Das Buch Perils of Belon­ging des Sozi­al­an­thro­po­logen Peter Geschiere ist gleich­zeitig eine histo­ri­sche Unter­su­chung, eine anthro­po­lo­gi­sche Studie und eine verglei­chende Analyse mit den Schwer­punkten Holland und Flan­dern auf der einen sowie Kamerun und Elfen­bein­küste auf der anderen Seite. Ausge­hend von der Beob­ach­tung, dass in den 1990er-Jahren in unter­schied­li­chen Welt­re­gionen „Auto­chthonie“ zu einem poli­ti­schen Kampf­be­griff und zu einem Refe­renz­punkt für sehr unter­schied­liche Behaup­tungen, Forde­rungen und Ansprüche wurde, erforschte Geschiere die Konjunktur der Vorstel­lungen einer „ursprüng­li­chen“, gleichsam natur­ge­ge­benen Zuge­hö­rig­keit zu einem konkreten Terri­to­rium und zu einer abge­schlos­senen Gemein­schaft. Was macht dieses Konzept so attraktiv, dessen Viel­deu­tig­keit mit einem hohen Poten­tial an Gewalt einher­geht?

Peter Geschiere, The Perils of Belon­ging, Univ. of Chicago 2009; Quelle: upchicago.edu

Die Idee der Auto­chthonie ist zwar schon sehr alt – in Europa kann sie als poli­ti­sches Konzept zum Ausschluss Zuge­zo­gener vom Bürger­recht bis ins athe­ni­sche 5. Jahr­hun­dert vor unserer Zeit­rech­nung zurück­ver­folgt werden –, doch sie ist histo­ri­schen Prozessen nicht vorgängig, sondern stellt eine Antwort auf Verän­de­rungen dar. In einer Welt, so Geschiere, „that believes to be globa­li­zing“, produ­ziert die Privi­le­gie­rung von Abstam­mung und Herkunft neue Formen der Exklu­sion. Weil den Auto­chthonen, d.h. wört­lich „den aus der Erde gebo­renen“, begriffs­lo­gisch die „Anderen“, die Fremden, die Zuge­wan­derten gegen­über­stehen, geht es bei dieser Denk­figur zentral um poli­ti­sche Ordnung und gesell­schaft­li­chen Ausschluss. Wenn nämlich Zuge­hö­rig­keit (belon­ging) auf die Auto­chthonen, die Schon-immer-Dage­we­senen, beschränkt wird, erscheint auch die Nicht­zu­ge­hö­rig­keit der Zuge­zo­genen als selbst-verständ­lich im Wort­sinn; der Ausschluss von „Fremden“ bedarf dann keiner weiteren Begrün­dung mehr. Damit wird aber nicht nur „Fremden“ der Zugang zu poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Teil­habe verwehrt; viel­mehr ist es auch möglich, nach­träg­lich wieder „fremd“ zu werden. Das lässt sich in Deutsch­land beob­achten, wo Türken erst „Gast­ar­beiter“ waren, dann zu türki­schen „Mitbür­ge­rinnen und Mitbür­gern“ erklärt wurden – und heute vor allem „Moslems“ sind. Sie waren eben nicht „schon immer da“

GegenGeschichte

Das Konzept der Auto­chthonie kämpft mit inhä­renten Wider­sprü­chen und Brüchen, weil das Natür­liche eben nicht natur­ge­geben ist. In vielen Gesell­schaften Afrikas, aber auch etwa in den USA  und anderen ehema­ligen Sied­ler­ge­sell­schaften, stehen stolze Grün­dungs­my­then, die darauf beruhen, dass ein verheis­senes Land gesucht, erreicht und besie­delt wurde, im ekla­tanten Wider­spruch zur Idee des Schon-immer-da-gewesen-Seins. Und auch in jedem euro­päi­schen Stadt- und Regio­nal­mu­seum werden Geschichten von Ankunft, Vermi­schung, Assi­mi­la­tion und Migra­tionen erzählt.

Beson­ders gefähr­lich werden natu­ra­li­sierte Ursprungs­vor­stel­lung aller­dings nicht so sehr, weil und wenn sie solcherart im Wider­spruch zur Geschichte oder gar zur Geschichts­wis­sen­schaft stehen, sondern wenn sie eine Verbin­dung mit „citi­zenship“ eingehen, also auf Bürger­recht und Staats­bür­ger­schaft über­tragen werden. Die Natu­ra­li­sie­rung von Staats­bür­ger­schaft (citi­zenship), die sich in Parolen wie „Deutsch­land den Deut­schen“ spie­gelt, zeigt Geschiere am Beispiel der Elfen­bein­küste, wo Staats­prä­si­dent Laurent Gbagbo 2002 das Prinzip des „Bürger­ortes“ einführte: Jede Ivorerin und jeder Ivorer sollte in sein „Heimat­dorf“ „zurück­kehren“, um sich dort regis­trieren zu lassen; wer kein Dorf rekla­mieren konnte, wurde zum „Ausländer“ erklärt, verlor Staats­bür­ger­schaft, Wahl­recht und das Recht, Land zu erwerben.

