Gespräche

Fran­ziska Schutz­bach: Mithu Sanyal, in Ihrem Buch ‚Verge­wal­ti­gung‘ fragen Sie, ob der Begriff des Opfers immer sinn­voll ist. Warum?

Mithu Sanyal: Ich hinter­frage den Begriff nicht pauschal. Mich inter­es­siert, welche weite­ren Begriffe wir brau­chen, damit sich Menschen, denen eine Verge­wal­ti­gung wider­fah­ren ist, rich­tig beschrie­ben fühlen. Aber vor allem geht es mir um die Frage: Wie kann es nach sexua­li­sier­ter Gewalt zu Heilung kommen? Ich bin vielen, vor allem Frauen, begeg­net, die die Bezeich­nung Opfer lieber nicht benut­zen woll­ten.

Dr. Mithu Mela­nie Sanyal, Auto­rin, Kultur­wis­sen­schaft­le­rin und Jour­na­lis­tin, haupt­säch­lich für den West­deut­schen Rund­funk, aber auch für den SWR, Deutsch­land­funk, Missy Maga­zine, ZEIT und viele andere. Für die taz schreibt sie die regel­mä­ßige Kolumne "Mithulo­gie". 2009 erschien ihre Kultur­ge­schichte des weiblchen Geni­tals "Vulva" (Wagen­bach), die inzwi­schen in mehrere Spra­chen über­tra­gen ist (Nauauf­lage 2017).

Woran liegt das?

Sie fühlen sich durch die Opfer­zu­schrei­bun­gen entmün­digt, sie verbin­den damit ein Stigma, das sie kaum wieder loswer­den: einmal Opfer, immer Opfer. Nata­scha Kampusch hat das sehr deut­lich ausge­drückt, als sie sagte, sie wolle kein Opfer sein, denn sonst „würde mich nach­her niemand mehr als norma­len Menschen akzep­tie­ren“. Der Opfer­be­griff hat etwas Umfas­sen­des, dage­gen wehren sich viele Frauen, denn sie schaf­fen ja genau das: Sie leben trotz Verge­wal­ti­gung weiter und sind Subjekte. Viele Frauen empfan­den sich viel­leicht in einer bestimm­ten Situa­tion als Opfer, als völlig hilf­los. Aber das heisst nicht, dass sie sich deshalb auch den Rest ihres Lebens so fühlen.

Woher kommt die Vorstel­lung, dass verge­wal­tigte Frauen für immer gezeich­net sind?

Das hat unter ande­rem mit Vorstel­lun­gen über weib­li­che Ehre zu tun. Histo­risch wurde die Ehre der Frau in ihrem Körper veror­tet. Eine verge­wal­tigte Frau ist quasi entehrt. Beschmutzt. Bis heute zirku­liert die Idee, man habe einer Frau das Innerste wegge­nom­men. Das engli­sche Wort „rape“ kommt von der germa­ni­schen Wort­wur­zel „Raub“.

Aber Verge­wal­ti­gung ist doch ein schlim­mes Trauma?

Ja, natür­lich, für viele ist es das. Aber eben nicht für alle und nicht für alle in dersel­ben Form. Menschen gehen damit sehr verschie­den um. Die Auto­rin Virgi­nie Despen­tes wurde beim Tram­pen verge­wal­tigt, als sie danach wieder trampte, sagte man ihr: Ach, dann hast du wohl immer noch nicht genug. Aber sie wollte unbe­dingt ihr Leben weiter leben und sich nicht die Frei­heit nehmen lassen, so zu leben, wie sie es möchte. Verge­wal­ti­gung ist bei uns als „das Schlimmste, das einer Frau passie­ren kann“ kodiert. Für viele ist eine solche Zuschrei­bung ein Problem, weil das die Heilung erschwert.

Rita Acker­mann, aus der Serie "KLINE Rape", 2015; Quelle: officemagazine.net

Soll­ten wir den Opfer­be­griff abschaf­fen?

