Geschichten der Gegenwart

Verkeh­run­gen ins Gegen­teil können witzig sein, wenn sie als Ironie und Karne­va­li­sie­rung daher­kom­men. Für den russi­schen Philo­so­phen Michail Bach­tin war die Verkeh­rung ins Gegen­teil ein Merk­mal der volks­tüm­li­chen Lach­kul­tur, die zur Zeit des Karne­vals die Welt und deren Macht­ver­hält­nisse auf den Kopf stellt. Aus dem König wird der Pleb, aus dem Kopf der Unter­leib, aus dem Schimpf­wort ein Lob – und umge­kehrt. Bach­tin hatte diese Verkeh­run­gen als subver­si­ves Verla­chen von Hier­ar­chien gele­sen und dabei verkannt, dass diese Verkeh­run­gen ins Gegen­teil auch als Macht­stra­te­gie instru­men­ta­li­siert werden können. Als solche dienen sie nicht dem hier­ar­chie­freien Spass, sondern der Tilgung von Erin­ne­rung und der Zemen­tie­rung von verein­fa­chen­den, meist schie­fen Oppo­si­tio­nen, die für die beab­sich­tigte Umbe­nen­nung und Umwer­tung nötig sind.

In jüngs­ter Zeit haben wir es gera­dezu mit einer Welle von Verkeh­run­gen ins Gegen­teil zu tun: aus ‚böse‘ wird ‚gut‘, aus ‚links‘ wird ‚rechts‘, aus Erfin­dun­gen Fakten. Immer häufi­ger bezeich­nen sich Rassis­ten als Dissi­den­ten und Popu­lis­ten als Anders­den­kende. Das Esta­blish­ment imitiert die Stimme des Volkes, aus Demo­kra­tie wird Dikta­tur und Linke werden zu Faschis­ten. Welche Funk­tion haben diese Verkeh­run­gen in der gegen­wär­ti­gen Politik?

Erfin­dung des ‚Gutmen­schen‘ als Bösen

Verkehrte Welt. Hase, der auf den Jäger schießt. Bilderbogen-Nr. 89 aus dem Jahr 1851, Quelle: commons.wikimedia.org

Begin­nen wir mit einem der nerv­tö­tends­ten Umbe­nen­nungs­ver­su­che der letz­ten Jahre, der Mobi­li­sie­rung des ‚Gutmen­schen‘ als Bösen. Mit einem verdreh­ten Nietz­sche­zi­tat könnte man dessen Werde­gang unge­fähr so beschrei­ben: Der Mensch von heute erfin­det nicht den ‚Bösen‘ als Feind, sondern den ‚Guten‘ – „und zwar als Grund­be­griff, von dem aus er sich als Nach­bild und Gegen­stück nun auch noch einen ‚Bösen‘ ausdenkt – sich selbst!“ Sich selbst als ‚böse‘ zu dekla­rie­ren, funk­tio­niert natür­lich nur, weil ‚böse‘ eben­falls neu kodiert wird: ‚böse‘ meint nun neu ‚realis­tisch‘, ‚Klar­text redend‘, ‚Sprech-Tabus-brechend‘, ‚nicht naiv‘, nicht ‚poli­tisch korrekt‘. So kann der neue ‚Böse‘ – aufgrund der termi­no­lo­gi­schen Verdre­hung – der einzige ‚Gute‘ blei­ben, und zwar als schlauer, als echter Kerl und als jener, der die angeb­li­che Falsch­heit des ‚Guten‘ entlar­ven kann.

