Reizwörter

Der Weg über die Grenze führte durch unweg­sa­mes Gelände. Meist wurde die Reise bei Einbruch der Dunkel­heit ange­tre­ten. Große Handels­rou­ten galt es ebenso zu vermei­den wie das verrä­te­ri­sche Tages­licht. Im Grenz­ge­biet lauerte die Gefahr von einer Patrouille entdeckt und aufge­grif­fen zu werden: "Qui va là? Arrêtez!"

Grenz­kon­trol­len und paywalls

Diese Szene beschreibt den Weg subver­si­ven Wissens in das vorre­vo­lu­tio­näre Frank­reich. Um die strenge Zensur des Ancien Régime zu umge­hen, versorg­ten sich die aufklä­re­ri­schen Zirkel im Paris des 18. Jahr­hun­derts nicht selten aus dem Ausland mit den neues­ten Schrif­ten und Abhand­lun­gen, die unter der Hand gehan­delt und unter dem Mantel nach Hause getra­gen wurden. Ein wich­ti­ger Produ­zent des gefähr­li­chen Wissens war die Schwei­zer Société typo­gra­phi­que de Neuchâ­tel, die den fran­zö­si­schen Bücher­schwarz­markt zwischen 1769 und 1789 mit Raub­dru­cken und Schmug­gel­phi­lo­so­phie, aber auch mit eige­nen Veröf­fent­li­chun­gen belieferte.

Im Zeit­al­ter der Wissens­ge­sell­schaft sind die Gren­zen der Wissens­zir­ku­la­tion keines­wegs verschwun­den, sondern haben sich ledig­lich in andere Gebiete verscho­ben. An die Stelle staat­li­cher Zensur und Kontrol­len an den Landes­gren­zen sind große Verlags­kon­zerne getre­ten, die nun über den Zugang zu wissen­schaft­li­chen Aufsät­zen walten und diese hinter digi­ta­len paywalls vor einer schran­ken­lo­sen Verbrei­tung zurück­hal­ten. Um Zugang zu erhal­ten, müssen Univer­si­täts­bi­blio­the­ken nicht selten 20.000 US-Dollar für das Abon­ne­ment eines einzi­gen Jour­nals und indi­vi­du­elle Nutzer durch­schnitt­lich 30 US-Dollar für einen einzi­gen Aufsatz an die Riesen des Geschäfts wie Else­vier, SAGE, Sprin­ger oder Wiley-Blackwell überweisen.

Aufruhr im Lesesaal

Ober­lau­sit­zi­sche Biblio­thek der Wissen­schaf­ten, 18. Jhd.; Quelle: wikipedia.org

Die Preise sind in den letz­ten Jahren drama­tisch in die Höhe geschos­sen. So zitiert der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Martin Eve in seinem 2014 erschie­ne­nen Buch Open Access and the Huma­nities Ergeb­nisse statis­ti­scher Studien, die zeigen, dass die Ausga­ben großer Univer­si­täts­bi­blio­the­ken für Zeit­schrif­ten­abon­ne­ments seit 1986 um etwa 300% gestie­gen sind, während ihr Gesamt­bud­get in diesem Zeit­raum nur etwa um 79% erhöht wurde. Die Folgen dieses Trends sind Kürzun­gen beim wissen­schaft­li­chen Perso­nal, beim Ankauf von Mono­gra­phien, bei Dienst­leis­tun­gen sowie der Erneue­rung und Umrüs­tung der tech­ni­schen Infrastruktur.

Unter den sonst eher unauf­ge­reg­ten und wenig rebel­li­schen Biblio­the­ka­ren führte diese Entwick­lung bereits zu regel­rech­ten Aufstän­den: Bereits 2003 kündigte die Cornell Univer­sity ihre Verträge mit vielen der von Else­vier heraus­ge­ge­be­nen Jour­nals; 2012 versen­dete die Harvard Library ein Memo an die 2.100 Mitar­bei­ter der Univer­si­tät, in dem sie erklärte, dem Preis­druck der Verlage nicht mehr stand­hal­ten zu können. Mit jähr­lich 3,5 Millio­nen US-Dollar alleine für Zeitschriften-Abonnements sei man am Ende der finan­zi­el­len Möglich­kei­ten ange­langt. Mit dieser Ankün­di­gung war ein Aufruf zum Boykott der großen Verlage und der Appell zur Publi­ka­tion in Open-Access-Journals verbun­den. Im Juni 2017 gaben schließ­lich auch die vier großen Wissen­schafts­zen­tren Berlins bekannt, bis zum Ende des Jahres ihre Verträge mit Else­vier aufzukündigen.

