16 shots: Von der Gewalt gegen schwarzes Leben in den USA

Alle 28 Stunden stirbt in den USA ein Afroamerikaner durch die Polizei oder private Sicherheitsdienste. Wer die Missachtung schwarzen Lebens in Amerikas Gegenwart verstehen will, muss in die Geschichte schauen. Die Wucht der Bilder dieser Gewalt hilft, sie zu kritisieren.



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Am 20. Oktober 2014 um 21:53 Uhr geht bei der Polizei Chicagos ein Notruf ein: Ein junger Mann, African-American, laufe mit einem offenen Messer mit etwa acht Zentimeter Klinge auf der South Pulaski Rd. an der Ecke zur 41. Strasse herum. Die South Pulaski liegt im Südosten der Stadt in einer eher traurigen Gegend, wie auf google streetview zu sehen ist. Gesäumt von kleinen, ärmlichen Einkaufsmalls führt sie zum Highway I 55, links ein Burger King, rechts ein Dunkin Donuts – das Übliche.

Weniger als fünf Minuten benötigt die Polizei, um zu dem Ort des Geschehens zu gelangen; dorthin, wo Officer Jason van Dyke den jungen Mann namens Laquan McDonald niederschiessen wird – 30 Sekunden, nachdem van Dyke selbst dort angekommen ist, sechs Sekunden nachdem er aus dem Wagen gestiegen ist, mit 16 Schuss, bis das Magazin seiner Waffe leer ist.

Wie ist solche Gewalt gegen African-Americans möglich? Sie gründet in einer Nichtanerkennung schwarzen Lebens in den USA, die nur historisch zu verstehen ist. Sichtbar gemacht wurde diese fortwährende Missachtung schwarzen Lebens nicht zuletzt durch Bilder der Gewalt. Wie im Fall McDonald eröffneten sie immer wieder die Möglichkeit, die herrschenden Macht- und Gewaltverhältnisse zu kritisieren und zu verändern.

Eine Geschichte der Gewalt gegen schwarze Körper

Der afroamerikanische Intellektuelle Ta-Nehisi Coates ist einer der derzeit prägnantesten Analytiker, die die Gewalt gegen schwarze Körper und die Missachtung schwarzen Lebens in den USA anklagen. Dabei geht Coates in Between the World and Me (2015) von seinen eigenen Lebenserfahrungen aus, die durch und durch von der Auseinandersetzung mit Gewalt geprägt gewesen seien. Im weissen, aber häufig auch im schwarzen Blick selbst, setze sich die afroamerikanische Geschichte aus Tausenden von Geschichten der Sklaverei, Segregation und Verarmung zusammen. Historisch könne der schwarze Körper so keine Anerkennung als Subjekt erfahren, und dadurch werde ihm die Anerkennung des Mensch- und Bürgerseins verweigert: „Being black was just someone’s name for being at the bottom, a human turned to object, object turned to pariah.“ Weiss zu sein, bedeute hingegen, Mensch zu sein. Entsprechend liesse sich mit dem Psychiater und Kolonialismuskritiker Frantz Fanon auch formulieren: Die Hautfarbe – die Idee der Rasse – macht manche Menschen nach wie vor zu den Verdammten dieser Erde (1961). Es verwundert kaum, dass das Fanonsche Denkens sowie postkoloniale Theoriebildung, die um die Anerkennung des Mensch-Seins und die Möglichkeitsbedingungen der Gewalt kreisen, in den jüngsten Debatten um Gewalt gegen African-Americans wieder Konjunktur haben.

Für Coates bildet die Geschichte die Folie, vor der die Gewalt und die Missachtung schwarzen Lebens in der Gegenwart erst lesbar werden. So werden die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und Verfassung zwar gern uneingeschränkt als Errungenschaften gepriesen, die seit 1776 versprochen haben, alle Menschen vor Willkür und Gewalt zu schützen. Zugleich aber ist für schwarze Menschen die Nichtanerkennung ihres Menschseins geradezu systemisch in der US-Geschichte verankert, wie auch Charles W. Mills in The Racial Contract (1997) eindrücklich zeigt. Sie ist die amerikanische Version der „Entmenschlichung des Kolonisierten,“ von der Fanon spricht.

