Das Thema lag schon länger in der Luft, als der ameri­ka­ni­sche Ökonom Larry Summers im Herbst 2013 das tref­fende Stich­wort lieferte: „secular stagna­tion“. Die These eines lang­fris­tigen Erlah­mens der Wachs­tums­dy­namik in den post­in­dus­tri­ellen Ländern traf den Nerv einer Zeit, die sich pessi­mis­tisch als „Abstiegs­ge­sell­schaft“ zu beschreiben begann. In der Tat weisen die Wachs­tums­raten in Europa, Nord­ame­rika und Japan seit den 1970er Jahren einen konstanten Rück­gang auf. Die Gründe dafür sind viel­fältig. Sie reichen vom Struk­tur­bruch des aufkom­menden Neoli­be­ra­lismus über ökono­mi­sche Sätti­gungs­ten­denzen, inter­na­tio­nale Konkur­renz und die Finan­zia­li­sie­rung bis hin zu diversen wirt­schaft­li­chen Krisen­dy­na­miken.

Nomi­nelle (links) und reale (rechts) prozen­tuale BIP-Verän­de­rungen zum Vorjahr (glei­tender Zehn­jahres-Mittel­wert) in wich­tigen OECD-Ländern, 1960–2014, Quelle: Penn World Tables; The Econo­mist

In langer Frist entwi­ckelt sich die Wirt­schaft nicht wie ein Hockey­schläger, an dessen Bild wir uns gewöhnt haben: stagnie­rend für den Groß­teil der Mensch­heits­ge­schichte und dann beschleu­ni­gend in einen fast verti­kalen Aufstieg, wie eine J-Kurve. Seit Mitte der 1970er Jahre zeichnet sich in den Regionen, die Ausgangs­punkt der kapi­ta­lis­ti­schen Indus­tria­li­sie­rung waren, ein anderer Verlauf ab. Die Beschleu­ni­gung verlang­samt sich und könnte bald zum Still­stand kommen.

Die Heilslehren des Wachstums

Obwohl sich in den früh indus­tria­li­sierten Ländern das Ende des Wachs­tums abzeichnet und erst­mals denkbar wird, feiert das Wachs­tums­pa­ra­digma als vermeint­li­cher Sach­zwang und Natur­ge­setz fröh­liche Urstände. Seine Domi­nanz ist kaum zu über­sehen. Es erscheint auf den Titel­seiten der Zeitungen, spielt eine Schlüs­sel­rolle in ökono­mi­schen Analysen und struk­tu­riert die öffent­liche Diskus­sion. Während die Medien jede kleinste Schwan­kung des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) nach unten mit fast reli­giöser Inbrunst kommen­tieren, ist der Ruf nach höheren Wirt­schafts­wachs­tums­raten über alle Länder­grenzen und das poli­ti­sche Spek­trum hinweg zum Leit­motiv poli­ti­scher Debatten geworden. Beson­ders eindrück­lich zeigt sich die Domi­nanz des Wachs­tums­pa­ra­digmas in einer Rede, die die deut­sche Bundes­kanz­lerin Angela Merkel kurz nach dem Höhe­punkt der Welt­wirt­schafts­krise im Jahr 2009 hielt. Darin hiess es: „Ohne Wachstum keine Inves­ti­tionen, ohne Wachstum keine Arbeits­plätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwa­chen. Und umge­kehrt: Mit Wachstum Inves­ti­tionen, Arbeits­plätze, Gelder für die Bildung, Hilfe für die Schwa­chen und – am wich­tigsten – Vertrauen bei den Menschen.“ Diese Glau­bens­sätze finden sich in fast allen poli­ti­schen Programmen. So enthält beispiels­weise auch die Vision des neuen US-Präsi­denten Donald Trump für die Zukunft der US-Wirt­schaft vier Punkte, von denen jeder einzelne Wirt­schafts­wachstum enthält, als gäbe es keine anderen Probleme. Er fordert, eine „dynamic booming economy“ zu schaffen, spricht davon, dass „Increa­sing growth by 1.5 percent would result in 18 million jobs“, skiz­ziert einen „pro-growth tax plan“ und in seinem letzten Punkt fasst er seine Vision noch einmal zusammen: „Boost growth to 3.5 percent per year on average, with the poten­tial to reach a 4 percent growth rate.“

Die Welt, gesehen durch das Raster des BIP, wie sie auf der Website des World Economic Forum erscheint, Quelle: weforum.org

