Geschichten der Gegenwart

„Nur zwei Din­ge auf Erden sind uns ganz sicher“, sag­te der US-ame­ri­ka­ni­sche Auf­klä­rer Ben­ja­min Fran­k­lin ein­mal: „Der Tod und die Steu­er.“ Schwei­zer Steu­er­be­ra­ter wis­sen jedoch: Die Steu­er ist es ganz bestimmt nicht. Trotz aller Weh­kla­gen über das bevor­ste­hen­de Ende des Bank­ge­heim­nis­ses ist die Schweiz immer noch ein attrak­ti­ver Hafen für vie­le Ver­mö­gen­de aus aller Welt, die zwar ihre irdi­sche End­lich­keit akzep­tiert haben mögen, aber nicht ihre Steu­er­pflicht.

Refugium für Reiche

Ende 2015 lagen gemäss Anga­ben der Schwei­ze­ri­schen Ban­kier­ver­ei­ni­gung 6’567,6 Mil­li­ar­den Fran­ken Ver­mö­gen in der Obhut von Schwei­zer Ban­ken. Die Hälf­te davon stammt aus dem Aus­land. Damit liegt ein Vier­tel der welt­wei­ten Off­shore-Ver­mö­gen in der Schweiz – mehr als irgend­wo sonst. Zum Scha­den der fast gesam­ten Welt: Der Washing­to­ner Think Tank „Glo­bal finan­ci­al Inte­gri­ty“ (GFI) schätzt, dass den Gemein­we­sen in den soge­nann­ten Ent­wick­lungs­län­dern (also jenen Län­dern, die fast aus­nahms­los aus den alten euro­päi­schen Kolo­ni­en ent­stan­den und die von Welt­bank und Inter­na­tio­na­lem Wäh­rungs­fonds (IWF) nicht zu den rei­chen Indus­trie­na­tio­nen gezählt wer­den, weil ihr Brut­to­in­lands­pro­dukt unter einem bestimm­ten Niveau ver­harrt) auf­grund von Steu­er­ver­mei­dung, Kor­rup­ti­on und Geld­wä­sche­rei jähr­lich ins­ge­samt eine Bil­li­on Dol­lar ver­lo­ren geht. Davon lan­den gemäss GFI etwa 30% in der Schweiz. Nicht nur Pri­vat­ver­mö­gen­de, son­dern vor allem auch Kon­zer­ne, die ihre Gewin­ne aus Toch­ter­fir­men in Län­dern mit hohen Gewinn­steu­ern ger­ne in die Tief­steuer­ge­bie­te ihrer Haupt­sit­ze ver­schie­ben, nut­zen ger­ne Schwei­zer Steu­er­ver­mei­dungs­in­stru­men­te. Allei­ne durch die Steu­er­ver­mei­dung von Kon­zer­nen, so hat der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF) aus­ge­rech­net, ver­lie­ren Ent­wick­lungs­län­der jähr­lich über 200 Mil­li­ar­den Dol­lar. Pri­va­te Steu­er­flucht und Steu­er­ver­mei­dung von mul­ti­na­tio­na­len Unter­neh­men kos­tet Ent­wick­lungs­län­dern jähr­lich ins­ge­samt zwi­schen 6–13 Pro­zent ihres Staats­bud­gets.

Die gegen­wär­ti­ge Rol­le der Schweiz als Steu­er­oa­se im glo­ba­li­sier­ten Kapi­tal­ver­kehr wider­spricht des­halb nicht nur den UNO-Zie­len für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung, die die Schweiz im letz­ten Jahr mit­un­ter­schrie­ben hat, son­dern auch ihrer eige­nen Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit: Das, was an Ent­wick­lungs­hil­fe­gel­dern in Län­der des glo­ba­len Südens fliesst, ver­lie­ren die­se wie­der­um durch Steu­er­flucht – und zwar zehn­fach. Der Schwei­zer Wirt­schafts­stand­ort pro­fi­tiert also immer noch pro­mi­nent und ganz sei­ner alten Tra­di­ti­on eines „Kolo­nia­lis­mus ohne Kolo­ni­en“ ent­spre­chend von einer glo­ba­len Reich­tums- und Macht­ver­tei­lung, die zwar den Kolo­nia­lis­mus als Herr­schafts­sys­tem, nicht aber die von ihm gesetz­ten Herr­schafts­ver­hält­nis­se zwi­schen den Welt­re­gio­nen und inner­halb der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­en über­wun­den hat.

