Geschichten der Gegenwart

„Wie wird man in Russ­land das hundert­jäh­rige Jubi­läum der Revo­lu­tion bege­hen?“, werden wir schon seit eini­gen Jahren immer wieder von auslän­di­schen Kolle­gen gefragt. Doch selbst jetzt, Mitte 2017, können wir immer noch keine genaue Antwort darauf geben. Russ­land wurde oft als das „Land mit der unbe­re­chen­ba­ren Vergan­gen­heit“ bezeich­net – ein Land, in dem Geschichte immer wieder von einan­der ablö­sen­den Regimes umge­schrie­ben wurde. Gegen­wär­tig stellt sich die Vergan­gen­heit in Russ­land noch unvor­seh­ba­rer dar als sonst: Die poli­ti­sche Entwick­lung ist unge­wiss, und jeder Kurs­wech­sel kann sich auf die Erin­ne­rungs­po­li­tik niederschlagen.

Die Arbeit "Unsere Eremi­tage" der Gruppe "Kirill Chto" bei der bis Ende Septem­ber laufen­den Ausstel­lung "Prazd­nik k vam pricho­dit" (Zeit zum Jubeln), kura­tiert von Andrej Zajcev und Yasha Young, Street Art Museum St. Peters­burg, Quelle: the-village.ru

Kurs auf „natio­nale Versöhnung“

Beson­ders aufmerk­sam verfol­gen Beob­ach­ter die öffent­li­chen Äuße­run­gen von Vladi­mir Putin, in denen gleich­sam der Schlüs­sel zum Verständ­nis der staat­li­chen Erin­ne­rungs­po­li­tik gese­hen wird. Im Dezem­ber 2016 rief Putin in einer Anspra­che vor der russi­schen Bundes­ver­samm­lung dazu auf, das Jubi­läum als Ressource zur „Versöh­nung“ sowie zur „Stär­kung des gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und staats­bür­ger­li­chen Zusam­men­halts“ zu nutzen. Zugleich wandte er sich gegen einen seinem Verständ­nis nach miss­bräuch­li­chen Umgang mit der Vergan­gen­heit: Es sei „unzu­läs­sig, die Spal­tun­gen, die Wut, die Krän­kun­gen und die Verbit­te­rung der Vergan­gen­heit in unse­ren heuti­gen Alltag hinein­zu­zer­ren, um mit den Tragö­dien, von denen fast jede Fami­lie in Russ­land beider­seits der Barri­ka­den betrof­fen war, für eigene poli­ti­sche und andere Inter­es­sen zu speku­lie­ren.“ Dieses Konzept vom Revo­lu­ti­ons­ju­bi­läum als Gele­gen­heit zu Versöh­nung und Verstän­di­gung ist nicht bloß von der Zentral­re­gie­rung erson­nen und den Peri­phe­rien aufge­drückt worden – es gibt dafür durch­aus eine gesell­schaft­li­che Nach­frage in der Provinz, was sich in der Errich­tung entspre­chen­der „Versöh­nungs­denk­mä­ler“ in Novočer­kassk und Kras­no­dar zeigt.

Am 19. Dezem­ber 2016 schließ­lich unter­zeich­nete Putin einen Erlass „zur Vorbe­rei­tung und Durch­füh­rung von Maßnah­men zum 100-jährigen Jubi­läum der Revo­lu­tion von 1917“, infolge dessen die offi­ziöse Russi­sche Histo­ri­sche Gesell­schaft, finan­ziert vom Kultur­mi­nis­te­rium, ein Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee zur Durch­füh­rung von Jubi­lä­ums­maß­nah­men formierte. Unter den vom Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tee bewil­lig­ten Maßnah­men finden sich Ausstel­lun­gen, Publi­ka­tio­nen und Bildungs­pro­jekte. Wenn es jedoch um das eigent­li­che Geden­ken geht, ist die Liste außer­ge­wöhn­lich kurz. Zwar wird die Einwei­hung eines Versöh­nungs­denk­mals am 4. Novem­ber geplant – auf der Krim. Ein reso­nanz­träch­ti­ges Unter­fan­gen, aber niemand scheint zu wissen, ob das Denk­mal tatsäch­lich erbaut werden kann, zumal die Mittel­ak­quise für seine Errich­tung bislang mit nur mäßi­gem Erfolg verlau­fen zu sein scheint.

Passi­vi­tät der Jubi­lä­ums­po­li­tik – Angst vor neuer Revolution?

