Geschichten der Gegenwart

Wo stehen wir mit den Gender Studies heute? Wozu braucht es sie – in den einzel­nen Diszi­pli­nen und als Forschungs­an­lie­gen, das die verschie­de­nen Diszi­pli­nen verbin­det? Bei dem folgen­den klei­nen Parcours in die Vergan­gen­heit ist mir wich­tig, was Sigmund Freud in Bezug auf die Arbeit der Fanta­sie zum Ausdruck brachte: Die Denk­ar­beit, die zu leis­ten ist, rich­tet sich nicht nur auf eine Bestands­auf­nahme der Vergan­gen­heit und Gegen­wart, sondern ist in die Zukunft gerich­tet. Die Frage, wo sind wir herge­kom­men, ist an die Frage geknüpft: Wo wollen wir hin? So gilt es das, was bereits in den Gender Studies geleis­tet worden ist, in die Gegen­wart zurück­zu­ru­fen, damit es auch in Zukunft erin­nert werden kann. Es ist eine Frage der legacy, die uns etwas über das Heute verste­hen lässt, für eine noch offene Zukunft.

Kanon

Sophie Matisse: Back in five minutes. Mona Lisa 1997, Quelle: www.sophiematisse.com

Sophie Matisse: Back in five minu­tes. Mona Lisa 1997, Quelle: sophiematisse.com

Als ich in den 1980er Jahren in München studierte, hörte ich einen sehr beein­dru­cken­den Vortrag der Schrift­stel­le­rin Sarah Paretsky. Nach der Wende und somit dem Ende des Kalten Krie­ges verlor die spy fiction im Bereich der Krimi­nal­li­te­ra­tur an Brisanz; in diese Lücke traten Auto­rin­nen, die sich die männ­li­che Tradi­tion der hard boiled detec­tive fiction aus bewusst weib­li­cher Sicht aneig­nen und umschrei­ben woll­ten. Zusam­men mit Sue Graf­ten hatte Paretsky den Verband Sisters in Crime gegrün­det. Was mich an jenem Abend beson­ders beein­druckte: Um die histo­ri­sche lite­ra­ri­sche Tradi­tion zu beschrei­ben, in die sie mit ihren Roma­nen inter­ve­nie­ren wollte, erin­nerte sie an eine Buch-Serie von Biogra­fien bedeu­ten­der Figu­ren der ameri­ka­ni­schen Geschichte, die ich aus meiner eige­nen Jugend kannte. Die Bücher über das Leben der Frauen – von Pokahon­tas, Martha Washing­ton, Abigail Adams, Julia Ward Howe, Susan B. Anthony (um nur einige zu nennen) – hatten einen roten Einband, die der Männer einen blauen. Vor dem Regal, in dem die Bücher stan­den, hatte man – und eben das war, woran Paretsky uns erin­nerte – mit einem Blick vor Augen, wie wenig Frauen in diesem Kanon vertre­ten waren.

Revi­si­ta­tion und Erbschaft

Parets­kys Punkt aller­dings war ein ande­rer, ihr ging es darum fest­zu­hal­ten: So schmal dieser Kanon damals in den 1960er Jahren auch war, er bildete doch eine Tradi­tion ab, auf die wir aufbauen konn­ten, aber nur, wenn wir immer wieder die Brücke zu dieser Vergan­gen­heit schla­gen. Blickt man nämlich – und das war ja das große Anlie­gen jener women studies in den 1970er und 1980er Jahren, aus denen dann die Gender Studies erwach­sen sind – in die Vergan­gen­heit, macht man erstaun­li­che Entde­ckun­gen. Nicht nur waren beispiels­weise im 18. Jahr­hun­dert Auto­rin­nen ebenso wirt­schaft­lich erfolg­reich wie ihre Kolle­gen. In der Frühen Neuzeit, also bis 1660, gab es zahl­rei­che Berufe, die Frauen in England ausüben konn­ten; dies war nur eben am Ende des langen, dunk­len 19. Jahr­hun­derts verges­sen worden. Auch eine Praxis weib­li­cher Bildung lässt sich mindes­tens bis ins Mittel­al­ter zurück­ver­fol­gen, ebenso die Macht weib­li­cher Souve­räne (und ihre Kriegs­lust); aber auch diese Tradi­tion geriet im Laufe einer bürger­li­chen Privi­le­gie­rung weib­li­cher Häus­lich­keit wieder in Verges­sen­heit. Der Punkt von Archiv­ar­beit – die in so vielen univer­si­tä­ren und ausser­uni­ver­si­tä­ren Kontex­ten geleis­tet wird – bestand darin, wie auch Tillie Olson mit dem Titel ihres Best­sel­lers Silen­ces hervor­hob, den Frauen, deren Stim­men verschol­len und verklun­gen waren, wieder Gehör zu verschaf­fen. Doch auch eine Mahnung ging aus der Arbeit dieser ‚Archivarbeiter_innen‘ hervor: Es hat die gelehr­ten Frauen und Künst­le­rin­nen punk­tu­ell immer gege­ben. Was ihnen aller­dings nicht gelin­gen wollte, war eine Verste­ti­gung ihrer Tätig­keit. Erst wenn die Töch­ter, Enke­lin­nen und Uren­ke­lin­nen an einer Tradi­tion des weib­li­chen Denkens, Konzi­pie­rens und Schaf­fens weiter­ar­bei­ten, hat diese eine Zukunft.

