Was verbindet den Filmemacher David Lynch und den Philosophen Gilles Deleuze? Zwei Kometen, die sich posthum kreuzen – vereint durch die Falte und das Barocke. Lynch hat ein Kino geschaffen, das sich nicht erzählt, sondern entfaltet. Ein Kino, das sich jeder Sinnstiftung verweigert und stattdessen in Bewegung bleibt: hypnotisch, verstörend, widerständig gegen die alles in Wert setzende Logik des Storytellings.

  • Georg Dickmann

    Georg Dickmann forscht derzeit an narrativen Strategien im Think Tank f_LAB an der Agentur Fischer-Appelt und ist Lehrbeauftragter an der Universität der Künste Berlin. Der Literaturwissenschaftler und Philosoph war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin und promovierte am DFG-Graduiertenkolleg »Das Wissen der Künste« an der Universität der Künste Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Philosophien des neuen Materialismus, Theorien des Körpers, Posthumanismus und Autotheorien der Gegenwart.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Vorhänge und Falten. David Lynchs baro­ckes Kino
Loading
/

Am 15. Januar 2025 stirbt David Lynch kurz vor seinem 79. Geburtstag, während Gilles Deleuze drei Tage später 100 Jahre alt geworden wäre. Zwei Denker aus unter­schied­li­chen Sphären – Kino und Philo­so­phie –, die in einer gemein­samen Bewe­gung aufein­an­der­prallen: der Falte und dem Barock. Deleuze analy­sierte das Kino als Kunst der Modu­la­tion, Lynch insze­nierte diese Bewe­gung als affek­tive Erfah­rung. Iden­ti­täten zerfließen, Räume stürzen inein­ander, Zeit faltet sich selbst. Was bei Deleuze Denk­figur war, wurde bei Lynch zur filmi­schen Praxis. Sie sind sich nie begegnet, und doch berühren sie sich in Lynchs vertrackten Meis­ter­werken. Eine seltene Kolli­sion und Ausdruck einer geteilten krea­tiven Kraft.

Lynch, ein Surrealist?

Lynchs Filme gelten häufig als albtraum­haft und unheim­lich – eine Einord­nung, die ihn oft direkt in die Nähe des Surrea­lismus rückt. Eine Nach­bar­schaft, die nicht über­rascht, wenn man die Motiv­nähe zum mexi­ka­ni­schen Filme­ma­cher Luis Buñuel in Eraser­head (1977) oder die vielen Spie­le­reien mit der Realität in Mulhol­land Drive (2001) denkt, die an die Gemälde von Magritte erin­nern. Durch den Surrealismus-Vergleich landen wir immer wieder im Wirk­be­reich der Psycho­ana­lyse. Denn Surrea­lismus und Psycho­ana­lyse teilen die Faszi­na­tion für das Unbe­wusste. Beide gehen davon aus, dass unter der Ober­fläche der Vernunft tiefere, bedeu­tungs­vol­lere Wahr­heiten liegen – Träume, verdrängte Wünsche, düstere Affekte. Freud und im Anschluss daran die Surrea­listen beschreiben das Unbe­wusste als struk­tu­rie­renden Kern der Psyche und nutzen diesen als krea­tiven Motor: Traum­logik, auto­ma­ti­sche Schreib­tech­niken sowie das Unheim­liche als ästhe­ti­sches Prinzip. Das Ziel ist klar formu­liert – die Befreiung von ratio­naler Kontrolle, um eine tiefere, wahr­haf­ti­gere Realität freizulegen.