Die Worte Putins wurden von vielen russi­schen Entschei­dungs­trä­gern als Hand­lungs­an­lei­tung aufge­nom­men. Doch es wäre verkürzt, so scheint uns, ihnen zu viel Bedeu­tung beizu­mes­sen und die Jubi­lä­ums­maß­nah­men ledig­lich als Ausfüh­rung des präsi­dia­len Willens zu inter­pre­tie­ren. Zum einen ist Putin selbst durch seine voran­ge­gan­ge­nen Äuße­run­gen in seinem Spiel­raum einge­schränkt. Zwar bietet die Geschichte genü­gend Beispiele radi­ka­ler erin­ne­rungs­po­li­ti­scher Kehrt­wen­den, doch solche Brüche bergen auch offen­sicht­li­che Risi­ken, die Poli­ti­ker gewöhn­lich zu vermei­den versu­chen. Zum ande­ren stellt das Jubi­läum eine Ressource dar, die schwer, wenn nicht gar unmög­lich zu mono­po­li­sie­ren ist. So wurden auch zu Sowjet­zei­ten Jubi­läen genutzt, um unter­schied­li­che, mitun­ter einan­der wider­spre­chende Erin­ne­rungs­pro­jekte zu lobby­ie­ren. Drit­tens schließ­lich stellt jedes komme­mo­ra­tive Projekt eine begrenzte Ressource dar. Dabei geht es nicht nur um mate­ri­elle und perso­nelle Kapa­zi­tä­ten, sondern auch um die Beson­der­hei­ten des kultu­rel­len Gedächt­nis­ses und das histo­ri­sche Wissen der Adres­sa­ten der entspre­chen­den Botschaf­ten, denn es ist letzt­end­lich die Wahr­neh­mung der Kampa­gne, die über ihren Erfolg entscheidet.

Wo also liegen die Limits dieser Erinnerungspolitik?

Es gibt mehrere Daten, die mit komme­mo­ra­ti­ven Aktio­nen began­gen werden können: So wurde zunächst im März 1917 die Monar­chie gestürzt, im Novem­ber 1917 kamen die Bolsche­wiki an die Macht. Die Staats­macht igno­rierte das erste Datum weit­ge­hend und gedachte dem Fall der Monar­chie mit keiner­lei bedeu­ten­den Aktio­nen. Zwar wurden Ausstel­lun­gen eröff­net, Fach­ta­gun­gen abge­hal­ten, neue Bücher publi­ziert, und die 100 Jahre zurück­lie­gen­den Ereig­nisse in den Massen­me­dien beleuch­tet (wobei viele dieser Projekte von staat­li­cher Finan­zie­rung profi­tie­ren konn­ten) – doch es gab keiner­lei staat­li­che Zere­mo­nien, die diesem Jahres­tag zuge­dacht gewe­sen wären. Die Staats­macht versuchte, so scheint es, das Jubi­läum so gut es ging zu igno­rie­ren, da sie die Revo­lu­ti­ons­ge­schichte als „unver­wert­bar“ einschätzte.

Gruppe AES+F "Die Russi­sche Revo­lu­tion. Okto­ber 1917", in der Ausstel­lung "Prazd­nik k vam pricho­dit" (Zeit zum Jubeln), Kura­tiert von Andrej Zajcev und Yasha Young, Foto: Alek­sandr Gorbu­nov, Street Art Museum in St. Peters­burg, Quelle: streetartmuseum.ru

Dieses Schwei­gen der Staats­macht wird zuwei­len mit der Angst der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Eliten vor „Revo­lu­ti­ons­im­por­ten“ erklärt. In der Tat bezeich­nen einige regie­rungs­nahe Auto­ren den Sturz der Monar­chie in anachro­nis­ti­scher Weise als „farbige Revo­lu­tion“ [in Anknüp­fung an die demo­kra­ti­schen Umwäl­zun­gen im post­so­wje­ti­schen Raum der letzte 15 Jahre, Anm. d. Übers.], und haben bei der Beleuch­tung der histo­ri­schen Ereig­nisse vor allem auslän­di­sche Einmi­schun­gen sowie alle nur denk­ba­ren Verschwö­run­gen im Blick. Auch Putin selbst hatte in den vergan­ge­nen Jahren bei mehre­ren öffent­li­chen Auftrit­ten vom Dolch­stoß gespro­chen, der der glor­rei­chen russi­schen Armee im Ersten Welt­krieg zuge­fügt worden sei. Diese Inter­pre­ta­tion spie­gelt sich auch zu einem gewis­sen Grad in der öffent­li­chen Meinung: Hatten noch 1990 den Anga­ben des unab­hän­gi­gen Meinungs­for­schungs­in­sti­tuts „Lewada-Zentrum“ zufolge ledig­lich 6% der Befrag­ten eine „Verschwö­rung der Feinde des russi­schen Volkes“ als Grund für die Revo­lu­tion ange­ge­ben, waren es 1997 bereits 11%. Nach 2014 erfreute sich die Suche nach Fein­den, in Vergan­gen­heit wie Gegen­wart, noch größe­rer Popu­la­ri­tät – bei den Eliten wie auch in der brei­ten Bevöl­ke­rung: 2017 bekann­ten sich bereits 20% der Befrag­ten zur verschwö­rungs­theo­re­ti­schen Inter­pre­ta­tion der Revolutionsgeschichte.

