Geschichten der Gegenwart

Der Grüeb­uglet­scher erstreckt sich unter­halb des Fletsch­horns ob Saas Grund in den Wal­li­ser Alpen, von 2850 Meter auf 3990 Meter über Meer. Und er ist, wie ande­re Glet­scher auch, eine Glet­scher­rui­ne gewor­den. Dort, wo vor Jah­ren noch Eis war, schim­mert jetzt ein neu­er See, man kann dem Eis beim Schmel­zen zuse­hen. So gebrech­lich ist der einst stol­ze Grüeb­uglet­scher gewor­den, dass Alpi­nis­ten davor war­nen, den Eis­firn zu über­que­ren.

Er ist nicht allein. 2,2 Kilo­me­ter hat etwa auch der Mor­te­ratsch­glet­scher seit Beginn der Mes­sun­gen 1878 ein­ge­büsst, mehr als ein Vier­tel sei­ner frü­he­ren Län­ge. Er wird ver­mut­lich bis im Jahr 2050 ganz ver­schwun­den sein, wenn die Erwär­mung des Kli­mas so wei­ter­geht. Und mit ihm, so die Berech­nun­gen des World Gla­cier Moni­to­ring Ser­vice an der Uni­ver­si­tät Zürich, ver­schwin­den die meis­ten Glet­scher der Alpen auch, unwi­der­bring­lich. In den Alpen allein sind bereits 100 Glet­scher weg. Bis auf ein paar weni­ge Aus­nah­men, das zei­gen neu­es­te Aus­wer­tun­gen des Glet­scher­vo­lu­mens der Schwei­zer Glet­scher, wer­den bis Ende des Jahr­hun­derts auch alle ande­ren ver­schwun­den sein, selbst dann, wenn die Mensch­heit den Aus­stoss von CO2 heu­te auf einen Schlag stop­pen wür­de.

Aber was sind Gletscher?

Glet­scher, für sich genom­men, sind zunächst ein­mal eine Anhäu­fung von Eis. Nicht irgend­wel­ches Eis aller­dings, son­dern Eis, das über Jahr­hun­der­te und Jahr­tau­sen­de gewach­sen ist, Ergeb­nis eines kom­pli­zier­ten, dyna­mi­schen Pro­zes­ses der Akku­mu­la­ti­on und Meta­mor­pho­se von Schnee zu Eis. So sind die Glet­scher welt­weit, und nicht nur in den Alpen, Archi­ve des Kli­mas, aus deren Schich­tun­gen, Wachs­tums­kur­ven, Schnee­se­di­men­te, aber auch aus deren Kar­bon­ge­halt oder Russ­be­fall die Gla­zio­lo­gen kli­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen der letz­ten Jahr­zehn­te, Jahr­hun­der­te, Jahr­tau­sen­de her­aus­le­sen kön­nen.

Glet­scher erzäh­len, wenn man sie mit Boh­run­gen ana­ly­siert, vom Aus­bruch des süd­ost­asia­ti­schen Vul­kans Tam­bo­ra im Jahr 1815, von der klei­nen Eis­zeit in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, vom zuneh­men­den Aus­stoss an CO2 in die Atmo­sphä­re in den letz­ten 150 Jah­ren und von der sprung­haf­ten Erwär­mung in der zwei­ten Hälf­te des letz­ten Jahr­hun­derts. Ein­ge­la­gert in den Eis­schich­ten trägt jeder Glet­scher auch sei­ne eige­ne Geschich­te in sich, die schnel­len wie die lang­sa­men Wachs­tums­pha­sen, Abbrü­che, Ver­win­dun­gen, Ver­wer­fun­gen, die lang­sa­men Pro­zes­se der Abla­ti­on und Sub­li­ma­ti­on.

Glet­scher sind ein­fach da, anwe­sen­de, ruhen­de, manch­mal auch wür­de­vol­le Zeu­gen der Kli­ma­ge­schich­te.

Kein Posten in der Bilanz

Aber Glet­scher sind auch Spei­cher von welt­weit rund 70 Pro­zent allen Süss­was­sers die­ses Pla­ne­ten, das sind rund 30 Mil­lio­nen Kubik­ki­lo­me­ter Was­ser – nicht wenig also, was da oben in den Gip­feln der Alpen ruht, und auch im Hima­la­ya, in den Anden, in Nor­we­gen, auf Grön­land.