Mein Anlie­gen bezüg­lich der heuti­gen Gender Studies wäre also einer­seits die Verant­wor­tung für eine Erbschaft zu über­neh­men; eine Rück­kehr zu dem, was bereits gedacht wurde im Sinne einer revi­si­ta­tion. Dabei geht es sowohl darum, diese Arbeit noch­mals auf das hin zu befra­gen, was man von ihr lernen kann, als auch sicher­zu­stel­len, dass diese wissen­schaft­li­che und künst­le­ri­sche Arbeit nicht wieder unsicht­bar wird, aus dem öffent­li­chen Bewusst­sein verschwin­det. Das kann nämlich erstaun­lich schnell passie­ren.

Aneig­nung und Umdeu­tung

Marcel Duchamp: "L.H.O.O.Q, Mona Lisa With Moustache" (1919), Quelle: www.wikiart.org

Marcel Duch­amp: "L.H.O.O.Q, Mona Lisa With Mousta­che" (1919), Quelle: wikiart.org

Vor eini­gen Jahren wurde ich gebe­ten, für eine deut­sche Wochen­zei­tung einen Text über eine Ausstel­lung zu vier Impres­sio­nis­tin­nen – Berthe Morisot, Mary Cass­att, Eva Gonzalès und Marie Brac­que­mond – in der Schirn in Frank­furt zu schrei­ben. Gab es eine spezi­fisch weib­li­che Art, das moderne Leben zu malen? – lautete die Frage. Zuerst war ich etwas erstaunt darüber, dass das 2008 über­haupt noch eine Frage sein konnte. Dann begann ich aber bei meinen Kolle­gin­nen herum­zu­fra­gen und stellte fest: Kaum eine kannte auch nur eine dieser Male­rin­nen, sie waren im öffent­li­chen Bewusst­sein nicht mehr präsent.

In diesem Sinne würde ich auch heute, mehr als noch vor eini­gen Jahren, darauf behar­ren, wie lohnend es ist, noch­mals zurück­zu­schauen auf die Anlie­gen und Frage­stel­lun­gen, die Entde­ckun­gen und Selbst­kri­tik, die Denk­for­meln und Rheto­ri­ken, die die Bewe­gung von women studies und femi­nist studies auf dem Weg hin zu gender studies in ihrer viel brei­te­ren Ausdif­fe­ren­zie­rung (queer theory, studies in hyphen­ated iden­ti­ties, eco criti­cism) beglei­tet hat. Warum, könnte man fragen, hat man bestimmte Anlie­gen aufge­ge­ben? Wäre es sinn­voll, diese noch­mals aufzu­grei­fen? In welchem Sinne ließen sie sich frucht­bar umdeu­ten?

Die Gegen­be­we­gung zu jener revi­si­ta­tion dessen, was schon gedacht, erforscht, geschaf­fen worden ist, beinhal­tet eine Aneig­nung, Umdeu­tung, Verhand­lung und Read­jus­tie­rung dieser legacy für die Jetzt­zeit. Nietz­sche – der für die Dekon­struk­ti­vis­tin­nen ein so wich­ti­ges Vorbild war – hat zwar davor gewarnt, die Vergan­gen­heit zum Toten­grä­ber der Gegen­wart werden zu lassen. Er hat aber auch unse­ren Blick auf die Frage gelei­tet, wie man das Poten­tial der Gegen­wart am besten sich entfal­ten lassen kann. Wie werden die Anlie­gen unse­rer Gegen­wart neu erfass­bar, wenn man die Hoff­nun­gen, die in einer Tradi­tion des Denkens und Arbei­tens liegen, im Sinne einer radi­ka­len Hoff­nung für die Zukunft refor­mu­liert?

Mis-Reading und Sehschu­lung

Die Frage der legacy beinhal­tet immer auch das, was die beiden Doyennen der women’s studies – Sandra Gilbert und Susan Gubar – mit ihrem Buch The Mad Woman in the Attic gezeigt haben: ein produk­ti­ves mis-reading. Anlie­gen, Fragen, Erklä­rungs­vor­schläge der Vorfah­ren oder Vorfah­rin­nen gegen den Strich zu lesen, um so dort etwas heraus­zu­ar­bei­ten, was für die Gegen­wart produk­tiv ist.

