20. Jahrhundert nach der Formel eines doppelten Schattens modellieren, den Freud geworfen hatte. Einerseits wehrten sich seine dissidenten Schüler wie vor allem Wilhelm Reich gegen die Vorstellung einer notwendigen „Sublimierung“ und kämpften mit Wirkungen bis in die 1960er und 1970er Jahre, ja bis heute dafür, Sex als notwendig für die individuelle und gesellschaftliche „Befreiung“ zu begreifen. Die „Sexuelle Revolution“, eine Mischung von Kommerzialisierung und Politisierung des Sex, hatte sich ihren Titel ohnehin von Wilhelm Reichs Buch Sexuelle Revolution (1936/1966) geborgt. Von Freud – und seinen Vorgängern, den Ärzten und Hygienikern des 19. Jahrhunderts – ging nicht nur die Vorstellung aus, dass der Sex unser „innerstes Geheimnis“ sei, unser „Wesen“, also das, was uns als Person ausmacht und unsere „Identität“ bestimmt, sondern auch, mit und gegen Freud zugleich, die Vorstellung, dass uns der Sex „frei“ mache.

Zum anderen nun aber lässt sich auch seit, mit und gegen Freud eine Geschichte der Inklusion erzählen – das heißt eine Geschichte der Inklusion aller Abweichung, der Einebnung des Unterschiedes zwischen dem sogenannt Normalen und dem sogenannt Perversen, eine Geschichte der Anerkennung der Realität sexueller Diversität und damit eine Geschichte der Vervielfältigung sexueller Möglichkeiten und Identitäten bis heute.

Was sich dabei allerdings wohl auflöst, ist die alte bürgerliche Idee von der Zentralität des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs als Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung. Weder sind – Stichwort gender fluidity – die dafür erforderlichen geschlechtlichen Körper weiterhin in einer binären Logik so fraglos gegeben, wie das im bürgerlichen Zeitalter der Fall war (bzw. zu sein schien), noch ist, dank reproduktionsmedizinischer Technik, für die Empfängnis noch zwingend „Befleckung“ nötig (und auch nicht zwingend ein heterosexuelles Elternpaar). Körper suchen zwar weiterhin vielfältigste Berührungen und Kontakte, aber diese folgen, ganz offenbar, immer weniger den ‚klassischen‘ sexuellen Skripten. Zudem steht für die vielen möglichen Lüste heute ein gigantischer industrieller Apparat zur Verfügung, der deren Befriedigung im virtuellen Raum des Cyberspace mit nur ein wenig Selbstbefleckung aufwandslos erledigt.

Mit anderen Worten: Die Empfängnis, die Körper, die Lüste und die „Identitäten“ treten gegenwärtig wieder, wie in vormodernen Zeiten, weit auseinander. Man kann sich daher zu fragen beginnen, ob dafür der einheitliche Signifikant „Sexualität“ noch angemessen ist. Das kann man heute zwar kaum schon entscheiden. Doch falls die Entwicklung zu diesem Punkt führt, hätte die Herrschaft der „Sexualität“, über den Daumen gepeilt, bloß etwa 250 Jahre gedauert. An ihrem Ende wird man sich vielleicht auch gerne wieder die schöne alte Geschichte vom Kind erzählen, das ganz ohne Sex das Licht der Welt erblickte.