1968 von rechts. Das vergessene Jubiläum

Gegenwärtig ist viel vom linken Aufbruch im Zeichen von 1968 die Rede. Dabei geht oft vergessen, dass 1968 auch den Beginn der Neuen Rechten markiert.



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In den 1960er Jahren wehte ein Wind des Aufbruchs und Wandels durch die europäischen Gesellschaften. Insbesondere die Nachkriegsgeneration glaubte an die Formbarkeit von Gesellschaft und Zukunft, an die Wirkungskraft politischen Handelns. Für sie gehörte die Kluft zwischen Wunsch und Realität, zwischen Versprochenem und Machbarem zu den biografisch prägenden Erfahrungen. Mit 1968 öffnete sich ein neuer Resonanzraum für Kritik und Allianzen gegen die als erstarrt wahrgenommene Politik und Gesellschaft. Doch nicht nur auf der linken Seite richtete sich die generationelle Dynamik gegen die konformistischen Haltungen der gesellschaftlichen Mitte und die traditionellen Ordnungsmodelle der Alten Linken. Auch die Rechte nutzte die damalige Aufbruchsstimmung, und an ihren Rändern mehrten sich die Stimmen vor allem der jüngeren Generation, die nach Veränderung und Neuanfang riefen. Beide Seiten sahen sich als Ausdruck von Nonkonformismus und Subversion, Revolte und Protest und stritten auf den gleichen politischen und gesellschaftlichen Schauplätzen um Deutungen und Begrifflichkeiten. So ist 1968 keineswegs nur als gradlinige, bruchlose Erzählung eines von links eingeleiteten Wandels unter emanzipatorischen und progressiven Vorzeichen zu lesen, wie es im laufenden Jubiläumsjahr vielerorts weisgemacht wird.

1968 als Geburtsstunde der Neuen Rechten

Den Anfang machte die so genannte Nouvelle droite in Frankreich. Im Januar 1968 gründete in Nizza ein kleiner Kreis französischer Aktivisten und Studierender aus dem Umfeld rechtsextremer Gruppen wie Europe Action und Jeune Nation das Groupement de recherches et d’études pour la civilisation européenne (GRECE), das sich zu einem einflussreichen und umtriebigen Denkzirkel entwickelte. Nachdem Jean-Louis Tixier-Vignancour – Anhänger der „Algérie française“ und ehemaliger hoher Beamter der Vichy-Regierung – als Kandidat bei den französischen Präsidentschaftswahlen von 1965 eine herbe Niederlage erlitten hatte, begannen junge Intellektuelle der äusseren Rechten sich ideologisch und organisatorisch neu auszurichten. Zum einen wollten sie den Makel der Vichy-Vergangenheit loswerden und aus dem rechtsextremen Untergrund ausbrechen. Zum anderen ging es ihnen darum, den Moment zu nutzen, um dem linken Zeitgeist, der sich im mai 68 manifestierte, an den Universitäten und im intellektuellen Leben Paroli bieten.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland waren die Jahre um 1968 entscheidend für die Neuordnung am rechten Rand. Nachdem Mitte der 1960er eine Reihe von Arbeitskreisen und Zeitschriften gegründeten wurden, war es die junge Garde der Nationaldemokratischen Partei Deutschland, die sich, nachdem die Partei 1969 knapp den Einzug in den Bundestag verpasst hatte, um strategische Neuorientierung und ideologische Erneuerung bemühte. Man sah sich als Teil einer Bewegung, die im Begriff sei, in ganz Europa „neue Kräfte“ zu entfalten, wie die 1970 formierte Aktion Neue Rechte in ihrem Gründungsmanifest schrieb. Das Ziel bestand ebenfalls darin, aus dem Schatten des Nationalsozialismus zu treten und die als theorieschwach geltende Alte Rechte neu zu beleben. Kulturelle und intellektuelle Debatten sollten nicht der Linken überlassen, sondern mit eigenen Begriffen und Deutungen besetzt werden.

