Jetzt aber!

Laut einer Umfra­ge neu­lich im Sonn­tags­blick fürch­tet sich fast 40% der Bevöl­ke­rung vor Mus­li­men in der Schweiz. Das Ergeb­nis ist die Fol­ge einer wochen­lan­gen media­len Debat­te über ‚radi­ka­len Islam‘ und die Gefahr, die von soge­nann­ten Hass­pre­di­gern aus­ge­he. Sie bil­de­te die Begleit­mu­sik für eine Volks­in­itia­ti­ve zum Ver­bot der Bur­ka, über die dem­nächst abge­stimmt wird. Völ­lig aus­ge­blen­det wird in die­ser Dis­kus­si­on, dass die Schweiz die Radi­ka­li­sie­rung des Islams zumin­dest indi­rekt sel­ber mit­fi­nan­ziert.

Wie das? So etwas wie das Gehirn und der Ban­kier des radi­ka­len Islams ist die Isla­mi­sche Welt­li­ga. Über Able­ger ist sie in der gan­zen isla­mi­schen Welt prä­sent. Über ver­schlun­ge­ne Netz­wer­ke und Kanä­le gelan­gen ihre Ide­en, Geld­mit­tel und Ima­me auch nach Euro­pa. Ihren Haupt­sitz hat die Isla­mi­sche Welt­li­ga in Sau­di-Ara­bi­en. Das ist just jene Dik­ta­tur ohne Men­schen­rech­te, die laut EDA „einer der wich­tigs­ten Part­ner der Schweiz“ im Nahen Osten dar­stellt. Kon­kret heisst das, dass die Schweiz in abso­lu­ten Zah­len und erst recht gemes­sen an ihrer gerin­gen Bevöl­ke­rungs­grös­se zu den welt­weit füh­ren­den Direkt­in­ves­to­rin­nen, Expor­teu­rin­nen und Ver­mö­gens­ver­wal­te­rin­nen jenes Lan­des zählt, wel­ches das finan­zi­el­le, ideo­lo­gi­sche und stra­te­gi­sche Zen­trum des glo­ba­len Ter­rors behü­tet und nährt.

In Zah­len aus­ge­drückt: 2010 inves­tier­te die Schweiz 3 Mil­li­ar­den Fran­ken, wäh­rend Schwei­zer Ban­ken Sau­di-Ara­bi­sche Ver­mö­gen von 4 Mil­li­ar­den Fran­ken ver­wal­te­ten. Die­se Sum­men wer­den in naher Zukunft dras­tisch wach­sen. Das König­reich ver­sucht gegen­wär­tig näm­lich, sei­ne Abhän­gig­keit vom Erd­öl zu über­win­den und öff­net hier­zu sei­nen Finanz­markt für den Wes­ten. An vor­ders­ten Front betei­ligt sind auch die CS, die zu Tei­len einem Staats­fonds aus Katar gehört, und die UBS. Die CS inves­tiert zum Auf­bau ihres Sau­di-Ara­bi­en Geschäfts rund 300 Mio. Fran­ken, wie ‚Bloom­berg‘ kürz­lich mel­de­te. Bereits jetzt ver­wal­tet sie im übri­gen Nahen Osten Kun­den­gel­der von 70 Mil­li­ar­den Fran­ken. Sau­di-Ara­bi­en ist frei­lich nicht nur für die Finanz-, son­dern auch für die die schwei­ze­ri­schen Uhren-, phar­ma­zeu­ti­schen und Maschi­nen­in­dus­tri­en ein enor­mer Wachs­tums­markt. Poin­tiert gesagt: Wäh­rend die Schweiz daheim ‚die Mus­li­me‘ als Gefahr sti­li­siert, bald über ein Ver­bot der ‚Bur­ka‘ abstimmt und ein­zel­ne ‚Hass­pre­di­ger‘ bekämp­fen will, finan­ziert sie die isla­mis­ti­sche Schutz­macht des Ter­rors mit ungleich grös­se­ren Mit­teln aktiv mit.

swis­sô­tel Mek­ka; Quel­le: expedia.co.in

Die Fra­ge, ob die Unter­stüt­zung des Ter­rors in den gegen­wär­tig lau­fen­den Ver­hand­lun­gen mit Sau­di-Ara­bi­en über ein Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­men ein The­ma sind, wird in hie­si­gen Medi­en prak­tisch nicht gestellt. Die Wirt­schafts­pres­se blen­det sol­che demo­kra­tie­po­li­ti­schen Kon­tex­te meis­tens aus. Die Inland- und Lokal­re­dak­tio­nen blen­den ihrer­seits die wirt­schafts­po­li­ti­schen Kon­tex­te aus. Die Fol­ge davon ist, dass die schwei­ze­ri­schen Inves­to­ren, Expor­teu­re und Ver­mö­gens­ver­wal­ter, die mit dem Sau­di-Ara­bi­en-Geschäft reich wer­den, weit­ge­hend anonym blei­ben. Das­sel­be gilt für Arbeit­neh­men­de, die ihren Lebens­un­ter­halt mit der Her­stel­lung von Gütern für den Export nach Nah­ost ver­die­nen. Wie sehen sie den Zusam­men­hang zwi­schen ihrem Tages­ge­schäft, das auf ver­schlun­ge­nen Pfa­den zur Finan­zie­rung von ‚Hass­pre­di­gern‘ in ihrer Nach­bar­schaft bei­trägt, und ihrer Rol­le als Bür­ge­rin­nen und Bür­ger einer Gesell­schaft, die sich vor ‚den Mus­li­men‘ fürch­tet? Wir wis­sen es nicht.