Schat­ten­bi­blio­the­ken

Eine radi­kale Inter­ven­tion gegen diese Entwick­lung kam von dem Program­mie­rer und Hacker Aaron Swartz, der 2008 mit dem "Guerilla Open Access Mani­fest" von sich reden machte. Die beiden ersten Sätze dieses Mani­fests enthal­ten bereits die zentrale Diagnose: "Infor­ma­tion ist Macht. Und wie bei jegli­cher Macht gibt es jene, die sie für sich behal­ten wollen." Die Zurück­hal­tung von Wissen – oder tech­ni­scher: "Infor­ma­tion" – folgt in dieser Lesart nicht nur einer ökono­mi­schen Logik, sondern ist Teil eines macht­po­li­ti­schen Kalküls. Während einige wenige privi­le­gierte Wissen­schaft­ler am "Bankett des Wissens spei­sen", so Swartz weiter, bleibt "der Rest der Welt ausgesperrt".

Diese Macht­be­zie­hun­gen sind weni­ger zentra­lis­tisch als viel­mehr netz­ar­tig orga­ni­siert. Bereits 1970 beschrieb Michel Foucault in seiner Antritts­vor­le­sung zur "Ordnung des Diskur­ses" eine "gewal­tige Ausschlie­ßungs­ma­schi­ne­rie" des Wissens. Mit "einem ganzen Geflecht von Prak­ti­ken […], dem System der Bücher, der Verlage und der Biblio­the­ken, den gelehr­ten Gesell­schaf­ten einst­mals und den Labo­ra­to­rien heute", werde der Zugang zum Diskurs regu­liert und versperrt. An der Ausgren­zung der weni­ger Privi­le­gier­ten haben demnach nicht nur Else­vier & Co. ihren Anteil, sondern der akade­mi­sche Komplex insge­samt: die wohl­ha­ben­den Elite-Universitäten, die Publi­ka­ti­ons­prak­ti­ken ihrer Wissen­schaft­ler sowie das inter­na­tio­nale Ranking-System, über das einzelne paywall-Jour­nals zum Gold­stan­dard der akade­mi­schen Aufmerk­sam­keits­öko­no­mie erho­ben werden.

Um diese Unge­rech­tig­keit zu über­win­den, formu­lierte Swartz in seinem Mani­fest einen (a)moralischen Impe­ra­tiv: "Pass­wör­ter an Kolle­gen weiter­ge­ben, Sachen für Freunde runter­la­den". Seine Geschichte nahm einen tragi­schen Verlauf. Im Juli 2011 wurde bekannt, dass Swartz beschul­digt wurde, ca. 4,8 Millio­nen wissen­schaft­li­che Arti­kel auf der zugangs­be­schränk­ten Inter­net­platt­form JSTOR herun­ter­ge­la­den zu haben. Noch vor Prozess­be­ginn, am 11. Januar 2013, beging der seit Jahren an Depres­sio­nen leidende Program­mie­rer in seiner Wohnung in Brook­lyn Suizid.

Swartz' Akti­vis­mus sollte jedoch bald Nach­ah­mer finden und wird gegen­wär­tig von der kasa­chi­schen Neuro­wis­sen­schaft­le­rin Alex­an­dra Elbakyan fort­ge­führt, die 2011 das ille­gale Online-Archiv "Sci-Hub" ins Leben geru­fen hat. Hier können Nutzer nach wissen­schaft­li­chen Aufsät­zen suchen, die entwe­der bereits auf den Servern von Sci-Hub archi­viert sind oder durch regis­trierte Zugänge von den offi­zi­el­len Daten­ban­ken der Zeit­schrif­ten und Verlage für die Nutzer herun­ter­ge­la­den werden. Nach eige­nen Anga­ben hat die Schat­ten­bi­blio­thek auf diese Weise bereits über 60 Million Fach­auf­sätze erbeu­tet und auf ihren Servern deponiert.

Im Novem­ber 2015 gelang es dem Elsevier-Konzern, in einem Gerichts­ver­fah­ren durch­zu­set­zen, dass die .org-Domain der Wissen­schafts­pi­ra­tin gesperrt wurde. Die Seite ist über einen russi­schen Provi­der aller­dings weiter­hin im offe­nen Inter­net sowie in den zwie­lich­ti­gen Unter­wel­ten des Darknet "Tor" verfüg­bar. Am 21. Juni 2017 konnte Else­vier einen weite­ren Tref­fer gegen Alex­an­dra Elbakyan und Sci-Hub erzie­len: Vor einem New Yorker Gericht wurden dem nieder­län­di­schen Konzern 15 Millio­nen US-Dollar Scha­dens­er­satz für Copyright-Verletzungen durch die Piraten-Plattform zuge­spro­chen. Ob Else­vier diese Summe aller­dings jemals erhal­ten wird, ist frag­lich, da Elbakan außer­halb der New Yorker Gerichts­bar­keit lebt und keine Vermö­gen in den USA besitzt.

