1968, die Linke und die „Arbei­ter­klasse“

„68“ war der politisierte Höhepunkt der Kulturrevolution der 1960er Jahre. Der Linken wird heute vorgeworfen, sie habe damals begonnen, sich nicht mehr für die Arbeiter zu interessieren und betreibe seither nur noch „Identitätspolitik“. Das tönt plausibel. Aber stimmt es denn auch?

In den poli­ti­schen Turbu­lenzen der Gegen­wart ist das Jahr 1968 erneut ein Flucht­punkt von Kritik wie auch der Selbst­re­fle­xion der Linken. Von rechts außen wird die Libe­ra­lität der heutigen Gesell­schaften als „links-grün versifft“ denun­ziert und dafür „68“ die Schuld gegeben. Etwas wohl­mei­nen­dere Libe­rale beklagen, dass „die Linke“ seit 1968 „die Arbeiter“ aufge­geben habe und sich bald nur noch um die „Iden­tität“ verschie­dener Gruppen jenseits der „Mitte der Gesell­schaft“ kümmerte. Das ist ein Vorwurf, der insbe­son­dere von Didier Eribon populär gemacht wurde und der auch die Nieder­lage Hillary Clin­tons gegen Donald Trump zu erklären scheint.

In den diversen Lagern der poli­ti­schen Linken wiederum streitet man darüber, ob 68 eine „Revo­lu­tion“ war, die kurz­fristig viel­leicht geschei­tert sei, deren Impulse aber wieder aufge­griffen werden müssten. Gret­chen Dutschke, die Witwe des West-Berliner Studen­ten­füh­rers Rudi Dutschke, hält daran fest, dass der entschei­dende Reform­im­puls von „68“ ausging. Andere 68er bezwei­feln das. Der Osteuropa-Historiker und ehema­lige KBW-Funk­tionär Gerd Koenen sagt, die Linke verkläre „68“ zum Mythos, sie müsse jedoch aner­kennen, dass der gesell­schaft­liche Reform­pro­zess schon lange vor „68“ einge­setzt habe. In ähnli­cher Weise schätzt auch der ehema­lige Göttinger Studen­ten­funk­tionär und spätere Sozio­lo­gie­pro­fessor Wolf­gang Eßbach in einem Inter­view in der FAZ die Bedeu­tung von „68“ ein: Die dama­lige Revolte sei nicht der Beginn, sondern das „Ende einer Reform­phase“ gewesen. Und er unter­streicht, dass die „68er“ stre­cken­weise auch sehr into­le­rant und zumin­dest verbal gewalt­tätig gewesen waren.

Ameri­ka­ni­sie­rung und Nonkonformismus

Um in diesem Gewirr der Flucht­li­nien und Rück­blicke, die „68“ mit der Gegen­wart verbinden, den Über­blick nicht ganz zu verlieren, kann man fest­halten, was allein schon aus chro­no­lo­gi­schen Gründen unbe­streitbar ist: „68“ kam spät – zumin­dest gemessen an der Frage, welche Prozesse die west­li­chen Gesell­schaften in der Zeit nach dem Zweiten Welt­krieg am nach­hal­tigsten verän­dert hatten. In den 1950er Jahren domi­nierte unter dem ideo­lo­gi­schen Konfor­mi­täts­druck, der vom Kalten Krieg ausging, auf der einen Seite zwar die Anstren­gungen, die „bürger­liche“ Gesell­schaft zu restau­rieren, die im „Zeit­alter der Extreme“ (Eric Hobs­bawm) zerbro­chen war. Auf der anderen Seite aber kündete die gerade von Konser­va­tiven viel­be­klagte „Ameri­ka­ni­sie­rung“ der Nach­kriegs­ge­sell­schaft einen tief­grei­fenden kultu­rellen Wandel an.

Elvis Presley, No. 2, 1957; Quelle: eil.com

Meine Eltern gehörten zu jenen, die damals jung und hip waren – die „58er“, gleichsam. Sie hatten mit „nonkon­for­mis­ti­schem“ Gusto alle Normen der Väter­ge­nera­tion der 1930er und 40er Jahre verachtet – aber sie waren selbst­ver­ständ­lich anti­kom­mu­nis­tisch einge­stellt, wenn auch mehr tech­no­kra­tisch als poli­tisch denkend, und sie blieben bürger­lich, hörten Jazz und verkehrten nur unter ihres­glei­chen. Von den prole­ta­ri­schen Rockern oder den Halb­starken und ihrer Musik, dem Rock’n’Roll, waren sie meilen­weit entfernt. In den 60er Jahre verän­derte sich diese Welt dann in atem­be­rau­bend schneller Weise: Das Amalgam von neuen Konsum­mög­lich­keiten, neuer Musik – die Beatles in erster Linie –, ameri­ka­ni­scher counter culture, „bewusst­seins­er­wei­ternden“ Drogen und den gesell­schaft­li­chen Effekten der „Pille“ verschob inner­halb weniger Jahre, viel­leicht sogar im Veröf­fent­li­chungs­rhythmus der Beatles-Alben, die kultu­relle Selbst­wahr­neh­mung west­li­cher Gesell­schaften. Es dauerte nicht lange, bis auch die 68er die Krawatte ablegten.