Doch selbst der aufrich­tigste Verschwö­rungs­glaube kann nicht als allei­nige Erklä­rung dafür dienen, warum die Ressource des Jubi­lä­ums nicht genutzt wird – zumal sich gerade in diesem Jahr der Anteil verschwö­rungs­theo­re­ti­scher Geschichts­be­trach­tun­gen in den Massen­me­dien verrin­gert zu haben scheint. Ebenso ist nicht davon auszu­ge­hen, dass sich die poli­ti­sche Führung ernst­haft vor einer kommen­den Revo­lu­tion fürch­tet: Wenn man den Umfra­gen Glau­ben schen­ken kann, ist die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung der Meinung, dass im heuti­gen Russ­land eine neue Revo­lu­tion um jeden Preis zu verhin­dern sei. Diese Meinung wird von öffent­li­chen Intel­lek­tu­el­len, der Kultur­pro­mi­nenz, Oppo­si­ti­ons­füh­rern und sogar eini­gen Teil­neh­mern von Protest­ak­tio­nen geteilt, wobei letz­tere in ihrem Agie­ren einen Beitrag zur Verhin­de­rung einer neuen Revo­lu­tion sehen. Dieser anti­re­vo­lu­tio­näre Konsens stellt für die Staats­macht eine über­aus wich­tige Ressource dar.

Pola­ri­sierte Erinnerung

Während also die Bewoh­ner des heuti­gen Russ­lands eine Revo­lu­tion als Zukunfts­sze­na­rio ableh­nen, bewer­ten sie die histo­ri­sche Revo­lu­tion auf höchst unter­schied­li­che Weise. Die Entwick­lungs­dy­na­mi­ken im Verhält­nis zur Okto­ber­re­vo­lu­tion seit den 1990er-Jahren lassen sich an den landes­wei­ten Umfra­ge­er­geb­nis­sen des Allrus­si­schen Meinungs­for­schungs­zen­trums (WZIOM), des Fonds „Öffent­li­che Meinung“ sowie des Lewada-Zentrums nach­zeich­nen. Man könnte anneh­men, dass die Inhalte und Prin­zi­pien der Geschichts­ver­mitt­lung an Schu­len und Hoch­schu­len sich in den Vorjah­ren geän­dert hätten, und dass eine neue Gene­ra­tion heran­ge­wach­sen wäre, die diese Vermitt­lung durch­lau­fen hätte. Wenn man jedoch die Umfra­ge­werte als Ausgangs­punkt nimmt, hat sich die Einstel­lung zur Revo­lu­tion nur gering­fü­gig – wenn über­haupt – geän­dert. Dies lässt sich am Beispiel der Frage, was die Okto­ber­re­vo­lu­tion „den Völkern Russ­lands“ gebracht habe, beob­ach­ten, die zum Reper­toire des WZIOM und des Lewada-Zentrums gehört. 23% der Befrag­ten erklär­ten sich mit der Vari­ante „sie öffnete eine neue Ära in der Geschichte der Völker Russ­lands“ im Jahr 1990 einver­stan­den, über 20 Jahre später waren es 25%. Der Meinung, sie habe „eine Beschleu­ni­gung der sozia­len und wirt­schaft­li­chen Entwick­lung“ bewirkt, schlos­sen sich 26% bezie­hungs­weise 28% an.