Auf keinen Fall. Poli­tisch und juris­tisch ist er notwen­dig. Vor Gericht geht es um Schuld und Bestra­fung. Da braucht es diese Klar­heit, mit der ein Opfer­sta­tus eindeu­tig fest­ge­stellt werden kann. Mir geht es um die gesell­schaft­li­che und psycho­lo­gi­sche Dimen­sion – beson­ders auch in der Selbst­be­zeich­nung von Menschen Jahre nach dem Verbre­chen. Ein einsei­ti­ger Opfer­be­griff läuft Gefahr, Menschen den Subjekt­sta­tus abzu­spre­chen. Ich hätte gerne mehr Begriffe für „Opfer“, es bräuchte mehr Möglich­kei­ten, um über Verge­wal­ti­gung zu spre­chen. Ich wünsche mir, dass wir über Gewalt spre­chen können, ohne stereo­type Vorstel­lun­gen von Weib­lich­keit zu repro­du­zie­ren, nämlich: Frauen seien passiv, dauer-verletzlich, schwach usw.

Sie plädie­ren dafür, Geschlech­ter­ste­reo­type zu hinter­fra­gen.

Ja. Ich denke, wir können das Problem der sexua­li­sier­ten Gewalt nur ange­hen, wenn wir auch grund­le­gend über Sexua­li­tät und Geschlech­ter­ste­reo­type nach­den­ken. Zum Beispiel über die weit verbrei­tete Vorstel­lung weib­li­cher Passi­vi­tät und damit die Idee, weib­li­che Sexua­li­tät sei ein allzeit bedroh­tes Gebiet. Natür­lich ist eine Verge­wal­ti­gung genau dies: eine Situa­tion der tota­len Bedro­hung und Hilf­lo­sig­keit. Aber warum wird dies auf die gesamte weib­li­che Sexua­li­tät über­tra­gen? Nicht zuletzt ist ja diese Idee von der Frau als einem passi­ven und damit zu erobern­den Gebiet ein zentra­ler Ursprung sexua­li­sier­ter Gewalt. Ich frage mich, wie wir endlich unser Ideal einer selbst­be­stimm­ten, akti­ven weib­li­chen Sexua­li­tät umset­zen sollen, wenn sie insge­samt als bedroht und passiv gedacht wird.

Was schla­gen Sie vor? 

Es gibt ein paar Mythen, die ich gerne hinter­frage. Bis heute ist zum Beispiel die Idee vorherr­schend, Sexua­li­tät bestehe aus einem Penis, der die Vagina pene­triert. Die Auto­rin Bini Adamczak hat vorge­schla­gen, nicht nur von Pene­tra­tion, sondern auch von Circlu­sion zu spre­chen. Denn Pene­tra­tion wird auto­ma­tisch mit Männ­lich­keit asso­zi­iert, also dem, was der Penis tut – der Anteil der weib­li­chen Sexua­li­tät geht unter. Mit Circlu­sion, also Umschlies­sung, lässt sich auch der aktive Akt der Vagina beschrei­ben. Denn das Umschlies­sen ist ein akti­ver Akt. Nehmen wir das Bild vom „Nuss knacken“, da ist ja auch klar, dass der Nuss­kna­cker etwas aktiv tut. Was ich damit sagen will: Auch wenn Frauen in unse­rer Gesell­schaft struk­tu­rell oft unter­le­gen sind und wir in einer andro­zen­tri­schen, das heisst am Männ­li­chen ausge­rich­te­ten Welt leben, so sind Frauen nicht nur passiv. Es gibt struk­tu­relle Macht­ver­hält­nisse und sexua­li­sierte Gewalt gegen Frauen, gleich­wohl haben Männer nicht immer mehr Macht als Frauen und nicht per se den akti­ven Part.

Elena Mann, Myths of Rape (1977/2012); Quelle: elenamann.com

Spre­chen wir über Heilung nach einer Verge­wal­ti­gung. Was gibt es da für Ansätze? 