Die Neue Linke

Zugleich entstand in den USA und in West­eu­ropa eine poli­ti­sche Strö­mung, die der „alten“ Linken der reform­ori­en­tierten Sozi­al­de­mo­kratie wie auch der moskau­treuen Kommu­nis­ti­schen Parteien das Projekt einer „Neuen Linken“ entge­gen­stellte. Mit ihrem „Neo-Marxismus“ – der ein erneu­erter „klas­si­scher“ Marxismus sein wollte – sollte die Revo­lu­tion wieder denk­mög­lich werden. Die real­po­li­ti­schen Refe­renzen dieser jungen Linken waren nicht mehr länger „Moskau“, sondern die als „revo­lu­tionär“ einge­schätzten anti­ko­lo­nialen Befrei­ungs­be­we­gungen der Dritten Welt.

Die Neue Linke war zudem ein politisch-intellektuelles Projekt, das sozial darauf basierte, dass in den 1960er Jahren der elitär verengte Zugang zur höheren Bildung sich erwei­terte und die Univer­si­täten unter dem Druck des Zustroms aus nicht-bürgerlichen Schichten „refor­miert“ bzw. auch neu gegründet werden mussten – und dabei viele bishe­rige Fakul­täten und Profes­soren plötz­lich sehr alt aussahen. Weil ein großer Teil der Kritik der Neuen Linken sich auf die als „muffig“ empfun­denen – und streck­weise auch noch von alten Nazis durch­setzten – Univer­si­täten bezog, ist es nicht über­trieben zu sagen, dass „68“ die erste Revolte der aufkom­menden Wissens­ge­sell­schaft war: Ein Aufstand von Kopf­ar­bei­te­rInnen gegen die veral­teten Produk­ti­ons­ver­hält­nisse intel­lek­tu­eller Tätig­keit. Wenn etwa Rudi Dutschke nach seinen revo­lu­tio­nären Zielen nicht im globalen Maßstab, sondern vor Ort gefragt wurde, antwor­tete er nicht zuletzt mit Forde­rungen nach einer anderen Orga­ni­sa­tion von Seminaren…

Rudi Dutschke auf dem Vietnam-Kongress, West-Berlin 1967; Quelle: berliner-zeitung.de

In Verbin­dung mit den oben ange­deu­teten kultu­rellen Umbrü­chen kann man jeden­falls fest­halten, dass „68“ der poli­ti­sierte Höhe­punkt einer Kultur­re­vo­lu­tion war, in der glei­cher­maßen erbit­tert über die Länge von Haaren und Röcken gestritten wurde wie über den Krieg in Vietnam, und ebenso über „bürger­liche“ Wissen­schaft wie den „prole­ta­ri­schen Inter­na­tio­na­lismus“. Vor allem aber: Die „Befreiung“ des Indi­vi­duums gegen einengende Normen war nun kein Elite­pro­jekt mehr wie der Nonkon­for­mismus der 50er Jahre, sondern einer­seits dessen gesell­schaft­lich brei­tere Abstüt­zung und Durch­set­zung – und ander­seits die neue politisch-theoretische Begrün­dung des Nicht-Konformen, Kriti­schen in einem Denken jenseits des Kalten-Krieg-Konsenses.

Die Arbei­ter­klasse will nicht

Allein, wo bleibt bei all dem die „Arbei­ter­klasse“? Man könnte dazu zuerst auf Entwick­lungen der Popu­lär­kultur hinweisen, auf die hier schon Erich Keller aufmerksam gemacht hat: Mit den Rolling Stones, die den schwarzen – und prole­ta­ri­schen – Chicago-Blues in die briti­sche Popmusik impor­tierten, und vor allem mit Bands aus der Indus­trie­ge­gend von Birmingham wie Led Zeppelin oder Black Sabbath formierte sich aller­spä­tes­tens zu Beginn der 1970er Jahre eine kultu­relle Verbin­dung von Mittelschicht-Jugendbewegung und zumin­dest Teilen der prole­ta­ri­schen Jugend­kultur, die es so vorher nicht gab.