Alena Kogan "Schema der Geburt der neuen Welt" (Schema rozh­denija novogo mira") in der Ausstel­lung "Prazd­nik k vam pricho­dit" (Zeit zum Jubeln), kura­tiert von Andrej Zajcev und Yasha Young, Street Art Museum St. Peters­burg, Quelle: the-village.ru

Die Prozent­zahl derje­ni­gen, die unter den Akteu­ren der Revo­lu­ti­ons­epo­che Lenin die größte Sympa­thie entge­gen­brach­ten, fiel im glei­chen Zeit­raum von 67% auf 26%. Aller­dings verbleibt Lenin erstens nichts­des­to­trotz unter den popu­lärs­ten poli­ti­schen Führern des 20. Jahr­hun­derts (wovon alle Umfra­gen zeugen), und zwei­tens hat sich dieser Wert seit 1997 kaum verändert.

Zugleich spal­tet die Einstel­lung zur Revo­lu­tion die russi­sche Gesell­schaft. Mit der gegen­tei­li­gen Meinung, die Revo­lu­tion habe „die Entwick­lung gebremst“, erklär­ten sich nach Anga­ben des Lewada-Zentrums im Jahr 1990 18% der Befrag­ten einver­stan­den, zwan­zig Jahre später waren es 19%. Der Meinung, die Revo­lu­tion sei für die Völker Russ­lands eine „Kata­stro­phe“ gewe­sen, schlos­sen sich 12% bezie­hungs­weise 8% an. Auch die Umfra­ge­werte des WZIOM offen­ba­ren fast glei­che Ergeb­nisse. Insge­samt sind nach Anga­ben des Lewada-Zentrums 48% der Bürger in verschie­de­ner Inten­si­tät davon über­zeugt, dass die Okto­ber­re­vo­lu­tion eine posi­tive Rolle in der russi­schen Geschichte gespielt habe, während 31% ihr eine nega­tive Rolle zuschreiben.

Auch die Zahl der Befrag­ten, die Lenin als die nega­tivste Gestalt der Revo­lu­ti­ons­epo­che bewer­te­ten, wuchs im selben Zeit­raum von 5% auf 13% an. Es ist bezeich­nend, dass Putin in eini­gen seiner öffent­li­chen Auftritte sich nega­tiv über die Rolle Lenins geäu­ßert hat, doch zugleich muss er die Stim­mun­gen vieler Bürger in Betracht ziehen, die dies anders sehen.

Auch die Versu­che eini­ger öffent­li­cher Akteure, sich zu „Erben“ dieser oder jener poli­ti­schen Kräfte von 1917 zu stili­sie­ren, führen zu neuen Konflik­ten statt zu Versöh­nung. Ein Beispiel dafür bietet die Duma-Abgeordnete Natal’ja Poklons­kaja, die seit gerau­mer Zeit bestrebt ist, ein Geschichts­nar­ra­tiv zu etablie­ren, in dessen Zentrum die sakra­li­sierte Figur des (von der Russisch-Orthodoxen Kirche heilig­ge­spro­che­nen) Zaren, Niko­laus II., steht. Ein solches Projekt der offen­sicht­li­chen und aggres­si­ven Entsä­ku­la­ri­sie­rung der staat­li­chen Geschichts­po­li­tik wider­spricht dabei objek­tiv der Linie der „Versöh­nung“, denn offen­sicht­lich werden die unter­schied­li­chen, einan­der oft diame­tral entge­gen­ste­hen­den Kräfte der Gesell­schaft nicht dazu bereit sein, ihn anzunehmen.

Starke Meinun­gen, schwa­ches Wissen

Die Chan­cen dafür, dass das Jubi­lä­ums­jahr die Bürger dazu bewe­gen wird, ihre Einstel­lung zur Revo­lu­tion zu revi­die­ren, sind gering. Im Gegen­teil kann man davon ausge­hen, dass sich ihre pronon­cier­ten Meinun­gen noch mehr verfes­ti­gen werden. Im heuti­gen Russ­land gibt es prak­tisch nieman­den, der nicht zumin­dest etwas über die Ereig­nisse von 1917 weiß (wenn auch die eige­nen Kennt­nisse oft über­schätzt werden). So gehörte die Revo­lu­tion laut den Umfra­ge­wer­ten des Fonds „Öffent­li­che Meinung“ für über 60% der Bürger zu den fünf histo­ri­schen Ereig­nis­sen, dessen Datum man kennen müsse, und ganze 77% konn­ten tatsäch­lich das rich­tige Datum nennen.