Mein eige­nes Verständ­nis von Gender Studies bestand in diesem Sinn von Anfang an in einer Inter­ven­tion im kultu­rel­len Imagi­nä­ren, in einer Refi­gu­rie­rung und Umschrift der lite­ra­ri­schen, visu­el­len und kultu­rel­len ‚Texte‘, mit denen ich mich beschäf­tigte. Die verwe­gene Hoff­nung lag – das hatte ich sowohl bei Theo­re­ti­ke­rin­nen als auch bei Künst­le­rin­nen gelernt – in einer Seh-Schulung, die durch­aus reale Konse­quen­zen haben könnte. Das heisst, Figu­ren und Posi­tio­nen wieder in Erin­ne­rung zu rufen, die verges­sen worden sind. Die Seh-Schulung, an der mir gele­gen ist, heisst aber auch, durch eine andere, viel­leicht sogar ‚vermes­sene‘ Art der Betrach­tung, die Spuren, Verbin­dungs­li­nien, Konstel­la­tio­nen sicht­bar zu machen, die bislang unbe­ach­tet geblie­ben sind. Mit ande­ren Worten: Es geht mir um ein herme­neu­ti­sches Verfah­ren, das ich cross­map­ping nenne.

Was heisst das? Liest man etwa einen Film wie Vertigo von Alfred Hitch­cock zusam­men mit Shake­speares Winter­mär­chen, da in beiden eine geliebte Frau von den Toten wieder­kehrt, darf man sich fragen, warum sie bei Hitch­cock ein zwei­tes Mal ster­ben muss, bei Shake­speare hinge­gen eine re-marriage (im Sinne des Philo­so­phen Stan­ley Cavell), also ein poten­ti­ell glück­li­ches Ende möglich wird. Warum – und das wird zu einer poli­ti­schen und ethi­schen Frage – obsiegt im Fall des Psycho­thril­lers eine tragi­sche Deutung von Welt, obgleich sie gar nicht nötig wäre? Im Winter­mär­chen kann die Frau von den Toten zurück­keh­ren und der Mann seine Einstel­lung zur Frau ändern, weil er tiefe Reue empfin­det. So liegt in jeder Tragö­die eine Spur Hoff­nung – es könnte auch anders ausge­hen. Was aller­dings braucht es, damit nicht das Tragi­sche zur Notwen­dig­keit stili­siert wird? Meinen Opti­mis­mus, dass dies möglich ist, leite ich aus jener Prämisse ab, die besagt: Unser Zugang zur Welt verläuft über Inter­pre­ta­tio­nen, Darstel­lun­gen und Frage­stel­lun­gen, die wir selbst bestim­men und umlei­ten können. Durch unsere Arbeit wird Bewusst­sein verän­dert, es geht darum, in Erin­ne­rung zu rufen, was einmal anders war, es geht um eine Aneig­nung dessen, was uns nicht zusteht bzw. zuge­stan­den wird und es geht um eine Vorstel­lung darum, dass es anders sein kann, als die schein­bare Notwen­dig­keit diktiert.

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Suzanne Lacy, Mona paints at Tikal, from Travels with Mona, 1977-1978, Quelle: suzannelacy.com

Cross­map­ping betrifft zwar nicht nur geschlechts­spe­zi­fi­sche Themen und Frage­stel­lun­gen, doch ein Gegen-den-Strich-Lesen, ein quer ange­leg­ter Blick auf Vertrau­tes, ein Zusam­men­le­sen dessen, was sonst getrennt behan­delt wird, die Einbin­dung des gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Kontex­tes in die wissen­schaft­li­che Arbeit – all das geht als intel­lek­tu­elle Haltung auch auf die theo­re­ti­schen Anlie­gen der Gender Studies zurück.

Die Probleme, mit denen wir uns in der Gegen­wart konfron­tiert finden, zeigen einmal mehr die Notwen­dig­keit, durch die Linse der Gender Studies auf die Welt zu blicken. Dies beson­ders in einem Jahr, in dem wir auf eindrück­li­che und beun­ru­hi­gende Weise vor Augen geführt bekom­men, wie sehr es bei den ameri­ka­ni­schen Präsi­dent­schafts­wah­len um die Frage von Gender immer gegan­gen ist: insbe­son­dere in der medial ubiqui­tär präsen­ten Zurschau­stel­lung aller Fanta­sien und Ängste, welche die Beset­zung der Stelle des ameri­ka­ni­schen Präsi­den­ten mit einer Frau auszu­lö­sen wusste. Zu verste­hen, wo die Vehe­menz der Aggres­sion herkommt, was man ihr entgeg­nen kann, zeigt mir die Schnitt­stelle zwischen Gender Studies und deren Einwir­kungs­mög­lich­keit in das poli­ti­sche und kultu­relle Imagi­näre unse­rer Gegen­wart. Dort finden wir histo­ri­sche und gegen­wär­tige Denk­fi­gu­ren, die es uns ermög­li­chen, auf die Proble­ma­ti­ken, die uns jetzt umtrei­ben, zu regie­ren und andere Inter­pre­ta­tio­nen anzu­bie­ten.

Mein Plädoyer ist es also, die Tradie­rung und Über­setz­bar­keit in den Vorder­grund der Frage zu rücken, wozu heute Gender Studies dienen: Sie bieten die Möglich­keit, neue Ideen und Prak­ti­ken für und mitein­an­der zu gene­rie­ren, als Ausdruck einer geteil­ten Verant­wor­tung, die wir für eine noch offene Zukunft einneh­men.

Von Elisabeth Bronfen

Elisabeth Bronfen ist Kultur- und Literatur­wissen­schaftlerin; sie ist Professorin für Anglistik am Englischen Seminar der Universität Zürich.