Wachstum und Wohlfahrt

Dass Wirt­schafts­wachstum heute als selbst­ver­ständ­li­ches Ziel und Allheil­mittel für die Lösung gesell­schaft­li­cher Problem­lagen gilt, ist alles andere als selbst­ver­ständ­lich. Endloses Wachstum stand in den Wirt­schafts­wis­sen­schaften bis in die 1930er Jahre nicht zur Diskus­sion und auch der Zusam­men­hang von Wachstum und Wohl­fahrt galt nicht als gesi­chert. Hingegen fehlte es nicht an Theo­re­ti­kern, die das Ende des Wachs­tums als will­kom­mene Zukunft begrüßten – so etwa auch John Maynard Keynes. In seinem berühmten Essay Economic Possi­bi­li­ties of our Grand­children, den er bemer­kens­wer­ter­weise am Anfang der Großen Depres­sion der 1930er Jahre schrieb, versam­melt er eine Reihe faszi­nie­render lang­fris­tiger Vorher­sagen über ein gutes Leben jenseits von Wachstum, zuneh­mender Plackerei und endloser Akku­mu­la­tion. Für die Indus­trie­länder rech­nete Keynes damals mit einem konti­nu­ier­li­chen Anstieg von Wirt­schafts­pro­duk­tion und Lebens­stan­dards, der um das Jahr 2030 herum in einen Zustand des Über­flusses münden würde, in dem Konsum­be­dürf­nisse größ­ten­teils gedeckt wären. Den Enkel­kin­dern seiner Gene­ra­tion sagte Keynes ein Leben voraus, das von den profanen Akti­vi­täten des Sparens, Akku­mu­lie­rens und Lohn­ar­bei­tens befreit sein würde und Raum böte, um sich höheren Gütern wie der Kunst oder der Muße zu widmen.

Die Entwicklung des modernen Wachstumsparadigmas

Dass uns ein mögli­ches Ende des Wachs­tums heute eher als ein bedroh­li­ches Gespenst und nicht als eine will­kom­mene Zukunft erscheint: diese Wahr­neh­mung wurde erst in der Nach­kriegs­zeit möglich. In den Jahr­zehnten nach Keynes’ Vorher­sagen wurde die Sicht­weise, die im Wirt­schafts­wachstum eine vorüber­ge­hende Phase der Mensch­heits­ge­schichte auf ihrem Weg zur wohl­ha­benden Post­wachs­tums­ge­sell­schaft erblickte, durch das aufkom­mende Wachs­tums­pa­ra­digma verdrängt.

Entschei­dend dafür, dass Wachstum zu einem Fetisch werden konnte, war zunächst die inter­na­tio­nale Stan­dar­di­sie­rung der Statis­tiken, die das Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) defi­nieren. Erst auf dieser Grund­lage entstand seit den 1940er Jahren eine über Zeit und Raum vergleich­bare und einheit­liche Konzep­tion „der Wirt­schaft“. Erst jetzt wurde messbar, was wachsen sollte: die Summe der Markt­trans­ak­tionen im Rahmen natio­nal­staat­li­cher Grenzen. Und erst danach setzte sich die Idee durch, dass lang­fris­tiges, stabiles und unbe­grenztes Wachstum möglich sei. Noch in den poli­ti­schen Diskus­sionen der unmit­tel­baren Nach­kriegs­zeit war die Idee des Wirt­schafts­wachs­tums auffällig abwe­send. Die zentralen Themen waren viel­mehr Voll­be­schäf­ti­gung, Stabi­lität und Wieder­aufbau. In den folgenden Jahren jedoch wurde Wachstum im Kontext von Deko­lo­nia­li­sie­rung und Kaltem Krieg an die Spitze der Poli­tik­ziele kata­pul­tiert.

Illus­tra­tion zu einem Artikel über Secular Stagna­tion, Quelle: andolfatto.blogspot.ch