Den­noch: Öko­no­misch betrach­tet sind die Glet­scher irrele­vant, denn ihr Ver­schwin­den hin­ter­lässt bis heu­te in kei­ner Buch­hal­tung einen Minus­pos­ten. Glet­scher sind zwar in den Alpen wich­ti­ge Trink­was­ser­vor­rä­te, vor allem das Wal­lis ist vom Schmelz­was­ser der Glet­scher abhän­gig. Glet­scher­was­ser speist zudem Flüs­se und Spei­cher­se­en; rund 19 Pro­zent der heu­ti­gen Strom­pro­duk­ti­on in der Schweiz erfolgt mit dem Schmelz­was­ser der Glet­scher. Fal­len die Glet­scher als Was­ser­lie­fe­ran­ten der­einst weg, rech­nen die Exper­ten der ETH-Was­ser­for­schungs­an­stalt EAWAG aller­dings nicht mit einem signi­fi­kan­ten Rück­gang der ver­füg­ba­ren Was­ser­men­ge.

Ver­schie­ben wür­den sich zwar, sagen Exper­ten, die sai­so­na­len Abfluss­men­gen, mit mehr Hoch­was­ser im Win­ter, weil mehr Regen statt Schnee fal­len wird. Im Som­mer hin­ge­gen wer­den die bis dahin neu ent­stan­de­nen Glet­scher­se­en die Auf­ga­be der Glet­scher als Was­ser­spei­cher erfül­len. Kein Grund zur Sor­ge also. Und auch der Grund­was­ser­spie­gel der Schweiz wäre nicht gefähr­det, wenn es kei­ne Glet­scher mehr gäbe. Ins­ge­samt, so eine Stu­die des Kli­ma­for­schers Kon­rad Stef­fen von der ETH Zürich, bedroht das Ver­schwin­den der Glet­scher die Rol­le der Schweiz als „Was­ser­schloss Euro­pas“ nicht.

Cas­par Wolf: Rho­ne­glet­scher, 1778, Kunst­haus Aar­au, Quel­le: swissinfo.ch

So gibt es, zumin­dest von Sei­ten der Strom- und Was­ser­wirt­schaft, kein unmit­tel­ba­res Inter­es­se an der Wei­ter­exis­tenz von Glet­schern. Nicht ein­mal ein ästhe­ti­scher, mög­li­cher­wei­se auch tou­ris­ti­scher Wert las­se sich den meis­ten Glet­schern zuspre­chen. Zu weit oben, zu weit ent­fernt von den Wan­der­pfa­den liegt ein Glet­scher wie der Turt­mann­glet­scher, der nur noch ein Trüm­mer­feld ist. Mehr Auf­merk­sam­keit gibt es viel­leicht für den mäch­ti­gen Rho­ne­glet­scher, even­tu­ell für den Aletsch­glet­scher, der jähr­lich zehn­tau­sen­de Besu­cher anzieht und unter dem Schutz der UNESCO steht. Aber auch hier wer­den – anders als in den his­to­ri­schen Stät­ten des Welt­erbes – kei­ne kon­kre­ten Siche­rungs­maß­nah­men unter­nom­men. Das Welt­na­tur­er­be wird bestaunt, nicht bewahrt.

Glet­scher wer­den in die­sem Sin­ne nicht als Roh­stof­fe betrach­tet, und sie gehö­ren auch nicht zu den Gemein­gü­tern, zu den soge­nann­ten All­men­den. All­men­de sind gemein­wirt­schaft­lich genutz­te Güter, an denen Vie­le par­ti­zi­pie­ren, und sie set­zen – das war die grund­le­gen­de Erkennt­nis der Öko­no­min und Nobel­preis­trä­ge­rin Eli­nor Ostrom – kon­kur­rie­ren­de indi­vi­du­el­le Nut­zungs­in­ter­es­sen der Betei­lig­ten vor­aus. Erst aus die­sen kon­kur­rie­ren­den, also auch kon­flik­ti­ven Nut­zungs­in­ter­es­sen her­aus kön­nen Regeln ent­ste­hen, die ver­hin­dern, dass All­men­de über­nutzt wer­den. Aus ihnen erge­ben sich Abspra­chen, wie die Kos­ten der Nut­zung und der Erhalt der Res­sour­ce gere­gelt wer­den kön­nen. Fehlt hin­ge­gen das Nut­zungs­in­ter­es­se, gibt es auch kein Inter­es­se an einer gemein­wirt­schaft­li­chen Bewah­rung, und genau das ist die Situa­ti­on bei den Glet­schern.

