Gespräche

Im Som­mer die­ses Jah­res tausch­te ich mich mit Jörg Babe­row­ski via E-Mail aus. Sei­ne The­sen aus meh­re­ren Essays für diver­se Medi­en waren mir in höchs­tem Maße ein­sei­tig und unred­lich erschie­nen. Gera­de des­halb, so mei­ne Hal­tung, ist es jedoch wich­tig, die direk­te Kon­fron­ta­ti­on zu suchen. In unse­rem Mail­ver­kehr ging es unter ande­rem dar­um, dass es in Zei­ten wach­sen­der Pola­ri­sie­rung mehr denn je wich­tig ist, Kon­flikt­par­tei­en jen­seits von hys­te­ri­schen Talk­shows mit­ein­an­der ins Gespräch zu brin­gen, statt die­se immer wei­ter aus­ein­an­der­zu­rü­cken zu las­sen, bis kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on, son­dern nur noch Gewalt mög­lich ist. So, und nur so funk­tio­niert die Demo­kra­tie, auch wenn es kon­train­tui­tiv und schmerz­haft ist. Vor die­sem Hin­ter­grund schlug ich Babe­row­ski vor, ihm mei­ne Kri­tik­punk­te in aus­führ­li­cher Form zu schi­cken und bat ihn, dar­auf schrift­lich zu reagie­ren. Der Aus­tausch soll­te dann an geeig­ne­ter Stel­le ver­öf­fent­licht wer­den. Babe­row­ski wil­lig­te ein und beton­te die Sinn­haf­tig­keit eines sol­chen Aus­tauschs, bei dem nicht nur zu den Bekehr­ten gepre­digt wird. Allein, die Mona­te und meh­re­re Dead­lines ver­stri­chen. Mal waren es gesund­heit­li­che Grün­de, mal Zeit­man­gel. Babe­row­ski beton­te, er wol­le ja eigent­lich, doch am Ende sag­te er das Unter­fan­gen ab. Wir ver­ein­bar­ten, dass ich mei­ne Kom­men­ta­re und Fra­gen online publi­zie­ren und er sich gege­be­nen­falls dazu äußern wer­de.

Wir haben Jörg Babe­row­ski ange­bo­ten, sei­ne Ant­wor­ten auf die­ser Platt­form zu publi­zie­ren; er wird dies in den kom­men­den Wochen tun (Red.).

I.

In einem Essay für die NZZ schrei­ben Sie, der Natio­nal­staat sei unab­ding­bar für Schutz- und Wohl­fahrts­funk­tio­nen. Dies ist zunächst ein­mal eine blo­ße Behaup­tung. Ihr zugrun­de liegt die Prä­mis­se: Weil es so war, muss es so sein und so blei­ben. Wie­so aber soll­te ein Schutz- und Wohl­fahrts­sys­tem, das Natio­nal­gren­zen über­schrei­tet, nicht mög­lich sein? Stel­len wir uns einen Men­schen vor, der vor der “Erfin­dung der Nati­on” (Bene­dict Ander­son) leb­te. Ähn­lich wie man­che Deut­sche heu­te sagen: “War­um soll ich für die Grie­chen zah­len!” hät­te er sagen kön­nen: “Für mich als Mann­hei­mer gibt es kei­nen Grund, mit die­sen Faul­pel­zen in Bre­men soli­da­risch zu sein! Und war­um soll­te ich einen Finanz­aus­gleich für die in Erfurt zah­len? Was haben die aus Ber­lin in poli­ti­schen oder recht­li­chen Fra­gen bei uns mit­zu­ent­schei­den?” Ein Bür­ger des anti­ken Athens wie­der­um hät­te ein weit ver­streut leben­des demo­kra­ti­sches Kol­lek­tiv mit 80 Mil­lio­nen Mit­glie­dern, in dem sogar Frau­en mit­be­stim­men dür­fen – vul­go: Deutsch­land – wohl als absurd emp­fun­den. Sprich, der Natio­nal­staat als “ima­gi­nier­te Gemein­schaft” (Ander­son) ist bereits ein – para­do­xer – Schritt in Rich­tung Glo­ba­li­sie­rung, da er loka­le, tri­ba­lis­ti­sche Gemein­schaf­ten tran­szen­diert und zugleich dynas­ti­sche, von Geburts­lot­te­rie­ge­winn­lern geführ­te Regime ablöst. Müss­te man nicht an die­se Dyna­mik anknüp­fen und den Natio­nal­staat wei­ter, nicht enger den­ken?