Ich habe mit vielen Bera­tungs­stel­len gespro­chen, dort werden Klien­tin­nen zum Beispiel nicht auto­ma­tisch als Opfer adres­siert, es geht viel­mehr darum, welches Wort die Betrof­fene selbst verwen­den möchte. Es gibt Frauen, für die Opfer wich­tig ist, weil damit klar benannt ist, dass einem etwas ange­tan worden und man daran keine Schuld trägt. Andere spre­chen lieber davon, dass ihnen etwas Schlim­mes wider­fah­ren ist oder sie etwas Schlim­mes erlebt haben. Es gibt viele Vorschläge, zum Beispiel den Begriff ‚situa­ti­ves Opfer‘, um deut­lich zu machen, dass sich der Opfer­sta­tus auf eine bestimmte Situa­tion im Leben bezie­hen kann, aber eben nicht auf das ganze Leben. Oder Wider­fahr­nis. Es gibt nicht den einen Begriff, der für alle rich­tig ist. Aber für den Heilungs­pro­zess ist es wich­tig, dass gesagt werden kann: Jetzt fühle ich mich als Opfer, jetzt aber nicht mehr, oder umge­kehrt: Ich habe mich jahre­lang nicht als Opfer gefühlt, aber jetzt schon.

Sie haben auch mit betrof­fe­nen Frauen gespro­chen. Was haben Sie über Verar­bei­tungs­stra­te­gien heraus­ge­fun­den?

Was mich sehr bewegt, ist die ‚resto­ra­tive justice‘. Es gibt in Deutsch­land die Möglich­keit, ausser­ge­richt­lich einen Ausgleich zu verhan­deln, wenn Betrof­fene dies wünschen. Das nennt sich Täter-Opfer-Ausgleich und ist in unse­rem Straf­recht vorge­se­hen. Das gelingt nur, wenn alle es wollen und mit der Über­ein­kunft zufrie­den sind. Wenn es für die Betrof­fe­nen nicht befrie­di­gend ist, kommt der Fall vor Gericht und geht den norma­len Gerichts­weg. Von dieser Möglich­keit wissen viele nicht. Oft kann eine ausser­ge­richt­li­che Eini­gung befrie­di­gend sein. Betrof­fene berich­ten, dass etwas ausge­löst wurde, eine Art Kathar­sis, weil ein Prozess in Gang kommt, der über die einfa­che Strafe hinaus­geht. In einer solchen mode­rier­ten Begeg­nung mit dem Täter kann etwas auf andere Weise durch­ge­ar­bei­tet werden: Warum hat der mir das ange­tan? Es kann entlas­tend sein, ausführ­lich zu hören, dass die Gewalt mit Grün­den zu tun hat, die wirk­lich beim Täter liegen und nicht bei einem selbst. Für andere ist es wiederum genau umge­kehrt und wich­tig, wenn das Gericht schlicht fest­hält, dass einem etwas ange­tan wurde und der Täter bestraft wird. Wenn es denn über­haupt dazu kommt, denn Verur­tei­lun­gen in Verge­wal­ti­gungs­fäl­len sind verhält­nis­mäs­sig selten, weil es häufig keine Zeugen gibt und Aussage gegen Aussage steht.

Staten Island Art School, Project, 2016; Quelle: ncac.org

Was sollte das fami­liäre Umfeld oder der Freun­des­kreis tun?

Erst einmal wirk­lich offene Fragen stel­len und die Betrof­fe­nen nicht so behan­deln, als wären sie nun andere Menschen als vorher. Es wird von vielen als stig­ma­ti­sie­rend empfun­den, wenn ihr Umfeld eine Verge­wal­ti­gung als Erklä­rung für alle ihre Probleme heran­zieht. Für viele ist es zudem wich­tig, dass ihr Umfeld akzep­tiert, wenn sie sagen: jetzt ist gut, ich hab das durch, ich lebe jetzt mein Leben weiter. Und dass dann nicht gesagt wird: Bist du sicher? Willst du nicht doch noch eine Thera­pie machen? Tatsäch­lich werden viele Frauen von ihrem Umfeld in Thera­pien geschickt, weil die Meinung weit verbrei­tet ist, sonst würden die Frauen das nur verdrän­gen. Das kann sehr entmün­di­gend wirken, denn es wird nahe­ge­legt: Du bist dem, was passiert ist, ausge­lie­fert, du hast keine Kontrolle, die Verge­wal­ti­gung lauert in dir wie eine tickende Zeit­bombe.

Aber holt einen eine Verge­wal­ti­gung nicht doch oft ein?