Wenig Interesse

Olaf Otto Becker: Point 660, 2008; Quel­le: amadorgallery.com

Glet­scher ste­hen sozu­sa­gen auf glei­cher Stu­fe mit vom ver­schwin­den betrof­fe­ne Arten und sind so wenig geschützt wie Eis­bä­ren oder Lemu­ren – mit dem Unter­schied, dass gefähr­de­te Tier­ar­ten zumin­dest so etwas wie emo­tio­na­le Reak­tio­nen aus­lö­sen. Das Ver­schwin­den der Glet­scher vor der Haus­tür hin­ge­gen, das zei­gen die For­schungs­er­geb­nis­se des Kli­ma­psy­cho­lo­gen Adri­an Brüg­ger, wird als ein Phä­no­men betrach­tet, das „weit weg“ liegt und bes­ten­falls „als Bedro­hung für die Natur und für zukünf­ti­ge Gene­ra­tio­nen“ emp­fun­den wird, wie er kürz­lich in einem Inter­view  sag­te. Man bedau­ert, man doku­men­tiert, man deckt die Glet­scher­stum­mel mit Pla­nen ab, aber es gibt kei­ne Bewe­gung, nicht in der Poli­tik, nicht in der Zivil­ge­sell­schaft.

Die rapi­de dahin­schmel­zen­den Glet­scher tei­len damit die Fata­li­tät des sich ste­tig erwär­men­den Kli­mas, die Ursa­che ihres Ver­schwin­dens. Das Kli­ma steht zwar seit dem Pari­ser Kli­ma­ab­kom­men von 2015 unter einem umfas­sen­den Schutz­re­gime, gewach­sen aus der Ein­sicht, dass unse­re Bio­sphä­re kol­la­bie­ren wird, wenn es auf der Erde mehr als 1,5, maxi­mal 2 Grad wär­mer wird als heu­te. Aber trotz kla­ren Beschlüs­sen, trotz wei­test­ge­hen­den Bekennt­nis­sen, trotz War­nun­gen der Kli­ma­for­scher welt­weit — die Reduk­ti­ons­zie­le, wel­che die Län­der bis heu­te beschlos­sen haben, sind weit davon ent­fernt, die­ses glo­ba­le Ziel zu errei­chen; wir steu­ern zur­zeit auf ein Sze­na­rio zu, nach dem das Kli­ma sich bis Ende die­ses Jahr­hun­derts um etwa 4 bis 6 Grad erwär­men wird. Und die Erwär­mung wür­de sich auch dann fort­set­zen, wenn wir heu­te sofort mit dem Aus­stoss aller Kli­ma­ga­se stop­pen wür­den, weil die Erwär­mung, die wir heu­te spü­ren, zurück­geht auf die Emis­sio­nen an CO2 aus frü­he­ren Jahr­zehn­ten; was wir heu­te aus­stos­sen, kommt poten­ziert noch oben­drauf.

Globale Kosten

Im Alpen­raum liegt die mitt­le­re Tem­pe­ra­tur bereits heu­te 2 Grad Cel­si­us über dem vor­in­dus­tri­el­len Mit­tel, das Dop­pel­te der glo­ba­len Erwär­mung von min­des­tens 0,85 Grad Cel­si­us. Die Glet­scher also sind ver­lo­ren, und es ist auch kein Inter­es­se an ihrem Fort­be­stehen aus­zu­ma­chen. Das ändert sich viel­leicht erst dann, wenn man die Kos­ten ihres Ver­schwin­dens in gro­ben Zügen zu bezif­fern ver­sucht. Denn die Kli­ma­er­wär­mung, die fast alle Glet­scher im Alpen­raum abschmel­zen wird, führt im eben­so schnel­len Takt zum Abschmel­zen der Pol­kap­pen, zur rasant fort­schrei­ten­den Aus­dün­nung des ark­ti­schen Meer­ei­ses; sie treibt das Weg­schmel­zen der Glet­scher im Hima­la­ya vor­an, in den Anden, auf Alas­ka, Nor­we­gen, sie ist die Ursa­che für das Weg­bre­chen von gros­sen Tei­len des Ant­ark­ti­schen Eises.