II.

Ähn­lich wie Poli­ti­ker der AfD bli­cken Sie weh­mü­tig auf die jün­ge­re Ver­gan­gen­heit Deutsch­lands zurück: “Die Her­zen der Milieus und ihrer Par­tei­en schlu­gen noch im glei­chen Rhyth­mus.” War das wirk­lich der Fall oder ist die­ses buko­li­sche Bild nicht viel­mehr eine Über­re­ak­ti­on auf die gegen­wär­ti­ge tur­bu­len­te Umbruchs- und Über­gangs­zeit? Die Nach­kriegs­ära war doch auch gekenn­zeich­net von mas­si­ven sozia­len Umbrü­chen, von der 68er-Bewe­gung, von der außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on, von Gra­ben­kämp­fen inner­halb der Par­tei­en – man den­ke an Hel­mut Schmidt vs. Erhard Epp­ler in der SPD –, vom dis­rup­ti­ven kul­tu­rel­len Ein­fluss der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka auf Euro­pa, usw. Ver­klä­ren Sie nicht die ver­meint­lich “gute alte Zeit”, anstatt die Poten­tia­le der Gegen­wart zu stär­ken? Man kann ja einer­seits, wie es die kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik seit jeher tut, Ato­mi­sie­rung durch Indi­vi­dua­li­sie­rung bekla­gen. Man kann aber auch, wie es etwa der Sozio­lo­ge Chris­toph Kucklick tut, fest­stel­len, dass mit einer höhe­ren Anzahl von Par­ti­keln die Anzahl mög­li­cher Ver­bin­dun­gen und Schnitt­stel­len steigt. Und tat­säch­lich sind doch aller­or­ten neue Ver­bän­de, Gemein­schaf­ten, Kol­lek­ti­ve, Kor­po­ra­tio­nen, Orga­ni­sa­tio­nen und Par­tei­en in Ent­ste­hung begrif­fen – wie in allen Über­gangs­zei­ten, die nicht zuletzt von neu­en Tech­no­lo­gi­en getrig­gert wer­den, wirkt die­ser Pro­zess zwar chao­tisch und weckt Ängs­te, wird jedoch zu Kon­so­li­die­run­gen und Kon­zen­tra­tio­nen för­dern. Wäre es da nicht bes­ser, aktiv neue Schnitt­stel­len zu gene­rie­ren oder die ent­ste­hen­den zu för­dern anstatt nost­al­gisch die Seg­nun­gen der Ver­gan­gen­heit zu beschwö­ren?

III.

Ihrer Ansicht nach ist das “Iden­ti­täts­ge­re­de” schuld am Ver­fall der Bür­ger­ge­sell­schaft. Die­se Sicht erscheint mir stark ver­kürzt. Ich ste­he Iden­ti­ty Poli­tics eben­falls skep­tisch gegen­über, weil sie mir die Wider­sprü­che, ja den Irr­sinn des Iden­ti­täts­kon­zepts zu ver­viel­fäl­ti­gen, anstatt zu redu­zie­ren schei­nen und zudem – unfrei­wil­lig – Was­ser auf die Müh­len der Neu­en Rech­ten ist (Stich­wort: Eth­nop­lu­ra­lis­mus). Doch es kön­nen kaum Zwei­fel dar­an bestehen, dass sehr viel gewich­ti­ge­re Ent­wick­lun­gen die Ero­si­on des Bür­ger­tums aus­ge­löst haben – Ent­wick­lun­gen, die para­do­xer­wei­se vom Bür­ger­tum selbst ihren Aus­gang nah­men, ins­be­son­de­re Kapi­ta­lis­mus, Glo­ba­li­sie­rung, Digi­ta­li­sie­rung. Das poten­ti­ell unend­li­che Wachs­tum, dem die west­li­chen Gesell­schaf­ten anhän­gen, führt impli­zit zu deren Hybri­di­sie­rung und Dif­fu­si­on. Ohne die Kolo­na­li­sie­rung hät­te es die Glo­ba­li­sie­rung in heu­ti­ger Form nicht gege­ben und auch kei­ne ver­gleich­ba­re Selbstexo­ti­sie­rung des Wes­tens. Die Digi­ta­li­sie­rung wie­der­um för­dert die Gene­se der “gra­nu­la­ren Gesell­schaft” (Kucklick) unter markt­wirt­schaft­li­chen Vor­zei­chen: je indi­vi­du­el­ler die Kun­den, des­to viel­fäl­ti­ger die Pro­dukt­pa­let­ten und die Ver­mark­tungs­mög­lich­kei­ten. Ist die Bür­ger­ge­sell­schaft also nicht eher ein Opfer jener öko­no­mi­schen Geis­ter, wel­che sie selbst rief, als irgend­wel­cher links­pro­gres­si­ver Uni­ver­si­täts­se­mi­na­re?

