Reizwörter

Dass Spra­che weder mime­tisch noch neutral ist, ist allge­mein bekannt. Sie liefert kein Abbild der Wirk­lich­keit, allen­falls model­liert sie diese. Es ist sinn­voll, sich diese Binsen­weis­heit des kommu­ni­ka­ti­ven Handels auch im sprach­li­chen Alltag immer wieder vor Augen zu halten. Vor allem, wenn vermeint­lich Selbst­ver­ständ­li­ches nur en passant erwähnt wird. Wir soll­ten so genau wie möglich lesen, hell­hö­rig sein, Spra­che ernst nehmen. Denn die inter­pre­tie­rende, ja ideo­lo­gie­kri­ti­sche Funk­tion des Verste­hens ist unab­ding­bar bei Äuße­run­gen, die ihre subjektiv-parteiischen Haltun­gen und Prämis­sen ganz bewusst, oft mit entspre­chen­dem rheto­ri­schem Aufwand, verschlei­ern und mit vermeint­li­chen Fakten ‚tunen‘.

Die kogni­tive Lingu­is­tik bezeich­net dieses Phäno­men der sprach­li­chen Mani­pu­la­tion als „Poli­ti­sches Framing“: Meta­phern und Anspie­lun­gen auf andere Kontexte – im natio­na­lis­ti­schen Diskurs beispiels­weise auf das Bild der Fami­lie – trans­por­tie­ren impli­zite Bedeu­tun­gen, provo­zie­ren Emotio­nen und prägen Einstel­lun­gen. Was das genau heißt, zeigt ein aktu­el­les Beispiel: Am 21. Juli war in der NZZ folgen­der Kommen­tar von Feuil­le­ton­chef René Scheu zu lesen: „Am Beispiel der Ehe für alle lässt sich die poli­ti­sche Dyna­mik späte­ga­li­tä­rer Gesell­schaf­ten sehr schön studie­ren.“ Ein auf den ersten Blick harm­lo­ser Satz, der in der Online-Fassung des Arti­kels mit einem weite­ren Beitrag dessel­ben Autors verlinkt ist, in dem – im Anschluss an die umstrit­tene Opfer­theo­rie des fran­zö­si­schen Kompa­ra­tis­ten und Kultur­anthro­po­lo­gen René Girard – die narziss­ti­sche Wehlei­dig­keit unter „Bewohner[n] der egali­tärs­ten Gesell­schaf­ten der Moderne“ beklagt wird.

mani­pu­la­tive Kommunikation

Nun ist das Attri­but „späte­ga­li­tär“ zunächst einmal ein simp­ler Neolo­gis­mus. Der Duden kennt das Wort nicht, die Google-Suchanfrage ergibt keinen einzi­gen Beleg, nicht einmal den zitier­ten NZZ-Artikel. Was genau ist gemeint? Inwie­fern wäre unsere Gesell­schaft als „späte­ga­li­tär“ zu bezeichnen?

„Spät-“: Diese Vorsilbe hat es in sich. Analog zu ande­ren bekann­ten lexi­ka­li­schen Todes­an­zei­gen wie „post­mo­dern“, „post­fe­mi­nis­tisch“, „post­de­mo­kra­tisch“ oder „post­hu­man“ wird hier die Spät­zeit eines sozia­len Phäno­mens oder einer gesell­schaft­li­chen Strö­mung einge­läu­tet und verkün­det. Das der Vorsilbe Folgende – also die Moderne, der Femi­nis­mus, die Demo­kra­tie oder der Mensch – wird für obso­let erklärt. In dem zitier­ten NZZ-Artikel funk­tio­niert die Abschaf­fung des Egali­tä­ren genauso wie es der kali­for­ni­sche Lingu­ist George Lakoff für diese Form der mani­pu­la­ti­ven Kommu­ni­ka­tion als grund­le­gende Stra­te­gie beschreibt, nämlich ganz en passant, das heißt ohne expli­zite gedank­li­che und argu­men­ta­tive Ausein­an­der­set­zung, so als sei das Ende der gesell­schaft­li­chen Egali­tät eine triviale Selbst­ver­ständ­lich­keit und nur noch eine Frage der Zeit.