Neue­re Berech­nun­gen haben erge­ben, dass allein das Weg­schmel­zen weni­ger ant­ark­ti­scher Eis­schil­de den Mee­res­spie­gel um bis zu 3,3 Meter anstei­gen las­sen wird. Rech­net man mit dem voll­stän­di­gen Abschmel­zen des Grön­län­di­schen Eises, ergibt sich ein Anstieg des Mee­res­spie­gels um 7,3 Meter, und geht man vom Abschmel­zen aller Glet­scher und Polar­kap­pen welt­weit aus, errech­net sich ein Anstieg um gan­ze 66 Meter. Und wel­che Kos­ten dies ver­ur­sa­chen wür­de, kann man sich klar­ma­chen, wenn man die Schä­den betrach­tet, die der bis­he­ri­ge Anstieg des Mee­res­spie­gels um glo­bal rund 20 Zen­ti­me­ter schon heu­te schafft. Auf den fla­chen Süd­see­inseln wie Kiri­ba­ti oder Fidji hat das stei­gen­de Was­ser zum Ver­lust an frucht­ba­ren Böden, zur Ver­sal­zung des Grund­was­sers, zur Auf­ga­be von Dör­fern geführt; die Schä­den neh­men zu, von Jahr zu Jahr. Auch an der West­küs­te West­afri­kas, im Küs­ten­ab­schnitt zwi­schen Mau­re­ta­ni­en und Nige­ria haben Sturm­flu­ten und die Ero­si­on der Strän­de zum Ver­lust gan­zer Ort­schaf­ten geführt. Die Tou­ris­ten­or­te an der Peti­te Côte im Sene­gal haben her­be Ver­lus­te hin­zu­neh­men, die Kos­ten gehen in die Mil­li­ar­den.

Auch für die Alpen­län­der sind die Kos­ten kaum abseh­bar, aber bereits spür­bar. Der Berg­sturz in Bon­do, der nur dank Inves­ti­tio­nen von 4,5 Mil­lio­nen Fran­ken in ein Auf­fang­be­cken kei­ne noch schlim­me­ren Schä­den ver­ur­sach­te, ist nur der Anfang. Auf­tau­en­der Per­ma­frost, der Fel­sen nicht mehr hält oder durch Wie­der­ge­frie­ren im Win­ter sprengt, wird zum Kos­ten­fak­tor: Wan­der­we­ge, wie der Euro­pa­weg im Wal­lis mit sei­ner lan­gen Hän­ge­brü­cke, müs­sen ver­legt wer­den, Fels­wän­de müs­sen gesi­chert und über­wacht, Stras­sen und gan­ze Dör­fer geschützt wer­den. Man­che wer­den unbe­wohn­bar, ihre Bewoh­ner sind die ers­ten inlän­di­schen Kli­ma­flücht­lin­ge. Allein für 2016 belie­fen sich die Schä­den in der Schweiz durch Natur­ka­ta­stro­phen auf 300 Mil­lio­nen Fran­ken, für die Prä­ven­ti­on wer­den heu­te schon 3 Mil­li­ar­den Fran­ken pro Jahr aus­ge­ge­ben.

Im Welt­mass­stab sind die Aus­sich­ten noch dra­ma­ti­scher. Städ­te wie New York, Los Ange­les, Dja­kar­ta, Ams­ter­dam, Shang­hai, Tokio und vie­le ande­re kön­nen nur mit rie­si­gen Infra­struk­tur­mass­nah­men vor den stei­gen­den Flu­ten geret­tet wer­den. In New York etwa wer­den Schutz­mass­nah­men gegen die stei­gen­den Flu­ten nur schon für die nähe­re Zukunft auf 19,5 Mil­li­ar­den Dol­lar berech­net. In Mia­mi sind Immo­bi­li­en im Wert von 3,7 Mil­li­ar­den US-Dol­lar von den stei­gen­den Flu­ten  betrof­fen, und nicht bezif­fer­bar ist wohl das Ver­schwin­den gan­zer Staa­ten, etwa von Kiri­ba­ti, den Male­di­ven, von Fidji und wei­ten Tei­len der Mar­schall­in­seln. Noch nie in der jün­ge­ren Mensch­heits­ge­schich­te muss­te das Auf­ge­ben gan­zer Staa­ten über­haupt errech­net wer­den.