Was tun?

Es gibt gute Gründe, Initia­ti­ven wie Sci-Hub zu befür­wor­ten: Für viele Wissen­schaft­ler gibt es schlicht kaum Alter­na­ti­ven, um an die drin­gend benö­tig­ten, zugangs­be­schränk­ten Aufsätze von Kolle­gen zu kommen. Um zu verhin­dern, dass sich die scien­ti­fic commu­nity zuneh­mend in eine gated commu­nity verwan­delt, mag Sci-Hub ein posi­ti­ver Weck­ruf sein.

Es gibt aber auch eine Menge guter Gründe, einer solchen Initia­tive skep­tisch gegen­über zu stehen: Zum einen, weil mit dem Tor-Netzwerk Sphä­ren digi­ta­ler Anony­mi­tät genutzt werden, deren Untie­fen weder ausge­lo­tet noch hinrei­chend kritisch reflek­tiert sind. Wollen wir wirk­lich, dass wissen­schaft­li­che Aufsätze über Teil­chen­phy­sik, Sprach­phi­lo­so­phie oder Mikro­bio­lo­gie über die glei­chen Kanäle wie Waffen, Drogen und Auftrags­morde gehan­delt werden? Zum ande­ren ist Zurück­hal­tung gebo­ten, weil die Arti­kel nicht nur an den Verla­gen, sondern auch an den Auto­ren vorbei geschmug­gelt werden. Schließ­lich bleibt einzu­wen­den, dass mit dem Dieb­stahl der Arti­kel zwar das Zugriffs-, nicht jedoch das Publi­ka­ti­ons­mo­no­pol der Verlage gebro­chen wird.

Diese Einwände ändern aber nichts an Swartz' grund­sätz­li­chem Einwand, dass Wissen immer mehr zu einer Währung profit­ori­en­tier­ter, börsen­no­tier­ter Verlage und mithin zu einem Stra­te­gem der Macht gewor­den ist. Das Problem ist bereits seit Länge­rem bekannt und formu­liert. So beispiels­weise in der "Buda­pest Open Access Initia­tive" von 2002, dem "Bethesda State­ment on Open Access Publi­shing" von 2003 sowie der eben­falls 2003 von neun­zehn inter­na­tio­na­len Forschungs­ein­rich­tun­gen unter­zeich­ne­ten "Berlin Decla­ra­tion on Open Access to Know­ledge in the Scien­ces and the Huma­nities". Freier Zugang für alle statt paywall publi­shing lautet das einheit­li­che Plädoyer dieser Erklärungen.

"You pay, we publish!" Der goldene Weg über die Grenze?

Gegen­wär­tig werden zwei verschie­dene, sich teils ergän­zende Open-Access-Strategien disku­tiert. Einer­seits der soge­nannte "grüne Weg", bei dem Publi­ka­tio­nen zunächst weiter­hin in regu­lä­ren Verlags­zeit­schrif­ten oder als kosten­pflich­tige Mono­gra­phien erschei­nen, um dann nach Ablauf einer gewis­sen Karenz­zeit als digi­tale Open-Access-Version in Online-Repositorien zu gelan­gen. Gerade in Wissen­schafts­dis­zi­pli­nen, in denen bei hohem Konkur­renz­druck geforscht wird, reicht diese Karenz­zeit jedoch aus, die entspre­chen­den Ergeb­nisse zu über­ho­len. Wissen­schaft­ler auf Spit­zen­ni­veau blei­ben damit weiter­hin an die Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen gebun­den, während ihre Kolle­gen an weni­ger zahlungs­kräf­ti­gen Univer­si­tä­ten abge­hängt hinterherforschen.

