Jetzt aber!

Wel­ches Poten­ti­al poli­ti­sche Kri­tik haben kann, die in Form von sub­ver­si­ver Affir­ma­ti­on statt­fin­det, wur­de in der Ver­gan­gen­heit vor allem aus künst­le­ri­scher Per­spek­ti­ve gezeigt. So bei­spiels­wei­se im Jahr 2000 vom Regis­seur Chris­toph Schlin­gen­sief mit sei­ner „Aus­län­der raus!“-Aktion, in der die­ser die öster­rei­chi­sche Asyl­po­li­tik als Big Bro­ther Show insze­nier­te und die Bür­ger dazu auf­for­der­te, sich mit­tels Tele­fon- und Online­vo­ting selbst an der Abschie­bung der Asyl­su­chen­den zu betei­li­gen. Die­se Akti­on war nicht als Kunst­hap­pe­ning gekenn­zeich­net, son­dern gab sich als ein tat­säch­li­ches Pro­jekt der FPÖ (Frei­heit­li­che Par­tei Öster­reich) aus. Es erüb­rigt sich zu erwäh­nen, dass die Lei­tun­gen heiß lie­fen. Gera­de die gegen­wär­ti­gen Ereig­nis­se haben noch ein­mal bewie­sen, wie aktu­ell Schlin­gen­siefs Kri­tik noch heu­te ist, und wie ent­lar­vend es sein könn­te, rech­ten Aktio­nis­mus mit sei­nen eige­nen Waf­fen zu schla­gen.

Subversive Affirmation in der Geschichtswissenschaft?

Wie viel sub­ver­si­ve Affir­ma­ti­on jedoch die Geschichts­wis­sen­schaft ver­tra­gen kann, stellt aktu­ell ein Hoax-Arti­kel (also ein Scherz-Arti­kel) auf die Pro­be, den „eine Grup­pe von kri­ti­schen Wissenschaftler_innen“ unter dem Pseud­onym „Chris­tia­ne Schul­te“ in der aktu­el­len Aus­ga­be der Fach­zeit­schrift Tota­li­ta­ris­mus und Demo­kra­tie ver­öf­fent­licht hat (13. Jahr­gang, Heft 2/2015, S. 319–334). Doch die­ser eben­falls als sub­ver­si­ve Affir­ma­ti­on gedach­te Fall ist anders gela­gert als Schlin­gen­siefs Akti­on und ver­fehlt sein kri­ti­sches Poten­ti­al um Län­gen.

Es geht um den Bei­trag „Der deutsch-deut­sche Schä­fer­hund – Ein Bei­trag zur Gewalt­ge­schich­te des Jahr­hun­derts der Extre­me“, den eine der Auto­rin­nen bereits am 6. Febru­ar 2015 auf der Tagung „Tie­re unse­rer Hei­mat: Aus­wir­kun­gen der SED-Ideo­lo­gie auf gesell­schaft­li­che Mensch-Tier-Ver­hält­nis­se in der DDR“ prä­sen­tier­te, die vom Cen­ter of Metro­po­li­tan Stu­dies und der TU Ber­lin orga­ni­siert wur­de.

Die Inhaltsangabe des Artikels auf der TuD-Homepage, Quelle: www.vice.com

Die Inhalts­an­ga­be des Arti­kels auf der TuD-Home­page, Quel­le: www.vice.com

Am 15. Febru­ar ließ das Auto­r_in­nen-Kol­lek­tiv dann auf der Online-Platt­form Tele­po­lis die Bom­be plat­zen: Der Inhalt des Vor­trags sowie des leicht ver­än­der­ten Auf­sat­zes sei­en kom­plett frei erfun­den, „ohne dass dies jeman­dem auf­ge­fal­len wäre“. Ihre „sati­ri­sche Inter­ven­ti­on“ will die Grup­pe, die ihr Beken­ner­schrei­ben mit „Chris­tia­ne Schul­te & Freund_innen“ unter­zeich­net, als ein „Plä­doy­er gegen den aka­de­mi­schen Kon­for­mis­mus“ und die „Schein­ra­di­ka­li­tät“ der heu­ti­gen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ver­stan­den wis­sen. Ich möch­te auf die­se Inter­ven­ti­on auf eine Wei­se ant­wor­ten, in der man übli­cher­wei­se nicht auf einen Scherz reagiert, näm­lich indem ich sie ernst neh­me. Ihren Aus­gangs­punkt nahm die­se Par­odie in dem „call for papers“ des Cen­ter of Metro­po­li­tan Stu­dies, das sich der DDR Dik­ta­tur mit einer Tagung aus der Per­spek­ti­ve der Human Ani­mal Stu­dies annä­hern woll­te, um „die viel­fäl­ti­gen Bezie­hun­gen von Men­schen und Tie­ren im Staats­so­zia­lis­mus in den Blick“ zu neh­men. „Über den Umgang mit Tie­ren kön­nen Rück­schlüs­se über das kul­tu­rel­le, gesell­schaft­li­che und öko­lo­gi­sche Selbst­ver­ständ­nis der DDR gezo­gen wer­den“, heißt es in der im Juli 2014 dazu ver­öf­fent­lich­ten Aus­schrei­bung der ver­ant­wort­li­chen Ver­an­stal­te­rin­nen Doro­thee Brantz und Anett Laue.