Vernünftig ist, was sich rentiert

Die Nationalmannschaft im Standortwettbewerb in Aktion: 7. 11. 2016 - Aktion der USR III Befürworter auf dem Bundesplatz mit bürgerlichen Parteienvertretern, Quelle: NZZ am Sonntag

Die Natio­nal­mann­schaft im Stand­ort­wett­be­werb in Akti­on: 7. 11. 2016 – Akti­on der USR III Befür­wor­ter auf dem Bun­des­platz mit bür­ger­li­chen Par­tei­en­ver­tre­tern, Quel­le: NZZ am Sonn­tag

Eine wich­ti­ge Rol­le in der Kri­tik die­ses (post-)kolonialen Geschäfts­mo­dells spie­len die Uni­ver­si­tä­ten. In der Schweiz ist die­se bis­her jedoch fast voll­stän­dig Sache der Kul­tur- und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. Im Sin­ne einer Wie­der­ent­de­ckung der kri­ti­schen poli­ti­schen Öko­no­mie könn­ten sich aber eben­so die Wirt­schafts- und Rechts­fa­kul­tä­ten für die­se Kri­tik öff­nen. Auch, weil Fra­gen der inter­na­tio­na­len Steu­er­po­li­tik in der Schweiz zur­zeit ganz oben auf der Agen­da ste­hen: Der auto­ma­ti­sche Infor­ma­ti­ons­aus­tausch von Bank­kun­den­da­ten zwi­schen Steu­er­be­hör­den wird 2018 im Rah­men der sich seit 2013 durch­set­zen­den soge­nann­ten Weiss­geld­stra­te­gie mit 38 Län­dern ein­ge­führt. Über die Unter­neh­mens­steu­er­re­form III (USR III) stim­men die Schwei­zer Stimm­be­rech­tig­ten im kom­men­den Febru­ar ab, und die Umset­zung der neu­en inter­na­tio­na­len Stan­dards der Orga­ni­sa­ti­on für Ent­wick­lung und Zusam­men­ar­beit (OECD) im Bereich der inter­na­tio­na­len Steu­er­po­li­tik, die unter dem Namen „BEPS“ (engl. für Base Ero­si­on and Pro­fit Shif­ting) bekannt wur­den, ist in der Schweiz in die­sem Jahr ange­lau­fen.

Tat­säch­lich waren all die­se The­men vor zwei Wochen Gegen­stand eines Sym­po­si­ums an der Uni­ver­si­tät Lau­sanne mit dem Titel „The Post-Beps World“. Die Fakul­tä­ten für „Busi­ness and Eco­no­mics“ und für „Law, Cri­mi­nal Jus­ti­ce and Public Admi­nis­tra­ti­on“ luden in der Aula der „Swiss Gra­dua­te School of Public Admi­nis­tra­ti­on (IDHEAP)“ zur Eröff­nung des  „Tax Poli­cy Cen­ters“. Begrif­fe wie „Geschäfts­mo­dell“, „Steu­er­oa­se“, „Gewinn­ver­schie­bung“ oder „Reich­tums­ver­tei­lung“ kamen dann aller­dings wäh­rend des gan­zen Tages nicht vor. Die Ver­an­stal­ter gin­gen offen­sicht­lich nicht davon aus, dass die über hun­dert Gäs­te aus Steu­er­rechts­kanz­lei­en, Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen, Roh­stoff­fir­men und Gross­kon­zer­nen an sol­chen Zusam­men­hän­gen inter­es­siert waren. Ent­spre­chend waren Men­schen, die ihr Geld nicht mit der mög­lichst kos­ten­güns­ti­gen Aus­ge­stal­tung des Schwei­ze­ri­schen Steu­er­sys­tems ver­die­nen, son­dern sich eher mit des­sen Aus­wir­kun­gen im aus­sen-, wirt­schafts-, sozi­al- oder ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Kon­text beschäf­ti­gen, auch gar nicht erst ein­ge­la­den: Kei­ne NGOs, kei­ne steu­er­freund­li­chen Ökonom*innen, kei­ne Menschenrechtler*innen und nicht ein­mal die ent­wick­lungs­po­li­ti­schen Kapa­zi­tä­ten aus der Direk­ti­on für Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit des Bun­des (DEZA), die eini­ges zur Fra­ge der poli­ti­schen Wider­sprüch­lich­kei­ten zwi­schen Aus­sen­wirt­schafts- und Ent­wick­lungs­po­li­tik hät­ten bei­tra­gen kön­nen. Eini­ge weni­ge Dok­to­rie­ren­de waren da, auf Stu­die­ren­de traf ich nicht, was bei einer Teil­nah­me­ge­bühr von 650 Fran­ken (qua­si ein­mal Semes­ter­ge­bühr) auch nicht wei­ter erstaunt. Ich selbst war nur dabei, weil mein Arbeit­ge­ber die poli­ti­sche und wis­sen­schaft­li­che Unaus­ge­gli­chen­heit der Kon­fe­renz kri­ti­siert hat­te und ich selbst in einem län­ge­ren Tele­fo­nat einem aka­de­mi­schen Mit­ar­bei­ter, Mit­or­ga­ni­sa­tor und akti­ven Waadt­län­der Frei­sin­ni­gen auf des­sen Nach­fra­gen hin ver­si­cher­te, dass ich ers­tens einer „rein tech­ni­schen Debat­te zu Steu­er­the­men“ gewach­sen sei und zwei­tens auch nicht mit einem Trans­pa­rent am Insti­tuts­ein­gang auf­tau­chen wer­de.

