Jetzt aber!

Spä­tes­tens seit der #Schwei­zer­Auf­schrei-Debat­te im Jahr 2016 wis­sen wir, dass Fem­Queer­Trans­Co­lor­Les­ben bald die Macht über­neh­men. Die Zeit der breit­bei­ni­gen Männ­lich­keit, der Pol­ter-Eid­ge­nos­sen, Welt­erklä­rer, Mas­ku­lis­ten, Mans­plai­ner, Wer­te-Ver­kün­der, Pus­sy­grab­scher und Bescheid­wis­ser ist vor­bei. Sie ster­ben bald aus.

Nur ein klei­nes hete­ro­se­xu­el­les Dorf weis­ser Män­ner wehrt sich (wie Robin Detjen es mal in der Zeit for­mu­lier­te). Minu­ten nach der Hash­tag-Lan­cie­rung regre­dier­ten die Män­ner: Vor­her­seh­bar wie der Son­nen­un­ter­gang mel­de­ten sich die ers­ten Stim­men, die es gemein fan­den, dass sie „immer als Täter“ genannt wer­den. Die es doof fan­den, dass Frau­en sich „als Opfer insze­nie­ren“. Wo sie, die Män­ner, doch die eigent­li­chen Opfer sind! Und wo doch die eigent­li­chen Täter die­je­ni­gen sind, die die Frech­heit haben, sie an ihre Täter­rol­le zu erin­nern! Ein gros­ser Ent­las­tungs­drang ent­lud sich, es wur­de geschimpft: Femi­na­zis, Gesin­nungs­po­li­zei! Und sowie­so: Frau­en ner­ven, denn die wol­len offen­bar tat­säch­lich, dass Män­ner ihr Ver­hal­ten reflek­tie­ren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer pas­siert, wenn irgend­wo Frau­en auf­mu­cken: Sie wer­den öffent­lich zur Schne­cke gemacht oder es wird ihnen zumin­dest vor­ge­pre­digt, wie sie Sexis­mus rich­tig zu ver­ste­hen haben. Wie kön­nen die­se Tus­sen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Her­ren tre­ten gern nach unten, um sich ihrer All­macht zu ver­si­chern. Ger­ne wird dabei auch auf das männ­li­che Recht gepocht, ein­fach drauf los bag­gern zu dür­fen, denn: ich will doch nicht stän­dig nach­den­ken müs­sen! Und sicher las­sen wir uns von Frau­en nicht das „Tussi“-Sagen ver­bie­ten. Wir leben doch in einem frei­en Land!

Aussage von Pat Robertson, einem einflussreichen US-amerikanischen ultrakonservativen, evangelikalen Politiker, Prediger und Verschwörungstheorektiker in einem Fundraisung-Brief gegen die staatliche Equal-Rights-Initiative in Iowa 1992, Quelle: www.ifunny.com

Aus­sa­ge von Pat Robert­s­on, einem ein­fluss­rei­chen US-ame­ri­ka­ni­schen ultra­kon­ser­va­ti­ven, evan­ge­li­ka­len Poli­ti­ker, Pre­di­ger und Ver­schwö­rungs­theo­rek­ti­ker in einem Fund­rai­sung-Brief gegen die staat­li­che Equal-Rights-Initia­ti­ve in Iowa 1992, Quel­le: ifunny.com

Was so sehr ver­tei­digt wer­den muss, liegt in den letz­ten Zügen. Man ver­such­te, sich unan­greif­bar zu machen, insze­nier­te sich als Ver­un­si­cher­te, denen von Femi­nis­tin­nen das Leben zur Höl­le gemacht wird und bemüh­te das mas­ku­lis­ti­sche Lieb­lings-Hor­ror-Sze­na­rio: die Schweiz sei von links­les­bi­schen Eman­zen besetzt – von Frust­beu­len, die Sex ver­bie­ten wol­len und sich nicht ein­mal schön machen auf ihren Twit­ter­fo­tos. Von einem femi­nis­ti­schen Tota­li­ta­ris­mus war die Rede, der Män­nern vor­schrei­be, wie sie Frau­en anspre­chen sol­len, ihnen gar ver­bie­te, Kom­pli­men­te zu machen.

Was den Kom­men­ta­to­ren offen­bar ent­ging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bit­ter nötig der Auf­schrei ist, wie nötig Femi­nis­mus und letzt­lich auch Poli­ti­cal Cor­rect­ness sind. Denn es muss eine Art zivi­li­sier­ter Selbst­zen­sur geben, die unse­re Gesell­schaft zusam­men­hält. So zu tun, als wäre es fort­schritt­lich, Ide­en der Gleich­heit und Gerech­tig­keit oder letzt­lich ein­fach des Respekts mit Füs­sen zu tre­ten, ist kin­disch und regres­siv. Ich will ‚Tus­se‘ sagen dür­fen! Rab­ä­ä­ää! Apro­pos Kind: Kin­der dazu zu erzie­hen, dass sie Bit­te und Dan­ke sagen, dass sie in der Schu­le am Platz blei­ben und Kon­flik­te gewalt­frei lösen, ist com­mon sen­se. Zu ler­nen, dass wir beim Essen nicht rülp­sen oder Men­schen nicht anspu­cken, wenn sie uns nicht pas­sen, eben­so. War­um soll der Anspruch, mensch­li­ches Ver­hal­ten zu ‚steu­ern‘, ja ein Stück weit ‚anzu­er­zie­hen‘, bei der Sexua­li­tät oder im Geschlech­ter­ver­hält­nis plötz­lich auf­hö­ren?