Parodie der Human Animal Studies?

Es geht den in den 1990er Jah­ren ent­stan­de­nen Human Ani­mal Stu­dies nicht nur dar­um zu fra­gen, wie Tie­re von Men­schen kul­tu­rell reprä­sen­tiert oder land­wirt­schaft­lich genutzt wur­den – sie wer­den nicht nur als ‚Objekt‘, son­dern auch als ‚Sub­jekt‘ von Geschich­te begrif­fen: So besteht eine Grund­the­se die­ser inter­dis­zi­pli­nä­ren For­schungs­rich­tung dar­in, Tie­re als gesell­schaft­li­che Akteu­re mit eige­ner Hand­lungs­macht (aka­de­misch dann ‚agen­cy‘ genannt) ernst zu neh­men und auf ihren Ein­fluss für sozia­le Bezie­hun­gen und his­to­ri­sche Pro­zes­se hin zu unter­su­chen. Eine gewis­se Nähe hat die­ser Ansatz damit auch zur bereits in den 1980er Jah­ren auf­ge­kom­me­nen und maß­geb­lich vom fran­zö­si­schen Sozio­lo­gen Bru­no Latour ent­wi­ckel­ten Akteur-Netz­werk-Theo­rie, die nicht nur Men­schen, son­dern auch Din­gen – Tech­no­lo­gi­en, Werk­zeu­gen, Gebrauchs­ge­gen­stän­den – eine ‚agen­cy‘ zuspricht (was eigent­lich noch viel radi­ka­ler ist). Auf Latour wer­de ich ganz am Ende noch ein­mal zurück­kom­men, doch zuerst der Rei­he nach.

„Chris­tia­ne Schul­te & Freund_Innen“ haben an eben die­sem ihrer Mei­nung nach voll­kom­men absur­den For­schungs­an­satz Anstoß genom­men und in ihrer Stel­lung­nah­me erklärt: „Pro­ble­ma­tisch ist dar­an vor allem der für die Human Ani­mal Stu­dies cha­rak­te­ris­ti­sche Rela­ti­vis­mus, der mensch­li­ches und tie­ri­sches Leben auf eine Stu­fe stellt – was nicht die Stär­kung von Men­schen­rech­ten, son­dern deren Auf­lö­sung bedeu­tet.“ Eine Schluss­fol­ge­rung, die nicht unbe­dingt zwin­gend ist, wenn man sich das gesam­te For­schungs­feld anschaut. So ist die Unter­stel­lung, dass die Human Ani­mal Stu­dies mit ihrem Ansatz Mensch und Tier in jeder Hin­sicht gleich­set­zen wür­den, schlicht unwahr. Mit Blick auf die von den Orga­ni­sa­to­rin­nen der Tagung vor­ge­schla­ge­ne Zusam­men­füh­rung von Tota­li­ta­ris­mus­for­schung und Ani­mal Stu­dies, hin­ter der „Chris­tia­ne Schul­te und Freund_Innen“ eine blo­ße „aca­de­mic fashion“ ver­mu­ten, schrei­ben sie wei­ter: „Es gru­selt vor dem Gedan­ken, dass die Human Ani­mal Stu­dies dem­nächst viel­leicht Ein­zug hal­ten in die ver­glei­chen­de Geno­zid­for­schung.“