Das eigent­li­che Ziel der Verkeh­rung besteht aller­dings darin, den ‚Gutmen­schen‘ als das eigent­lich linke Böse zu entlar­ven. Bei der AfD ist „Gutmenschen-Faschist“ sogar ein gängi­ges Schimpf­wort. Und Clau­dio Zanetti (SVP) twit­terte im Juni 2016: „Der Faschis­mus unse­rer Tage ist links“. Vor kurzem hat Chris­toph Blocher (SVP) all dieje­ni­gen, welche die frem­den­feind­li­che Kampa­gne der SVP zur Durch­set­zungs­in­itia­tive kriti­sier­ten, für eine „flächen­de­ckende Verun­glimp­fung und Verleum­dung der SVP“ verur­teilt: „Das hat mich an die Metho­den der Nazis in der Anfangs­zeit des Drit­ten Reiches erin­nert. Bei den Juden hat es ja auch nicht mit dem Völker­mord begon­nen, sondern mit Verun­glimp­fung und Ausgrenzung.“

Bei Blocher ist die Verkeh­rung ins Gegen­teil perfekt voll­zo­gen. Die Partei der Ausgren­zung und Verun­glimp­fung dekla­riert sich selbst als Opfer von Ausgren­zung und Verun­glimp­fung. Sie tut dies wiederum im Sinne einer weite­ren Verdre­hung – indem sie Kritik schlicht als Stig­ma­ti­sie­rung bezeich­net: „Genau diese Stig­ma­ti­sie­rung führt zum Extre­mis­mus. Parteien, welche die herr­schen­den Zustände hinter­fra­gen und den Finger auf die Versäum­nisse der Poli­tik legen, sind keine ‚rechts­po­pu­lis­ti­schen‘ Bewe­gun­gen.“ Wer also Natio­na­lis­mus, Auslän­der­hetze, rück­sichts­lose poli­ti­sche Führung – alles Merk­male von Faschis­mus – kriti­siert, wird kurzer­hand selbst als ‚Faschist‘ abgestempelt.

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Verkehrte Welt. Spani­scher Litho­graph des 19. Jahr­hun­derts, Quelle: www.zeno.org

Erfin­dung des Gegen­teils vom ‚Gutmen­schen‘

Ging es zunächst darum, den ‚Gutmen­schen‘ als Feind zu erfin­den, läuft eine weitere Umkeh­rung darauf hinaus, den Feind des ‚Gutmen­schen‘ zu erfin­den: den ‚Menschen­feind‘. Dies tat vor kurzem Lucien Scher­rer in der NZZ – und er schlug in einem zwei­ten Schritt vor, diesen ‚Menschen­feind‘ gleich wieder zu reha­bi­li­tie­ren. Unter dem Titel „Plädoyer für die Menschen­feinde“ kündigt er an: „Während ‚Gutmensch‘ als Unwort gilt, wird die Mode, Anders­den­kende als ‚Menschen­feinde‘ zu diffa­mie­ren, kaum hinter­fragt. Durch­aus zu Unrecht.“ Scher­rer bringt den ‚Menschen­feind‘ nicht nur als reak­tive Erfin­dung des „Gutmen­schen“, als eine „Art Anti-Gutmensch“, sondern vor allem als den „Anders­den­ken­den“ ins Spiel.

Verkehrte Welt. Fische angeln mit menschlichem Köder. Französischer Bilderbogen (Ausschnitt), Quelle: pinterest.com

Verkehrte Welt. Fische angeln mit mensch­li­chem Köder. Fran­zö­si­scher Bilder­bo­gen (Ausschnitt), Quelle: pinterest.com

Scher­rer unter­stellt den Wissen­schaft­lern, die für die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) arbei­ten, Menschen mit ande­ren Meinun­gen ganz grund­sätz­lich als ‚Menschen­feinde‘ zu dekla­rie­ren, so wie sie es auch mit Anti­se­mi­ten oder Rassis­ten machen. In der verlink­ten Studie, „Die Abwer­tung des Ande­ren“ – einer übri­gens lohnens­wer­ten empi­ri­schen Studie über Rechts­ex­tre­mis­mus in acht euro­päi­schen Ländern – defi­nie­ren die Auto­rIn­nen jedoch ganz zu Beginn und sehr expli­zit, was sie unter „grup­pen­be­zo­ge­ner Frem­den­feind­lich­keit“ verste­hen, und zwar „abwer­tende Einstel­lun­gen und Vorur­teile gegen­über solchen Grup­pen, die als ‚anders‘, ‚fremd‘ oder ‚unnor­mal‘ defi­niert werden. Es handelt sich also um „frem­den­feind­li­che, rassis­ti­sche, anti­se­mi­ti­sche, islam­feind­li­che, sexis­ti­sche und homo­phobe Einstel­lun­gen“, nicht um die „Ableh­nung tradi­tio­nel­ler Rollen­bil­der“ und „Anders­den­ken­der“.