Natür­lich kann das Erlebte wieder hoch­kom­men. Aber es muss nicht. Das Umfeld oder auch Thera­pien soll­ten an dem anknüp­fen, was Betrof­fene selbst tun und wollen, um mit der Situa­tion klar zu kommen. Denn sie tun ja Dinge, um es auszu­hal­ten. Sie sind meis­tens nicht einfach passiv allem ausge­lie­fert. Verdrän­gen kann unter bestimm­ten Umstän­den auch eine sinn­volle Hand­lung sein, es kann bedeu­ten, dass der Zeit­punkt selbst ausge­wählt wird, an dem eine Ausein­an­der­set­zung möglich ist.

Vor kurzem erschien das Buch „South of Forgi­veness“ der Islän­de­rin Thor­dis Elva. Sie hat es zusam­men mit dem Mann, der sie verge­wal­tigte, geschrie­ben. Ein irri­tie­ren­des Vorge­hen.

Das finde ich nicht. Denn das Buch ist ja das Ergeb­nis eines viele Jahre dauern­den gemein­sa­men Verar­bei­tungs­pro­zes­ses, und es ist sehr beein­dru­ckend. Gerade auch, weil sich der Täter Tom Stran­ger seiner Tat wirk­lich stellt und Verant­wor­tung dafür über­nimmt. Das sind Geschich­ten, die wir selten hören. Deshalb fand ich es so trau­rig, dass es Proteste dage­gen gab, mit dem Argu­ment: Wie kann sie ihm das verzei­hen? Damit würde sie ande­ren Opfern vermit­teln, Verge­wal­ti­gung sei nicht so schlimm. Andere wiederum mutmass­ten, es wäre wohl gar keine echte Verge­wal­ti­gung gewe­sen, sonst könnte sie nicht auf diese Weise handeln. Aber das ist doch Quatsch, ihr ging es um ihren eige­nen Fall, um ihre Geschichte, sie hat nicht gesagt, dass alle mit ihrem Verge­wal­ti­ger reden sollen. Auch hat sie nicht gesagt, Verge­wal­ti­gung sei nicht so schlimm. Wie können wir einer Person abspre­chen, ihren eige­nen Weg der Heilung zu gehen? Und wie können wir uns als Gesell­schaft die Chance entge­hen lassen, daraus zu lernen? Denn in diesem konkre­ten Fall handelte es sich nicht zuletzt um eine Verge­wal­ti­gung, die hätte verhin­dert werden können. Und zwar durch bessere Aufklä­rung darüber, was Konsens wirk­lich heisst.

Spre­chen wir über Männer: Frauen werden am häufigs­ten verge­wal­tigt. Aber auch Männer werden, vor allem von ande­ren Männern, verge­wal­tigt. Über­haupt sind Männer insge­samt häufi­ger Opfer von Gewalt als Frauen.

Man stösst gesell­schaft­lich auf riesige Wider­stände, wenn man Männer als Opfer sieht. Männer werden kaum in einer Posi­tion der Passi­vi­tät, der Ausge­lie­fert­heit gedacht, sondern immer als Täter, Pene­trie­rer, Akteure. Das ist für Männer schlimm. Lang­sam hat sich in den letz­ten Jahren auch ein Diskurs über den Miss­brauch von Männern und Jungen entwi­ckelt. Oder über die Verge­wal­ti­gung von Männern in Gefäng­nis­sen. Die Sprach­lo­sig­keit über männ­li­che Opfer rührt auch daher, dass für Männer Verge­wal­ti­gung durch andere Männer oft mit der Schmach einer angeb­li­chen Homo­se­xua­li­sie­rung verbun­den ist. Männer fürch­ten, zusätz­lich zum erleb­ten Horror der Verge­wal­ti­gung, als schwul, entmänn­licht, also femi­ni­siert zu gelten.

In Ihrem Buch geht es auch um Täter­bil­der. Während Frauen einsei­tig als schwa­che Opfer darge­stellt werden, erschei­nen Täter wiederum als abso­lut mons­trös.