Und in der Tat nutz­te die Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on PETA die Gegen­über­stel­lung von indus­tri­el­ler Mas­sen­tier­hal­tung und Holo­caust in einer sehr pro­ble­ma­ti­schen Art und Wei­se in der Ver­gan­gen­heit für ihre auf Schock­ef­fek­te abzie­len­den Wer­be­kam­pa­gnen. Mit ihrer Per­si­fla­ge der Human Ani­mal Stu­dies woll­ten die Autor_innen auf die­sen Denk­feh­ler auf­merk­sam machen und schick­ten schließ­lich eine Ver­tre­te­rin zu der Tagung nach Ber­lin, um dort einen Vor­trag mit frei erfun­de­nen und voll­kom­men fik­ti­ven Quel­len über den „deutsch-deut­schen Schä­fer­hund“ im SED-Regime und des­sen Nazi-Ver­gan­gen­heit zu hal­ten.

In ihrem par­odis­ti­schen Refe­rat sti­li­sier­te „Chris­tia­ne Schul­te“ die Mau­er­hun­de zu den eigent­li­chen Opfern des Kal­ten Krie­ges an der Ber­li­ner Mau­er und beschrieb, wie die­se als leben­de Objek­te der Grenz­si­che­rung aus­ge­beu­tet wur­den, jedoch auch über eine eige­ne ‚agen­cy‘ ver­füg­ten. Anhand frei erfun­de­ner Bele­ge aus fik­ti­ven Zucht­bü­chern behaup­te­te sie außer­dem, es habe sich bei den Schä­fer­hun­den an der deutsch-deut­schen Gren­ze um die­sel­be Zucht, bezie­hungs­wei­se um direk­te Nach­fah­ren jener Wach­hun­de gehan­delt, die bereits wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern Buchen­wald und Sach­sen­hau­sen ein­ge­setzt wor­den sei­en. Um die­sem Hoax schließ­lich die Kro­ne auf­zu­set­zen, berich­tet „Schul­te“ von einem Poli­zei­hund Rex als dem ers­ten Mau­er­to­ten und wies – natür­lich wie­der anhand frei aus­ge­dach­ter Doku­men­te – nach, dass die DDR-Grenz­hun­de schließ­lich in drit­ter Gene­ra­ti­on nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung beim Bun­des­grenz­schutz gelan­det sei­en.

Intervention gegen vergleichende Totalitarismusforschung?

Köst­lich amü­sier­ten sich die „kri­ti­schen Wissenschaftler_innen“ in ihrem Beken­ner­schrei­ben dar­über, dass sie bei der Tagung nie­mand nach der Authen­ti­zi­tät ihrer Quel­len gefragt habe und sie für ihren Unsinn statt „Gegen­re­den, Zwei­fel oder Pro­test“ sogar noch „Applaus“ geern­tet hät­ten. Anschei­nend regel­recht berauscht von ihrem Schwin­del reich­ten sie ihr Vor­trags­ma­nu­skript schließ­lich zur Publi­ka­ti­on bei der Fach­zeit­schrift Tota­li­ta­ris­mus und Demo­kra­tie ein, die vom Han­nah-Arendt-Insti­tut für Tota­li­ta­ris­mus­for­schung (HAIT) her­aus­ge­ge­ben und bei Van­den­hoeck & Ruprecht ver­legt wird. Dort wur­de der Bei­trag auch prompt akzep­tiert, nach­dem er durch den stell­ver­tre­ten­den Insti­tuts­di­rek­tor Uwe Backes bear­bei­tet und redi­giert wur­de, wie ein Arti­kel der Tages­zei­tung Neu­es Deutsch­land vom 16.02. mit Ver­weis auf die ihnen vor­lie­gen­de kom­men­tier­te Kor­rek­tur­ver­si­on des Auf­sat­zes dar­legt.

„Schul­te & Freund_innen“ haben sich die Zeit­schrift Tota­li­ta­ris­mus und Demo­kra­tie sehr genau aus­ge­sucht, denn neben den Human Ani­mal Stu­dies rich­tet sich ihre Inter­ven­ti­on in ers­ter Linie gegen die ver­glei­chen­de Tota­li­ta­ris­mus­for­schung. Denn so wie sie in den Human Ani­mal Stu­dies den Aus­druck eines rela­ti­vis­ti­schen, „phi­lo­so­phi­schen Anti­hu­ma­nis­mus“ zu erken­nen glau­ben, der mit der Post­mo­der­ne „nicht nur den Mar­xis­mus, son­dern auch den Huma­nis­mus ent­sorg­te“, so sei der Rela­ti­vis­mus im Rah­men der ver­glei­chen­den Tota­li­ta­ris­mus­for­schung zu einem poli­ti­schen Instru­ment gewor­den. So wie Tie­re kei­ne Men­schen sind, so sol­len auch Nazi-Ter­ror und sta­li­nis­ti­scher Ter­ror bit­te nicht mit den glei­chen Begrif­fen ana­ly­siert wer­den.

