Jetzt aber!

Spätes­tens seit #Schwei­zer­Auf­schrei wissen wir, dass FemQue­er­Trans­Co­lor­Les­ben bald die Macht über­neh­men. Die Zeit der breit­bei­ni­gen Männ­lich­keit, der Polter-Eidgenossen, Welt­erklä­rer, Masku­lis­ten, Mans­plai­ner, Werte-Verkünder, Pussy­grab­scher und Bescheid­wis­ser ist vorbei. Sie ster­ben bald aus.

Nur ein klei­nes hete­ro­se­xu­el­les Dorf weis­ser Männer wehrt sich (wie Robin Detjen es mal in der Zeit formu­lierte). Minu­ten nach der Hashtag-Lancierung regre­dier­ten die Männer: Vorher­seh­bar wie der Sonnen­un­ter­gang melde­ten sich die ersten Stim­men, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer insze­nie­ren“. Wo sie, die Männer, doch die eigent­li­chen Opfer sind! Und wo doch die eigent­li­chen Täter dieje­ni­gen sind, die die Frech­heit haben, sie an ihre Täter­rolle zu erin­nern! Ein gros­ser Entlas­tungs­drang entlud sich, es wurde geschimpft: Femi­na­zis, Gesin­nungs­po­li­zei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offen­bar tatsäch­lich, dass Männer ihr Verhal­ten reflek­tie­ren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmu­cken: Sie werden öffent­lich zur Schne­cke gemacht oder es wird ihnen zumin­dest vorge­pre­digt, wie sie Sexis­mus rich­tig zu verste­hen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versi­chern. Gerne wird dabei auch auf das männ­li­che Recht gepocht, einfach drauf los baggern zu dürfen, denn: ich will doch nicht stän­dig nach­den­ken müssen! Und sicher lassen wir uns von Frauen nicht das „Tussi“-Sagen verbie­ten. Wir leben doch in einem freien Land!

Aussage von Pat Robertson, einem einflussreichen US-amerikanischen ultrakonservativen, evangelikalen Politiker, Prediger und Verschwörungstheorektiker in einem Fundraisung-Brief gegen die staatliche Equal-Rights-Initiative in Iowa 1992, Quelle: www.ifunny.com

Aussage von Pat Robert­son, einem einfluss­rei­chen US-amerikanischen ultra­kon­ser­va­ti­ven, evan­ge­li­ka­len Poli­ti­ker, Predi­ger und Verschwö­rungs­theo­rek­ti­ker in einem Fundraisung-Brief gegen die staat­li­che Equal-Rights-Initiative in Iowa 1992, Quelle: ifunny.com

Was so sehr vertei­digt werden muss, liegt in den letz­ten Zügen. Man versuchte, sich unan­greif­bar zu machen, insze­nierte sich als Verun­si­cherte, denen von Femi­nis­tin­nen das Leben zur Hölle gemacht wird und bemühte das masku­lis­ti­sche Lieblings-Horror-Szenario: die Schweiz sei von links­les­bi­schen Eman­zen besetzt – von Frust­beu­len, die Sex verbie­ten wollen und sich nicht einmal schön machen auf ihren Twit­ter­fo­tos. Von einem femi­nis­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus war die Rede, der Männern vorschreibe, wie sie Frauen anspre­chen sollen, ihnen gar verbiete, Kompli­mente zu machen.

Was den Kommen­ta­to­ren offen­bar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Femi­nis­mus und letzt­lich auch Politi­cal Correct­ness sind. Denn es muss eine Art zivi­li­sier­ter Selbst­zen­sur geben, die unsere Gesell­schaft zusam­men­hält. So zu tun, als wäre es fort­schritt­lich, Ideen der Gleich­heit und Gerech­tig­keit oder letzt­lich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindi­sch und regres­siv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apro­pos Kind: Kinder dazu zu erzie­hen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz blei­ben und Konflikte gewalt­frei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülp­sen oder Menschen nicht anspu­cken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, mensch­li­ches Verhal­ten zu ‚steu­ern‘, ja ein Stück weit ‚anzu­er­zie­hen‘, bei der Sexua­li­tät oder im Geschlech­ter­ver­hält­nis plötz­lich aufhö­ren?