Als Geschiere sein Buch schrieb, hatte in den Nieder­landen und in Flan­dern der Begriff „Auto­chthonie“ mit dem Gegen­be­griff „Allochthonie“ in Alltags­sprache und den poli­ti­schen Diskurs Eingang gefunden – als „allochton“ wurden z.B. in offi­zi­ellen Statis­tiken alle Nieder­län­de­rinnen und Nieder­länder mit einem „auslän­di­schen“ Eltern­teil aufge­führt. Auch die italie­ni­schen Lega Nord benutzt den Begriff; in Frank­reich und Deutsch­land findet er sich weniger. Aller­dings phan­ta­sieren auch Poli­tiker der AfD in Verbin­dung mit dubiosen russi­schen Think Tanks davon, dass ein Austausch „der euro­päi­schen auto­chthonen Bevöl­ke­rung durch Massen­ein­wan­de­rung nicht­eu­ro­päi­scher Völker“ gestoppt werden müsse. Und unab­hängig von der konkreten Verwen­dung des Begriffs verbinden sich immer häufiger Ängste um die eigene Exis­tenz mit der Behaup­tung eines angeb­lich primor­dialen, unwi­der­leg­baren Rechts auf Zuge­hö­rig­keit, das gegen „aussen“ und die „Fremden“ im Innern  vertei­digt werden muss

Die Rückkehr des Dorfes nach dem Kalten Krieg

Auf der Grund­lage seiner seit den 1970er-Jahren unter­nom­menen Feld­for­schungen in Kamerun und einigen anderen afri­ka­ni­schen Ländern entfaltet Peter Geschiere eine fein­glied­rige Analyse, die viele offene Enden lässt. Histo­risch ist das Aufkommen der von ihm beschrie­benen neuen Auto­chthonie in den 1990er-Jahren zu verorten, das heisst nicht zufällig am Ende des Kalten Krieges. Mehrere Entwick­lungen trugen zur Verfes­ti­gung dieses Denk­mus­ters bei, das sich mitnichten nur in rechts­po­pu­lis­ti­schen und natio­na­lis­ti­schen Milieus findet – und auch nicht auf Europa beschränkt ist. Gerade die „Welle der Demo­kra­ti­sie­rung“ in Afrika, die mit einem tiefen Miss­trauen gegen­über „dem Staat“ einher­ging, hat zur Stär­kung lokaler Bezüge und Zuge­hö­rig­keit geführt. Auch die Neuori­en­tie­rung der Entwick­lungs­hil­fe­or­ga­ni­sa­tionen weg von der Unter­stüt­zung des Staates hin zu dezen­tralen Projekten, mit denen einzelne „Gemein­schaften“ unter­stützt werden sollten, beför­dert bei der Konkur­renz um Ressourcen eine Beto­nung von exklu­siver „Zuge­hö­rig­keit“.

Weil mit der Demo­kra­ti­sie­rung der 1990er-Jahre die Beto­nung des Auto­chthonen und von ethni­schen Parti­ku­lar­in­ter­essen zunahm – während bei den Natio­nal­staats­grün­dungen in den 1960er-Jahren noch die Einheit des Volkes in den neuen Staaten im Vorder­grund stand –, finden auto­ri­täre Poli­tiker heute einen frucht­baren Grund vor. Als etwa der Kame­ru­ni­sche Staats­chef Paul Biya gezwungen worden war, ein Mehr­par­tei­en­system zuzu­lassen, ermu­tigte er die Bildung von regio­nalen Inter­es­sen­ver­tre­tungen. Mit dieser Beto­nung regio­naler Zuge­hö­rig­keit und dem Argu­ment, Mino­ri­täten müssten gegen Zuwan­derer geschützt werden, konnte er erfolg­reich die Bildung einer natio­nalen Oppo­si­tion verhin­dern.

Eine weitere Ebene bei der Stär­kung des Regio­nalen in einer globalen Welt ist die Renais­sance des Dorfes. Sie drückt sich nicht nur in den oben erwähnten zyni­schen Staats­bür­ger­schafts­re­ge­lungen in der Elfen­bein­küste aus, sondern auch zum Beispiel in einer signi­fi­kanten Zunahme von Beer­di­gungen „zu Hause“, in der heimat­li­chen Erde, die sich auf dem gesamten afri­ka­ni­schen Konti­nent finden lässt. Die oft mit grossem finan­zi­ellen Aufwand began­genen Feste im Gewand neotra­di­tio­na­lis­ti­scher Riten sind „true festi­vals of belon­ging“, die nicht selten eine Bühne bieten, um den Macht­spielen städ­ti­scher Eliten Einhalt zu gebieten und die Bedeu­tung des Landes, der „wahren“ Heimat zu betonen. An den Beer­di­gungen zeigt sich nicht nur eine Konkur­renz zwischen städ­ti­schen und länd­li­chen Eliten, sondern vor allem die grosse emotio­nale, tief in der Gesell­schaft einge­bettet Kraft von „belon­ging“ und auto­chthonen Denk­mus­tern.