© Gerard Julien/AFP, Quelle: stern.de

Es gibt seman­tisch harm­lose Verwen­dun­gen der Vorsilbe „spät-“ – etwa in Wörtern wie „Spät­nach­rich­ten“ oder „Spät­schicht“. Doch die impli­zi­ten Verwen­dun­gen mit ihren versteck­ten, unter­schwel­li­gen Botschaf­ten sind mindes­tens genauso häufig. Aus der histo­ri­schen Retro­spek­tive mögen Epochen­be­zeich­nun­gen wie „Spät­an­tike“ oder „Spät­go­tik“ als unpro­ble­ma­tisch erschei­nen, heik­ler als solche retro­spek­ti­ven Epochen­be­zeich­nun­gen sind aller­dings prospek­tive, oft von poli­ti­schem Wunsch­den­ken geprägte Begriffe wie „spät­mo­dern“ oder „spät­ka­pi­ta­lis­tisch“. Denn hier klas­si­fi­ziert nicht etwa die Geschichts­wis­sen­schaft­le­rin aus gebüh­ren­der histo­ri­scher Distanz, sondern der sich als Prophet bzw. Futu­ro­loge gerie­rende Philosoph.

Welche Spreng­kraft das Präfix „spät-“ in der Tages­po­li­tik anneh­men kann, wissen wir spätes­tens seit Guido Wester­wel­les verrä­te­ri­scher Atta­cke gegen den Sozi­al­staat, der – so der dama­lige Partei­vor­sit­zende der deut­schen FDP – Sozial­emp­fän­ger zu „spät­rö­mi­scher Deka­denz“ verführe. Ausge­rech­net Harz IV-Empfänger als Nach­fah­ren jener Caesa­ren zu apostro­phie­ren, die mit ihrer Verschwen­dungs­sucht für den Unter­gang des Römi­schen Reiches verant­wort­lich waren: Auf diese krea­tive Volte demago­gi­scher Verdre­hungs­kunst muss man erst einmal kommen!

Quelle: futur-drei.com

Weni­ger anek­do­tisch als jene neoli­be­rale Fehl­leis­tung aus dem Jahr 2010 ist der klas­si­sche geschichts­phi­lo­so­phi­sche Topos des soge­nann­ten „Spät­ka­pi­ta­lis­mus“. Die von Werner Sombart 1902 analog zu gängi­gen architektur- und kunst­ge­schicht­li­chen Epochen­ein­tei­lun­gen geprägte Glie­de­rung des Kapi­ta­lis­mus in drei Phasen bezeich­net – im gängi­gen marxis­ti­schen Verständ­nis – die kriti­sche Endphase des Kapi­ta­lis­mus, in der dieser seine selbst­zer­stö­re­ri­schen Kräfte zur vollen Entfal­tung bringe.

Was gängige Begriffe wie „spät­ka­pi­ta­lis­tisch“ oder „spät­mo­dern“ aber ganz grund­sätz­lich von einem Neolo­gis­mus wie „späte­ga­li­tär“ unter­schei­det, ist dies: Während zumin­dest hinsicht­lich der Grund­an­nahme, unsere Gesell­schaft sei momen­tan (noch…) kapi­ta­lis­tisch oder (noch…) modern, ein brei­ter Konsens besteht, lässt sich das von ihrem vorgeb­lich „egali­tä­ren“ Charak­ter wohl kaum behaup­ten. Die Bezeich­nung „späte­ga­li­tär“ operiert also gleich mit zwei gedank­li­chen Unter­stel­lun­gen: 1. mit der Annahme, die Epoche der Egali­tät komme an ihr Ende, was nun aller­dings 2. voraus­setzt, dass es eine solche Egali­tät über­haupt je gege­ben habe. Und damit kommen wir zum eigent­li­chen Kern dieser begriff­li­chen Falsch­mün­ze­rei. Die Vorsilbe „spät-“ fungiert hier als rheto­ri­scher Exis­tenz­be­weis: Etwas, das bald zu Ende geht, muss ja wohl einmal exis­tiert haben. Logisch! Das versteht jedes Schulkind.