IV.

Als Public Intel­lec­tu­al wun­dern Sie sich mit­un­ter, dass Kri­ti­ker Ihre Aus­sa­gen nicht im Zusam­men­hang Ihres Gesamt­wer­kes sehen. Dies vor­aus­zu­set­zen ist jedoch ein from­mer Wunsch, wie ich selbst schon schmerz­lich fest­stel­len muss­te. Wer sich in Mas­sen­me­di­en zu Wort mel­det, muss damit rech­nen, dass die Lese­rIn­nen nicht mit dem wis­sen­schaft­li­chen oder welt­an­schau­li­chen Kon­text ver­traut sind, in dem die Aus­sa­gen ent­stan­den sind. Umso bedach­ter soll­te sich äußern, wer Miss­ver­ständ­nis­se ver­mei­den will. In die­sem Zusam­men­hang emp­fin­de ich Ihre Inter­ven­tio­nen als wider­sprüch­lich. Einer­seits for­mu­lie­ren Sie scharf, spit­zen Sie zu, pro­vo­zie­ren Sie, ver­wen­den Sie Kol­lek­tiv­sin­gu­la­re wie “die Lin­ke”, argu­men­tie­ren Sie häu­fig welt­an­schau­lich-selek­tiv, nicht wis­sen­schaft­lich-inter­sub­jek­tiv. Fal­len die Gegen­re­ak­tio­nen jedoch ähn­lich zuge­spitzt und kon­fron­ta­tiv aus, reagie­ren Sie ver­letzt, füh­len Sie sich miss­ver­stan­den. Pole­misch gefragt: Muss ein Boxer im Ein­ste­cken nicht eben­so ver­siert sein wie im Aus­tei­len?

V.

Ein Mit­ar­bei­ter der Eid­ge­nös­si­schen-Tech­ni­schen Hoch­schu­le Zürich schrieb kürz­lich auf sei­nem Blog: “Bei Jörg Babe­row­ski ver­schmel­zen die Rol­len, es ver­schmel­zen die ver­schie­de­nen Hüte (Der Ost­eu­ro­pa-Pro­fes­sor, Der Feuil­le­ton-Pro­fes­sor bzw. -Kom­men­ta­tor, der besorg­te Bür­ger, der gepei­nig­te Pri­vat­mann) – und damit die Ver­letz­bar­kei­ten – in ein und dem­sel­ben Men­schen, in ein und der­sel­ben per­so­na­len Iden­ti­tät. […] Macht der Hin­weis dar­auf, dass Babe­row­ski … ein in sei­nem Fach aner­kann­ter Pro­fes­sor sei, Kri­tik an in irgend­ei­ner sei­ner ande­ren Rol­len gemach­ten Aus­sa­gen hin­fäl­lig?” Was wür­den Sie hier­auf erwi­dern?

VI.