Vor allem aber war das poli­ti­sche Denken der Neuen Linken ganz auf „die Arbei­ter­klasse“ bezogen. In riesigen Text­fluten, die schon seit den 80er Jahren als unlesbar galten, unter­nahm sie die Anstren­gung, die Kultur­re­vo­lu­tion, die sich gerade ereig­nete, an den theo­re­ti­schen Rahmen der Revo­lu­ti­ons­kon­zepte von Marx, Lenin und Rosa Luxem­burg zurück­zu­binden. Die „Energie“ der Jugend- und Studen­ten­re­volte sollte sich, so die Hoff­nung, mit den „objek­tiven“ Inter­essen der „Arbei­ter­klasse“ verbinden und zur eigent­li­chen Revo­lu­tion führen, jene, die den „bürger­li­chen Staat“ zerschlagen und in Verbin­dung mit den Befrei­ungs­be­we­gungen im Welt­maß­stab siegen würde.

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“Roter Morgen”, Mai 1970; Quelle: ciml.250x.com

Auch wenn sich im Rück­blick ein etwas spöt­ti­scher Ton kaum vermeiden lässt, muss man immerhin fest­halten: Die 68er meinten es sehr ernst mit der „Arbei­ter­klasse“. Das gilt vor allem für jene Akti­visten, die nach 1968, als die Studenten- und Protest­be­we­gung geschei­tert war – und z.B. in Frank­reich trotz Massen­streiks im Mai im Juli dann de Gaulle wieder­ge­wählt wurde –, sich daran­machten, die Reste der Bewe­gung in Partei­struk­turen zu orga­ni­sieren. In Italien, Frank­reich, Deutsch­land und anderswo entstanden neue, häufig maois­ti­sche Kleinst­par­teien, die sich als Avantgarde-Organisationen verstanden und deren Ziel es war, „die Arbei­ter­klasse“ zu orga­ni­sieren. Nicht wenige ehema­lige Studenten schmissen ihre Studi­en­pläne und Karrie­re­mög­lich­keiten hin und gingen in die Fabriken, um Seite an Seite mit den Arbei­tern bei Ford oder Opel, bei Fiat oder in der chemi­schen Indus­trie zu „malo­chen“. Viele andere standen jeden Morgen in aller Frühe vor den Fabrik­toren und verteilten die „Rote Fahne“, den „Roten Morgen“ und ähnliche Zeitungen der extremen Linken.

Allein, es half nichts. Obwohl ein guter Teil jener, die von der Aufbruch­stim­mung um „68“ bewegt worden waren, sich dafür entschieden haben, „im Dienste der Arbei­ter­klasse“ ein von fieber­haftem Akti­vismus getrie­benes Leben als leni­nis­ti­sche „Kader“ zu führen, inter­es­sierten sich die Arbeiter kaum für deren schwung­volle Reden über die „objek­tiven Inter­essen der Werk­tä­tigen“. Die wirk­li­chen Inter­essen der Arbeiter zielten auf Lohn­er­hö­hungen, Reformen und den sozialen Aufstieg ihrer Kinder, nicht auf die Revo­lu­tion. Auf sich selbst zurück­ge­worfen, versanken viele dieser „K-Gruppen“ in sektie­re­ri­schen Posi­ti­ons­kämpfen und lösten sich oft schon Ende der 1970er Jahre wieder auf, spätes­tens aber mit dem Jahr 1989, als in Berlin die Mauer fiel.

Der Druck wirk­li­cher Veränderungen

Warum fand die Neue Linke keinen stabilen, länger­dau­ernden Kontakt zur „Arbei­ter­klasse“, um die das ganze neo-marxistische Denken doch kreiste? Und warum fanden die 68er gerade in Deutsch­land kein Echo bei den „prole­ta­ri­schen Massen“, mit denen sie am Fließ­band standen? Dazu lassen sich m.E. fünf – alle­samt bekannte – Faktoren nennen, die nichts mit einem wie auch immer gear­teten „mora­li­schen“ Versagen der Linken zu tun haben, alles aber mit dem Druck wirk­li­cher Veränderungen.

Erstens haben die tech­no­lo­gi­sche Revo­lu­tion der 1970er Jahre, vor allem die Compu­te­ri­sie­rung von Werk­zeug­ma­schinen, die damit verbun­dene Abkehr vom „fordis­ti­schen“ Fliess­band und die im Gefolge der Wirt­schafts­krise einsetz­tenden Deindus­tria­li­sie­rungs­pro­zesse den klas­si­schen linken Vorstel­lungen vom „Indus­trie­pro­le­ta­riat“ als dem „fort­ge­schrit­tensten“ und poten­tiell revo­lu­tio­närsten Teil der „Arbei­ter­klasse“ jede Grund­lage entzogen: Das Prole­ta­riat als „Klasse“ löste sich auf. 1980 publi­zierte der marxis­ti­sche Theo­re­tiker André Gorz sein mani­fes­t­ar­tiges Buch Abschied vom Prole­ta­riat. Das bedeutet zwei­tens aber nicht, dass es seither keine margi­na­li­sierten Schichten mehr gibt. Viele weiterhin prole­ta­ri­sche und sons­tige prekäre Beschäf­ti­gungs­formen wurden jedoch von Migran­tInnen über­nommen, was diese neue Arbei­ter­schaft poli­tisch sprachlos machte. Den tradi­tio­nellen linken Parteien brach auf diese Weise ein substan­zi­eller Teil ihres ehemals „natür­li­chen“ Elek­to­rats weg, während die Neue Linke in Wahlen weit­ge­hend chan­cenlos blieb.