mit Neolo­gis­men Fakten schaffen

Doch wir alle haben uns an solche und ähnli­che Erschlei­chun­gen in öffent­li­chen Diskur­sen längst gewöhnt. Sie gehö­ren zur poli­ti­schen Pole­mik wie das Feuer zur Lunte. Dass Poli­ti­ker versu­chen, mit Neolo­gis­men Fakten zu schaf­fen, ist nichts Neues. Jeder Medi­en­kon­su­ment kennt das Getöse über „Gleich­ma­che­rei“, „Sozi­al­neid“ und ähnli­che Angriffe auf Grund­prin­zi­pien des Sozi­al­staats. Neu ist, dass ein vormals seriö­ses Feuil­le­ton sich unter dem eifrig geschwenk­ten Banner einer soge­nann­ten „libe­ra­len Streit­kul­tur“ an solch frag­wür­di­gen Rhetorik-Kunststückchen inzwi­schen betei­ligt, mancher­orts sogar an vorders­ter Front. Da werden subjek­tive Befind­lich­kei­ten zu Fakten umge­münzt, Idio­syn­kra­sien zu Theo­rien, „égalité“ verkommt zu „Gleich­ma­che­rei“. Denn wo in unse­rer Gesell­schaft wäre sie de facto denn aufzu­fin­den, jene von den Apos­teln der indi­vi­du­el­len Frei­heit immer wieder als deka­den­ter Popanz beschwo­rene „Egali­tät“, die angeb­lich ihrem natür­li­chen histo­ri­schen Ende entgegengeht?

Quelle: faz.net

Die Gegen­rech­nung ist schnell gemacht, die Ergeb­nisse altbe­kannt: Sie reichen von den skan­da­lö­sen Einkom­mens­un­ter­schie­den zwischen Ange­stell­ten und Mana­gern börsen­no­tier­ter Konzerne, Lohn- und sons­ti­gen Diskri­mi­nie­run­gen von Frauen, Benach­tei­li­gung sozi­al­schwa­cher Fami­lien in exis­ten­zi­el­len Berei­chen wie Wohnung, Bildung und Gesund­heit, über Steu­er­flucht und Steu­er­ver­mei­dung, bis hin zu Details des Kultur­be­triebs, wenn z.B. das Lucerne-Festival seinen klas­si­schen Orches­tern normale bis üppige Gagen bezahlt, während es die Musi­ke­rIn­nen des ange­schlos­se­nen Weltmusik-Festival „In den Stras­sen“ für lau auftre­ten lässt… Man pole­mi­siert gegen Mindest­lohn, Vermö­gens­ab­gabe, Frau­en­quote und „poli­ti­sche Korrekt­heit“, weil solche (späte­ga­li­tä­ren…) Eingriffe in vermeint­lich „freie“ Märkte deren „natür­li­ches“ Gleich­ge­wicht zerstö­ren, während sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Studien klar bele­gen, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich seit Beginn der neoli­be­ra­len Wirt­schafts­po­li­tik zu Beginn der 1980er Jahre drama­tisch vergrö­ßert hat.

Kari­ka­tur von Lothar Riemen­schnei­der, Quelle: themen-der-zeit.de

Der Tendenz des Neoli­be­ra­lis­mus, poli­ti­sche Entschei­dun­gen zu entde­mo­kra­ti­sie­ren und in die Chef­eta­gen der Konzerne zu verle­gen, kommt dabei die tech­nisch und medial gestützte Selbst­aus­beu­tung der Lohn­ab­hän­gi­gen entge­gen, die sich mit zum Teil unfass­bar naiver Begeis­te­rung digi­ta­len Kontroll- und Stan­dar­di­sie­rungs­me­cha­nis­men unter­wer­fen. Die Betrei­ber dieser neuen Form des digi­ta­len Mitmach­ka­pi­ta­lis­mus sträu­ben sich bezeich­nen­der­weise keines­wegs gegen „egali­täre“ Tenden­zen, ganz im Gegen­teil: Man duzt sich und arbei­tet an einer möglichst homo­ge­nen Unter­neh­mens­kul­tur, in der tech­ni­sche und ästhe­ti­sche Normen entwi­ckelt werden, die geeig­net erschei­nen, den globa­len Main­stream zu bestim­men. Mode, Spra­che, Medien, Küche: Wohin man auch schaut, geht es um die möglichst globale Durch­set­zung möglichst einfa­cher Stan­dards, kurz: um Unifor­mi­sie­rung und damit um die Entwer­tung komple­xer, schwer zu regu­lie­ren­der Indi­vi­dua­li­tät. Ange­sichts dieser zuneh­men­den Stan­dar­di­sie­rung erweist sich die Klage über die vermeint­lich egali­tä­ren Exzesse des Sozi­al­staa­tes nun voll­ends als ideo­lo­gi­sches Ablenkungsmanöver.