Bedrohte Völker – global

“Endan­gered species”: Scho­ko­lade-Verkaufs­regal, Los Angeles, 2013, Photo: phs

Tania Li, Profes­sorin für Poli­ti­sche Ökonomie und Kultur Asiens, sieht welt­weit eine „deep conjunc­ture of belon­ging“ (im Sinne eines Zusam­men­tref­fens), zu der auch die Sorge um den Verlust von Biodi­ver­sität beiträgt, die Sorge um bedrohte Tier­arten und um bedrohte Völker. 1993 riefen die Vereinten Nationen das „Inter­na­tio­nale Jahr der auto­chthonen Bevöl­ke­rungs­gruppen der Welt“ aus und erklärten die Jahre 1995–2004 zur „Inter­na­tio­nalen Dekade der auto­chthonen Bevöl­ke­rungs­gruppen der Welt“. Es sollte Aufmerk­sam­keit für margi­na­li­sierte Bevöl­ke­rungs­gruppen geschaffen werden, die nach wie vor unter den Auswir­kungen von Kolo­nia­lismus und Neoko­lo­nia­lismus leiden, die aller­dings mit dieser Zuschrei­bung eines „Einge­bo­re­nen­status“ auf selt­same Art und Weise aus der Geschichte heraus­fallen, weil etwa ihre eigenen Migra­ti­ons­ge­schichten und histo­ri­schen Verän­de­rungen ausge­blendet bzw. nur als nega­tiver Effekt des Kolo­nia­lismus verstanden werden. Als „Urein­wohner“ in der (Post)Moderne gestrandet, müssen sie geschützt werden und erhalten Rechte. Doch wer gehört dazu? Wer darf an den von der UNESCO neu geschaf­fenen poli­tisch-symbo­li­schen und mate­ri­ellen Ressourcen teil­haben?

Was alle afri­ka­ni­schen und die euro­päi­schen Beispiele verbindet, ist ein zugrun­de­lie­gendes Paradox: So sehr Auto­chtho­nie­dis­kurse eine grund­le­gende Sicher­heit verspre­chen – denn niemand kann mehr „zuge­hörig“ sein, als wenn er oder sie „aus der Erde geboren“ ist, so sehr steht diese Sicher­heit in der alltäg­li­chen Praxis immer wieder zur Dispo­si­tion. In einer Welt der demo­gra­phi­schen Mobi­lität und gesell­schaft­li­chen Mischung ist die Unsi­cher­heit über den eigenen Status eine stän­dige Drohung: Bin ich rein genug in meiner Abstam­mung? Was defi­niert diese Abstam­mung: die Region, das Dorf, die Familie? Und wer ist der Fremde unter uns, der „Andere“, „resi­ding in ones native land“?

“Pfahl­bauer” im histo­ri­schen Umzug am Schüt­zen­fest 1882 in Neuchàtel; Quelle: swissinfo.ch

Die Vorstel­lung, Zuge­hö­rig­keit sei „natür­lich“, ist zugleich mit norma­tiven Ansprü­chen verbunden, die sich aber weniger nach aussen richten – etwa: Was sind die Bedin­gungen, um Schweizer zu werden? –, sondern vor allem nach innen – wer ist ein rich­tiger „Eidge­nosse“? – und so die „Verräter“ ding­fest macht, von denen Geschiere spricht.

Ende der Diskussion

Wenn etwas als natür­lich, natur­ge­geben und selbst­ver­ständ­lich gilt, kann es keine Debatte mehr geben. Im Gegen­teil, jede Diskus­sion und Analyse muss als Angriff erscheinen durch Feinde, die eben dieses Natür­liche in Frage stellen oder sogar zerstören wollen. In diesem Umfeld stehen akade­mi­sche Analysen unter Gene­ral­ver­dacht. Dabei ist es eine grund­le­gende wissen­schaft­liche – und nicht linke! – Opera­tion, zu unter­su­chen, wie etwas entstanden ist und sich verän­dert, wie etwas funk­tio­niert und konstru­iert ist. So haben sich gegen­wärtig auch der Deut­sche Archäo­lo­gie­kon­gress in Mainz und eine Ausstel­lung im Nean­der­thal-Museum in Mett­mann mit dem Titel „Zwei Millionen Jahre Migra­tion“ des Themas ange­nommen. Peter Geschiere zeigt, dass der Anspruch auf ursprüng­liche Zuge­hö­rig­keit, bei allen unter­schied­li­chen und wech­selnden Gründen für die poli­ti­sche Mobi­li­sie­rung von Auto­chthonie, häufig in eine destruk­tive Politik mündet. Sein Buch erin­nert uns an den „Migranten in uns allen“, wie Gyanendra Pandey von der Emory Univer­sity schrieb, unab­hängig davon, wie früh wir uns in einer bestimmten Region nieder­ge­lassen haben, und an den Fremden, zu dem jeder von uns in einer konflikt­haften poli­ti­schen Situa­tion werden kann.

Peter Geschiere: The Perils of Belonging. Autochthony, Citizenship, and Exclusion in Africa and Europe, Chicago/London 2009.

Von Gesine Krüger

Gesine Krüger lehrt Geschichte der Neuzeit und Ausser­europäische Geschichte an der Univer­sität Zürich und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.