Kultu­relle Gepflo­gen­hei­ten und Vorstel­lun­gen sind keine Natur­tat­sa­chen, sondern verän­dern sich. Bis vor kurzem durf­ten Frauen in der Schweiz in der Ehe straf­frei verge­wal­tigt werden. Sex galt als natür­li­ches Recht des Eheman­nes. Dass sich das geän­dert hat (ja, unsere Gesell­schaft verän­dert sich), verdan­ken wir unzäh­li­gen Frauen und Femi­nis­tin­nen, die nicht müde wurden, diese Vorstel­lung zu hinter­fra­gen. Heute ist es selbst­ver­ständ­lich, dass Verge­wal­ti­gung in der Ehe straf­bar ist. Man kann das Ganze auch an einem harm­lo­se­ren Beispiel durch­de­kli­nie­ren: Welche unsäg­li­che Empö­rung, als Femi­nis­tin­nen in den 1970er Jahren den Begriff „Fräu­lein“ kriti­sier­ten! Heute ist der Begriff anti­quiert.

Der Punkt ist: Kultu­relle Praxen zu über­den­ken und zu hinter­fra­gen ist ein norma­ler, ja wich­ti­ger Vorgang moder­ner demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten. Wer das als ‚tota­li­tär‘ schmäht, hat offen­sicht­lich keine Ahnung, wie Geschichte abläuft. Im Totalitarismus-Vorwurf zeigt sich ein tief konser­va­ti­ver Argwohn gegen­über sozia­len und poli­ti­schen Verän­de­run­gen, gegen­über ‚unge­hö­ri­gem‘ mensch­li­chen Eingrei­fen in eine angeb­lich von Gott, der Natur oder dem Markt gewollte Ordnung.

Bei genauer Betrach­tung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asym­me­tri­sche Macht­ver­tei­lung zu vertei­di­gen, den Status quo zu erhal­ten. Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablen­kungs­ma­nö­ver vom eigent­li­chen Thema. Unter­stellt wird, die Anlie­gen von Frauen oder ande­ren mino­ri­sier­ten Grup­pen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unter­stel­lung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeb­lich tota­li­täre Vorge­hen der Frauen disku­tiert wird, statt über das Problem unglei­cher Macht- oder Ressour­cen­ver­tei­lung. Und so lief es auch in eini­gen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, soll­ten sie sich recht­fer­ti­gen über die rich­tige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwie­weit ihre Anlie­gen nicht tota­li­tär oder Männer­feind­lich seien.

Ich habe unter #Schwei­zer­Auf­schrei keinen einzi­gen Tweet von einer Frau gese­hen, der eine recht­li­che Zurück­stu­fung oder Schlech­ter­stel­lung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gese­hen, wie Männer, anstatt zuzu­hö­ren, alles, was Frauen vorbrach­ten, als Geze­ter abzu­tun. Ich habe gese­hen, wie sie Frauen den Mund verbie­ten woll­ten. Man muss es offen­bar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlech­ter­be­zie­hun­gen ein Macht­ge­fälle erken­nen, wollen Männern nicht den Pimmel abschnei­den. Und nein, Menschen, die ihre Verletz­lich­keit offen­ba­ren und mehr Schutz möch­ten, wollen Männern nicht die Welt­herr­schaft wegneh­men (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Nein, es gibt in der Schweiz nieman­den, der oder die eine ‚poli­ti­sch korrekte‘ Dikta­tur durch­set­zen möchte. Männer, die ein intak­tes Unrechts­be­wusst­sein haben – auch die gibt es, wie sich in den letz­ten Tagen zeigte – werden es im Zuge des #Schwei­zer­Auf­schrei nicht nötig haben, sich als Opfer zu stili­sie­ren. Sondern endlich dazu über­ge­hen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit anzu­eig­nen und im besten Fall auch die eige­nen Verhal­tens­wei­sen, Gewohn­hei­ten und Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten hinter­fra­gen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stel­len, anstatt die eigene Einschät­zung für die einzig rich­tige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexob­jekte? Oder dümm­li­che Prin­zes­sin­nen? Warum sitzen in vielen Talk­shows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute über­wie­gend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexua­li­sierte Gewalt fast ausschliess­lich von Männern aus?

Gentle­men, es gibt keine Entschul­di­gung, packen Sie es an.

Von Franziska Schutzbach

Franziska Schutzbach hat Soziologie, Medien­wissen­schaften und Geschlechter­forschung an der Universität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.