Ja, ich denke, dass das Gewalt­pro­blem damit exter­na­li­siert wird – mons­trös sind immer die ande­ren. Dadurch wird verhin­dert, darüber nach­zu­den­ken, inwie­fern Gewalt nicht der Ausnah­me­zu­stand, sondern die Norma­li­tät ist und bei uns allen als Möglich­keit ange­legt. Genauso, wie Verletz­lich­keit für alle Menschen gilt. Es wird oft wahn­sin­nig inten­siv über Täter berich­tet, sie werden zu gesell­schaft­li­chen Sünden­bü­cken, an denen das Böse schlecht­hin exor­ziert wird. Meine These ist: Da wir kein gesell­schaft­li­ches Konzept für eine Heilung nach einer Verge­wal­ti­gung haben, haben wir auch kein Konzept für den Wieder­ein­tritt von Verge­wal­ti­gern in die Gesell­schaft. Verge­wal­ti­ger erschei­nen als Anti­these der Gesell­schaft, als nicht reha­bi­li­tier­bar. Aber was ist mit denen, die bereuen, die ihre Tat aufar­bei­ten wollen, etwas gut machen, Verant­wor­tung über­neh­men wollen? Wir können für etwas nur Verant­wor­tung über­neh­men, wenn es unse­ren Selbst­wert nicht komplett zerstört. Mir geht es hier auch um die Frage der Präven­tion: Wenn es keine Aussicht auf Reha­bi­li­ta­tion gibt, dann haben Täter gar keine andere Möglich­keit, als mit der Gewalt immer weiter zu machen. Damit meine ich mitnich­ten, dass es die Opfer sind, die irgend­wie ihren Verge­wal­ti­gern verge­ben müssen, oder über­haupt irgend­et­was müssen. Ich spre­che von gesell­schaft­li­chen Möglich­kei­ten oder Dialo­gen.

Stan­ley Kubrick: Clock­work Orange, 1971; Quelle: YouTube.com

Welche Möglich­kei­ten wären das?

Es braucht einen ehrli­che­ren Umgang mit Gewalt, wir müssen offen darüber spre­chen, dass Gewalt passiert und es nicht nur die paar „faulen Äpfel“ sind, die die ansons­ten tolle Stim­mung vermie­sen. Auf diese Weise wäre es auch möglich, über Täter­schaft nach­zu­den­ken, ohne sie komplett aus dem Mensch­sein zu verban­nen. Auch soll­ten wir als Gemein­schaft davon ausge­hen, dass Menschen sich ändern können. Wenn das Böse als nicht-menschlich gilt, gibt es keine Aussicht darauf, es mit mensch­li­chen Mitteln zu bear­bei­ten. Damit tun wir letzt­lich das Glei­che wie die Täter: de-humanisieren. Aber wir können als Gesell­schaft doch nicht wie die ange­klag­ten Täter agie­ren, sondern müssen gerade anders mit Menschen umge­hen und mit gutem Beispiel voran­ge­hen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Mythos vom trieb­ge­steu­er­ten Mann, das ist ja auch eine dehu­ma­ni­sie­rende Vorstel­lung.

Diese Vorstel­lung entstand im 18. und frühen 19. Jahr­hun­dert, der Mann galt als eine Art Dampf­kes­sel, der angeb­lich unter stän­di­gem sexu­el­len Druck stehe und ejaku­lie­ren müsse, in Frauen hinein. Onanie war extrem verpönt. Es gab den Diskurs, es bräuchte genü­gend Zugang zu Prosti­tu­ier­ten, und es wurde sogar nahe­ge­legt, Männer soll­ten besser verge­wal­ti­gen als zu onanie­ren. Männer galten also als Menschen, die sich nicht beherr­schen können. Aus dieser Zeit stammt auch die Vorstel­lung, Frauen dürf­ten sich nicht zu aufrei­zend klei­den, um den Mann nicht zu provo­zie­ren.

Darauf bezo­gen sich 2011 auch die welt­wei­ten Slut­walks, die ‚Schlam­pen­mär­sche‘, an denen hundert­tau­sende Frauen gegen sexua­li­sierte Gewalt protes­tier­ten.