Bei dieser Entmenschlichung sind der Staat, das Recht und seine Institutionen oft Komplizen gewesen, wie Colin Dayan in ihrem pointierten Buch über The Story of Cruel and Unusual (2007) argumentiert. Denken wir nur an die Slave Codes vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, also die ganz eigenen Gesetze zur Regulierung der Sklaverei und zur Beherrschung schwarzer Menschen; denken wir an die so genannten Jim Crow-Gesetze, welche die Segregation – die amerikanische Version der Apartheid – zwischen den 1890er und 1960er Jahren zu geltendem Recht gemacht haben; denken wir an Tausende Lynchmorde an schwarzen Menschen, bei denen weisse Amtsträger den Mob oft anführten; denken wir an den Gefängnisstaat, den Michelle Alexander so treffend als The New Jim Crow (2010) bezeichnet und der seit den 1970er Jahren die afroamerikanische Community zerfrisst – und dies trotz oder vielleicht gerade wegen der Erfolge der Bürgerrechtsbewegung in den Jahrzehnten zuvor.

Kein Zweifel: Es gibt heute eine grössere schwarze Mittelklasse, schwarze Professorinnen und Politiker, ja, in den letzten acht Jahren hat sogar eine schwarze Familie im Weissen Haus gelebt. Zugleich aber ist Schwarzsein so eng wie eh und je an Armut, Gewalterfahrung und Nicht-Anerkennung gekoppelt, und Armutsstrukturen sind in der neoliberalen Marktgesellschaft vielleicht sogar wirkmächtiger denn je zuvor. Nach wie vor existiert in den USA das, was Fanon als Kern kolonialer Gesellschaften beschreibt, nämlich eine „in Abteile getrennte Welt“. Vielleicht sind deren Grenzen in den letzten Jahren gerade deshalb mit solcher Gewalt forciert und immer wieder aufs Neue harsch gezogen worden, weil sie eben an anderer Stelle brüchiger geworden sind. Wir kennen das aus der Geschichte der USA: Nach der Emanzipation der Sklavinnen und Sklaven, nach der Reconstruction, zur Zeit des Civil Rights Movement und nun auch während der Präsidentschaft Obamas – immer nahm auch die rassistische Gewalt zu.

16 shots. Die Rolle der Polizei

Die segregierten Welten kommen im Alltag freilich andauernd miteinander in Berührung, und dies auch und vor allem durch die Polizei. Spätestens nachdem im August 2014 der weisse Polizist Darren Wilson den schwarzen Jugendlichen Michael Brown in Ferguson erschossen hatte, war auch diesseits des Atlantiks bekannt, dass die Polizeikräfte in den USA in aller Regel weiss dominiert sind und dass sie vor allem in schwarzen Vierteln oft wie eine Besatzungsmacht auftreten. Die Polizei sei die „Avant-Garde of White Supremacy“, schreiben Steve Martinot und Jared Sexton, und als solche habe sie sich schon das ganze 20. Jahrhundert hindurch gebärdet.

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Vor allem schwarze Männer sind in ihrem Alltag permanent auf der Flucht vor der Polizei, wie dies die Soziologin Alice Goffman in ihrer ethnographischen Studie On the Run (2014) dokumentiert. Und die Polizei Chicagos hat einen besonders schlechten Ruf. Auch deshalb ist dort nun jedes Polizeiauto mit einer Dashcam ausgestattet, die eigentlich auch funktionieren muss. Trotzdem: Von den acht Wagen, die an jenem Abend, als Laquan McDonald erschossen wurde, in die South Pulaski Rd. kamen, hatten am Ende drei gar keine Videoaufzeichnungen, und das Bildmaterial der anderen Wagen versuchten Polizei und Politik unter Verschluss zu halten. Auch das Band einer Sicherheitskamera des Burger King wies erstaunlicherweise eine Lücke von 86 Minuten auf.