Kul­tu­rel­le Gepflo­gen­hei­ten und Vor­stel­lun­gen sind kei­ne Natur­tat­sa­chen, son­dern ver­än­dern sich. Bis vor kur­zem durf­ten Frau­en in der Schweiz in der Ehe straf­frei ver­ge­wal­tigt wer­den. Sex galt als natür­li­ches Recht des Ehe­man­nes. Dass sich das geän­dert hat (ja, unse­re Gesell­schaft ver­än­dert sich), ver­dan­ken wir unzäh­li­gen Frau­en und Femi­nis­tin­nen, die nicht müde wur­den, die­se Vor­stel­lung zu hin­ter­fra­gen. Heu­te ist es selbst­ver­ständ­lich, dass Ver­ge­wal­ti­gung in der Ehe straf­bar ist. Man kann das Gan­ze auch an einem harm­lo­se­ren Bei­spiel durch­de­kli­nie­ren: Wel­che unsäg­li­che Empö­rung, als Femi­nis­tin­nen in den 1970er Jah­ren den Begriff „Fräu­lein“ kri­ti­sier­ten! Heu­te ist der Begriff anti­quiert.

Der Punkt ist: Kul­tu­rel­le Pra­xen zu über­den­ken und zu hin­ter­fra­gen ist ein nor­ma­ler, ja wich­ti­ger Vor­gang moder­ner demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten. Wer das als ‚tota­li­tär‘ schmäht, hat offen­sicht­lich kei­ne Ahnung, wie Geschich­te abläuft. Im Tota­li­ta­ris­mus-Vor­wurf zeigt sich ein tief kon­ser­va­ti­ver Arg­wohn gegen­über sozia­len und poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen, gegen­über ‚unge­hö­ri­gem‘ mensch­li­chen Ein­grei­fen in eine angeb­lich von Gott, der Natur oder dem Markt gewoll­te Ord­nung.

Bei genau­er Betrach­tung geht es beim Poli­ti­cal-Cor­rect­ness-Argu­ment dar­um, die asym­me­tri­sche Macht­ver­tei­lung zu ver­tei­di­gen, den Sta­tus quo zu erhal­ten. Und nicht zuletzt ist Poli­ti­cal-Cor­rect­ness-Bashing auch ein Ablen­kungs­ma­nö­ver vom eigent­li­chen The­ma. Unter­stellt wird, die Anlie­gen von Frau­en oder ande­ren mino­ri­sier­ten Grup­pen sei­en Demo­kra­tie-untaug­lich. Der Effekt die­ser Unter­stel­lung ist, dass am Ende über das ‚fal­sche‘, angeb­lich tota­li­tä­re Vor­ge­hen der Frau­en dis­ku­tiert wird, statt über das Pro­blem unglei­cher Macht- oder Res­sour­cen­ver­tei­lung. Und so lief es auch in eini­gen Auf­schrei-Debat­ten: Anstatt über die Pro­ble­me zu reden, die Frau­en durch den Auf­schrei benannt hat­ten, soll­ten sie sich recht­fer­ti­gen über die rich­ti­ge oder fal­sche Form ihres Pro­tests, über Sexis­mus-Defi­ni­tio­nen oder sich gar dau­er-erklä­ren, inwie­weit ihre Anlie­gen nicht tota­li­tär oder Män­ner­feind­lich sei­en.

Ich habe unter #Schwei­zer­Auf­schrei kei­nen ein­zi­gen Tweet von einer Frau gese­hen, der eine recht­li­che Zurück­stu­fung oder Schlech­ter­stel­lung von Män­nern for­der­te, oder die­se in den Gulag ste­cken woll­te. Aber ich habe gese­hen, wie Män­ner, anstatt zuzu­hö­ren, alles, was Frau­en vor­brach­ten, als Geze­ter abzu­tun. Ich habe gese­hen, wie sie Frau­en den Mund ver­bie­ten woll­ten. Man muss es offen­bar immer und immer wie­der sagen: Frau­en, die in den Geschlech­ter­be­zie­hun­gen ein Macht­ge­fäl­le erken­nen, wol­len Män­nern nicht den Pim­mel abschnei­den. Und nein, Men­schen, die ihre Ver­letz­lich­keit offen­ba­ren und mehr Schutz möch­ten, wol­len Män­nern nicht die Welt­herr­schaft weg­neh­men (wobei das ein Gedan­ke wert wäre).

Nein, es gibt in der Schweiz nie­man­den, der oder die eine ‚poli­tisch kor­rek­te‘ Dik­ta­tur durch­set­zen möch­te. Män­ner, die ein intak­tes Unrechts­be­wusst­sein haben – auch die gibt es, wie sich in den letz­ten Tagen zeig­te – wer­den es im Zuge des #Schwei­zer­Auf­schrei nicht nötig haben, sich als Opfer zu sti­li­sie­ren. Son­dern end­lich dazu über­ge­hen, sich mehr Wis­sen zum The­ma Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit anzu­eig­nen und im bes­ten Fall auch die eige­nen Ver­hal­tens­wei­sen, Gewohn­hei­ten und Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten hin­ter­fra­gen. Und nicht zuletzt wer­den sie in der Lage sein, auch mal Fra­gen zu stel­len, anstatt die eige­ne Ein­schät­zung für die ein­zig rich­ti­ge zu hal­ten. Fra­gen wie zum Bei­spiel: War­um sind in der Wer­bung, in Medi­en und in Fil­men Frau­en immer wie­der Sex­ob­jek­te? Oder dümm­li­che Prin­zes­sin­nen? War­um sit­zen in vie­len Talk­shows mehr Män­ner? War­um wird Care-Arbeit bis heu­te über­wie­gend von Frau­en gestemmt? Und wes­halb geht sexua­li­sier­te Gewalt fast aus­schliess­lich von Män­nern aus?

Gen­tle­men, es gibt kei­ne Ent­schul­di­gung, packen Sie es an.

Von Franziska Schutzbach

Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.