In dem Tele­po­lis-Arti­kel ist die Rede von der kon­for­mis­ti­schen „Rhe­to­rik zum ‚DDR-Unrechts­staat‘“, den die Autor_innen bezeich­nen­der­wei­se distan­ziert in Anfüh­rungs­zei­chen setz­ten, und in einer E-Mail-Stel­lung­nah­me für das Hips­ter-Sze­ne-Maga­zin VICE schrei­ben sie: „Es geht dar­um, dass die Extre­mis­mus­theo­rie kei­ne wis­sen­schaft­li­che Metho­de ist. Sie sieht, was sie sehen will: Ob Hund, ob Mensch, Nazi und Lin­ke sind irgend­wie das­sel­be und vor allem Böse. Das ist eine aca­de­mic fashion aus den 1950ern, die sich spä­tes­tens mit Sta­lins Tod erle­digt haben soll­te. So sag­te jeden­falls Han­nah Arendt, die die­se Theo­rie weit dif­fe­ren­zier­ter ver­tre­ten hat als ihre Nach­fol­ger heu­te.“

Die­ser „poli­ti­sche Kon­for­mis­mus“ gepaart mit der „aka­de­mi­schen Mode“ der rela­ti­vis­ti­schen Human Ani­mal Stu­dies ist laut „Schul­te“ und ihren Theo­rie-Gue­ril­le­ras ver­ant­wort­lich dafür, dass den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten ihr gesell­schafts­kri­ti­sches Poten­ti­al ver­lo­ren gegan­gen sei. Sie reden von „Kathe­der­so­zia­lis­mus“ und dem „Marsch durch die Insti­tu­tio­nen“ der 1968er, schäu­men, dass heu­te „jeder Bezug zu poli­tisch-gesell­schaft­li­cher Pra­xis fehlt“ und die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten mitt­ler­wei­le nur noch „wort­ra­di­kal“ sei­en. Deut­lich wird hier­bei nicht nur, aus wel­chem Lager die­se Atta­cke kommt, son­dern auch dass ‚kri­tisch‘ mit ‚revo­lu­tio­när‘ ver­wech­selt wur­de. Wie sich „Schul­te & Freund_innen“ kri­ti­sche Wis­sen­schaft vor­stel­len, die etwas ande­res als „wort­ra­di­kal“ ist, will ich lie­ber nicht wis­sen.

Ist die­se Inter­ven­ti­on tat­säch­lich so sub­ver­siv, wie uns die Auto­rin­nen glau­ben machen wol­len? Denn auch wenn eini­ge die­sen Schwin­del bereits als den „beste[n] Wis­sen­schafts-Hoax, den wir seit Lan­gem gese­hen haben“, fei­ern (VICE) und sich nun hämisch freu­en, wie leicht man doch gut­gläu­bi­ge His­to­ri­ker mit Schau­er­mär­chen über DDR-Hun­de mit Nazi-Ver­gan­gen­heit hin­ters Licht füh­ren kann, so ist die­se Gue­ril­la-Akti­on in Wirk­lich­keit weni­ger radi­kal – im Gegen­teil: sie ist sogar dog­ma­tisch – und weni­ger neu, als sie sich so selbst­ge­recht zu ver­ste­hen gibt.

Artikel in vice, Quelle: http://www.vice.com/de/read/hatten-schferhunde-eine-mitschuld-an-der-nazi-und-sed-diktatur-556

Arti­kel in vice, Quel­le: vice.com/de/read/hatten-schferhunde-eine-mitschuld-an-der-nazi-und-sed-diktatur-556