So wird Lynch in der Film­theorie häufig durch Freud oder Lacan erklärt. Kaum taucht Frank Booth in Blue Velvet (1986) mit seiner Sauer­stoff­maske vor dem Mund auf, schon liegt die psycho­ana­ly­ti­sche Lesart bereit: der sadis­ti­sche und vor Wut schäu­mende Verge­wal­tiger als Inkar­na­tion des Es, der blaue Samt als Fetisch­ob­jekt und Penis­er­satz, der letzt­lich Kastra­ti­ons­angst reprä­sen­tiert. Der Verkehrs­un­fall in Wild at Heart (1990) als Trauma. Der Mystery Man in Lost Highway (1997) als der uner­klär­liche Rest, der sich der symbo­li­schen Ordnung entzieht. Und die Black Lodge aus der Serie Twin Peaks (ab 1990) als das traum­hafte Unbe­wusste des FBI-Agenten Dale Cooper, das es – selbst­ver­ständ­lich total inter­pre­ta­ti­ons­offen – zu entschlüs­seln gilt. Während der Surrea­lismus nach innen blickt, ins Unbe­wusste, in die verdrängten Tiefen der Psyche, arbeitet Lynch mit einer Ästhetik der Faltung, die nicht enthüllt, sondern immer neue Ober­flä­chen, Über­gänge und Räume erzeugt. Sein Kino denkt nicht in Symbolen, sondern in Modu­la­tionen, nicht in Traum­deu­tung, sondern in Inten­si­täten. Soweit so gut, was das Einmal­eins der psycho­ana­ly­tisch geschulten Film­theorie angeht.

Die Faltungen des Kinos: Lynchs barocke Bildwelt

Warum also Barock und nicht Surrea­lismus? Weil Lynchs filmi­sches Universum keinen Abstieg hinab zum Wesent­li­chen oder Zugrun­de­lie­genden in Szene setzt, sondern eine Bewe­gung des Unauf­hör­li­chen, des Unein­deu­tigen auf der unend­lich gefal­teten Ober­fläche der Dinge. Wie im Barock, das für Deleuze keine Epoche, sondern eine Denk­form ist, exis­tieren in Lynchs Filmen keine festen Iden­ti­täten, sondern Über­gänge, Verschrän­kungen, Spie­ge­lungen und Verwer­fungen, die sich alle auf einer imma­nenten Ebene voll­ziehen, ohne dabei binäre Gegen­sätze zu produ­zieren. Räume sind nicht klar vonein­ander getrennt, sondern schieben sich inein­ander, lösen sich auf, eröffnen neue Dimen­sionen. Nicht als surrea­lis­ti­sche Rätsel, die sich psycho­ana­ly­tisch auflösen, rational verstehen lassen. Sie sind viel­mehr Maschinen, die unauf­hör­lich auf der Suche nach neuen Anschlüssen sind und dabei mal Abkür­zungen und mal größere Umwege nehmen. Sie operieren nicht nach einer Logik der Bedeu­tung, sondern nach einer der Bewe­gung und der Kraft – ständig faltend, verzwei­gend, sich selbst über­schrei­tend. Lynchs filmi­sche Praxis zielt nicht auf Lösungen, sondern dreht sich um Fort­be­we­gung, um fort­ge­setzte Entfal­tung. Sein Werk denkt nicht in Zeichen, sondern in Kräften – in Inten­si­täten, die sich nicht auf eine Bedeu­tung redu­zieren lassen, sondern fort­lau­fend modu­liert werden. In Lost Highway führt eine schwarze Straße nicht zu einem Ziel, sondern in eine unauf­lös­liche Iden­ti­täts­ver­schie­bung. Mulhol­land Drive verdop­pelt und entfaltet seine Figuren, bis sich jede stabile Erzähl­struktur verliert. In der Black Lodge von Twin Peaks gibt es keine lineare Zeit mehr, nur noch Verzer­rungen und Sprünge. All dies folgt einer Logik der baro­cken Falte: Es geht nicht um das Aufde­cken von Wahr­heit, sondern um eine stän­dige Varia­tion, um Über­gänge und Verschie­bungen, die sich nicht in einem Zentrum bündeln lassen.