Genau, das war eine Kritik am Dampf­kes­sel­mo­dell. Auslö­ser war ein Poli­zist in Toronto, der sagte, Frauen soll­ten sich, um Verge­wal­ti­gung zu vermei­den, weni­ger sexy anzie­hen. Daraus entstan­den die „Slut­walks“, mit der Botschaft: Wir wollen uns anzie­hen, wie wir wollen, und trotz­dem nicht verge­wal­tigt werden! Wir sind nicht Frei­wild, bloss weil wir sexy ange­zo­gen sind. Es wurde also kriti­siert, welche Auswir­kung das Dampf­kes­sel­mo­dell auf Frauen hat. Aber es wurde nicht in Bezug auf Männer reflek­tiert. Was heisst das für Männer, wenn das Bild vorherrscht, sie würden alles besprin­gen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist?

"Schlam­pen­marsch", Berlin 2012; Quelle: berliner-zeitung.de

Aber ist Männ­lich­keit nicht auch durch Souve­rä­ni­tät und Selbst­be­herr­schung defi­niert? Durch die Vorstel­lung also, Männer würden, wie in der Odysseus-Sage, helden­haft ihr Verlan­gen kontrol­lie­ren?

Ja, aber wir müssen hier auch die Frage der ‚Klasse’ und den Rassis­mus mitbe­den­ken. Natür­lich wurde und wird der bürger­li­che weisse Mann als kontrol­liert, souve­rän und zivi­li­siert gedacht, die Vorstel­lung vom Dampf­kes­sel betrifft vor allem Männer aus der Arbei­ter­klasse oder nicht­west­li­che Männer. Der trieb­ge­steu­erte Schwarze oder heute der musli­mi­sche Verge­wal­ti­ger ist ein kolo­nia­les Bild.

Sie beschrei­ben in Ihrem Buch, warum es in den USA in den 1970ern für Schwarze Frauen so schwer war, in der Anti-Rape-Bewegung mitzu­ma­chen.

Ja, weil die Anti-Rape-Bewegung eben mit massiv rassis­ti­schen Klischees über Schwarze Männer agierte, was teil­weise bis zum Recht­fer­ti­gen von Lynch­mor­den ging. Schwarze Männer wurden von weis­sen Männern unter dem Vorwand gelyn­ched, diese seien Verge­wal­ti­ger. Das ist ein schlim­mes Kapi­tel der weis­sen Frau­en­be­we­gung. Und einige Elemente wieder­ho­len sich teil­weise. Etwa wenn Alice Schwar­zer behaup­tet, dass 80 Prozent der Verge­wal­ti­gun­gen von Türken began­gen werden und somit musli­mi­sche Männer die grösste Gefahr seien. Sie behaup­tet, das hätte ihr ein leiten­der Poli­zei­be­am­ter unter dem Siegel der Verschwie­gen­heit erzählt. Wer so etwas sagt, muss seine Quelle nennen, das kann man nicht machen! Alice Schwar­zer argu­men­tiert ähnlich wie die Femi­nis­tin Susan Brown­mil­ler in den 1970er Jahren: Brown­mil­ler schaute sich Gerichts­ak­ten an und sah: Verge­wal­ti­ger sind vor allem Schwarze Männer! Aus diesen Zahlen leitete sie ab, dass Schwarze Männer tatsäch­lich mehr verge­wal­ti­gen. Heute wissen wir: Man kann die ange­zeig­ten Delikte nicht zum Ausgangs­punkt nehmen, weil zum Beispiel schwarze oder andere nicht weisse Männer eher ange­klagt werden als weisse Männer.

Es gibt auch andere Femi­nis­tin­nen als Alice Schwar­zer.

Ja, zum Glück. Ich denke, dass die aktu­el­len Frau­en­be­we­gun­gen sensi­bler sind. Der Women’s March in den USA hat einen zentra­len Schwer­punkt auf Rassis­mus gelegt. Auch in Deutsch­land gibt es – vor allem im Zuge von Migra­tion und Flucht­be­we­gun­gen – viele femi­nis­ti­sche Ausein­an­der­set­zun­gen um Rassis­mus.

Bekom­men Sie den Vorwurf, das Problem zu verharm­lo­sen? Dass wir ernst­neh­men soll­ten, wenn wir mit den Geflüch­te­ten eine grosse Gruppe von gewalt­be­rei­ten Männern ins Land lassen?