Dafür wis­sen wir detail­liert Bescheid über das Innen­le­ben von Mosche­en sowie über die fei­nen Unter­schie­de zwi­schen Bur­kas, Hid­sch­abs und Niqabs. Auch wenn ein paar Halb­wüch­si­ge in irgend­ei­ner Gemein­de den Schwimm­un­ter­richt oder den Hand­schlag mit der Leh­re­rin ver­wei­gern, sind wir sofort infor­miert. Redak­tio­nen, die sich fast aus­nahms­los aus Nicht-Mus­li­men zusam­men­set­zen, berich­ten obses­siv, kon­ti­nu­ier­lich und in epi­scher Brei­te für ein Publi­kum, das eben­falls zu nahe­zu 100% aus Nicht-Mus­li­men besteht. Bedau­er­li­cher­wei­se tun sie das meist in einer Art, wel­che ihre Schweiz – also die christ­lich sozia­li­sier­te Mehr­heits­schweiz – fein säu­ber­lich von der mus­li­mi­schen Welt abtrennt. Bei­spiel­haft ist die ein­gangs erwähn­te Umfra­ge im Sonn­tags­blick. Er woll­te wis­sen, wer „die 400’000 Mus­li­me in der Schweiz als Bedro­hung“ emp­fin­de. Die Fra­ge­stel­lung impli­ziert, dass Mus­li­me kei­ne Schwei­ze­rin­nen oder Schwei­zer sind. Oder wie soll eine mus­li­mi­sche Schwei­ze­rin auf die­se Fra­ge ant­wor­ten – ‚ja, ich fürch­te mich vor mir selbst‘? Tat­sa­che ist, dass ein erheb­li­cher Teil der 400’000 ‚Mus­li­me‘ hier­zu­lan­de de jure oder de fac­to (zwei­te oder drit­te Gene­ra­ti­on) Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer sind. Fakt ist fer­ner, dass Isla­mis­mus und Ter­ror in der Schweiz weni­ger für Alt­ein­ge­ses­se­ne eine Bedro­hung ist. Bedroh­lich ist der Isla­mis­mus viel eher für jene fried­lie­ben­den Mus­li­me, deren Foto­gra­fi­en der Sonn­tags­blick und ande­re Medi­en als ‚Sym­bol­bil­der‘ zur Illus­tra­ti­on ihrer pau­scha­li­sie­ren­den Arti­kel über ‚mus­li­mi­sche Bedro­hung‘ benut­zen. Etli­che Men­schen auf die­sen Fotos sind womög­lich sel­ber vom Ter­ror in ihren Her­kunfts­län­dern geflo­hen, den die Schweiz indi­rekt mit­fi­nan­ziert. Oder aber sie haben Ver­wand­te und Bekann­te in sol­chen Län­dern.

Gewiss: Wenn Nicht-Mus­li­me den radi­ka­len Islam bekämp­fen wol­len, ist dies sicher löb­lich. Sie müss­ten es aber nicht gegen, son­dern mit der über­wie­gen­den Mehr­heit der fried­lie­ben­den mus­li­mi­schen Welt tun. Dazu braucht es einen Per­spek­ti­ven­wech­sel. Nicht-Mus­li­me müss­te ler­nen, sich sel­ber aus mus­li­mi­scher Per­spek­ti­ve zu betrach­ten und zu ver­ste­hen, dass sie mit ihrer Isla­mo­pho­bie und Kom­pli­zen­schaft mit der isla­mis­ti­schen Schutz­macht sel­ber eine Bedro­hung für die isla­mi­sche Welt dar­stel­len.

Für Redak­tio­nen hies­se dies, zu fra­gen und zu recher­chie­ren, wer die Opfer der schwei­ze­ri­schen Kom­pli­zen­schaft mit Sau­dia-Ara­bi­en sind. Für den Bun­des­rat hies­se dies, dem Bei­spiel ande­rer west­li­cher Regie­run­gen zu fol­gen, und sei­nen mus­li­mi­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ein „Mer­ci“ aus­zu­spre­chen. Mer­ci für den rie­si­gen Inte­gra­ti­ons­ef­fort trotz struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus im All­tag. Und mer­ci für die jahr­zehn­te­lan­gen Bei­trä­ge zu Wohl­stand und Sicher­heit im Land. Für Bür­ge­rin­nen und Bür­ger eines hoch­glo­ba­li­sier­ten Klein­staats hies­se dies, ihr täg­li­ches Brot nicht auf Kos­ten der Opfer von Dik­ta­tu­ren und Gewalt­re­gi­men zu ver­die­nen. – Inschal­lah.

Von Bernhard C. Schär

Bernhard C. Schär ist Postdoc am Lehrstuhl für die Geschichte der modernen Welt an der ETH Zürich und assoziiertes Mitglied am Zentrum Geschichte des Wissens der Universität und der ETH Zürich.