Rech­ne­te man alle Fak­to­ren zusam­men, dürf­te es bis ins nächs­te Jahr­hun­dert hin­ein 60 Bil­lio­nen Dol­lar – das sind sech­zig­tau­send Mil­li­ar­den Dol­lar – in heu­ti­ger Kauf­kraft kos­ten, um die Fol­gen des Abschmel­zens der Glet­scher und der Pol­kap­pen zu bekämp­fen. Auf die­se Zahl kamen For­scher rund um Gail White­man an der Eras­mus-Uni­ver­si­tät Rot­ter­dam und der Uni­ver­si­tät Cam­bridge in einer Unter­su­chung, die bereits 2013 in Natu­re ver­öf­fent­licht wur­de. White­man rech­net als eine der weni­gen mit ein, dass die fort­schrei­ten­de Erwär­mung des Kli­mas beschleu­ni­gen­de Fol­ge­ef­fek­te haben wird, etwa das Auf­tau­en des Per­ma­fros­tes, der zu einer mas­si­ven Frei­set­zung des Kli­ma­ga­ses Methan füh­ren wird.

Am Ende doch ein Preis

Sil­via Michel: Rho­ne­glet­scher mit Abdeck­vlies, 2016; Quel­le: Künstlerarchiv.ch

Das Ver­schwin­den der Glet­scher hat am Ende doch einen Preis. Aller­dings nicht pri­mär im Alpen­raum, in der Schweiz, wo jeder Bewoh­ner im Schnitt 5,02 Ton­nen C02 pro Jahr aus­stösst, das Fünf­fa­che von dem, was für das Kli­ma erträg­lich ist; und auch nicht in der eige­nen Lebens­span­ne, son­dern erst in der nächs­ten und über­nächs­ten Gene­ra­ti­on, also weit weg. Den­noch hat die Erkennt­nis des Kli­ma­öko­no­men Nicho­las Stern Bestand: es kom­me viel güns­ti­ger, dafür zu sor­gen, dass das Eis erhal­ten bleibt als zu war­ten, bis die Kata­stro­phe ihren Lauf genom­men hat. Ein­zig der Schutz des Kli­mas führt zu nach­hal­ti­ger wirt­schaft­li­cher Vor­sor­ge, d.h. zu vor­weg­ge­nom­me­nem Schutz vor anstei­gen­den Flu­ten, Über­schwem­mun­gen, Erd­rut­schen, Mur­gän­gen und ande­ren kli­ma­be­ding­ten Schä­den.

Damit las­sen sich zwar die Glet­scher im Alpen­raum (und an vie­len ande­ren Orten) nicht mehr ret­ten, aber ein unge­trüb­ter Blick auf die Fol­ge­kos­ten lies­se die Ein­sicht wach­sen, dass es sich lohnt, immer­hin einen Teil des ark­ti­schen und des ant­ark­ti­schen Eises zu erhal­ten. Für die Schä­den, die so oder so zu erwar­ten sind, müss­ten Staa­ten und Fir­men jetzt schon Rück­stel­lun­gen machen, mit Ein­schluss der Kos­ten für die bevor­ste­hen­den Migra­ti­ons­be­we­gun­gen aus den betrof­fe­nen Gebie­ten. Rund sech­zig­tau­send Mil­li­ar­den Dol­lar also, die geäuf­net wer­den müs­sen, von den Ver­ur­sa­chern der Kli­ma­ka­ta­stro­phe, der Erd­öl­in­dus­trie, den Betrei­bern von Koh­le­kraft­wer­ken, den Palm­öl­pro­du­zen­ten, die nach wie vor den Regen­wald abhol­zen – aber auch von der All­ge­mein­heit, den Staa­ten. Mil­li­ar­den­schwe­res Vor­sor­ge­ka­pi­tal, das den Kli­ma­fonds der UNO end­lich mit dem not­wen­di­gen Kapi­tal aus­stat­ten wür­de, aber auch ein­zel­staat­li­che Fonds.

Das Dahin­schmel­zen der Glet­scher könn­te durch­aus als Mass für die not­wen­di­ge Höhe des auf­zu­brin­gen­den Kapi­tals die­nen – dahin­ge­schmol­ze­ne Kubik­ki­lo­me­ter Eis, in Geld umge­rech­net.

Von Christoph Keller

Christoph Keller leitet die Redak­tion Kunst&Gesell­schaft von Radio SRF2Kultur, er ist Buch­autor, Lehr­beauf­trag­ter an der Zür­cher Hoch­schule der Künste und Dozent an der Schwei­zer Journa­listen­schule MAZ in Luzern, zudem Moderator an regionalen, nationalen und internationalen Veranstaltungen.