„Schulte“ wiederholt Sokal

Nicht neu ist die­ser Hoax, weil er einem bekann­ten Mus­ter folgt: Bereits 1996 pro­vo­zier­te der ame­ri­ka­ni­sche Phy­si­ker und Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor Alan Sokal durch einen ver­gleich­ba­ren Schwin­del einen Wis­sen­schafts-Skan­dal, der sich auch damals um den ver­meint­li­chen Rela­ti­vis­mus der post­mo­der­nen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten dreh­te. Um die unschar­fe Ver­wen­dung phy­si­ka­li­scher Denk­mo­del­le durch post­mo­der­ne Phi­lo­so­phen wie Jean Baudril­lard, Gil­les Deleu­ze und Félix Guatta­ri, Paul Viri­lio, aber auch Bru­no Latour offen zu legen, reich­te Sokal bei der für ihre post­mo­der­ne Aus­rich­tung bekann­ten Zeit­schrift Soci­al Text einen Arti­kel mit dem Titel „Trans­gres­sing the Bounda­ries: Towards a Trans­for­ma­ti­ve Her­me­neutics of Quan­tum Gra­vi­ty“ ein, der genau wie „Schul­tes“ Auf­satz anstands­los publi­ziert wur­de. Kurz nach­dem der Arti­kel ver­öf­fent­licht wor­den war, der in einer kru­den Art und Wei­se falsch dar­ge­stell­te Theo­re­me der Quan­ten­me­cha­nik mit post­mo­der­nen Kon­zep­ten ver­knüpf­te, mach­te Sokal in der Zeit­schrift Lin­gua Fran­ca schließ­lich sei­nen Schwin­del publik. Er ent­larv­te sei­nen Arti­kel als Par­odie, mit der er aller Welt zei­gen woll­te, dass man den post­mo­der­nen Den­kern ein­fach alles unter­ju­beln kön­ne.

In Form die­ses empi­ri­schen ‚Expe­ri­ments‘ glaub­te Sokal damit zwei­fels­frei – und gewis­ser­ma­ßen ganz natur­wis­sen­schaft­lich – nach­ge­wie­sen zu haben, dass es einen „unübersehbare[n] Nie­der­gang der intel­lek­tu­el­len Stan­dards in bestimm­ten Krei­sen der ame­ri­ka­ni­schen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten“ gäbe, der auf die Post­mo­der­ne als Brut­stät­te „sub­jek­ti­vis­ti­schen Den­kens“ zurück­zu­füh­ren sei. Er woll­te „tes­ten“, ob es ihm gelin­gen wür­de, in die­sen Fach­krei­sen einen voll­kom­men unsin­ni­gen Arti­kel zu publi­zie­ren, „falls er (a) gut klingt und (b) den Her­aus­ge­bern bes­tens ins ideo­lo­gi­sche Kon­zept paßt“.

Auch Sokal ging es also nicht nur dar­um, dass er die von ihm ver­tei­dig­ten Kri­te­ri­en der Wis­sen­schaft­lich­keit wie Ratio­na­li­tät und Objek­ti­vi­tät in Gefahr sah; er ver­folg­te mit sei­ner Par­odie eben­falls eine poli­ti­sche Mis­si­on: „Was das Poli­ti­sche betrifft, so rührt mein Ärger daher, daß der meis­te (wenn auch nicht aller) Unsinn die­ser Art von einer selbst­er­nann­ten Lin­ken stammt“, schreibt Sokal in sei­ner Stel­lung­nah­me für Lin­gua Fran­ca – das post­mo­der­ne „Theo­re­ti­sie­ren über die sozia­le Kon­struk­ti­on der Rea­li­tät“ mit dem damit ver­bun­de­nen „epis­te­mi­schen Rela­ti­vis­mus“ sei „Ver­rat an einem wert­vol­len Erbe und unter­gräbt die ohne­hin zer­brech­li­che Basis für eine pro­gres­si­ve Sozi­al­kri­tik.“ Sokal sind die post­mo­der­nen Den­ker also zu wenig links bezie­hungs­wei­se wür­den mit ihrem Den­ken sogar die Anlie­gen der ‚ech­ten‘ Lin­ken unter­gra­ben. Ähn­lich hat­te schon Jean Amé­ry 1976 in sei­nem Arti­kel „Ein neu­er Ver­rat der Intel­lek­tu­el­len“ für DIE ZEIT argu­men­tiert. Nichts Neu­es also, die­ser Stel­lungs­krieg reicht weit zurück.