Was in solchen Texten wie jenem von Lucien Scher­rer passiert, ist allzu leicht zu durch­schauen: Mit der Geste von Aufde­ckung und Bloß­le­gung werden Forschungs­er­geb­nisse tenden­ziös gele­sen, um selbst wieder etwas zu verde­cken und zu verhül­len. Dabei wird Forschung, wie sie die FES durch­führt, ganz gene­rell als eine Art ‚Gutmen­schen­for­schung‘ oder ‚Gutmen­schen­em­pi­rie‘ diskreditiert.

Selbst­er­fin­dung als ‚Anders­den­kende‘

All die Mühen der Erfin­dung des Gutmen­schen als Feind und des Menschen­fein­des als Feind des Gutmen­schen laufen in der rechts­po­pu­lis­ti­schen Agita­tion darauf hinaus, sich selbst als „Menschen mit ande­ren Meinun­gen“, als Anders­den­kende oder gar als die neuen Dissi­den­ten ins Spiel zu brin­gen. Die neuen Anders­den­ken­den sind dann jene, die mit natio­na­lis­ti­schen, rassis­ti­schen und auto­kra­ti­schen Thesen aufwar­ten. Vertre­ter der AfD bezeich­nen z.B. die Kritik an ihrer Partei als „Hexen­jagd auf Anders­den­kende“. Im extrems­ten Fall bezeich­nen sie sogar Holocaust-Leugner als „Dissi­den­ten“, wie man in den Schrif­ten des AfD-Politikers Wolf­gang Gedeon lesen kann.

Dadurch können die poten­ti­el­len Wähler mit Voka­beln versorgt werden, mit denen sie sich eher iden­ti­fi­zie­ren können als mit der Selbst­be­zeich­nung ‚Rassist‘ oder ‚Natio­na­list‘… In der Psycho­lo­gie bezeich­net man diesen Vorgang nach Anna Freud als Reak­ti­ons­bil­dung. Inak­zep­ta­ble Vorstel­lun­gen und Gefühle werden unter­drückt und durch etwas ersetzt, das der ursprüng­lich beab­sich­tig­ten Reak­tion zwar entge­gen­ge­setzt ist, das aber ein sozial akzep­tier­tes Verhal­tens­mus­ter darstellt. In den genann­ten Beispie­len wird die Verdre­hung jedoch bewusst einge­setzt – als Akt der Auslö­schung und Usur­pa­tion. Die Umbe­nen­nung und Verdre­hung zielt darauf ab, die Erin­ne­run­gen daran, was man histo­risch über Dissi­denz, Wider­stand und Anders­den­kende wissen kann und sollte, zu verla­chen und auszu­lö­schen. Im Gegen­zug ursur­piert man die posi­ti­ven Vorstel­lun­gen, die mit Wider­stand und Oppo­si­tion verbun­den sind. Das könnte man auch eine stra­te­gi­sche kollek­tive Reak­ti­ons­bil­dung nennen. Konkret versucht etwa die AfD den Nimbus der Oppo­si­ti­ons­be­we­gung der ehema­li­gen DDR für sich zu rekla­mie­ren, indem sie zum Beispiel den Slogan „Wir sind das Volk“ annek­tiert und für ihre Zwecke miss­braucht. Völlig zu Recht, aber in den Medien kaum hörbar, hat die DDR-Opposition sich darüber empört, dass nun versucht wird, „ein frei­heit­li­ches Motto für völkisch-rassistische Zwecke umzudefinieren.“

