Philipp Sarasin

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Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.

In der NZZ hat der Publi­zist Heri­bert Seifert (68) kürz­lich viel Platz erhalten, um in einer sich besorgt gebenden Medi­en­kritik über „Wutjour­na­listen“ und ihre angeb­liche „kommu­ni­ka­tive Rüpelei“ in den „tradi­tio­nellen Medien“ sich seiner­seits in Rage zu schreiben. Die poli­ti­sche Distanz vieler führender Medien in der Bundes­re­pu­blik zur unver­hüllt islam­feind­li­chen AfD wird dabei mit ätzender Kritik, ja mit unver­hoh­lenem Spott über­zogen. Das ist an sich kein Zufall. Schon oft in letzter Zeit mussten die Lese­rInnen zur Kenntnis nehmen, dass die NZZ sich kaum mehr gegen poli­ti­sche und intel­lek­tu­elle Strö­mungen weit rechts im poli­ti­schen Spek­trum – inner­halb wie ausser­halb der Schweiz – abgrenzen mag. Der Ton wird rauer, die Fronten härter.

Doch wer ist Heri­bert Seifert? Seifert zeigt in der NZZ – er schreibt hier seit Jahren immer wieder – eher seine glatt­ge­kämmte Seite, um noch als „liberal“ durch­zu­gehen. Er kann aber auch anders. Artikel von ihm erscheinen ausser in der NZZ häufig in der Internet-Zeit­schrift eigen­tüm­lich frei (ef), die von Poli­to­logen als „rechts­li­beral“, „rechts­na­tional“ oder auch als „rechts­ex­trem“ einge­stuft wird, und deren Macher um den Publi­zisten André F. Licht­schlag sich als „Anar­cho­ka­pi­ta­listen“ und „Liber­täre“ bezeichnen. Seiferts Medien-bashing, dem die NZZ regel­mässig ihre Spalten öffnet, findet auch dort statt. Ja, „die“ Medien – bzw., so Seifert, die „zuneh­mend wie Verlaut­ba­rungs­or­gane einer Besat­zungs­macht agie­renden Leit­me­dien“ (ef, 9.7.2012) – sind zusammen mit der Regie­rung Merkel und der „links­grünen Diktatur“ Ziel­scheibe seiner, gelinde gesagt, spitzen Feder. Seiferts jüngste Artikel auf eigen­tüm­lich frei sind zwar nur Abon­nenten vorbe­halten, aber auch ältere, zugäng­liche Texte erweisen ihn gerade als jenen eifernden „Wutjour­na­listen“, den er in den „tradi­tio­nellen Medien“ am Werk sieht. Nach den Bundes­tags­wahlen im Herbst 2009 etwa skiz­zierte er in knappen Worten die poli­ti­schen Fronten, wie sie sich ihm wohl auch heute noch darstellen:

„Der surreale ‚Anti­fa­schismus‘ mit ‚Kampf gegen Rechts‘ und sünden­stolzem Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deut­schen Geschichte‘, die fort­lau­fende Erfin­dung immer neuer ‚Diskri­mi­nie­rungen‘, die Neuschöp­fung des Menschen im Sinne von ‚gender main­strea­ming‘ und schließ­lich die Fort­set­zung einer geschei­terten Einwan­de­rungs­po­litik sind auch unter dem neuen Personal ebenso garan­tiert wie die konti­nu­ier­liche Arbeit an der Selbst­auf­lö­sung der deut­schen Nation in einem klep­to­kra­tisch-büro­kra­ti­schen ‚Europa‘.“ –Heri­bert Seifert (ef, 29.9.2009)

Dass einer sich über „gender main­strea­ming“ aufregt, ist hinzu­nehmen. Die hoch­mü­tige Ironie hingegen, mit der Seifert über das „sündenstolz[e] Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deut­schen Geschichte‘“ spottet, sollte in den Redak­ti­ons­stuben der NZZ die Alarm­glo­cken läuten lassen. Denn das sind Code-Worte von ganz rechts aussen, und die zitierte Passage war kein Ausrut­scher. In ähnlich verächt­li­cher Weise kommen­tierte Seifert etwa Bestre­bungen, den Verkauf von Nazi-Propa­gan­da­li­te­ratur an Kiosken zu verbieten: „So wie jener mutige Hote­lier mit rich­ter­li­cher Billi­gung sein Haus für einen urlaubs­reifen NPD-Funk­tionär sperrte, um seinen Gästen die Konfron­ta­tion mit dem Bösen zu ersparen, so wird auf dem Pres­se­markt der Kiosk gerei­nigt, um Verfüh­rung der Naiven und Empö­rung der schon Geläu­terten zu verhin­dern. Hier arbeitet eine aller Ehren werte gesell­schafts­sa­ni­täre Absicht, die auf strikte Tren­nung der Bösen von den Guten zielt.“ (ef, 14.7.2010).

Seifert operiert ständig mit solch scharfen Pola­ri­sie­rungen: Auf der einen Seite, ironisch “böse” genannt, der „NPD-Funk­tionär“, der weder in einem Hotel der “Guten” absteigen noch am Kiosk seine Nazi-Lite­ratur kaufen darf; auf der anderen „die Geläu­terten“, die „Guten“ – d.h. neben den „links­grünen Dikta­toren“ auch die CDU unter Merkel und sogar Horst Seeho­fers CSU! –, die alle „Kritik“ am „main­stream“ ins Feld des „Nicht-Sagbaren“ abdrängen. Diese angeb­liche „Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung“ (NZZ) aber führt Seifert immer wieder auf das zurück, was im Zentrum seiner rechts­na­tio­nalen Kritik steht: die „große histo­ri­sche Erzäh­lung von der Erlö­sung der Deut­schen von ihrer bösen Vergan­gen­heit durch ihr Aufgehen in einem neuen Europa“ (ef, 9.7.2012).

Der Hass auf Europa, auf die Regie­rung Merkel und auf den Islam ist das eine; beängs­ti­gend aber ist, wie sehr dieser Hass sich vom Begehren herleitet, endlich von der poli­ti­schen und mora­li­schen Verant­wor­tung befreit zu werden, mit der die Erin­ne­rung an den Natio­nal­so­zia­lismus in Deutsch­land unauf­lösbar verbunden ist. Solche Töne des verkappten Bezugs auf den NS sind auch in der AfD zu hören. Seifert scheut sich nicht, sie immer wieder vorzu­bringen. Die NZZ aber muss sich fragen lassen, ob sie wirk­lich zum Sprach­rohr von Posi­tionen werden will, die bislang als rechts­ex­trem galten.

Philipp Sarasin

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Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.