Während Robert Solow in den USA das Funda­ment für die neoklas­si­sche Wachs­tums­theorie legte, wurde die ökono­mi­sche Expan­sion spätes­tens ab Mitte der 1950er Jahre zum global akzep­tierten Maßstab des Fort­schritts. Dazu trugen auch die sozio­lo­gi­schen Moder­ni­sie­rungs­theo­rien bei, welche Entwick­lung nunmehr als unum­kehr­baren und ziel­ge­rich­teten Wachs­tums­pro­zess begriffen. Natio­nal­staaten und poli­ti­sche Systeme traten nun nicht mehr in Bezug auf Gleich­heit, Eman­zi­pa­tion oder Arbeits­plätze in einen Wett­be­werb, sondern in Bezug auf die Quan­tität von Gütern und Dienst­leis­tungen, die ein Land produ­zieren konnte. Einge­bettet in diese Wahr­neh­mungs­ma­trix wurde Wachstum nun zu einem zentralen Ziel von Wirt­schafts­po­litik, zu einer Verant­wort­lich­keit von Regie­rungen und zum wich­tigsten Indi­kator für natio­nalen Erfolg und soziale Wohl­fahrt. Parallel dazu etablierte sich ein Narrativ, das Wachstum und Wohl­fahrt anein­ander band und mit der kontinuier­lichen Expan­sion von Markt­trans­ak­tionen gleich­ge­setzte. In dieser Konstel­la­tion wurde das BIP zum ersten und allge­meinen Indi­kator für Moder­nität, Prospe­rität, Lebens­stan­dard, Entwick­lung und das Pres­tige von Ländern.

Als neuer Fetisch hat das Wachs­tums­pa­ra­digma eine Schlüs­sel­rolle dabei gespielt, den gesell­schaft­li­chen Diskurs über Vertei­lungs­fragen und damit einher­ge­hende Konflikte um Verlierer und Gewinner wirt­schaft­li­cher Akti­vität von einem Null­sum­men­spiel in ein schein­bares Posi­tiv­sum­men­spiel zu trans­for­mieren, in dem alle vom wach­senden Wirt­schafts­pro­dukt profi­tierten und daher auch ein gemein­sames Inter­esse am Wirt­schafts­wachstum hätten. In Wachs­tums­ge­sell­schaften verwan­delten sich soziale Konflikte in tech­ni­sche Probleme, die, so die Vorstel­lung, von Expert_innen zum Wohle der Allge­mein­heit „gema­nagt“ werden konnten. Wie Charles S. Maier das auf den Punkt brachte: „The true dialectic was not one of class against class, but waste versus abundance.“

Die sozialen und ökologischen Kosten des Wachstumsgebots

Seit seinem Aufstieg wurde das moderne Wachs­tums­pa­ra­digma von einer steten Kritik begleitet, die Wohl­fahrt anders versteht als vom Brut­to­so­zi­al­pro­dukt gemessen. In der Mitte des 20. Jahr­hun­derts spra­chen sich fast alle führenden Ökonom_innen dagegen aus, das BIP als Maßstab für den Wohl­stand der Nationen und für inter­na­tio­nale Vergleiche zu nutzen. Stets gab es nicht nur eine Viel­zahl an konzep­tu­ellen Diver­genzen zwischen natio­nalen Tradi­tionen, sondern auch funda­men­tale inner­wis­sen­schaft­liche Kontro­versen zu dieser Mess­me­thode – Stich­worte dieser Diskus­sion über die rich­tige Mess­größe sind Exter­na­li­täten, unbe­zahlte Haus­ar­beit und Subsis­tenz.

Die 1972 erst­mals publi­zierte Studie „The Limits to Growth“ zur Zukunft der Welt­wirt­schaft sagte voraus, dass die abso­lute Wachs­tums­grenze auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht sein würde.

Spätes­tens mit dem Bericht „Grenzen des Wachs­tums“ an den Club of Rome von 1972 sind die schäd­li­chen Folgen des Wachs­tums­pa­ra­digmas für Mensch und Umwelt ins öffent­liche Bewusst­sein gerückt. Auch im Westen wurde deut­lich, dass Wirt­schafts­wachstum nicht auto­ma­tisch mehr Wohl­fahrt und Lebens­qua­lität schafft. Mani­fest wurde dies auch in der Arbeits­lo­sen­quote, die seit Mitte der 1970er Jahre zunahm, während die Wirt­schaft weiter wuchs – wenn auch deut­lich lang­samer als während des goldenen Zeit­al­ters des Fordismus. Auch mit Blick auf die Zukunft gibt es gute Gründe dafür, zu hinter­fragen, ob quan­ti­ta­tives Wachstum in den nächsten Jahr­zehnten wünschens­wert ist.