Sokal und „Schul­te“ argu­men­tie­ren aus einer ähn­li­chen Rich­tung und ver­ste­hen sich als Ver­tre­ter einer im aka­de­mi­schen Raum ins Abseits gedräng­ten tra­di­tio­nel­len und posi­ti­vis­ti­schen Lin­ken, die den Bezug zur poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Pra­xis nicht auf­ge­ge­ben habe. Bei­de treibt eine Panik vor jedem Schreck­ge­spenst der Post­mo­der­ne um, das mit sei­nem viel gefürch­te­ten Rela­ti­vis­mus alle so sorg­fäl­tig gezo­ge­nen Gren­zen zwi­schen ‚links‘ und ‚rechts‘ zu ver­wi­schen dro­he. Im aktu­el­len Fall trifft dies zwar vor­der­grün­dig die Human Ani­mal Stu­dies und die von ihnen kri­ti­sier­te Tren­nung von Mensch und Tier als gesell­schaft­li­che Kon­struk­ti­on. Eigent­lich gemeint ist jedoch die ver­glei­chen­de – und des­halb ver­meint­lich rela­ti­vis­ti­sche – Tota­li­ta­ris­mus­for­schung, die die DDR als einen dik­ta­to­ri­schen Unrechts­staat kenn­zeich­net, und damit offen­bar noch immer die Befind­lich­kei­ten gewis­ser Krei­se ver­letzt. Hin­ter der spie­le­ri­schen Par­odie auf eine neue „aka­de­mi­sche Mode“ ver­birgt sich also ein wesent­lich tief­grei­fen­der und wei­ter zurück­rei­chen­der Kon­flikt.

Woher die Logik die­ses Kon­flikts kommt, hat Bru­no Latour in sei­ner in Le Mon­de ver­öf­fent­lich­ten Replik auf Sokals Scherz-Arti­kel ange­deu­tet, in der er des­sen Angriff als eine „Hexen­jagd auf Anders­den­ken­de à la McCar­thy“ kri­ti­sier­te, um schließ­lich ver­söhn­lich zu bemer­ken: „Der Kal­te Krieg ist been­det. Ver­su­chen wir, ein­an­der nicht zu par­odie­ren.“ Bedenkt man, dass die­ser Skan­dal bereits zwan­zig Jah­re alt ist, erscheint „Chris­tia­ne Schul­tes“ aktu­el­ler Hoax, der nicht nur nach dem glei­chen Mus­ter, son­dern auch mit der glei­chen poli­ti­schen Inten­ti­on eines lin­ken Dog­ma­tis­mus gestrickt ist, bereits heu­te als ein alter Witz. Es ist ein Witz, der aus einer Zeit kommt, in der hin­ter jeder Ecke der poli­ti­sche Geg­ner und hin­ter jedem Argu­ment eine reak­tio­nä­re Ideo­lo­gie ver­mu­tet wur­de. Er stammt aus einer Zeit, in der das intel­lek­tu­el­le Feld obses­siv mit­tels der Koor­di­na­ten ‚links‘ vs. ‚rechts‘ ver­mes­sen wur­de.

Am Ende doch nur Selbstentlarvung

Und auch wenn „Schul­tes“ Gue­ril­la-Tak­tik sich revo­lu­tio­när und sub­ver­siv gibt, so ist sie doch eben­so dog­ma­tisch wie die Kal­te-Kriegs-Logik, der sie auf­sitzt. Letzt­lich haben die ver­meint­lich „kri­ti­schen Wissenschaftler_innen“ mit ihrer Inter­ven­ti­on also viel­leicht weni­ger die aka­de­mi­sche Mode der von ihnen kri­ti­sier­ten Human Ani­mal Stu­dies oder den ver­meint­li­chen Kon­for­mis­mus der Tota­li­ta­ris­mus­for­schung als viel­mehr ihren eige­nen ortho­do­xen Dog­ma­tis­mus ent­larvt. Gezeigt hat sich dabei außer­dem, dass Par­odie und Sati­re wahr­schein­lich kei­ne geeig­ne­ten Instru­men­te der Kri­tik sind, wenn die­se nicht ent­schie­den sub­ver­siv, son­dern vom Stand­punkt einer streng­kon­ser­va­ti­ven Ideo­lo­gie genutzt wer­den. Ich glau­be aber, die (Geschichts-)Wissenschaft kann heu­te, ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges, sol­che Scher­ze gut ertra­gen. Da ihre Poin­te seit Sokal jedoch bereits jeder kennt, darf man sich nicht wun­dern, wenn nur noch müde gelacht wird.

Von Patrick Kilian

Patrick Kilian ist Doktorand an der Universität Zürich und Mitherausgeber des foucaultblog.