In der Schweiz sammelte sich ebenfalls eine neue Generation junger Intellektueller am rechten Rand. In der schillernden Person von James Schwarzenbach, Verleger, Nationalrat und Präsident der ersten rechtspopulistischen Partei Europas, der Nationalen Aktion, hatten sie ihr geistiges Vorbild gefunden. Sie hofften, der Aufstieg des Rechtspopulisten Schwarzenbach werde eine ideologische und politische Neuorientierung des schweizerischen Rechtskonservatismus bringen und damit den angeblichen Linkstrend in Gesellschaft, Kultur und Medien aufhalten. 1968 rief die Zeitschrift Abendland, die 1964 von Herbert Meier als Gymnasiastenzeitung gegründet worden war und sich zum Sprachrohr der rechtsintellektuellen Fronde mauserte, in einer Reihe von Grundsatzartikeln zu einem Neuanfang der Rechten auf. Weltweit bahne sich eine „konservative Revolution“ an, und es sei der Moment gekommen, die „Gleichheits- und Fortschrittsideologen“ herauszufordern. Diese Verve von rechts sprang bald auch auf die Schweizer Universitäten über, wo sich Studierendengruppen und Zeitschriften als Gegengewicht zu einer links politisierenden Studierendenschaft präsentierten, wie beispielsweise an der Universität Zürich der Studenten-Ring, in dem Christoph Blocher seine ersten Erfahrungen in politischer und ideologischer Arbeit machte.

Kulturkampf von rechts

Von Beginn an war es erklärtes Ziel der Neuen Rechten, einen „Kulturkampf von rechts“ zu führen und gegen die vermeintliche hegemoniale Stellung der Linken in Kultur und Gesellschaft ins Feld zu ziehen. Um intellektuelle und diskursive Definitionsmacht zu erlangen, war es ihr wichtig, eine geistige Revitalisierung und strategische Neuorientierung der Rechten voranzutreiben. Dabei scheute sich die Neue Rechte nicht, linke Theoretiker und Strategien zu vereinnahmen. So griff Alain de Benoist, Mitgründer des GRECE und maitre de pensée der französischen Neuen Rechten, in seinem 1977 erschienenen Artikel „Pour un Gramscisme de droite“ auf den italienischen Marxisten Antonio Gramsci zurück. Er schloss an dessen Grundgedanke an, dass die Übernahme der politischen Macht nicht ohne vorhergehende Übernahme der kulturellen Macht möglich sei. Ausgehend von der Vorstellung, dass der Wandel der Gesellschaft zuerst in den Köpfen stattfinde, erschien die Veränderung von Mentalitäten und Wertvorstellungen in der Neuen Rechten nunmehr als ein zentrales Vorhaben. Zum einen markiert diese „metapolitische Strategie“ eine Distanz zur Tages- und Parteienpolitik und betonte die ausserordentliche Bedeutung kultureller und intellektuelle Arbeit. Zum anderen sollte auf diese Weise gezielt die gesellschaftliche Elite angesprochen und dadurch ein Multiplikatoreneffekt erreicht werden.

Auch in Sachen Taktik und Protest bediente sich die Neue Rechte bei der linken 68er Bewegung. Begrenzte Regelverletzung und öffentliche Störaktionen, Provokation und Tabubruch wurden als taktische Mittel bewundert und kopiert. Unkonventionelle Protestformen auf der Strasse und disruptive Interventionen in den Hörsälen gehörten zur ihrem Handlungsrepertoire. So gilt eine spektakuläre, medienwirksam inszenierte Demonstration gegen die Ostverträge 1970 in Kassel, als eine DDR-Flagge öffentlich zerrissen wurde, als „Gründungsmoment der rechten APO“, wie es Thomas Wagner in seinem Buch Die Angstmacher zum Verhältnis der Neuen Rechten zu 1968 nennt. Inspiration für Querdenken und Subversivität suchte sie bei der künstlerischen Avantgarde und progressiven Intellektuellen, wie zahlreiche Beiträge in der Zeitschrift Tumult zeigen. Um Regelverstösse und Widerstandsaktionen durchzuführen, rief die Neue Rechte verschiedene Gruppierungen ins Leben, wie die 2008 um den Verleger Götz Kubitschek gegründete Konservativ-Subversive Aktion, die sich mit ihrem Namen auf die Subversive Aktion, eine Keimzelle der bundesdeutschen 68er Bewegung, berief. Mit Bewunderung schrieb denn auch 1994 Hans-Ulrich Kopp, damals Redaktor der Jungen Freiheit, in der Schweizerzeit, die viel zum Transfer neurechter Ideen und Autoren von Deutschland in die Schweiz beigetragen hat, dass die 68er eine „dynamische, zielgerichtete und von starkem politischem Gestaltungswillen getragene Bewegung“ gewesen sei, wie auch immer man ihr Ziel beurteile.