Dies bedeu­tet jedoch nicht, dass die russi­sche Bevöl­ke­rung tatsäch­lich viel über die Revo­lu­tion wüsste. Wenn auch ledig­lich 15% der Befrag­ten erklär­ten, nie über die Febru­ar­re­vo­lu­tion 1917 gehört zu haben, konnte nichts­des­to­trotz über die Hälfte derje­ni­gen, die anga­ben, davon zu „wissen“ oder „gehört“ zu haben, nichts benen­nen, was ihnen im Zusam­men­hang mit diesem Ereig­nis in den Sinn käme. Aus den Antwor­ten von unge­fähr 10% der Befrag­ten wird zudem offen­sicht­lich, dass in ihren Köpfen alle Revo­lu­tio­nen des frühen 20. Jahr­hun­derts verschmol­zen sind – nicht nur die von 1917, sondern auch die Revo­lu­tion von 1905. Der Groß­teil der Antwor­ten war zudem maxi­mal schwam­mig: Die Respon­den­ten gaben zu Proto­koll, man habe die Revo­lu­tion „in der Schule durch­ge­nom­men“, oder präsen­tier­ten ihre Meinung über die Revo­lu­tion als allge­mei­nes Phäno­men. Ledig­lich 10% der Befrag­ten äußer­ten Asso­zia­tio­nen und Einschät­zun­gen, die mehr oder weni­ger konkret auf die Febru­ar­re­vo­lu­tion und ihre Prot­ago­nis­ten Bezug nahmen.

Die unnutz­bare Vergangenheit

Dabei ist es gerade die „starke Meinung“ im Zusam­men­spiel mit einem nied­ri­gen Grad histo­ri­schen Wissens, die einen großen Einfluss auf die Rezep­tion geschichts­po­li­ti­scher Botschaf­ten ausübt. Daher wird die unein­heit­li­che und pola­ri­sie­rende Einstel­lung zur Revo­lu­ti­ons­ge­schichte wohl weiter­hin bestehen blei­ben. Womög­lich gibt es in Russ­land tatsäch­lich eine gewisse Nach­frage nach Ange­bo­ten natio­na­ler Versöh­nung, doch ein Bedarf nach einem Kompro­miss bezüg­lich der ein Jahr­hun­dert zurück­lie­gen­den Ereig­nisse und einer Korrek­tur der eige­nen Ansich­ten lässt sich nicht beobachten.

In dieser Situa­tion erschei­nen das Handeln Putins und seines Umfel­des auf eine eigene Art prag­ma­tisch; sie berück­sich­ti­gen die Beson­der­hei­ten des histo­ri­schen Bewusst­seins der Öffent­lich­keit. Sie dekla­rie­ren zwar, das Jubi­läum zur „Versöh­nung“ zu nutzen, halten diese aber im Grunde nicht für reali­sier­bar. Die Erin­ne­rung an die Revo­lu­tion ist für sie folg­lich poli­tisch nicht nutz­bar. Die Staats­macht lässt eine rela­tiv freie Diskus­sion im akade­mi­schen Rahmen zu und gewährt einzel­nen Veran­stal­tun­gen sogar finan­zi­elle Hilfe, aller­dings haben die im akade­mi­schen „Reser­vat“ einge­heg­ten Gelehr­ten­dis­pute kaum gesell­schaft­li­che Reso­nanz. Und auch andere poli­ti­sche Kräfte – mit Ausnahme viel­leicht der ortho­do­xen Kirche – haben für die Erin­ne­rung an die Revo­lu­tion keine poli­ti­sche Verwendung.

Ange­sichts der poli­ti­schen Unge­wiss­heit fällt es schwer, Hypo­the­sen anläss­lich bevor­ste­hen­der staat­li­cher und gesell­schaft­li­cher Gedenk­maß­nah­men im Oktober/November 2017 aufzu­stel­len. Man kann jedoch anneh­men, dass die Insti­tu­tio­nen der Macht auch weiter­hin darauf verzich­ten werden, auf die Ressource des Jubi­lä­ums zurück­zu­grei­fen – denn es soll auch nicht das geringste Risiko einge­gan­gen werden, den gegen­wär­ti­gen Status Quo in Frage zu stel­len. Die hier beschrie­bene Abwe­sen­heit jegli­chen staat­li­chen Geden­kens zum hundert­jäh­ri­gen Jubi­läum des Zaren­stur­zes spricht für diese Prognose. Und es sieht nicht danach aus, dass aus der Gesell­schaft heraus Druck ausge­übt werden würde, um dies zu ändern.

Aus dem Russi­schen von Gleb J. Albert

Von Boris Kolonitski und Maria Matskevich

Boris Kolonitski ist Professor für Geschichte an der Europäischen Universität St. Petersburg und an der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, Maria Matskevich ist Soziologin an der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.