Das Klischee und das Nicht-Narrative

Das Barocke in Lynchs Kino ist nicht nur eine ästhe­ti­sche Stra­tegie, sondern ein Wider­stand gegen das, was heute als Storytel­ling allge­gen­wärtig ist – eine Erzähl­weise, die entweder zur glatten, konsu­mier­baren Ober­fläche verkommt oder irgendwo auf einem meta­phy­si­schen Grund liegt. Während Werbung und Marke­ting Narra­tive in klar struk­tu­rierte Sinn­an­ge­bote pressen, bleibt Lynchs Kino sperrig, unauf­lösbar, wider­ständig und voller Kerben. Sein Barock ist kein Orna­ment, sondern eine Verwei­ge­rungs­hal­tung: gegen eindeu­tige Botschaften, gegen bere­chen­bare Drama­tur­gien, gegen die Verkür­zung von Erfah­rung auf bloße Verwert­bar­keit. In einer Zeit, in der Geschichten oft nur noch dazu dienen, Produkte, Iden­ti­täten oder poli­ti­sche Ideo­lo­gien zu verkaufen, behauptet Lynch eine andere Möglich­keit – eine Kunst des Unge­wissen, des Unver­füg­baren, die sich nicht in Bedeu­tungen auflöst, sondern die Einker­bungen und Falten repro­du­ziert. Lynchs Kino bewegt sich in einer Logik der baro­cken Falte, die unauf­hör­lich neue Räume öffnet und keine endgül­tige Form annimmt. Genau dieses Prinzip steht im scharfen Kontrast zu den einge­fah­renen Erzähl­mus­tern, die das moderne Kino domi­nieren. Während der Barock in seiner Über­fülle der Formen Bewe­gung und Trans­for­ma­tion zele­briert, produ­ziert das gegen­wär­tige Erzählen oft nur noch Klischees – feste, erstarrte Struk­turen, die sich selbst wiederholen.

Deleuze kriti­siert das Klischee als das, was unser Denken und unsere Wahr­neh­mung lähmt – umsich­grei­fende Allge­mein­plätze besie­deln die Windungen unseres Hirns, noch bevor das Denken, Schreiben oder Krea­tiv­sein über­haupt einsetzt. Das moderne Kino, so Deleuze, müsse sich davon lösen. Dem Klischee darf man nicht auf den Leim gehen. Genau das tut Lynch. Er verwei­gert sich der linearen Narra­tion, unter­läuft Erzähl­muster, lässt Figuren und Hand­lungs­stränge ins Leere laufen oder sich endlos in sich selbst falten. Während überall von Storytel­ling geredet wird, von einer Welt, die sich selbst in Geschichten verkauft, bricht Lynch mit dieser Logik. Das heutige Kino folgt oft klaren drama­tur­gi­schen Mustern: Prot­ago­nisten mit Zielen oder Hinder­nisse, die über­wunden werden müssen, ein kathar­ti­sches Ende, das Bedeu­tung schafft. Auch das Streaming-Zeitalter verstärkt diesen Trend: Serien und Filme müssen in wenigen Sekunden über­zeugen, die Algo­rithmen verlangen nach strin­genten Hand­lungs­ver­läufen. Doch Lynch verwei­gert sich dieser Bere­chen­bar­keit. Seine Filme entziehen sich nicht nur der narra­tiven Kausa­lität, sondern auch dem Bedürfnis nach Auflö­sung. Statt­dessen entfalten sie sich in Zwischen­räumen, lassen Figuren und Iden­ti­täten inein­ander über­gehen, verzweigen sich in alter­na­tive Möglich­keiten, die keinen Abschluss benö­tigen. Während konven­tio­nelle Geschichten uns einladen, Sinn zu konsu­mieren, zwingt Lynchs Kino uns dazu, in der Unsi­cher­heit zu verweilen. Kein Storytel­ling, keine lärmende Erzäh­lung – sondern reine Intensität.

Seine Filme stellen nicht die Frage „Was bedeutet das?“, sondern „Wie wirkt das?“ und „Wie schnell oder langsam, wie hart oder sanft setzt diese Wirkung ein?“. Die verschach­telte Struktur von Lost Highway oder Mulhol­land Drive folgt keiner narra­tiven Kausa­lität, sondern einem System der Wieder­ho­lung und Diffe­renz – eine fort­lau­fende Modu­la­tion, die das Kino zu einem reinen Erleben von Zeit und Bewe­gung macht. Das barocke Prinzip der Falte wird hier zum Wider­stand gegen eine über­er­zählte Gegen­wart, in der alles sofort in Sinn aufge­löst werden soll. Viel­leicht müssen wir inmitten einer Welt, die uns unauf­hör­lich mit Plots, Storys und Narra­tiven über­schüttet, gerade das wieder lernen: dass es nicht immer um das Erzählen, sondern um das Erleben geht. In einer Zeit, in der jede Geschichte sofort inter­pre­tiert, vermarktet und entschlüs­selt wird, eröffnet Lynch eine andere Möglich­keit: die Erfah­rung des Unver­füg­baren. Hier setzt der Über­gang zum Selt­samen an, das nicht mehr nach einer psycho­lo­gi­schen Deutung verlangt, sondern eine ästhe­ti­sche und affek­tive Kraft entfaltet – eine Kraft, die Bedeu­tung nicht in der Erzäh­lung erschöpft, sondern sich unend­lich in der Falte des Film­stoffs verviel­fäl­tigt, verzweigt und sich jeder abschlie­ßenden Deutung entzieht und sich nicht auf die Wendel­treppe der Herme­neutik begibt.