Drit­tens: Anfang der 1970er Jahre drängte sich mit aller Macht eine neue Proble­matik in den Vorder­grund: die Umwelt. Der Effekt dieser Verschie­bung auf das Poli­tik­ver­ständnis der Linken ist kaum zu über­schätzen, weil große Teile von ihr den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt, auf den die Arbei­ter­be­we­gung bislang alle Hoff­nung gesetzt hatte, plötz­lich mit sehr kriti­schen Augen zu sehen begann. Für die verblie­benen Indus­trie­ar­beiter konnte dies kein attrak­tives poli­ti­sches Projekt sein; mit der eigenen sozialen Lage hatte „die Umwelt“ wenig zu tun.

“Befreit die sozia­lis­ti­schen Eminenzen von ihren bürger­li­chen Schwänzen”: Frank­furter Weiberrat, Flug­blatt, 1968; Quelle: mikiwiki.org

Vier­tens: Die 68er-Revolutionäre wurden sehr bald mit einer ganz neuen Form von Kritik konfron­tiert: dem Femi­nismus der Neuen Frau­en­be­we­gung. Diese Kritik verän­derte die Linke grund­le­gend: Was die 68er-Theoretiker gerne noch als „Neben­wi­der­spruch“ abgetan hatten, wurde zur unaus­weich­li­chen Frage um „uns selbst“, um Bezie­hungen, Lebens­weisen. Die Linke konnte, als „fort­schritt­liche Kraft“, diesen Fragen unmög­lich auswei­chen. Wieso sollte die Unter­drü­ckung von Frauen weniger wichtig sein als die von Arbeitern?

Fünf­tens aber ging von der seit den 1960er Jahren einset­zenden Indi­vi­dua­li­sie­rung, Libe­ra­li­sie­rung und Plura­li­sie­rung von Lebens­stilen der grund­sätz­lichste Verän­de­rungs­druck aus. Er bewirkte nicht zuletzt, dass sich „margi­nale“ Gruppen und Subjekt­po­si­tionen zu arti­ku­lieren begannen, die im tradi­tio­nellen Deutungs-Repertoire der Linken nicht vorge­sehen waren. Auch wenn sich zwei­fellos nicht alle dieser neuen Gruppen von der Linken reprä­sen­tiert sehen wollten, so gilt umge­kehrt aber auch, dass die post-industrielle und z.T. auch schon post-marxistische Linke es sich nur um den Preis der Selbst­auf­gabe hätte leisten können, den Margi­na­li­sierten und Anderen  ihre Stimme nicht zu leihen. Sollten denn Migran­tInnen weniger wichtig sein als weisse was man nicht sagt Frauen oder einhei­mi­sche Arbeiter…?

Fazit: Nicht die Linke hat sich dafür entschieden, sich von ihrer tradi­tio­nellen Rolle als Reprä­sen­tantin der Arbei­ter­schaft zu verab­schieden – sie wurde von der Macht sich verän­dernder Verhält­nisse schritt­weise dazu gedrängt. Dass ein gewisser Prozent­satz des übrig­ge­blie­benen (und stimm­be­rech­tigten) Prole­ta­riats sich jetzt zusammen mit national gesinnten („Wut-“)Bürgern reak­tio­nären Ange­boten wie der AfD, dem Front National oder der Lega Nord an den Hals wirft, ist tragisch und hat viele, komplexe Gründe. Aber es hat nichts mit einem „mora­li­schen“ Versagen der Linken zu tun. Und es bedeutet auch nicht, dass die Linke nun den Fehler begehen sollte, die Phan­tasmen der Vergan­gen­heit – den „tradi­tio­nellen“ Arbeiter einer­seits oder die Nation ande­rer­seits – wieder­ent­de­cken zu wollen. Sie muss jene poli­ti­sche Kraft bleiben, die die Unterdrückungs- und Ausbeu­tungs­er­fah­rungen aller Teile der Gesell­schaft arti­ku­liert. Auch wenn sie es dabei nicht allen recht machen kann.