Also war man zunächst nur auf den offiziellen Polizeibericht angewiesen, wenn man genauer wissen wollte, wie Laquan McDonald gestorben ist. Schon der Aufkleber ganz oben auf der Berichtsmappe bringt die Einordnung des Geschehens auf den Punkt und gibt die Richtung des Denkens vor. „Agg Asslt to PO, Knife“ und „Justifiable Homicide“ heisst es dort. Im Bericht sind drei Polizisten („Male/White/41-46-36 Years“) als „Victim“ geführt, Laquan McDonald („Male/Black/17 Years“) als „Offender“. „Irrational“, „armed with a knife“, „aggressive“ habe sich der junge Mann dem Polizisten van Dyke genähert, so dass dieser aus Angst um sein Leben schiessen musste. Mehrfach habe van Dyke zuvor „drop the knife!“ gerufen, ohne dass McDonald reagiert habe. Wie oft kann man innerhalb von sechs Sekunden – vom Verlassen des Wagens bis zum ersten Schuss – eigentlich „drop the knife!“ rufen? Selbst niedergeschossen auf dem Boden liegend, habe McDonald nicht von seinem Messer lassen wollen, ist dort zu lesen.

Natürlich blieb van Dyke nach dem „Vorfall“ im Dienst. Bestehendes Videomaterial wurde zunächst beharrlich unter Verschluss gehalten, und zwar mit der Begründung, weitere mögliche Zeuginnen und Zeugen nicht beeinflussen zu wollen. Die Polizei und die Stadt Chicago versuchten zugleich, sich aussergerichtlich mit der Familie Laquan McDonalds zu einigen, was skeptisch machen muss. Doch am 24. November 2015, über ein Jahr nach dem Geschehen, gelang es einer Gruppe von Aktivistinnen, Journalisten und Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft Chicagos schliesslich, die Freigabe des existierenden Videomaterials zu erwirken.

Das Video zeigt die schockierende Exekution eines jungen Mannes, der auch bei allem Verständnis für die Gefahren des Polizeidienstes in den USA zu wenig gefährlich auftritt, um ihn niederzuschiessen. Schockierend ist auch, dass sich niemand für den von 16 Schüssen durchsiebten Menschen interessiert; niemand kümmert sich; niemand überprüft, ob er noch lebt; niemand versucht, das Leben zu retten, das dort zu Ende geht. Der getötete Körper auf der Strasse scheint vielmehr wie ein Zeichen der Macht des Souveräns, und die Bilder erinnern deshalb an die Lynching-Fotografien. Erst gut eine halbe Stunde später, um 22:42 Uhr, wird McDonald im Mount Sinai Hospital für tot erklärt. Michael Browns Körper hat in Ferguson sogar mehrere Stunden auf der Strasse gelegen.

Die Grafik aus dem pathologischen Bericht über McDonald führt das Mass der Gewalt vor Augen, doch die 16 Schusswunden lassen sich nicht mehr auf einen Blick erfassen: „left scalp—neck—left chest—right chest—left elbow—right upper arm—left forearm—lateral right upper leg—left upper leg—left upper back—right upper arm—right arm—right forearm—right hand—lower back—right upper leg,“ liest sich ein dazu gehöriger Text. Auch erfährt man von der Pathologin, dass der junge Mann „YOLO“ für „you only live once“ auf seinen Körper tätowiert habe. Indeed.

Strategien gegen die Gewalt

Was der Gewalt entgegensetzen? Kann tatsächlich nur Gewalt die Gewalt überwinden, wie Frantz Fanon schrieb und wie wohl die Polizistenmörder von Dallas und Philadelphia meinten? Oder kann das Sichtbarmachen der Gewalt, wie es in Chicago durch die Freigabe des Videos erkämpft wurde, ein probates Mittel sein?