Den Vorwurf höre ich oft, aber er ist statis­tisch falsch. Geflüch­tete oder Migran­ten verge­wal­ti­gen nicht mehr. Es ist komple­xer. Sexua­li­sierte Gewalt gibt es in allen Natio­na­li­tä­ten, in allen Schich­ten und Kultu­ren, und es gibt unzäh­lige Gründe dafür, warum Menschen so etwas tun. Gleich­wohl stimmt es natür­lich, dass die Migra­ti­ons­be­we­gung uns vor neue Heraus­for­de­run­gen stellt. Eine davon: es gibt jetzt rela­tiv viele junge Männer im öffent­li­chen Raum, weil sie keine ande­ren Orte haben. Und es gibt viele kultur­über­grei­fende Miss­ver­ständ­nisse. Zum Beispiel, dass manche von diesen Männern offen­bar denken, die Frauen in Deutsch­land seien alle sexu­ell frei­zü­gig. Ich denke, hier ist viel Aufklä­rung und Verstän­di­gung notwen­dig.

Der Psycho­loge Ahmad Mansour, der mit gewalt­tä­ti­gen musli­mi­schen Jugend­li­chen arbei­tet, ist der Meinung: Wir Muslime haben die Ehren­morde, ihr Chris­ten nicht, bei Euch sind das Einzel­fälle.

Ich schätze Mansours Arbeit mit dem Projekt „Heroes“ sehr. Doch Mansour arbei­tet mit Fällen, wo Brüder ihre Schwes­tern umbrin­gen, weil sie einen Freund haben. Wenn du dir die extre­men Fälle anschaust und daraus eine allge­mein­gül­tige Regel ablei­test, finde ich das proble­ma­tisch. Wenn ich mit rech­ten, natio­na­lis­ti­schen deut­schen Jugend­li­chen spre­che, werde ich auch auf Erschre­cken­des stos­sen. Aber das heisst weder, dass alle Deut­schen Nazis sind, noch dass „der Islam“ so frau­en­feind­lich ist. Trotz­dem ist es wich­tig, sich mit der Rolle von Reli­gion bei diesen konkre­ten Jugend­li­chen ausein­an­der zu setzen, wenn wir diesen konkre­ten Kids helfen wollen. Wir müssen uns auch damit ausein­an­der­set­zen, wie Reli­gion zurzeit dazu benutzt wird, um Menschen zu radi­ka­li­sie­ren. Aber, und das ist die Erfah­rung aus allen Präven­ti­ons­pro­jek­ten, die ich kenne, die beste Präven­tion ist Inte­gra­tion und Dialog.

Was heisst das?

Wir müssen uns an einen Tisch setzen und fragen: Wie können wir unser aller proble­ma­ti­sche Geschlech­ter­vor­stel­lun­gen ange­hen? Ohne dieses dauernde: ihr und wir. Mehr im Sinne von: Was können wir vonein­an­der lernen? Wo haben alle ihre Baustel­len? Beson­ders die Medien sind in der Verant­wor­tung: was skan­da­li­sie­ren sie auf welche Weise? Sobald ein Geflüch­te­ter sexua­li­sierte Gewalt ausübt, läuft das auf allen Kanä­len, während wir über deut­sche Täter wenig hören. Und auch nicht darüber, was deut­sche Männer in ande­ren Ländern, zum Beispiel in asia­ti­schen, so machen. Und wir hören kaum über die sexua­li­sierte Gewalt, die Geflüch­te­ten ange­tan wird. Dabei sind die statis­tisch viel häufi­ger davon betrof­fen.

Uns muss klar sein, dass es in Debat­ten über Geschlecht und Sexua­li­tät nie einfach um Geschlecht und Sexua­li­tät geht, sondern dass diese Themen poli­tisch instru­men­ta­li­sier­bar sind. Im Diskurs über die „Sexua­li­tät der ande­ren“, „der Muslime“ usw. geht es auch darum, Gren­zen zu ziehen, zu defi­nie­ren, wer dazu gehört und wer nicht, wer zu „den Deut­schen“ gehört, zu „den Euro­pä­ern“, und wer nicht.

 

Mithu M. Sanyal, Verge­wal­ti­gung. Aspekte eines Verbre­chens, Hamburg: Edition Nauti­lus 2016.

Von Franziska Schutzbach

Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.