Zum einen sind die univer­sellen Vorteile von Wachstum zwei­fel­haft. Eine Viel­zahl an Studien zur Wohlfahrtsökonomie, zur Sozi­al­ge­schichte und zur ökolo­gi­schen Ökonomie zeigen nicht nur, dass der Fokus auf BIP-Wachstum „unser Leben falsch misst“ (so ein berühmtes Buch von Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi). Viel­mehr haben sich die Zweifel an dem fort­dau­ernden posi­tiven Zusam­men­hang zwischen dem weiteren BIP-Wachstum auf der einen Seite, und Wohl­fahrt, Gleich­heit, Vertei­lung, Glück oder Arbeitsplätzen auf der anderen Seite erhärtet. Wie diese Studien zeigen, ist Gleich­heit ab einer gewissen Einkom­mens­schwelle viel entschei­dender für die gesell­schaft­liche Wohl­fahrt als das stei­gende Pro-Kopf-Einkommen. Gerade in den Industrieländern, wo Wohl­fahrt und Lebensqualität seit vierzig Jahren trotz stetigen Wachs­tums stagnieren oder sogar zurückgehen, ist Wachstum so gesehen „unwirt­schaft­lich“ geworden.

Zum anderen sind die expo­nen­tiell anwach­senden sozialen und ökolo­gi­schen Kosten des Wirt­schafts­wachs­tums zu bedenken. Ökono­mi­sche Analysen legen nahe, dass eine gerechte Entwick­lung im globalen Süden bei gleich­zei­tigem Einhalten der plane­taren ökolo­gi­schen Grenzen nur möglich ist, wenn die Länder des Nordens ihren ökolo­gi­schen Fußab­druck dras­tisch redu­zieren. Ob dies möglich ist – beispiels­weise über eine für die Einhal­tung der Klima­ziele notwen­dige Reduk­tion des CO-2-Ausstoßes um 95 Prozent inner­halb der nächsten zwei Jahr­zehnte –, wenn die Ökono­mien der früh­in­dus­tria­li­sierten Länder weiter wachsen, ist ausge­spro­chen frag­würdig. Zwar führen Effi­zi­enz­stei­ge­rungen und die Ener­gie­wende trotz der immer zu beob­ach­tenden „Rebound-Effekte“ (die einen Teil der Einspa­rungen durch Mehr­konsum ausglei­chen) dazu, das mit weniger Mate­ri­al­durch­satz mehr produ­ziert werden kann. Doch diese „Entkopp­lung“ von BIP-Wachstum und Umwelt­ver­brauch – so zeigen neuere Studien – ist viel zu langsam und wird länger­fristig nicht ausrei­chen. Wachs­tums­po­litik ist unstabil und selbst­wi­der­sprüch­lich, da die von ihr geweckten Erwar­tungen nach immer weiter stei­gender mate­ri­eller Produk­tion mit den ökolo­gi­schen Kapa­zi­täten des endli­chen Planeten kolli­dieren. Die ihr zu Grunde liegende Annahme, dass letzt­end­lich alle ihren Anteil an den Vorteilen des Wachs­tums genießen können, wird ange­sichts der ökolo­gi­schen Unmög­lich­keit der Univer­sa­li­sie­rung der gegen­wär­tigen Produk­tions- und Lebens­weise der reichsten Länder auf die ganze Welt zuneh­mend unglaub­würdig.

Décrois­sance, Degrowth oder Post­wachstum: Unter diesen Namen meldet sich heute eine Wachs­tums­kritik zurück, deren erste Blüte in die 1970er Jahre fiel, Quelle: rethinkingprosperity.org

Vor dem Hinter­grund der aktu­ellen Wachs­tums­krisen ist es paradox, dass der utopi­sche Traum vom Auslaufen des Wachs­tums in den reichsten Ländern, der Keynes in den krisen­ge­schüt­telten 1930er Jahren vorge­schwebt hat, der Gegen­wart als kollek­tiver gesell­schaft­li­cher Alptraum erscheint. Umso wich­tiger ist es, daran zu erin­nern, dass Wachstum nicht das gleiche ist wie Wohl­stand. Die Auflö­sung dieser Gleich­set­zung ist entschei­dend. Sie öffnet den Raum für Denk- und Hand­lungs­per­spek­tiven, die Wohl­stand nicht länger auf Wirt­schafts­wachstum redu­zieren.

Von Matthias Schmelzer

Matthias Schmelzer arbeitet beim Konzept­werk Neue Ökonomie, ist Perma­nent Fellow am DFG-Kolleg “Post­wachstums­gesellschaften” an der Universität Jena und forscht zu Wirtschafts­geschichte, sozialen Bewe­gungen und alterna­tiven Wirtschafts­modellen.