Die zweite – viel­ver­spre­chen­dere – Form des Open Access ist der "goldene Weg". Damit ist das exklu­sive Publi­zie­ren in Open-Access-Journals bzw. das Veröf­fent­li­chen von digi­tal frei zugäng­li­chen Mono­gra­phien oder Sammel­bän­den gemeint. Jeder Nutzer mit Zugang zum Inter­net kann diese "golde­nen" Open-Access-Veröffentlichungen barrie­re­frei abru­fen, herun­ter­la­den, weiter­lei­ten und ausdru­cken. Doch auch auf dem "golde­nen Weg" steckt der Teufel im Detail: Denn um die Kosten zu decken, die durch Begut­ach­tung, Korrek­to­rat, tech­ni­sche Imple­men­tie­rung und Veröf­fent­li­chung samt Daten­bank­in­di­zie­rung entste­hen, sind nicht wenige Open-Access-Journals dazu über­ge­gan­gen, statt der Leser oder Abon­nen­ten nun die Auto­ren für die Publi­ka­tion zur Kasse zu bitten.

Solche arti­cle proces­sing char­ges (APCs) sind geeig­net, die gesamte Idee von Open Access im Entste­hen zu verei­teln. Nicht nur, dass mit der Auffor­de­rung, als Autor für die Veröf­fent­li­chung harter wissen­schaft­li­cher Arbeit zu bezah­len, die Selbst­aus­beu­tungs­lo­gik der Krea­tiv­wirt­schaft an ihrem unka­schier­ten Flucht­punkt ange­langt ist; auch die Tatsa­che, dass es erneut v. a. die Elite-Universitäten sein werden, die ihren Mitar­bei­tern ein ausrei­chen­des Publi­ka­ti­ons­bud­get zur Verfü­gung stel­len können, deutet an, dass mit diesem Modell wenig gewon­nen ist. Schlim­mer noch: Bereits jetzt haben sich im Wind­schat­ten dieser Praxis eine ganze Reihe von Zeit­schrif­ten zwei­fel­haf­ten Typs etabliert, die bereit sind, gegen Bezah­lung Arti­kel zu veröf­fent­li­chen, welche von einem seriö­sen Jour­nal mit Peer-Review-Verfahren niemals akzep­tiert würden. Frei nach dem geschäfts­tüch­ti­gen Motto: "You pay, we publish!"

Vertrau­ens­fra­gen

Ein Ausweg aus diesem zur Korrup­tion hin offe­nen Publi­ka­ti­ons­sys­tem wäre ein Modell, wie es seit 2015 erfolg­reich von der "Open Library of Huma­nities" prak­ti­ziert wird. Abge­se­hen von einer zusätz­li­chen Förde­rung durch eine Wissen­schafts­stif­tung, finan­ziert dieser nicht auf Gewinn ausge­rich­tete Open-Access-Verlag seine publi­zier­ten Zeit­schrif­ten durch ein Koope­ra­ti­ons­mo­dell mit zahl­rei­chen Univer­si­täts­bi­blio­the­ken. Auf diesem Weg werden weder die Auto­ren noch die Leser durch eine paywall am Zugang zu Publi­ka­tio­nen gehin­dert, die höchs­ten wissen­schaft­li­chen Stan­dards verpflich­tet sind.

Um den gated scien­ti­fic commu­nities der kommer­zi­el­len Verlage entge­gen­wir­ken zu können, bietet ein solches Modell eine zukunfts­wei­sende Perspek­tive. Dennoch bleibt eine Reihe offe­ner Fragen: Zunächst muss sich zeigen, ob die neu gegrün­de­ten, seriös begut­ach­te­ten Open-Access-Journals eine ähnli­che Repu­ta­tion entwi­ckeln werden wie die tradi­tio­nel­len Zeit­schrif­ten. Für Forscher ist das sicher die zentrale Frage. Denn die Publi­ka­tion in ange­se­he­nen und mit hohem Impact Factor einge­stuf­ten Fach­zeit­schrif­ten wie Nature und Science ist nach wie vor entschei­dend für die Vergabe von wissen­schaft­li­chen Stel­len und Projekt­fi­nan­zie­run­gen. Die Open-Access-Journals werden also zunächst einen Vertrau­ens­kre­dit der Auto­ren benö­ti­gen, um sich lang­fris­tig etablie­ren zu können. Es bleibt abzu­war­ten, ob dem berech­tig­ten Ärger über die Verlage auch ein konse­quen­tes Umden­ken im Wissen­schafts­all­tag folgen wird.

Von Maurice Erb, Simon Ganahl und Patrick Kilian

Maurice Erb ist Infor­matiker und Histo­riker in Zü­rich, Simon Ga­nahl Literatur- und Medien­wissen­schaftler an der Uni­versität Wien, und Patrick Kilian Dokto­rand an der Forschungs­stelle für Sozial- und Wirtschafts­geschichte der Uni­versität Zü­rich. Sie sind die Heraus­geber des von der "Open Library of Huma­nities" publi­zierten Open-Access-Journal "Le foucaldien" sowie des "foucaultblog".