Arbeit an Begriffen und Deutungen

In ihrem Kulturkampf ging es der Neuen Rechten darum, bestimmte Themen der Linken zu besetzen und begrifflich und semantisch zu rekonfigurieren. Ob Umweltschutz oder Migration, Geschlechterfragen oder Selbstverwaltung, Bildungswesen oder Sozialstaat, breitgefächert waren die Debatten, in die sich die Neue Rechte einmischte. Besonders einflussreich war sie mit dem Diktum „Recht auf kulturelle Differenz“, mit dem sie die kulturalistische Wende des Rassismus in den Migrationsgesellschafen der Nachkriegszeit nachhaltig prägte. Dabei nahm sie Begriffe wie Kultur und Differenz auf, beides Steckenpferde neuer linker Theoriearbeit, und nutzte sie, um sich vom klassischen, hierarchisch und biologistisch argumentierenden Rassismus zu distanzieren und diskursive Grundlagen für den so genannten „Neorassismus“ zu legen. Zum einen vertrat sie dabei ein essentialistisches Kulturverständnis und erklärte kulturelle Charakteristika zum zentralen Unterscheidungsmerkmal gesellschaftlichen Zusammenlebens. Zum anderen gab sie vor, egalitäre Prämissen zu verfechten und nicht mehr für Heterophobie, sondern für Heterophilie einzutreten. Indem die Angst vor Verschiedenheit und Andersartigkeit der Betonung der Unterschiede und der Lobpreisung der Differenz weichen sollte, verfolgte die Neue Rechte mit einer solchen ethnopluralistischen Argumentation das Ziel der absoluten Trennung von Kulturen und Gruppen, in Sinne einer global verstandenen Apartheid.

Mit der Wiederbelebung nationalrevolutionärer Traditionen versuchte die Neue Rechte ebenfalls in linke Domänen einzudringen und dort Brücken zu schlagen. In nationalrevolutionärer Manier rief sie zur Solidarität mit dem identitären Kampf nationaler Minderheiten auf und verteidigte mit Nachdruck das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Anschlussfähig war dies an die antiimperialistische Kritik der 68er und ihre Unterstützung von Befreiungsbewegungen in der sogenannten Dritten Welt, insbesondere im Kontext des Vietnamkriegs. Vor allem aber erhielten dadurch identitätspolitische Themen wie auch die so genannte „nationale Frage“ einen immer höheren Stellenwert und läuteten den Siegeszug des Identitätsbegriffs ein. Eine zentrale Figur dieser Ideologiearbeit war der nationalrevolutionäre Theoretiker und Mitgründer der Aktion Neue Rechte Henning Eichberg, der 1978 den Begriff der „nationalen Identität“ mit seinem gleichnamigen Buch lancierte – ein Begriff, der in der Bundesrepublik zuvor kaum zu finden war.

Von 1968 gelernt

Wenn in den laufenden Erinnerungsarbeiten die „Verwalter der Erzählung von 1968“ (Axel Schildt) den Kampf für eine partizipative, egalitäre und solidarische Gesellschaft mit Langzeitwirkungen ins Zentrum stellen, wird vergessen, dass diese Gesellschaftsideale eine neue Generation von rechten Intellektuellen und Aktivisten besonders herausgefordert und angestachelt haben. Seit ihren Anfängen hat die Neue Rechte nicht nur die Öffnung des Sagbaren und Einforderbaren durch die 68er Bewegung dazu genutzt, um ihre eigenen gesellschaftspolitischen Positionen zu schärfen, sondern auch von den 68ern gelernt, wie strategische und semantische Arbeit aussieht. Inzwischen ist die Neue Rechte von der metapolitischen zur realpolitischen Strategie übergegangen und greift offenkundig nach der Definitions- und Deutungsmacht. Ihre Leser- und Anhängerschaft weitet sich stark aus, ihre Vertreter walten als Stichwortgeber und Politikberater im globalen Aufstieg der Rechtspopulismus. Eine Erzählung, die diese konfliktuellen und konkurrentiellen Dimensionen und Brüche von 1968 ausblendet, vernachlässigt die Vorgeschichte für die gegenwärtig stattfindenden Verschiebungen und Auseinandersetzungen zwischen rechts und links.