Verkehrte Welt. Hahn will Bäuerin schlachten. Französischer Bilderbogen (Ausschnitt), Quelle: www.pinterest.com

Verkehrte Welt. Hahn will Bäue­rin schlach­ten. Fran­zö­si­scher Bilder­bo­gen (Ausschnitt), Quelle: www.pinterest.com

Ähnli­ches lässt sich auch in Polen und Ungarn beob­ach­ten. Die neue Rechte, die für den rasan­ten Abbau von Demo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit verant­wort­lich ist, eignet sich die Erin­ne­rung an den Wider­stand gegen die Dikta­tur an und nutzt diese für die eige­nen, wiederum entge­gen­ge­setz­ten Ziele. Victor Orbán bringt zum Beispiel in seinen State­ments zum Geden­ken an den Aufstand von 1956 problem­los die Bela­ge­rung durch die Sowjet­union mit der Flücht­lings­po­li­tik durch die EU zusam­men. Der Aufstand von 1956 wird nun auch als Aufstand gegen das Fremde (Russi­sche) und nicht mehr nur als Aufstand gegen die Dikta­tur erinnert.

Dass nun auch noch rechts­po­pu­lis­ti­sche Poli­ti­ker in der Schweiz den Wider­stand der Oppo­si­ti­ons­be­we­gun­gen Osteu­ro­pas für ihre eigene Poli­tik nutzen, erstaunt daher nicht mehr. Die unga­ri­sche Botschaft wählte in diesem Jahr Chris­toph Blocher als Fest­red­ner für ein Gedenk­kon­zert an den Aufstand von 1956 in der Tonhalle Zürich. Und dieser ist sich nicht zu blöde, den unga­ri­schen Wider­stands­kampf mit seinem Kampf gegen die EU in Zusam­men­hang zu brin­gen: „Wir wissen, dass heute in Ungarn wieder viele Bürge­rin­nen und Bürger leben, denen die poli­ti­sche Gross­wet­ter­lage Sorge macht. Gross­prot­zig versprach die EU-Mitgliedschaft gren­zen­lose Frei­heit bei Perso­nen, Waren, Dienst­leis­tun­gen und Kapi­tal und betonte nur die Sonnen­sei­ten dieser theo­re­ti­schen Ideale. Dass dies auch neue fast nicht zu bewäl­ti­gende Probleme, ganze Völker­wan­de­run­gen, Begren­zun­gen der Souve­rä­ni­tät und der Hand­lungs­frei­heit mit sich bringt, verschweigt man.“

Nach Blocher ist es Brüs­sel und nicht die jetzige unga­ri­sche Regie­rung, die die Demo­kra­tie in Ungarn einschränkt. Mit solchen Narra­ti­ven soll die Mobil­ma­chung der SVP gegen die EU mit dem Wider­stand der Oppo­si­ti­ons­be­we­gun­gen gegen die Dikta­tur veredelt und die damit verbun­de­nen posi­ti­ven Gefühle für die eigene ins Auto­ri­täre kippende Poli­tik (z.B. Schwei­zer Recht vor Völker­recht) genutzt werden. Mit einer solchen Instru­men­ta­li­sie­rung des Wider­stands von 1956 macht sich Blocher offen und öffent­lich über Nonkon­for­mis­mus, Oppo­si­tion und Wider­stand in Dikta­tu­ren lustig. Dabei handelt es sich auch um eine Karne­va­li­sie­rung, aller­dings um eine Karne­va­li­sie­rung als Macht­stra­te­gie. Es werden nicht auto­kra­ti­sche Macht­ver­hält­nisse ‚von unten‘ her subver­tiert, sondern die Demo­kra­tie wird ‚von oben‘ aus unterhöhlt.

Von Sylvia Sasse

Sylvia Sasse lehrt Slavis­­ti­sche Litera­tur­­wis­sen­­schaft an der Univer­sität Zürich und ist Mitbe­gründerin und Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK). Sie ist Heraus­geberin von novinki und von Geschichte der Gegenwart.