„Mag sein, dass die Unter­neh­mens­steu­er­re­form III neue Gewinn­ver­schie­bungs­ri­si­ken bei Nie­der­las­sun­gen in Afri­ka eröff­net, aber für die Schweiz ist sie doch gut“, sag­te eine Mit­ar­bei­te­rin der Steu­er­rechts­kanz­lei Bär&Karrer aus Zürich beim mor­gend­li­chen „Cof­fee Break“. Auch SVP-Finanz­mi­nis­ter Ueli Mau­rer leg­te zur Eröff­nung des Tages in einer „medio­kren Rede“ (so ein KPMG-Mit­ar­bei­ter) den Fokus auf „das Wohl der Schweiz“, bevor er wie­der nach Bern eil­te, um an einer Pres­se­kon­fe­renz im Namen des Bun­des­ra­tes für ein Ja zur Steu­er­re­form zu wer­ben. Kurz vor Mau­rers Abgang erhob sich dann doch eine kri­ti­sche Stim­me: Der Waadt­län­der Sozi­al­de­mo­krat Roger Nord­mann, SP-Frak­ti­ons­chef im Bun­des­par­la­ment und einer der pro­mi­nen­ten Geg­ner der USR III, hat­te eben­falls kurz her­ein geschaut und zog die von einem sei­ner Vor­red­ner behaup­te­te „all­ge­mei­ne Ver­ständ­lich­keit und poli­ti­sche Aus­ge­wo­gen­heit“ der kom­men­den Steu­er­re­form in Zwei­fel. Sein Votum wur­de vom miss­mu­ti­gen Brum­meln des Saa­les beglei­tet. Ein Typ, der neben dem Chef der Steu­er­ab­tei­lung von Nest­lé sass,  johl­te wie im Sta­di­on: „Nicht der schon wie­der, halt die Fres­se!“ Der Saal woll­te kei­ne Steu­er­re­form­kri­ti­ker anhö­ren, son­dern ope­ra­tio­nel­les Wis­sen aus der Bun­des­ver­wal­tung, der OECD, den Uni­ver­si­tä­ten und der Steu­er­be­ra­tungs­in­dus­trie ver­mit­telt krie­gen. Sie soll­ten das sich wan­deln­de inter­na­tio­na­le steu­er­li­che Umfeld des Unter­neh­mens­stand­or­tes Schweiz ana­ly­sie­ren und auf sei­ne Kon­se­quen­zen für die Steu­er­op­ti­mie­rungs­ar­beit der Anwe­sen­den abklop­fen. Gefragt war Bera­tung, nicht Kri­tik, also die mög­lichst unge­stör­te Über­mitt­lung purer instru­men­tel­ler Ver­nunft.

So coach­ten die Referent*innen den Saal durch neue Regeln und Schlupf­lö­cher hin­durch. Dabei spra­chen sie die­se direkt als Berater*innen an: „For your com­pa­nies it is important to note, that…“, setz­te ein Ver­tre­ter des Staats­e­kre­ta­ri­ats für inter­na­tio­na­le Finanz­fra­gen des Bun­des (SIF) ein­mal an. Stand­ort- und Steu­er­wett­be­werb waren Natur­zu­stand; vor­po­li­ti­sche Axio­me, nach denen sich die in Lau­sanne ver­sam­mel­te Schwei­zer Natio­nal­mann­schaft im glo­ba­len Stand­ort­wett­be­werb rich­tet. Ihre Akteur*innen ken­nen sich gut: Man hat zusam­men stu­diert und bleibt ein­an­der durch ein Stel­len­wech­sel-Sys­tem der „Revol­ving Doors“ zwi­schen Kanz­lei­en, Ver­wal­tung, Uni­ver­si­tät und Unter­neh­mens­be­ra­tung ver­bun­den.