Die afroamerikanische Journalistin und Aktivistin April Reign bestreitet dies. Sie betont im Gegenteil, das zig-fache Anklicken, Verlinken, Ver-„hashtaggen“ und „Sharen“ solcher Tötungsvideos wie dem von Laquan McDonald führe nur zu einer erneuten Unterwerfung der Getöteten in Endlosschleife und damit zu einer Verfestigung bestehender Machtverhältnisse. Einerseits ist dies kaum zu bestreiten, andererseits aber ist es der Film, der die Tötung Laquan McDonalds sichtbar macht und Zeugenschaft ermöglicht. In jüngster Zeit sind es immer wieder solche Filme von Handykameras, Sicherheitskameras oder eben Dashcams gewesen, die andere Perspektiven auf die Geschehnisse eröffnen und einer anderen Sicht der Dinge Raum geben. Der Film zeigt keinen aggressiven Laquan McDonald, der einen Polizisten attackiert. Deshalb wollten Polizei und Politik Chicagos den Film unter Verschluss halten, und deshalb ist es der Film, der die Proteste gegen die Instanzen von Cook County befeuert und den Prozess gegen Officer van Dyke ins Rollen gebracht hat. Letzteres kommt in Chicago übrigens fast nie vor, obschon die Polizei dort für ihre notorische Brutalität berüchtigt ist. Alle 28 Stunden stirbt in den USA ein Afroamerikaner durch die Hände von Polizei oder Sicherheitsdiensten – doch es ist dieser bestimmte Fall, von dem wir wissen.

Kein Zweifel: Bilder können Machtverhältnisse stabilisieren. Sie können Machtverhältnisse aber auch unterwandern und verschieben; sie können dazu beitragen, dass Menschen für die Gewalt, die sie ausüben, verantwortlich gemacht werden. Es gibt in dieser Frage kein Entweder-oder, schwarz oder weiss, es ist vielmehr ein Sowohl-als-auch: Bilder vermögen die Unterwerfung durch Gewalt zu reproduzieren, sie eröffnen aber auch Räume für Kritik. Dieses Sowohl-als-auch von Bildern hat sich in der Geschichte rassistischer Gewalt und des Kampfes gegen sie immer wieder gezeigt. So haben in der Mitte des 19. Jahrhunderts Bilder geschundener schwarzer Körper den Widerstand gegen die Sklaverei gestärkt, zugleich aber auch einen gewaltpornografischen Voyeurismus genährt. Als ein halbes Jahrhundert später Lynchingfotografien als Ansichtskarten verschickt und in weißen Dixie-Haushalten ausgestellt wurden, haben sie Vorstellungen schwarzer Verworfenheit und weisser moralischer Überlegenheit reproduziert. Abgedruckt in der Zeitschrift The Crisis der Bürgerrechtsorganisation NAACP waren dieselben Bilder aber auch Zeichen weisser Barbarei und eines brutalen Gewaltrassismus.

Entscheidend für die Frage, ob das Zeigen von Bildern ein Akt der Kritik sein kann, sind die Kontexte, in denen sie erscheinen, und die Deutungsmuster, die die Bilder überhaupt erst lesbar machen. Diese Deutungsmuster müssen das Menschsein der Gewaltopfer unterstreichen; zugleich muss deutlich werden, dass Gewalt in Wahrnehmungsweisen, Lebens- und Machtverhältnissen gründet, die ein Effekt von Geschichte und damit veränderlich sind. Nicht zuletzt deshalb hat schon der Politiker und Doyen der afroamerikanischen Geschichtsschreibung W.E.B. DuBois in Black Reconstruction in America (1935) uns Historikerinnen und Historiker dazu aufgefordert, uns zu Wort zu melden.