Der Vorhang als baro­ckes Prinzip: Kino der Faltung

Der Vorhang ist mehr als ein wieder­keh­rendes visu­elles Motiv in Lynchs Filmen – er ist sympto­ma­tisch für seine gesamte filmi­sche Ästhetik der Faltung. Dabei spielt die Bühne als Motiv eine zentrale Rolle. Die Bühne ist bei Lynch der Ort der wunder­samen Erschei­nung. Seine Räume funk­tio­nieren oft wie Bühnen, bei denen der Vorhang eine zentrale Rolle spielt. Die Vorhänge sind dabei mehr als bloße Trenn­li­nien – sie sind dyna­mi­sche Ober­flä­chen, die Räume inein­ander falten, Grenzen durch­lässig machen und Über­gänge erzeugen. Sie verde­cken nicht nur die dahin­ter­lie­gende Sphäre, sondern heben sie im glei­chen Moment hervor. Nicht nur zwischen Thea­ter­bühne und Zuschauer, sondern auch zwischen Wirk­lich­keit und Schein. Eine Membran, die letzte greif­bare Schicht, vor der Erschei­nung, die dann zu etwas anderem gehört. Blue Velvet beginnt mit einem sich leicht bewe­genden blauen Samt­vor­hang, über den der Vorspann gelegt ist. Später wird die Sängerin Dorothy Vallens vor einem roten Vorhang auf der Bühne eines Nacht­clubs ihre Version von Blue Velvet präsen­tieren. Der junge Jeffrey Beau­mont muss schließ­lich mitan­sehen, wie der dämo­nisch rasende Frank Booth Dorothy in ihrem Apart­ment brutal verge­wal­tigt. Dabei schnüf­felt er nicht nur an seiner Sauer­stoff­maske, sondern berauscht sich ebenso an dem Fetzen blauen Samt­stoffes. Der blaue Samt bildet die Substanz, die zu den Albträumen führt. Versteckt hinter den Lamellen des Wand­schrankes wird Jeffrey zum stummen Zeugen dieser Szene – gefangen zwischen Neugier und Entsetzen. Auch in Elephant Man (1980) verhüllt ein weißes Laken den defor­mierten Körper von John Merrick, und der rote Samt aus Twin Peaks verdeckt und eröffnet zugleich einen Raum, der die Prin­zi­pien von Lynchs Kino sichtbar macht: ein Ort, der sich nicht auf eine Bedeu­tung redu­zieren lässt, sondern sich beständig entfaltet, verzweigt und der Reprä­sen­ta­tion entzieht. Der Vorhang ist das zentrale Sinn­bild dieser Bewe­gung – er markiert den Moment der Schwelle, die Erfah­rung der Falte als filmi­sches Prinzip.