Wenn ich mir die Kurz­nach­rich­ten auf Ihrem Twit­ter-Kanal anse­he, erschre­cke ich. Da fin­de ich nichts als selek­ti­ve Wahr­neh­mung und ideo­lo­gi­sche Ver­zer­rung. Was links steht, unter­zie­hen Sie einer har­ten, teils auch tref­fen­den Kri­tik; nicht aber das, was rechts steht. Man liest viel von Ihnen zum schwar­zen Block und zur Dop­pel­mo­ral der Lin­ken, aber erstaun­lich wenig etwa zur Het­ze eines Donald Trump oder zu Angrif­fen gegen Libe­ra­lis­mus und Gewal­ten­tei­lung durch Natio­nal­kon­ser­va­ti­ve in Ost(mittel)europa. Wenn Sie – pau­schal – eine man­geln­de Inte­gra­ti­ons­be­reit­schaft oder -fähig­keit von Flücht­lin­gen bekla­gen, so trifft die unter­stell­te Ableh­nung von Demo­kra­tie, Rechts­staat­lich­keit, Bür­ger­sinn, Libe­ra­lis­mus, etc. eben­so für Neo­na­zis, Reichs­bür­ger oder Tei­le der AfD zu. Dazu schwei­gen Sie jedoch. Stel­len Sie hier nicht Ihre per­sön­li­che Ver­letzt­heit – und ich kann Ihre Empö­rung über Ihre Kri­ti­ker aus der Stein­zeit-Lin­ken im Grun­de gut nach­voll­zie­hen – über die Dring­lich­keit, gegen Pola­ri­sie­rung, Eska­la­ti­on, Ideo­lo­gie und anti­de­mo­kra­ti­schen oder -libe­ra­len Hal­tun­gen im All­ge­mei­nen vor­zu­ge­hen? Machen Sie sich nicht der Gesin­nungs­ethik ver­däch­tig, da Sie offen­bar mit zwei­er­lei Maß mes­sen? Tun Sie nicht das, was Sie (‘der’) Lin­ken vor­wer­fen, sich näm­lich zum “Gefan­ge­nen eines Stam­mes” zu machen? Was dia­lek­tisch gemeint sein mag, also als Gegen­ge­wicht zu einer – mut­maß­li­chen – Dis­kurs­he­ge­mo­nie der Lin­ken, ent­wi­ckelt eine gänz­lich undia­lek­ti­sche Eigen­dy­na­mik, die sich letzt­lich Ihrer Kon­trol­le ent­zieht. Bräuch­ten wir nicht ein öffent­li­ches Enga­ge­ment von Intel­lek­tu­el­len und Wis­sen­schaft­lern, das nüch­ter­ner, dif­fe­ren­zier­ter, unpar­tei­ischer und gera­de des­halb über­zeu­gen­der ist?

VII.

Als beson­ders befremd­lich emp­fin­de ich es, dass eini­ge Ihrer Dia­gno­sen sowohl tref­fend als auch abwe­gig sind, was eine Kern­stra­te­gie des Popu­lis­mus dar­stellt: An der Vor­der­tü­re ratio­na­le, auch für Gemä­ßig­te nach­voll­zieh­ba­re For­de­run­gen stel­len, wäh­rend man die Hin­ter­tü­re für Irra­tio­na­les, Myst­ago­gi­sches und Dem­ago­gi­sches öff­net. Dar­in exzel­liert der­zeit etwa die PiS in Polen. Ein Bei­spiel aus Ihrem erwähn­ten NZZ-Essay: “Die Glo­ba­li­sie­rung hat den Gebil­de­ten und Wohl­ha­ben­den neue Per­spek­ti­ven eröff­net, den Armen aber wenig gege­ben. Die einen kön­nen auf den Natio­nal­staat ver­zich­ten, weil sie den Fol­gen des Wan­dels aus­wei­chen kön­nen, die ande­ren indes­sen haben kei­ne Wahl, weil sie am Ort blei­ben und die Kon­se­quen­zen poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen tra­gen müs­sen.” Natür­lich ist Ihnen als Wis­sen­schaft­ler bekannt, dass die (abso­lu­te) Armut und die Ungleich­heit im glo­ba­len Maß­stab abneh­men (über kul­tu­rel­le Armut und Ungleich­heit lie­ße sich dis­ku­tie­ren). Inner­halb ein­zel­ner Län­der, dar­un­ter Deutsch­land, neh­men sie jedoch zu. Von einem Wis­sen­schaft­ler wür­de ich mir sol­che Dif­fe­ren­zie­run­gen erwar­ten. Was Sie offen­bar eigent­lich sagen wol­len ist dies: “Dass die Ungleich­heit in der Welt abnimmt, das inter­es­siert mich nicht. Dass sie in Deutsch­land zunimmt, das inter­es­siert mich.” Trei­ben Sie da nicht den Beel­ze­bub des Glo­ba­lis­mus mit dem Teu­fel des Natio­na­lis­mus aus? Die Fähr­nis­se der Glo­ba­li­sie­rung sind, aus mei­ner Sicht, kein Grund dafür aus­zu­blen­den, dass die Geschich­te von Natio­nal­staat und Natio­na­lis­mus mit kör­per­li­cher und dis­kur­si­ver Gewalt, irra­tio­na­ler Über­hö­hung und genau dem “Iden­ti­täts­ge­re­de”, das Sie kri­ti­sie­ren, ver­bun­den ist. Oder anders gefragt: War­um soll­te man die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit wie­der­ho­len, um die Pro­ble­me der Gegen­wart zu lösen?

Von Jörg Scheller

Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist, Musiker und Bodybuilder in Teilzeit. Er leitet den Bereich Theorie im Bachelor Kunst & Medien an der Zürcher Hochschule der Künste. Nebenbei ist er Sänger und Bassist des Metal-Duos Malmzeit.