Atlas der Schweizer Weissgeldstrategie, Quelle: alliancesud.ch

Atlas der Schwei­zer Weiss­geld­stra­te­gie, Quel­le: alliancesud.ch

„We’re living in a free world“

Aus­ge­löst durch die Wirt­schafts­kri­se erfährt das inter­na­tio­na­le Steu­er­sys­tem unter der Feder­füh­rung der G20 und der OECD in den letz­ten Jah­ren zahl­rei­che Umge­stal­tun­gen. Es ent­steht hier eine neue Zwei­tei­lung der Welt: Die OECD- und G20-Län­der schaf­fen unter­ein­an­der Steu­er­trans­pa­renz und soge­nann­te „level play­ing fiel­ds“, die einen Wett­be­werb auf Augen­hö­he schaf­fen sol­len. Allen ande­ren (vor allem den ärme­ren Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern) ent­ste­hen man­gels Zugang zu die­sen neu­en Steu­er­in­for­ma­ti­ons­netz­wer­ken der zustän­di­gen Behör­den neue und wei­te­re volks­wirt­schaft­li­che Nach­tei­le.

Für die Schweiz steht in die­ser „Post-Beps-Welt“ der Fort­be­stand ihres Finanz­plat­zes als ver­schwie­ge­ner Tre­sor und als Son­der­steu­er­zo­ne auf dem Spiel. Da nicht nur das klas­si­sche Schwei­zer Bank­schliess­fach gemäss den neu­en OECD-Stan­dards für Kun­den aus Euro­pa, den USA und eini­gen weni­gen ande­ren Län­dern aus­ge­dient hat, son­dern auch die klas­si­sche Brief­kas­ten­fir­ma, ist im Schwei­zer Steu­er­op­ti­mie­rungs­ge­schäft zur­zeit Inno­va­ti­on gefragt. Die USR III soll hier nach dem Wil­len des rech­ten Par­la­ments in Bern alte Son­der­steu­er­re­gime durch neue erset­zen und für eine gene­rel­le Absen­kung der Gewinn­steu­ern in den Kan­to­nen sor­gen.

Dabei lägen die poli­ti­schen Alter­na­ti­ven zum ‚Sach­zwang‘ des glo­ba­len Steu­er­wett­be­werbs auf dem Tisch: Es gibt Ide­en für eine neue welt­wei­te Steu­er­ko­ope­ra­ti­on unter dem Dach der UNO („Glo­bal Tax Body“); für die Ver­öf­fent­li­chung von Kon­zern­buch­hal­tun­gen („Public Coun­try-by-Coun­try-Reporting“), um Gewinn­ver­schie­bun­gen inner­halb von Kon­zer­nen wie bei den Roh­stoff­händ­lern in Zug zu unter­bin­den; für öffent­li­che Regis­ter wirt­schaft­lich Berech­tig­ter von Fir­men, um dem Ver­schwin­den von Kapi­tal in der Off­shore-Wol­ke zuvor­zu­kom­men; oder für einen wirk­lich welt­weit bin­den­den auto­ma­ti­schen Infor­ma­ti­ons­aus­tausch von Bank­kun­den­da­ten. All das wären auch Mass­nah­men gegen die glo­ba­le Reich­tums­sche­re und Schrit­te hin zu einer ega­li­tä­rer orga­ni­sier­ten Welt­wirt­schaft. Am „Tax Poli­cy Cen­ter“ der Uni­ver­si­tät Lau­sanne scheint das aber bis auf wei­te­res nicht zu inter­es­sie­ren, wie man aus dem Eröff­nungs­tag der neu­en „For­schungs­ein­rich­tung“ schlies­sen muss. Als wol­le sich der Lau­san­ner Steu­er­rechts­pro­fes­sor Robert J. Danon der Geschlos­sen­heit der Stand­ort­wett­be­werbs­na­tio­nal­mann­schaft noch­mals ver­si­chern, rief er kurz vor Schluss des fina­len Panels, als es noch­mals um die Unter­neh­mens­steu­er­re­form III ging, wie ein ein­peit­schen­der Eis­ho­ckey­trai­ner in den Saal: „Is any­bo­dy in the room against this reform?“ Nichts als Geläch­ter. Danon, der auch als Kon­su­lent bei Bär&Karrer in Zürich amtet, lach­te mit und sag­te: „We’re living in a free world, by the way!“ Der Saal applau­dier­te. Dann gab’s end­lich Apé­ro.

Von Dominik Gross

Dominik Gross ist Wirtschaftshistoriker und arbeitet als Verantwortlicher für Internationale Finanz- und Steuerpolitik bei Alliance Sud, der entwicklungspolitischen Arbeitsgemeinschaft von Schweizer Hilfswerken.