Gleich­ma­che­rei und soziale Ungleichheit

Denn wer genau hinhört, erkennt das spät­ka­pi­ta­lis­ti­sche (!) Para­dox einer zuneh­men­den kultu­rel­len und psychi­schen Entin­di­vi­dua­li­sie­rung, sprich: Gleich­ma­che­rei, bei wach­sen­der sozia­ler Ungleich­heit. Geht es um eine Recht­fer­ti­gung des Sozi­al­ab­baus, wird emsig das neoli­be­rale Bild des „freien“ Selfmade-Menschen poliert. Geht es aber darum, bestimmte wirt­schaft­li­che und infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Stan­dards durch­zu­set­zen, ist von Frei­heit und Indi­vi­dua­li­tät, Offen­heit und Viel­deu­tig­keit plötz­lich keine Rede mehr. Moderne Konsu­men­ten müssen sich binä­ren Denk- und Kommu­ni­ka­ti­ons­mo­del­len („like“ / „unlike“) anpas­sen, tech­ni­sche, ästhe­ti­sche, körper­li­che und soziale Stan­dards akzep­tie­ren, auf die sie keinen Einfluss mehr haben. Alltäg­li­che Abläufe, bei denen wir unsere seit den 60er und 70er Jahren erkämpfte, komplexe und varia­ti­ons­rei­che Indi­vi­dua­li­tät zuguns­ten einheit­li­cher tech­ni­scher Normen aufge­ben, nehmen seit Jahren zu. Statt wie noch im bürger­li­chen Libe­ra­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts das einzig­ar­tige Indi­vi­duum mit seiner unhin­ter­geh­ba­ren Einma­lig­keit zu zele­brie­ren und ihm dabei ein Maxi­mum an „Selbst­ver­wirk­li­chung“ einzu­räu­men, entwi­ckelt sich seit der Jahr­tau­send­wende eine mit rasan­ter Geschwin­dig­keit fort­schrei­tende – meist durch digi­tale Programme unter­stützte – Stan­dar­di­sie­rung unse­rer gesam­ten Lebenswirklichkeit.

Quelle: entouraaj.com

Doch eine Kritik an solchen Spiel­ar­ten markt­kon­for­mer „Gleich­heit“, an der wach­sen­den Unifor­mi­sie­rung unse­rer Lebens­welt durch Algo­rith­men und Robo­tik, ist mit dem Schlag­wort „späte­ga­li­tär“ frei­lich nicht gemeint. Denn es sind diesel­ben Kreise, die sich einer­seits gegen egali­täre Sozi­al­struk­tu­ren wenden, ande­rer­seits aber beden­ken­los kultu­relle, wirt­schaft­li­che und tech­ni­sche Stan­dards propa­gie­ren und durchsetzen.

Wer glaubt, eine „Dyna­mik späte­ga­li­tä­rer Gesell­schaf­ten“ diagnos­ti­zie­ren zu können, arbei­tet einer Aushöh­lung des utopi­schen Gehalts der Gleich­heit zu, die ja nicht nur eine im enge­ren Sinne poli­ti­sche, sondern auch eine persön­li­che und zwischen­mensch­li­che Bedeu­tung hat. Denn Gleich­heit und Gerech­tig­keit sind nicht nur, wie der klas­si­sche Utili­ta­ris­mus glaubte, ratio­nal durch­dachte, womög­lich vertrag­lich fest­ge­legte gesell­schaft­li­che Spiel­re­geln. Sie entspre­chen darüber hinaus – wie die ameri­ka­ni­sche Philo­so­phin Martha Nuss­baum gezeigt hat – einer emotio­na­len und mora­li­schen Haltung und sind damit letzt­lich auch eine Frage der Persön­lich­keit. Wenn die ideo­lo­gi­schen Frames, die raffi­nierte Jour­na­lis­ten der Wirk­lich­keit über­stül­pen, allzu eng werden, sollte die altmo­di­sche „schöne Seele“ (psychē kalē / ψυχὴ καλή), über die sich bereits Goethe lustig machte, viel­leicht doch ab und zu protes­tie­rend ihre Stimme erhe­ben. Funda­men­tale ethi­sche Kate­go­rien lassen sich nicht mit salop­pen Bemer­kun­gen und noncha­lan­ten Verdik­ten wie „späte­ga­li­tär“ abser­vie­ren. Gleich­heit ist kein aus der Mode gera­te­nes Design.

Eine längere Fassung des Arti­kels befin­det sich auf der Home­page der Verfas­se­rin „Blog Lit & Co“: sabinehaupt.ch/blog-lit-co/

Von Sabine Haupt

Sabine Haupt ist Autorin, Publizistin und Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Fribourg. 2015 erschien ein Erzählband von ihr, 2018 erscheint ein Roman. Homepage: sabinehaupt.ch