Die Falte als Kino-Erfahrung

Während der Surrea­lismus stets auf das Innere, auf die verbor­genen Struk­turen der Psyche abzielt, geht Lynch einen anderen Weg: Er nutzt die Falte, um das Innere durch das Äußere sichtbar zu machen. Sein Kino entfaltet Räume, die keine Rück­kehr zu einem Ursprung erlauben, sondern sich immer weiter in ein Außen hinein modi­fi­zieren, das der mensch­li­chen Erfah­rung fremd bleibt. Gerade darin liegt seine Kraft – nicht in der Enthül­lung eines verbor­genen Sinns, sondern in der fort­lau­fenden Faszi­na­tion für das Unge­ord­nete, das Unver­füg­bare. Und genau hier unter­scheidet er sich vom Surrea­lismus: Während dieser sich oft in der Inner­lich­keit der Psyche verliert, führt Lynch das Publikum nicht nach innen, sondern durch die Falte hindurch. Der Vorhang verdeckt nicht nur, sondern faltet neue Räume auf. Keine bloßen Träume, keine intro­spek­tiven Seelen­land­schaften – sondern das Spiel der Kräfte, der unauf­hör­li­chen Über­gänge. Diese Bewe­gung ins Außen ist es, die Lynch mit seiner Ästhetik der Falte voll­zieht. Denn der Reiz des Selt­samen sei nicht vom Genuss an der Furcht moti­viert, so Mark Fisher, Kultur­theo­re­tiker und Autor von The Weird and the Eerie (2016), sondern viel­mehr von der Faszi­na­tion für das Außen, also für dasje­nige, das jenseits der mensch­li­chen Erfah­rung und Erkenntnis liegt. Fisher unter­scheidet das Weird vom Unheim­li­chen, indem er es nicht als Rück­kehr des Verdrängten deutet – wie Freud es beschrieb –, sondern als Öffnung hin zu etwas radikal Fremden. Das Unheim­liche nach Freud habe den Drang dazu, das Außen immer durch die Lücken und Sack­gassen des Inneren abzu­wi­ckeln, während das Selt­same, das Weird, es uns erlaubt, das Innere durch die Perspek­tive des Außen zu sehen.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Viel­leicht ist das Lynchs Vermächtnis: In einer Zeit, die nach kohä­renten Narra­tiven verlangt, die alles in Sinn und Reprä­sen­ta­tion auflösen will, und damit dem herme­neu­ti­schen Para­digma von Tiefe nach­hängt, zeigt er, dass Kino auch etwas anderes sein kann. Während das zeit­ge­nös­si­sche Storytel­ling auf Gefäl­lig­keit setzt – „snackable“ und leicht verdau­lich, stets auf einen Sinn hin ausge­richtet –, bleibt Lynchs Kino sperrig. In sozialen Netz­werken domi­nieren ,Storys‘ und ‚Reels‘, die nicht wirk­lich erzählen, sondern werben. Storytel­ling ist längst zum Story­sel­ling geworden, wo Werbung und Geschichten unun­ter­scheidbar geworden sind. Dagegen wider­setzt sich Lynchs Kino durch Ein- und Entfal­tungen, durch eine filmi­sche Hermetik, die sich nicht entschlüs­seln lässt und auch nicht nach einem Schlüssel-Schloss-Prinzip funk­tio­niert. Seine Filme umgehen das narra­tive Klischee, brechen mit Erwar­tungs­hal­tungen, erzeugen Irri­ta­tion und eröffnen eine radi­kale Kontin­gen­z­er­fah­rung, die weniger erzählt und mehr affektiv erlebt werden kann. In diesem Wider­stand liegt ihre Kraft – weil sich Lynchs Kino nicht an unser Bedürfnis nach Sinn oder Narra­tion richtet. Es durch­fährt uns und wirkt direkt auf das Nerven­system, setzt Affekte frei und desta­bi­li­siert unsere Sehge­wohn­heiten – durch Rhythmen, Verzer­rungen, Wieder­ho­lungen, abrupte Brüche.

In der Über­blen­dung von Lynch und Deleuze wird sichtbar, was verloren geht, wenn Filme nur noch auf der verwert­baren Logik des Storytel­lings basieren: die Kraft, neue Wahr­neh­mungs­räume zu erschließen. Während das kommo­di­fi­zierte Erzählen jede Erfah­rung in narra­tive Kohä­renz presst, zeigen Lynch und Deleuze einen anderen Weg: die Welt nicht als geschlos­sene Story zu begreifen, sondern als Bewe­gung, als eine imma­nente Modu­la­tion. Die Falte ist nicht nur eine ästhe­ti­sche Figur – sie ist eine Haltung gegen­über der Wirk­lich­keit. Und viel­leicht ist das, was hier gewonnen wird, genau das: Die Welt in ihrer Tiefe der Ober­fläche zu sehen und zu spüren.